Bühne des Bürgerspiels.
Das Wasserburger Bürgerspiel findet in unregelmäßigen Abständen statt, zuletzt vom 15.07. bis zum 31.07.2024.
Einstiegsinformation
Ungefähr alle sieben Jahre rücken die Bewohner der Stadt und des Altlandkreises Wasserburg am Inn noch etwas enger zusammen als üblich. Mit vereinten und ehrenamtlichen Händen (ungefähr 800 Mitwirkende) organisieren und veranstalten die Bürger für Einheimische und „Zuagroaste“ das Wasserburger Bürgerspiel vor ausgewählten, malerischen Kulissen der Wasserburger Altstadt. Initiator des Spektakels ist der Theaterkreis Wasserburg e.V., der das beliebte Freilichtschauspiel mit der tatkräftigen Unterstützung unzähliger und freiwilliger Helfer sowie durch diverse Spenden und Sponsorenbeiträge der örtlichen Firmen und Unternehmen bewerkstelligt.
Ablauf
Der Urheber
Verfasst wurde das ursprüngliche Bühnenstück des Bürgerspiels von Eugen Ortner, einem in Landshut aufgewachsenen Schriftsteller, der sich auch eine geraume Zeit als Lehrer versuchte. Der Literat wurde am 26. November 1890 nahe Nürnberg geboren und starb am 19. März 1947 an einer Lungenentzündung in Traunstein. Den größten Teil seines Lebens verbrachte der Dramatiker an verschiedenen Orten rund um den Chiemsee. Die Stadtherren von Wasserburg beauftragten den gebürtigen Mittelfranken 1937 anlässlich der bevor stehenden 800-Jahr-Feier zu einer Hommage an das Stadtbild, welche den liebenswerten Charme und die Atmosphäre der kleinen Stadt widerspiegeln sollte. (Vgl. Theaterkreis Wasserburg e. V., Die Festschrift, 2009, S. 15ff)
Die Rahmengeschichte
Feuershow bei der Aufführung.
Die Kerngeschichte baut sich um den reichen Wasserburger Handelsherrn Jörg Gumpelzhaimer im Jahre 1515 auf, der historisch belegt ist. Im Bühnenstück heißt der Handelsherr Jakob Gumpelzhaimer und ist mit vielen menschlichen Schwächen und schlechtem Charakter ausgestattet. Der Handelsmann legt in Wasserburg an und sucht Zuflucht für sich, seine Frau Elisabeth, seine schöne Tochter Irmingard und seinen Bediensteten Sebastian. In der Stadt wird gegenwärtig der Schmälzlwirtin Regina vom Bürgermeister Fröschl und dem Abt von Attel (Stadtpfarrer von Wasserburg) der Prozess gemacht, denn sie wurde des Panschens des Weines überführt. Der Gumpelzhaimer wird vom welschen Handelsherrn Bosco verfolgt, der von seinem Hauptmann Cardoso begleitet wird. Die Italiener wollen Rache an Gumpelzhaimer, denn dieser hat den welschen Handelsherrn hinterlistig betrogen. Doch auch angesichts seiner misslichen Lage wendet sich die eigennützige und egoistische Einstellung Gumpelzhaimers vorerst nicht. Er intrigiert zum eigenen Vorteil weiterhin das Stadtleben in Wasserburg. Dabei versucht er, sich aus dem Betrug zu winden und Don Bosco zu beschwichtigen. Doch droht die Situation zu eskalieren und Gumpelzhaimer beschwört sogar einen Krieg herauf, der nur von Prinz Wilhelm geschlichtet werden kann. Begleitet wird das Geschehen vom Erzähler Herold und dem Salzscheiben Toni, einem Fuhrmann, der durch seine Pendelei zwischen den Salzlagern die Nachrichten und seine Beobachtungen der durchstreifenden Städte verbreitet und die Bürger auf dem Laufenden hält, ob sie wollen oder nicht.
Die Aufführungen
1938
Die originale Version von 1938 des Freilichtspiels war sehr traditionell und altertümlich gehalten. Auch sprachlich wirkte das Bühnenstück eher trocken und unbelebt. Im Fokus standen das besondere Stadtbild und die damit einhergehende Schönheit von Wasserburg. Die Rahmengeschichte galt eher als zweitrangig. Der Aufführungsort beschränkte sich auf den Platz vor dem Rathaus, den Marienplatz. Inhaltlich als auch umsetzungstechnisch war diese Inszenierung vom nationalsozialistischen Regime eingeengt. Dennoch versuchte Eugen Ortner, der Spielleiter, seine künstlerische Freiheit auszuleben.
1949
Nach dem Krieg erfolgte die zweite Aufführung des Theaterstückes. 1949 machte sich neuer Optimismus in der Stadt breit und die Motivation zu neuem Tatendrang war groß. Das damalige Bürgerspiel war mit einem Heimatfest verbunden, welches den Grundstein für das jährliche Frühlingsfest in Wasserburg legte. Die Traditionsbewusstheit des Stückes wurde aufrechterhalten, doch verlagerte sich der Schwerpunkt vom Lobpreis des Stadtbildes und der Stadtkultur auf die schauspielerische und inhaltliche Akzentuierung. Mit dieser Fassung des Wasserburger Bürgerspiels sollte gut unterhalten und ausgelassen gefeiert werden.
1988
Anlässlich der 850-Jahr-Feier wurde unter der Federführung von Hans Klinger, einem Mitglied des Verbands für Heimatpflege, das Bühnenstück erneut aufgeführt. Dabei wurde die Inszenierung neu aufgelegt und an die Kulisse des historischen Rathaussaals angepasst. Dazu wurden auch langatmige Dialoge durch quirlige Monologe ersetzt, womit das Schauspiel lebendiger, mitreißender und unterhaltsamer wurde. Zudem wurden auch neue Charaktere geschaffen: Zum einen den weißhaarigen Geist, der das Schauspiel vom Rathausbalkon aus beobachtete und kommentierte, zum anderen die Gaukler, die etwas Leben in das Bühnenspiel brachten. Dennoch verkürzte sich insgesamt die Darbietung. Da die Aufführungen im April und September stattfanden, entschlossen sich die Veranstalter, die Umsetzung in das Rathaus zu verlagern, um den Witterungsbedingungen und schlechten Lichtverhältnissen auszuweichen.
2000Darsteller bei der Aufführung.
Die Aufführungen von 2000 übertrafen alle bis dahin dagewesenen Freilicht-Inszenierungen des Wasserburger Bürgerspiels. Hierfür mussten über Monate unzählige Kostüme geschneidert werden. Diese Gewänder wurden anschließend in den umfangreichen Fundus des Theaterkreises Wasserburg e. V. aufgenommen, um 2009 wieder Verwendung zu finden. Christian Huber übernahm die Spielleitung. Das Bürgerspiel vereinnahmte damals die gesamte Altstadt, sodass Bühnen am Inndamm/Gries, in der Hofstatt, in der Herrengasse und am Marienplatz errichtet wurden. Somit zogen sowohl alle Darsteller samt Regisseur, Techniker und den helfenden Händen als auch das Publikum während der Darbietung von Schauplatz zu Schauplatz. Dadurch konnten die Zuschauer den besonderen Flair der abendlichen, mittelalterlichen Stadt erleben. Zudem wurden wieder neue Charaktere eingefügt. Die Schiffsleute, die zuvor nur erwähnt worden waren, bekamen feste Rollen und wurden szenisch umgesetzt. Auch die Stadtknechte, Musikanten und die Reiter wurden dem Stück hinzugefügt. Erstmalig wurde am Gries ein mittelalterliches Lagerleben eingerichtet. Ausgestattet mit Schenken und Grill- und Handwerkerplätzen ermöglichte es den Gästen, aber auch den Stadtbewohnern, in das mittelalterliche Leben einzutauchen und sich in das historische Getümmel zu stürzen.
2009Darsteller bei der Aufführung.
2009 ließt es sich Christian Huber nicht nehmen, die Spielleitung erneut in Angriff zu nehmen und schrieb dazu das Bühnenspiel nochmals um. Zwar wurde das Bürgerspiel von vier Schauplätzen auf drei Schauplätze verringert, dafür gewann es an inhaltlicher Größe. Mit der übergestellten Metapher „Hochmut kommt vor dem Fall“ wurden die festen Charaktere feiner herausgearbeitet und es wurde eine neue Kunstfigur mit schwerwiegender Rolle hinzugefügt: Conscentia - das Gewissen der Männer und ganz besonders des überheblichen, gierigen und geizigen Jakob Gumpelzhaimers. Ebenso fanden die Fanfaren, die Trommler und Pfeifer, die Böllerschützen, die Bergleute, die Stadtbevölkerung sowie die Bürgerstöchter, die schlecht Gesinnte in ihren Bann zogen, ihren Platz in der Neufassung des Bürgerspiels. Dabei wurde auch nicht auf die im Jahr 2000 hinzugefügten Charaktere der Schiffsleute, der Reiter und der Stadtknechte verzichtet. All diese Gruppen werden von Vereinen der Stadt und des Altlandkreises Wasserburg gespielt. So stellen z. B. die Stadtgarde die Fanfahren, der Schützenverein die Böllerschützen und die Stadtkapelle die Trommler, Pfeifer und Musiker dar. Die Schiffsleute, Bergleute und Stadtknechte werden von alteingesessenen Wasserburger Herren repräsentiert und sind im Jahresverlauf an mehreren Veranstaltungen beteiligt. Gruppierungen wie die Bürgerstöchter oder das Stadtvolk werden neu zusammengewürfelt.
Die besondere Kunst beim Wasserburger Bürgerspiel liegt nicht nur darin, ausreichend finanzielle Mittel zu beschaffen, die organisatorischen Vorarbeiten zu bewältigen und die schauspielerischen Überlegungen zu treffen, sondern die vielen verschiedenen ehrenamtlichen und umfangreichen Vertretergruppen zu einem großen Schauspiel zusammenzufügen, sodass eine reibungslose Inszenierung erfolgen kann. Diese herausfordernde Aufgabe ist 2009 den Initiatoren sehr gut gelungen und verschaffte dem Theaterkreis Wasserburg e. V. den Kultursonderpreis 2009 des Landkreis Rosenheim.
Das Lagerleben
Das Lagerleben beim Bürgerspiel.
Das Lagerleben erlebte im Jahr 2000 seine Premiere und durfte nach dem damals großen Andrang 2009 nicht fehlen. Hierfür baute der Theaterkreis Wasserburg e. V. eigens Holzhütten und stellte mittelalterlich anmutende Zelte auf. Somit konnten Darsteller und Besucher in gemütliche Schenken einkehren. Dort wurde sogar speziell gebrautes Bürgerspiel-Bier ausgeschenkt und Gegrilltes serviert. Hier wurden auch die Darsteller verkostet. In die verschiedenen Holzhütten zogen mittelalterliche Handelszweige ein, die von regionalen Vertretern organisiert und umgesetzt wurden. Somit konnte man mit den Apothekern leckere Fruchtgummi gießen oder mit den Bäckern Schmalzgebäck braten. Ebenso konnte man den Schuster beim Arbeiten unterstützen und beim Schmid sein eigenes Messer schmieden. Es war auch möglich, Jäger und Falkner bei der Arbeit mit ihren Tieren zu beobachten oder sich in der Stoffdruckerei zu versuchen.
Die Besonderheit des Bürgerspiels
Die Wasserburger und ihr Bürgerspiel - sie hängen daran. Daher macht es auch nichts, dass das Traditionsstück nicht tatsächlich alle zehn Jahre aufgeführt wird, wie es 2000 angedacht wurde.
Falkner im Lagerleben.
Schon 1937 wurde es um ein Jahr wegen der Maul- und Klauenseuche verschoben. 1948 verzögerte sich die Aufführung aufgrund des Endes des zweiten Weltkriegs und der Skepsis der amerikanischen Besatzung ebenfalls um ein Jahr. Vierzig Jahre später kam es zu einer weiteren Verzögerung. 1987/88 wurde die Umgehungsstraße von Wasserburg ausgebaut. Dies verursachte ein enormes Verkehrsaufkommen in der Stadt. Um die Situation in der Altstadt nicht weiter zu verschärfen, beschlossen die Stadtväter und die Organisatoren des Heimatverbands, das Spiel um ein Jahr zu verschieben. 2009 wurde das Wasserburger Bürgerspiel aufgrund der Landesgartenschau in Rosenheim um ein Jahr vorverlegt. Für diesen Anlass hat sich die Landesgartenschau GmbH an den Requisiten des Theaterkreis Wasserburg e. V. bedient und sich Innplätten (Schiffe) ausgeliehen.
Der große Besucherandrang zu allen Aufführungen (auch an nassen Tagen), die intensive Zusammenarbeit, die engen zwischenmenschlichen Banden, die entstehen und der große Spaß vor, während und nach den Inszenierungen sind die treibenden Kräfte der Organisatoren des Theaterkreises Wasserburg e. V., auch die künftigen Freilichtspiele in Angriff zu nehmen.
Literatur
Theaterkreis Wasserburg e. V. (Hrsg.): Die Festschrift. Bürgerspiel 2009. Festschrift. 2009.
DVD: Theaterkreis Wasserburg e. V. (Hrsg.); Wasserburger Bürgerspiel 2009; 14. Juni bis 9. August.