Thanksgiving in München

Termin

Gedeckter Tisch beim Thanksgiving.

Dieser Brauch findet am 28. November 2024 statt. Er wird jedes Jahr am vierten Donnerstag im November statt, also immer zwischen dem 22. und dem 28. November. In den USA ist dieser Tag ein gesetzlicher Feiertag.

Einstiegsinformation

Thanksgiving (dt. Dank sagen, Danksagung) ist ein nordamerikanischer Erntedankbrauch, der in den USA einen der höchsten Feiertage darstellt. In ihm wird die Dankbarkeit für göttliche Großzügigkeit zum Ausdruck gebracht und gefeiert. Es wird traditionell mit einem Dinner begangen, zu dem man Familie und Freunde einlädt. Typischerweise setzt sich das Thanksgivingdinner aus einem im Ofen gerösteten Truthahn, dem Turkey, und diversen Beilagen zusammen. Oftmals wird dieses Essen von Ritualen begleitet, in denen die Beteiligten ihrer persönlichen Dankbarkeit Ausdruck verleihen. In Deutschland erfährt das Thanksgiving nach amerikanischem Vorbild nahezu keine öffentliche Aufmerksamkeit. In den Medien ist es wenig bis gar nicht präsent. Es wird vorwiegend in immigrierten US-amerikanischen Familien gefeiert.

Ablauf

Die hier dokumentierte Thanksgivingfeier konnte am Donnerstag, den 22.11.2012 bei einer aus den USA stammenden Familie beobachtet werden. Gastgeber waren ein 42-jähriger US-Amerikaner und seine 21-jährige Tochter. Die Feier fand in der Ein-Zimmer-Wohnung des Vaters im Münchener Zentrum, im Stadtbezirk Maxvorstadt, statt. Während der Vorbereitung wurde weitgehend Englisch gesprochen, während der Feier Englisch und Deutsch.

Vorbereitungsphase

Einkaufsliste für das Fest.

Der Thanksgivingfeier gehen zunächst diverse Vorbereitungen voraus, die von den beiden Gastgebern, sowie einzelnen Freunden, die auch Gäste sind, erledigt werden. Dabei stellt das Finden eines ausreichend großen Truthahns die größte Herausforderung dar. Hier entstehen die ersten Schwierigkeiten:

In America, there are obviously huge turkeys on sale everywhere leading up to Thanksgiving, but in Germany it’s more of a challenge. I have to go to my local grocery store and order a turkey and sometimes they can’t get a big enough bird to cover the hunger of the guests so I’ve been know to bake two birds, sometimes in two separate homes

Deshalb beginnen die Vorbereitungen schon eine Woche vor der eigentlichen Feier mit der Bestellung des Truthahns. Ebenfalls bestellt werden muss eine Biertischgarnitur, um den eingeladenen Gästen ausreichend Sitzmöglichkeiten zu bieten. Außerdem werden wenige Tage zuvor Getränke und die Beilagen eingekauft, die später näher beschrieben werden. Eine Freundin des Gastgebers, die auch selbst bei der Feier zu Gast ist, stellt die Dekoration bereit.

Am Tag des Thanksgiving finden dann nachmittags die konkreten Vorbereitungen statt. Sie beginnen mit dem Füllen und Würzen des 6,8 kg schweren Truthahns, der gegen 14.30 Uhr in den Ofen geschoben wird, da er vier Stunden backen muss. (Anleitung für das Rezept des Truthahns, sowie für die Vorbereitungen holt sich der Gastgeber auf der Homepage. Um dieselbe Zeit trifft auch die Tochter ein, um den Vater bei den Vorbereitungen zu unterstützen. Darüber hinaus helfen zwei Freundinnen der Tochter mit. Es werden der vorhandene Tisch und die Biertischgarnitur in der Mitte des Zimmers zu einer Tafel aufgestellt und mit der Dekoration geschmückt. Dann wird der Tisch eingedeckt. Ebenso wird ein Thanksgiving-Plakat geschrieben, auf das später noch eingegangen wird. Zeitgleich schält und schneidet die Tochter die Beilagen, die dann anschließend zubereitet werden. Für sie ist „dieser ganze Prozess des Vorbereitens […] schon ein großer Teil des Thanksgivingfestes.“

Hauptphase: Thanksgiving Dinner

Der gefüllte Truthahn.

Zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr treffen nach und nach die Gäste ein. Hierbei handelt es sich ausschließlich um Freunde der beiden Gastgeber. Die Gastgeber und schon anwesende Gäste begrüßen die jeweils dazu Stoßenden herzlich und unterhalten sich untereinander. Alle Gäste äußern großen Hunger und sobald alle eingetroffen sind, wird deshalb gleich mit dem Dinner begonnen.

Das Thanksgiving-Dinner

An dieser Stelle soll kurz das Dinner dieser Feier genauer beschrieben werden. Wie schon erwähnt stellt der Truthahn (oder „the bird“, wie er von den Gastgebern genannt wird) den Hauptbestandteil des Dinners dar. Für die Gastgeberin ist er die „Verkörperung von Thanksgiving“, da man die beiden Dinge sofort miteinander verbindet und es nach ihrer Empfindung in den USA wirklich nur zu Thanksgiving Truthahn gibt. Der Truthahn ist mit Äpfeln, Zwiebeln, Orangen und Kräutern gefüllt, mit Gewürzen eingerieben und wird im Ofen mehrere Stunden gebacken. Zum Truthahn gibt es Kartoffelpüree (engl. mashed potatoes), Bohnen mit Speckwürfeln, gekochte Möhren, Bratensoße (engl. gravy) und Brötchen. Die Nachspeisen werden von Gästen mitgebracht, zum einen um die Gastgeber zu entlasten, zum anderen weil es sich um ein passendes Gastgeschenk handelt und so ein Beitrag zum Dinner geleistet werden kann. Bei dieser Thanksgivingfeier sind das Rotweinkuchen, Tiramisu, Muffins und Apple Pie. Für den Gastgeber hat das Dinner über das Essen hinaus auch einen Symbolgehalt:

For me it symbolizes giving to those I love, nourishing not only the stomach but the soul with love. It is also a way for me to appreciate that I can even afford to buy the food and drinks, and cook and serve ten to twenty people […]. It’s a way for me to give back a little of what I’ve been so blessed to receive.

Die Verteilung des Essens erfolgt im Buffet-Stil in der Küche, da der Tisch nicht ausreichend Platz bietet, um das Essen aufzutragen. Der Gastgeber verteilt den Truthahn und zwei Gäste schöpfen spontan die Beilagen. Als alle wieder sitzen wird mit dem Essen begonnen. Dazu werden Wein, Bier und alkoholfreie Getränke getrunken. Der Gastgeber erhält Lob für das Essen und wirkt jetzt sehr viel entspannter. Wer noch eine zweite Portion haben möchte bedient sich selbst in der Küche.

Thanksgiving-Mahlzeit.

Während und nach dem Essen unterhalten sich die Beteiligten ausgiebig. Für 20.00 Uhr hat die Gastgeberin einen Videoanruf mit einer Freundin vereinbart, die sonst auch jedes Jahr mitfeiert, aber dieses Jahr im Ausland ist. Sie wird in die Gespräche der Gruppe quasi miteinbezogen, will wissen wie das Essen war und wünscht schließlich allen noch einen schönen Abend. Währenddessen hat sich die Gästegruppe im Raum verteilt und sitzt teilweise auch auf der Couch oder der Fensterbank. Wer Lust hat, nimmt sich vom Nachtisch. Immer wieder beschriften Gäste das Thanksgiving-Plakat, das an der Badezimmertüre aufgehängt ist.

Das Thanksgiving-Plakat

Das Plakat soll Anlass sein, sich darüber bewusst zu werden, wofür man im vergangenen Jahr aber auch am heutigen Tag dankbar ist. Der Gastgeber sieht es als Alternative zum in Amerika verbreiteten Brauch am Tisch der Reihe nach zu sagen, wofür man dankbar ist: „I always wanted to have everyone around the table stand and state what they’re thankful for but there’s never enough time and the food will just get cold.“ Es ist überschrieben mit „Thanksgiving 2012“. Darunter steht: „I am thankful for…“ Jeder soll diesen Satz ganz persönlich vervollständigen, dazu hängt ein Stift am Plakat. Die Gedanken der Gästegruppe sind vielfältig: Sie danken für Gesundheit, Freunde, das gute Essen und sogar vermutete Gedanken der Katze der Gastgeber werden aufgeschrieben. Besonders gegen Ende der Feier, als allgemeine Aufbruchstimmung herrscht, schreiben die meisten noch etwas dazu.

Gegen 22.30 Uhr verabschieden sich die Gäste und verlassen nahezu geschlossen die Wohnung.

Das Thanksgiving Plakat.

Nachbereitungsphase

Der Gastgeber besteht darauf, dass keiner der Gäste am selben Abend beim Aufräumen hilft: „I’m happy not to do a damn thing about it until the next day and will forbid others from helping at the end of the night. The night is to be enjoyed!” Am nächsten Morgen werden dann Reste verwertet, abgespült, Müll und Flaschen weggebracht, die Biertischgarnitur weggeräumt und der Tisch wieder an seinen ursprünglichen Platz gestellt.

Gastgeber und deren Rollenverständnis

Als Hauptakteure der Thanksgivingfeier sind die beiden Gastgeber zu nennen: der 42-jährige US-Amerikaner mit deutschen und französischen Wurzeln und seine 21-jährige Tochter. Sie kamen 1995 nach Deutschland und leben seither in München, wobei die Tochter zum Studium momentan in einer anderen Stadt wohnt. Die beiden richten die Feier in der Wohnung des Vaters in München aus. Für beide ist Thanksgiving ein Highlight im Jahr und dementsprechend möchten sie den Tag bestmöglich gestalten und die Gäste rundum zufrieden stellen. Dabei sehen sie ihre Rollen bezüglich der Brauchausübung etwas unterschiedlich. Es kristallisiert sich heraus, dass der Vater sich selbst als der Hauptverantwortliche fühlt, seine Rolle ist die des Initiators, Gastgebers und Chefkochs und dementsprechend sieht er die Last eines Ge- oder Misslingens, hauptsächlich in Anbetracht des Essens, auf seinen Schultern:

I do feel the weight of the event weighing down on my shoulders at times, especially in the timing of cooking and serving the food. I aim to please and my standards for myself are rather high. My role is to serve, and serve well, and it’s not necessarily to enjoy myself, but of course I do that as well. But there is a great deal of pressure to satisfy everyone and of course this pressure comes from me and no one else.

Diese Anspannung scheint sich aber nach dem Hauptgang des Dinners zu legen und der Gastgeber kann den restlichen Abend ohne Stress genießen. Die Tochter agiert nach eigenen Angaben als Unterstützung ihres Vaters, sowohl bei den Aufgaben, die für das Dinner anfallen, als auch im Sinne einer mentalen Unterstützung, die dem Vater Stress und Anspannung zu nehmen versucht. Weiterhin gibt es auch bei der Zubereitung des Essens eine klare Aufteilung: der Gastgeber ist für den Truthahn zuständig, von der Vorbereitung bis zum Servieren, und die Tochter und helfende Freunde bereiten die Beilagen vor und zu, wobei auch hierbei der Gastgeber den Überblick behält und strukturiert zu den Aufgaben anleitet.

Gäste

Bei den 13 Gästen handelt es sich um Freunde der beiden Gastgeber, die fast alle in München wohnen. Neben den Gastgebern ist noch ein weiterer englischer Muttersprachler anwesend, den Rest machen Deutsche aus, es wird aber in der Gruppe durchaus auch auf Englisch kommuniziert. Der Gastgeber stellt eine Tendenz zu jüngeren Gästen fest, die Zahl der unter 25-Jährigen überwiegt deutlich. Als Grund sieht er, dass eingeladene Gäste seiner Generation durch eigene Familie oder Arbeit verhindert sind, bei dieser Thanksgivingfeier dabei zu sein. Dahingegen kommen neue Freunde aus dem Studienort der Tochter hinzu. Insgesamt erscheint die Gruppe aber dennoch harmonisch und alle scheinen den Abend sehr zu genießen.

Brauchverständnis

Den Ursprung des Festes führen die Gastgeber, im Sinne des amerikanischen Konsenses, auf ein Fest zurück, dass die englischen Einwanderer, die Pilgrim Fathers, kurz Pilgrims, 1621 mit den Indianern gemeinsam feierten. Das Fest soll als Dank für eine gute Ernte zelebriert worden sein. Der Grundgedanke des Erntedanks ist in den Hintergrund getreten, so auch bei den Gastgebern. Es wird vielmehr eine Dankbarkeit für Familie und Freunde und für während des vergangenen Jahres widerfahrene gute Ereignisse ausgedrückt.

Beide Gastgeber sind sich einig, dass der Ursprung dieses „ur-amerikanischen“ Festes sich bei ihnen „verfremdet“ hat. Beide betonen, dass sie durch das Feiern von Thanksgiving nicht ihre Zugehörigkeit zu den USA ausdrücken: “Though this holiday is traditionally American, for me it has absolutely nothing to do with patriotic pride or a reflection of the country’s history in any way. I suppose the main reason we celebrate Thanksgiving is because it brings family and friends together and gives us a moment to be grateful for what we have, which, as it turns out, are mostly our family and friends”, so der Gastgeber. Das Freunde Zusammenbringen ist aus Sicht der Tochter der Kern des Brauches: „Mittlerweile feiern wir es […], um alle mal an einen Tisch zu kriegen. Um einen schönen Abend miteinander zu verbringen bevor die Weihnachtszeit losgeht. […] Thanksgiving sind immer alle da, weswegen der Tag mir sehr ans Herz gewachsen ist.“ Für den Vater steht darüber hinaus auch ganz deutlich das Danksagen im Vordergrund: „I look at the holiday of Thanksgiving as an opportunity to do just that: to give thanks. It is a celebration of the bounty we have in our lives, and personally, it’s a way for me to show my appreciation and love for my family and friends by gathering together to eat, drink and be merry.”

Diese Tatsache scheint sich bei den Gästen seiner Generation widerzuspiegeln. Eine Freundin von ihm hält diese Thankgivingfeier für einen „wunderbaren Anlass, sich einmal im Jahr über die Dinge bewusst zu werden, die man besonders schätzt, weswegen man dankbar ist.“ Für eine Freundin der Gastgeberin bedeutet sie eine „jährliche Tradition sich wieder zu sehen, sich auszutauschen und einen gemütlichen Abend mit Freunden zu verbringen.“ Sie sagt weiter: „Durch die Art, wie die Familie dieses Fest feiert, habe ich gelernt, dass man Feiertage nicht so ganz streng und nach festen Regeln feiern muss, wie es in Deutschland, finde ich, manchmal vermittelt wird. Es ist offener und nicht so an strenge Regeln gebunden. Hauptsache alle sind beisammen.“

Insgesamt ist diese Thanksgivingfeier für alle Beteiligten ein Anlass ihre Freundschaft untereinander zu bekräftigen; und das innerhalb zweier Generationen, durch ihre unterschiedlichen Lebenssituationen – Arbeit, Familie und Studium – und durch ihre unterschiedliche Herkunft hinweg. Die Freundin des Gastgebers stellt fest: „Dankbarkeit kennt keine Nationalität!“

Veranstaltungsort

Der Veranstaltungsort.

Die Räumlichkeit, in der die Thanksgivingfeier stattfindet ist, wie zuvor genannt, die Ein-Zimmer-Wohnung des Gastgebers, der sehr bemüht ist, diese für die Feier schön zu schmücken. Er hat Lichterketten an den Fenstern angebracht und die Dinnertafel wird herbstlich dekoriert. Dazu hat eine Freundin des Vaters diverse herbstliche Dekorationselemente zur Verfügung gestellt: große gelbe Kerzen und Teelichter, gelbe Servietten, Kürbisse und Maiskolben, was auch deutschen Gästen von ihrem Erntedankfest her vertraut vorkommen dürfte. Die Thanksgiving-Komponente bildet ein großer aufblasbarer Plastik-Truthahn, er bleibt auch das einzige amerikanische Element, nirgends findet man die „Stars and Stripes“ der amerikanischen Flagge, was sich mit der Aussage der Gastgeber deckt, dass Thanksgiving für sie nichts Patriotisches hat.

Hintergrund-Infos

Entwicklung des beobachteten Brauchs

Der Gastgeber gibt an, als Kind in seiner Familie nie Thanksgiving gefeiert zu haben, was sicherlich untypisch für in Amerika lebende Familien war, erinnert sich aber einmal bei Freunden seiner Mutter zum Thanksgiving-Dinner eingeladen gewesen zu sein. Er spricht weiterhin von diversen „art projects“, die in den US-amerikanischen Schulen zur Thanksgivingzeit nicht wegzudenken sind. Er selbst hat erst in Deutschland begonnen Thanksgiving zu feiern. Ursache dafür war, dass eine amerikanische Familie aus Texas in den späten 90er-Jahren in denselben Vorort von München zog, in dem Vater und Tochter früher wohnten und sich die Familien anfreundeten. 2001 wurden sie dann von dieser Familie zum ersten Mal zum Thanksgiving Dinner eingeladen und feierten Thanksgiving die folgenden zwei Jahre ebenfalls dort. Die Tochter erinnert sich, dass die religiöse Komponente bei dieser Familie an Thanksgiving eine große Rolle gespielt hat und die Geschichte vom First Thanksgiving der Pilgrims gemeinsam mit den Indianern immer angesprochen wurde. Als die texanische Familie wieder in die USA zurückzog, beschlossen die beiden diese Thanksgivingtradition bei ihnen zu Hause weiterzuführen.

Im Laufe der Jahre änderten sich sowohl der Performanzraum durch Umzug als auch die brauchausübende Gruppe: „The biggest changes in Thanksgiving from year to year are the guests. Obviously we have our core group, but boyfriends and girlfriends come and go, work and family commitments keep the older guests away, as college years abroad keep several of the younger guests from coming”, erzählt der Gastgeber. So ist ihr Thanksgiving jedes Jahr ein bisschen anders und neu, und dementsprechend hat Thanksgiving sich auch ein wenig in der Bedeutung, vor allem für die Gastgeberin, verändert, dahingehend, dass Schulfreunde, die sie früher beinahe jeden Tag gesehen hat, heute in dieser Formation selten zusammentreffen. Aber an Thanksgiving ist das der Fall: „Jetzt ist Thanksgiving schon ein Fixpunkt im Kalender an dem sich zumindest alle meine Freunde Zeit nehmen. Ich finde es vor allem jetzt wo wir alle studieren und teilweise in verschiedenen Städten wohnen […] umso wichtiger sich mal wieder zu sehen. Unterm Jahr ist [das] fast unmöglich.“

Historische Genese von Thanksgiving

“In the autumn of 1620, a tiny, crowded ship called the Mayflower left […] England. On board were 102 passengers – a mixed company of pious Seperatists and profane “Strangers” thrown together by fate […] on a perilous voyage to find new homes in the wilderness of British North America, or “Virginia”, as the entire territory was then known. […] It was a dark and stormy December night of wind and sleet as the little shallop […] approached the entrance to Plymouth harbor. There followed the terrible First Winter, during which all but a few persons suffered from exposure and disease, and half the Mayflower’s passengers and crew died. Nevertheless they persevered, and when spring came planted their first crops and built homes and storehouses. On March 16, a lone Indian entered the settlement and astonished the colonists by greeting them in English. This was Samoset, a Native Sagamore from Maine, who had learned the language from English fishermen […]. On March 22, he introduced them to another Native man, Squanto, who […] too, spoke English and became the colony’s translator, as well as its instructor in planting corn and finding local resources. […] The following autumn, the all-important corn harvest that would insure Plymouth Colony’s survival proved successful […]. In honor of this 1621 harvest […] Govenor William Bradford sent four men out to hunt wildfowl ‘so that we might after a special manner rejoice together after we had gathered the fruit of our labors.’ They brought back enough fowl to feed the community a week, including ‘many of the Indians [who came] amongst us, and among the rest their greatest king Massasoit, with some ninety men.’ They hosted their guests for three days of feasting, to which the Indians contributed five deer. This ecumenical outdoor harvest feast and November celebration was America’s ‘First Thanksgiving’ […].”

Thanksgiving wird in den USA auf die Beschreibung dieses Festes zurückgeführt. Aber das Fest, das die so genannten Pilgerväter 1621 mit ihren indianischen Gästen gefeiert haben, mutmaßlich als Dank für eine gute Ernte, die sie auch der Unterstützung der Ureinwohner verdankten, war nach dem Verständnis der damaligen Zeit sicher keine Thanksgiving-Feierlichkeit. In den letzten Jahrzehnten haben Historiker diese Verbindung als Fiktion entlarvt, auch wenn „mainstream America“ sie nach wie vor für wahr hält.

Tatsächlich kann das Fest als „invented tradition“ im Sinn von Hobsbawm verstanden werden. Im Mythos vom “First Thanksgiving“ verschmelzen einerseits calvinistische Thanksgivingzeremonien und andererseits üppige Erntedankfeste, wie das englische Harvest Home feast.

Thanksgiving ist ursprünglich, wie die wörtliche Übersetzung vermuten lässt, eine religiöse Zeremonie als Reaktion auf vermeintliche Wohltaten Gottes, wie etwa die Ankunft in der Neuen Welt, gedeihliches Wetter und militärische Erfolge gegen die indianischen Ureinwohner. Sie waren ursprünglich nicht verknüpft mit Erntefeiern oder Festmählern und sind im Kern eine Gegenentwurf der radikal calvinistischen Pilgrims zu den traditionellen als unbiblisch angesehenen Festen des alten Europas. Die Erntedanktraditionen, die von anderen europäischen Immigrantengruppen in ihre neue Heimat mitgebracht wurden und die in diesen agrarischen Gesellschaften einen hohen Stellenwert hatten, blieben angesichts von Isolation und Autonomie der verschiedenen Gruppen regional und vielgestaltig.

Mit dem Streben nach Unabhängigkeit von der Kolonialmacht entstand auch der Wunsch nach nationalen Feiertagen. Erfolge im Revolutionskrieg veranlassten George Washington 1777 den ersten allgemeinen Thanksgivingtag für die aufständischen Kolonien zu erklären, was er 1789 als Präsident der jetzt unabhängigen Nation wiederholte und damit eine unregelmäßige Tradition begründete.

Die eigentliche „Erfindung“ von Thanksgiving leitete Sarah Josepha Hale in die Wege, die 1846 in ihrer Zeitschrift Godey’s Lady’s Book eine Kampagne zur Proklamation eines nationalen Thanksgivingtages am letzten Donnerstag im November startete. In Anbetracht des aufkommenden Bürgerkriegs (1861-1865) schürte sie mit ihren jährlichen Thanksgivingeditorials – Rezepten, Geschichten und Gedichten – einerseits den Wunsch nach der vermeintlich heilen ländlichen Welt der Vergangenheit. Die politische Situation verlangte andererseits nach einem Konsens über Wert und Fortbestand der Nation. Beides konnte befriedigt werden, als Präsident Abraham Lincoln 1863 schließlich offiziell den letzten Donnerstag im November zum nationalen Thanksgivingtag erklärte und damit den Feiertag im modernen Sinn begründete: „a commemorative ritual, at which Americans return to a founding event of their nation and reaffirm their basic national, familial, and religious values“. Interessierte Publizisten, allen voran Hale, propagierten das Fest und seine neuen sentimentalen Werte nun mithilfe ihrer Printmedien und verbreiteten die Rituale wie das Heimkommen zum Festmahl der Familie und die Speisefolge, die bis heute in weiten Kreisen Bestand haben. So entstand eine Art „American civil religion“ mit der liebevollen Familie als Keimzelle einer auserwählten Nation.

Nach dem Bürgerkrieg sah sich die Nation der Herausforderung gegenüber, einen großen Zustrom von Immigranten zu verkraften, von denen viele mit den Idealen der englischstämmigen protestantischen Elite wenig anfangen konnten. Die Legende von den Pilgrims gab den geborenen Amerikanern einerseits Identität als mythische Nachfahren, andererseits transportierte es Ideale des toleranten, solidarisch teilenden Miteinander, das auch Fremde einschloss, vergleichbar den Indianern beim „First Thanksgiving“. Aber auch die Immigranten konnten sich mit der Geschichte identifizieren. Sie fanden darin ihre Probleme vom Aufbruch in ein neues Land, die Anfangsschwierigkeiten und schließlich die erfolgreiche Verwurzelung wieder. Der Gründungsmythos, das Fest, seine Rituale und Werte wurden gerade den Kindern nahe gebracht, um sie und dadurch die Eltern mit dem amerikanischen Wertekanon vertraut zu machen. Der Erntedankgedanke unterstützt dabei die Adaption, denn in ihm können sich alle Kulturen und Religionen wiederfinden. Bis heute werden Generationen von Schulkindern mit Geschichten und Nachstellungen des First Thanksgiving, typischem Essen und der Verpflichtung zum Teilen erzogen.

Die postsentimentale Ära seit den 1960er stellte gesellschaftliche Normen und damit Thanksgiving in verschiedener Hinsicht in Frage. Der Umgang mit den indianischen Ureinwohnern und Afroamerikanern, der Stellenwert der Familie, Geschlechterrollen, Nahrungsmittel, Probleme gescheiterter Integration wurden kritisch und kontrovers diskutiert und so variieren je nach politischer Einstellung, religiöser Orientierung, sozialer Schicht, familiärem Umfeld auch Brauchverständnis und Thanksgivingfeier der modernen Amerikaner.

Indem sich das Fest seit seiner „Erfindung“ im 19. Jahrhundert durch die Dualität von Familie und Nation, anders gesagt privatem und öffentlichem Raum definiert, ist es zwangsläufig, dass private und öffentliche Rituale das Fest begleiten. Im öffentlichen Raum finden etwa die erwähnten Schulveranstaltungen statt, aber auch Gottesdienste und Armenspeisungen. Die jährlichen Thanksgivinproklamationen des Präsidenten, stehen hier ebenso, wie die unter Präsident Reagen begründete Tradition des Turkey Pardon. Doch es flossen auch früh kommerzielle Interessen in den Feiertag mit ein. Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren Footballspiele zu Thanksgiving zu finden und trugen mit ihrer Popularität zur Akzeptanz des Feiertags in den Südstaaten bei. Radio und Fernsehen ermöglichten es, sie in die private Feier zuhause zu integrieren und boten eine zusätzliche Unterhaltungskomponente, vor allem für die Männer. Als wichtigstes kommerzielles Element des Thanksgivingevents können die Thanksgivingparaden gelten, die wichtigste wird seit 1924 vom New Yorker Kaufhaus Macy‘s ausgerichtet. Sie ist aufwendiger Auftakt für das Weihnachtsgeschäft, das am Folgetag, dem arbeitsfreien sogenannten Black Friday mit Sonderverkäufen beginnt. Diesen Geschäftsinteressen war es geschuldet, dass sich Präsident Roosevelt angesichts der Großen Depression 1939 bemühte, den Feiertag vorzuverlegen, was schließlich dazu führte, dass Thanksgiving nicht mehr der letzte, sondern stets der vierte Donnerstag im November ist.

Im privaten Kreis sind zunächst Dankgebete oder andere Dankbekundungen häufig, was dem Grundgedanken des Festes entspricht. Im Zentrum der Feier steht in der Regel das Thanksgiving-Dinner, das zu Hause oder im Restaurant eingenommen, im engeren oder weiteren Familienkreis oder im Freundeskreis stattfinden kann (letzteres macht Pleck als „gängiges Muster in der oberen Mittelklasse“ aus). Auch der Aufwand beim Kochen und Dekorieren variiert stark. Fast immer ist ein gefüllter Truthahn Mittelpunkt des Festessens, was die Bezeichnung „Turkey Day“ erklärt. Dazu gelten bestimmte Beilagen wie „cranberry sauce, sweet potatoes, mashed white potatoes and gravy, creamed onions, a green vegetable, and pumpkin and mince pie“ als uramerikanisch und historisch. Diese typisch amerikanische Speisefolge übernahmen viele der Immigranten jedoch nicht, sondern sie kombinierten, ihrem Selbstverständnis beider Identitäten entsprechend, den Truthahn (Symbol der dominanten amerikanischen Kultur) mit Elementen der heimischen Küche in Beilagen und Desserts. Trotz verschiedenster Brauchadaptionen erscheint Thanksgiving heute als „most ubiquitous of American Holidays“, der von über 200 Millionen Amerikanern gefeiert wird, sowohl Einheimischen als auch Zuwanderer.

Verbreitung

Werbung zu Thanksgiving.

„Thanksgiving is a big deal in America because we Americans believe it to be our unique holiday, hardly found in this form anywhere else on earth. And wherever on earth Thanksgiving is celebrated, it is invariably associated with America and its founding virtues and values.”

Zweifelsohne ist Thanksgiving das US-amerikanische Fest. In den USA gaben in einer Umfrage 1981 neun von zehn Personen an, Thanksgiving in ihrer Familie zu feiern. Das ist eine quasi flächendeckende Verbreitung. Auch der nördliche Nachbar Kanada zählt Thanksgiving zu seinen Feiertagen. Für die Amerikaner haben die Kanadier diesen Tag „schlicht kopiert und dann auch noch falsch.“ Denn in Kanada ist Thanksgiving, ganz im Gegensatz zu Amerika, kein weltliches Fest, sondern “a day of general thanksgiving to almighty God for the bountiful harvest with which Canada has been blessed”, also ein religiöses Erntedankfest, dass 1957 auf den zweiten Montag im Oktober festegelegt wurde.

Auch an anderen Stellen in der Welt wird das amerikanische Thanksgiving gefeiert, wenn auch zu anderen Daten. So ist Thanksgiving im westafrikanischen Liberia, wo ehemalige afrikanische Sklaven nach ihrer Gefangenschaft in den USA wieder neu angesiedelt wurden, ein gesetzlicher Feiertag (erster Donnerstag im November). Auch auf den australischen Norfolk Inseln ist Thanksgiving gesetzlich festgeschrieben. Seit amerikanische Walfänger das Fest auf die Insel brachten, wird es jedes Jahr am letzten Mittwoch im November gefeiert.

Obwohl heutzutage in Deutschland in großem Maße amerikanische Muster und Feste adaptiert werden, ist Thanksgiving bisher nur ein sehr unbedeutendes Fest geblieben. In den hiesigen Medien bekommt es fast gar keine Aufmerksamkeit, doch lassen sich mancherorts verblüffende Entdeckungen machen. So wirbt 2012 die Modefirma s.Oliver auch in Deutschland mit Thanksgiving, um im ansonsten wenig ereignisreichen Herbst Festtagskleidung für Kinder an die Frau zu bringen. Viele Restaurants, zum Beispiel in München, bieten auch hierzulande Thanksgiving Dinners an. Dennoch bleibt es in Deutschland ein Fest im privaten Kreis, Paraden und Straßenumzüge zu Thanksgiving sind kaum denkbar.

Die ersten Thanksgivingfeiern kamen mit den amerikanischen Besatzungssoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land. Heute wird es von deutsch-amerikanischen Freundschaftsvereinen und von Familien mit amerikanischen Wurzeln gefeiert, wobei sich im beobachteten Beispiel herausstellt, dass auch für die überwiegend deutschstämmigen Gäste der Gastgeberfamilie Thanksgiving eine Bedeutung erlangt hat.

Forschungsstand

Englischsprachige Literatur zu Thanksgiving steht reichlich und in allen denkbaren Fachgebietenzur Verfügung. So wird es notwendig, sich auf eine Auswahl relevanter Werke zu beschränken.

Nicht nur das Fest selbst ist, wie gezeigt, Wandlungen unterlegen, auch seine wissenschaftliche Rezeption wandelt sich. Frühere Forscher, wie der bekannte Kulturanthropologe Linton, sehen eine stetige Fortentwicklung des Feiertags von antiken Vorläufern über europäische, vor allem englische Erntedankfeiern, dem „First Thanksgiving“ der Pilgrims, hin zum gesetzlichen Feiertag der 1940er.

Anlässlich des Internationalen Symposiums für ethnologische Nahrungsforschung in Helsinki beschäftigen sich zwei Beiträge mit dem Thanksgiving Dinner. Arnott sieht es als „cultural heritage“, das seit den Pilgrims kontinuierlich gefeiert wird, auch wenn sie zeigt, wie sich die Zutaten mit der Zeit gewandelt haben. Anderson hebt in seinem Beitrag hervor, dass das Dinner mit seinen vermeintlich traditionellen Zutaten Vorstellungen von der guten alten Zeit und amerikanischem Selbstverständnis transportiert, und er findet das Fest nach etwa 100 Jahren „still reatively unchanged“.

Kritischer erörtern die neueren herangezogenen Arbeiten das Thema. Sie alle folgen dem 1983 eingeführten Konzept der „invented tradition“ und setzen sich mit den Anfragen auseinander, die das ausgehenden 20. Jahrhundert an den Feiertag stellt. So ist das Bild der konservativen Familie heute an vielen Stellen nicht mehr anzutreffen, und muss sich, angesichts weiblicher Erwerbstätigkeit, Patchworkfamilie und Homoehe, dem geänderten Familienbild anpassen. Die Historikerin mit Schwerpunkt Frauen und Gender Studies Pleck befasst sich im Aufsatz „Family Feast and Football“ ausführlich mit der Problematik der Rollenmuster und gibt darüber hinaus eine gute Übersicht über die Geschichte und andere Problematiken des Feiertags. Einen besonders umfassenden historischen Überblick kann Bakers 2009 erschienene ausführliche Monographie „Thanksgiving: The Biography of an American Holiday“ geben. Siskind setzt sich in ihrem Aufsatz „The Invention of Thanksgiving“ kritisch mit der Konstruktion von Geschichte und nationaler Identität auseinander, auch und gerade hinsichtlich des Unrechts gegen die amerikanischen Ureinwohner, die den Feiertag im Protest als National Day of Mourning begehen. Die Folkloristin Lu-Anne Roth befasst sich in ihrer 2010 publizierten Doktorarbeit mit der Darstellung von Thanksgiving in den visuellen Medien und nimmt die kritische Distanz der Historiker auf.

In der deutschen Forschung konnte keine Arbeit gefunden werden, die sich ähnlich umfassend mit Thanksgiving beschäftigt. Auch wenn dies angesichts der geringen Zelebration in Deutschland nicht weiter verwundert, wäre dennoch ein europäischer Blick auf das amerikanische Thanksgiving eine interessante Ergänzung.

Literatur

  • Anderson, Jay Allan: Thanksgiving in the U.S.A – The Meal as Medium and Message. In: Valonen, Niilo/ Lehtonen, Juhani U. E.: Ethnologische Nahrungsforschung. Vorträge des zweiten internationalen Symposiums für ethnologische Nahrungsforschung. Helsinki 1975.
  • Arnott, Margaret Louise: Thanksgiving Dinner. A Study in Cultural Heritage. In: Valonen, Niilo/ Lehtonen, Juhani U. E.: Ethnologische Nahrungsforschung. Vorträge des zweiten internationalen Symposiums für ethnologische Nahrungsforschung. Helsinki 1975.
  • Baker, James W.: Thanksgiving. The Biography of an American Holiday. Lebanon, New Hampshire 2009.
  • Muir, Diana: Proclaiming Thanksgiving throughout the Land. From Local to National Holiday. In: Etzioni, Amitai/ Bloom, Jared: We are what we celebrate. New York/ London 2004.
  • Linton, Ralph und Adelin: We gather together. The Story of Thanksgiving. New York 1949.
  • Pleck Elizabeth H.: Family, Feast and Football. In: Dies.: Celebrating the Family. Ethnicity, Consumer Culture, and Family Rituals. Cambridge, Massachusetts 2000.
  • Roth, Luanne K.: Talking Turkey: Visual Media and the Unraveling of Thanksgiving. Charleston, South Carolina 2012.
  • Siskind, Janet: The Invention of Thanksgiving: A Ritual of American Nationality. In: Counihan, Carole: Food in the USA. A Reader. New York 2002.