Judasfeuer

Termin

Kartage, meist Karsamstag

Bezeichnungen

In der Region Lechrain findet sich die Bezeichnung „Jaudusfeuer“ oder „Jaudus“ (vgl. Brauchwiki-Artikel Jaudusfeuer, Jaudusfeuer in Ottmaring).

Im Landkreis Freising wird es „Ostermobrenna“ (Ostermannbrennen) bezeichnet.

In Bad Königshofen im Grabfeld (Unterfranken) erhielt das Judasfeuer vor 1968 die Bezeichnung „Feuerweihe“.

Verbreitet ist auch die verkürzte Form „Judas“ statt Judasfeuer.

Gelegentlich wird es auch schlicht als „Osterfeuer“ bezeichnet, obwohl es vom liturgischen Osterfeuer streng zu scheiden ist.

Im 19. Jahrhundert wurden Judasfeuer häufig „ewiger Jude“, „alter Jude“, „wandernder Jude“, „roter Jude“, „der Judd“ oder „de Jud verbrenne“ genannt – Bezeichnungen, denen die antijüdische Schlagseite der Judasfigur bereits innewohnt.

(vgl. RIAS, insb. S. 8f., 11, 36, 40)

Geografische Verbreitung

Der Brauch wird in Polen, Griechenland, Spanien, Lateinamerika (z.B. Chile) und auch in Deutschland geübt, dort mit besonderem Schwerpunkt in Bayern.

Judasfeuer gibt es insbesondere in der Region zwischen Donauwörth, Ingolstadt, Augsburg, Landsberg am Lech und München. Ein weiteres Kerngebiet stellt Unterfranken, in den Landkreisen Haßberge, Würzburg, Main-Spessart, Miltenberg, Kitzingen und Schweinfurt, dar.

(vgl. RIAS, insb. S. 8, 36)

Brauchablauf

An den Kartagen, meist am Karsamstag, wird in den benannten Gegenden ein Osterfeuer entzündet, das Judasfeuer. Dafür werden große Haufen Holz aufgeschichtet und bei Sonnenuntergang angezündet.

Teils werden darauf Puppen mit oder ohne jüdisch-stereotype Merkmale verbrannt. Von der Verbrennung einer Puppe ist erstmals 1893 die Rede, zuvor handelte es sich um mit Stroh umwickelte Kreuze. Puppen im heutigen Sinne und aus Altkleidern scheinen sich erst in der jüngeren Vergangenheit durchgesetzt zu haben (erstmals 1980 belegt in Aichach-Friedberg).

Die Verbrennung des Judas dient der symbolischen Bestrafung des Judas Iskariot für seinen Verrat an Jesus Christus.

Es handelt sich um einen christlichen, weltlichen (laikalen) Brauch, der nicht mit dem liturgischen Osterfeuer zu verwechseln ist.

(vgl. RIAS, insb. S. 6, 8, 40)

Brauchträgerinnen und Brauchträger

Die Judasfeuer werden meist von christlichen Laiinnen und Laien, häufig (männlichen) Jugendlichen, in Vereinen oder Burschenschaften organisiert. In Unterfranken werden sie von der örtlichen Pfarrei oder Ministrantinnen und Ministranten ausgeführt.

(vgl. RIAS, S. 8f.)

Lokale Varianten

In Ebenhausen bei Bad Kissingen geht der Judasverbrennung eine sogenannte „Judasjagd“ voraus, bei der ein Jugendlicher als Judas durch den Ort gejagt wird.

Für die Landkreise Cham und Neustadt an der Waldnaab (Oberpfalz) ist das „Kreizl stecken“ oder „Steckerl brennen“ nachgewiesen. Hierbei wird ein Holzklotz, Judas genannt, im liturgischen Osterfeuer angekohlt und in einzelne Teile gespalten, die zu einem Kreuz angeordnet werden und anschließend in einen Acker gesteckt werden.

(vgl. RIAS, S. 9f.)

Geschichte

Der historische Ursprung des Judasfeuers ist unzureichend erforscht.

Möglicherweise ist das Judasfeuer aus dem weltlichen Osterfeuer und dem historischen Brauch der Pumpermette, einer ritualisierten Beschimpfung und symbolischen Vertreibung des Judas,  entstanden.

Der früheste Beleg für das Judasfeuer findet sich 1651 im unterfränkischen Eibelstadt. Im 18. Jahrhundert ist es in Oberbayern belegt, beispielsweise 1712 in Weilheim und 1724 in Prittriching.

Die Judasfeuer wurden 1749 im Zuge der Aufklärung wegen Aberglaubens in Bayern verboten.

Tatsächlich scheinen sie im Laufe des 19. Jahrhunderts weitestgehend verschwunden zu sein und wurden erst in den 1890er Jahren wieder belebt, so dass auch in Kerngebieten nicht von einer bruchlosen Tradition bis in das 18. Jahrhundert zurück gesprochen werden kann.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der „heidnische“ Ursprung der Judasfeuer forciert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Brauch beispielsweise im Landkreis Aichach-Friedberg weiter geübt (seit 1950 bis heute durchgehend belegt). Grundsätzlich ist heute eine deutliche Abnahme in der Häufigkeit der Brauchausübung zu verzeichnen (für den Landkreis Aichach-Friedberg 73 belegte Judasfeuer (2000), dann 50 (2011) und schließlich 23 (2019), vgl. RIAS, S. 8).

(vgl. RIAS, S. 23ff.)

Aspekte des Antisemitismus

Im April 2020 veröffentlichte die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS) einen ausführlichen Bericht über die Judasfeuer, der diesem Artikel zugrunde liegt.

Darin wird das Judasfeuer als christlich-laikaler Brauch mit antisemitischer Tradition beschrieben: „Entscheidend für die antisemitische Wirkung der Judasfigur ist das Motiv des Verrats, das von Judas auf Jüdinnen und Juden in ihrer Gesamtheit übertragen wird.“ (RIAS, S. 18)

Vor dem Hintergrund öffentlicher Judenverbrennungen in der Geschichte offenbart das Judasfeuer einen weiteren unsensiblen Umgang mit Antisemitismus (RIAS, S. 21), auch wenn dieser den meisten Brauchträgerinnen und Brauchträgern nicht mehr bewusst sein dürfte.

In Prucknik (Polen) wurde am Karfreitag 2019 jedoch eine stereotyp jüdisch gestaltete Strohpuppe durch die Straßen geschleift, gehängt, geköpft und anschließend verbrannt (RIAS, S. 6). Der Vorfall erregte internationales Aufsehen.

Literatur

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Hg.): Das Judasfeuer – Ein antisemitischer Osterbrauch in Bayern. München 2020.

Judasfeuer
Gernach, 1970er/80er Jahre; Bildautor: Hans Driesel
Gernach, 1970er/80er Jahre, Bildautor: Hans Driesel