Poppy Appeal

Termin

Ein Poppy-Anstecker.

Dieser Brauch findet am 08. November 2020 statt.

Einstiegsinformation

Jedes Jahr wird im Vereinigten Königreich mit kleinen Papieransteckblumen der Kriegsverstorbenen gedacht. Die Poppy genannte Papiermohnblume ist Symbol einer Erinnerungskultur, die auf einen für den deutschen Sprachraum ungewöhnlichen Umgang mit Krieg schließen lässt. Die Mohnblume dient nämlich als identitätsstiftendes Symbol für erkämpfte Freiheit und Demokratie. Sie verbildlicht nicht nur das englische Verständnis von Staat und Öffentlichkeit, sondern ist auch Sinnbild britischen Selbstverständnisses.

Ablauf

Anfang November stellt sich selbst unaufmerksamen Beobachtern das Straßenbild Londons als rot-schwarzes Tüpfchenmeer dar. Nahezu alle Fußgänger tragen kleine Anstecker in Form von zweiblättrigen Papiermohnblumen. Vor Geschäften und auf Plätzen stehen Mitglieder von Wohltätigkeitsorganisationen mit einer Spendenbox. Gegen eine Spende kann ein Anstecker erworben werden.

In Großbritannien wird jedes Jahr am zweiten Sonntag im November, der seit dem Zweiten Weltkrieg Remembrance Sunday genannt wird, der Opfer des Ersten Weltkrieges und der darauffolgenden Kriege gedacht.

Der Remembrance Sunday fällt immer in den Zeitraum um den elften November, auf den Tag des Waffenstillstandes oder Armistice Day und ist auch unter dem Namen Poppy Day bekannt.

Der Brauch ist im gesamten Vereinigten Königreich verbreitet und erreicht eine imposante Durchdringung des öffentlichen Lebens. Der jährliche wiederkehrende Poppy Appeal beschränkt sich nicht nur auf den Verkauf kleiner Papieranstecker.

Die Bandbreite reicht von Kränzen aus künstlichen Mohnblumen für Denkmäler, eigens gestalteten Einkaufstaschen, Schlüsselanhängern und riesigen Poppy-Stickern bis hin zu Verzierungen an Bussen. Die Blumen können auch in Onlineshops erworben werden. Bei zahlreichen Konzerten und Veranstaltungen wird Geld gesammelt.

Englischer Bus im Poppy-Design.

Am Armistice Day findet um 11.00 Uhr eine zweiminütige Schweigeandacht statt. Den Höhe- und Endpunkt stellt die feierliche Kranzniederlegungszeremonie vor dem Londoner Kenotaph in Whitehall am  Rememberance Sunday dar. Die Queen, die königlichen Familie sowie der Premierminister und weitere Politiker  nehmen daran teil.

Im Jahr 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Die Planungen für die Feierlichkeiten sind bereits in Gange, Mohnblumensamen zum Einsetzen werden verkauft um ein besonderes Zeichen anlässlich des hundertjährigen Jubiläums zu setzen. Das Centenary soll zudem höchst begangen werden.

Shoulder to Shoulder with (All) Those Who Serve

Kriegsversehrter mit Poppy-Hemd.

Das ist ein Satz, den man im deutschsprachigen Raum so eher nicht hören würde. Die Einnahmen, die der Verkauf dieser harmlosen Blümchen generiert, fließen also an eine militärnahe Organisation. Das Geld dient in erster Linie der Versorgung und der Rehabilitation von Kriegsversehrten und deren Familien. Auch Urlaube für Militärangehörige werden so finanziert. Von Seiten der Royal British Legion gibt es jedes Jahr ein Spendenziel und einen  thematischen Schwerpunkt, der oft mit Kriegsrhetorik aufgeladen ist.

Das Vorstellungsvideo der Royal British Legion beginnt mit Kriegsszenen in schwarz-weiß, die eher an einen actionlastigen Kriegsfilm erinnern. Dann sieht man einen Mann mit Krücke und emotionale Großaufnahmen von Gesichtern, dazu Musik. Mit der nächsten Einstellung beginnt die Präsentatorin die Royal British Legion eindrücklich vorzustellen. Mit der imposanten Summe von 200.000 Pfund werden Militärangehörige jeden Tag unterstützt. Die Poppies werden von Kriegsversehrten oder Kriegsveteranen im Vereinigten Königreich von Hand hergestellt. Das soll auch ein Leben und einen Arbeitsplatz nach dem Krieg ermöglichen.

„Massive“ meint ein Soldat anlässlich der Eröffnungsveranstaltung des Poppy Appeals 2011: „gut zu wissen, falls etwas passiert in Afghanistan, dass eine [private] Organisation da ist, die sich um einen kümmert, und es dann noch ein Leben gibt“. Im Modell des kontinentaleuropäischen sozialen Wohlfahrtsstaates würde diese Rolle zu einem großen Teil vom Staat übernommen werden. Im Geburtsland des Liberalismus und der Privatisierung hingegen, wurde auch die Versorgung ausgegliedert und privatisiert. Zumindest teilweise, denn auch britische Kriegsversehrte haben Ansprüche auf Kompensation, Allowance (Taschengeld) und ein Pensionsschema.

Die französische Kornblume Kornblume Bleuet de France.

Vergleichbare Rituale in anderen Ländern

Vergleichbare Symbole und Praktiken sind in mehreren Westminster- beziehungsweise Commonwealthländern bekannt und verbreitet. Diese finden ihre Höhepunkte nach wie vor am Armistice Day.

Ein ähnliches Blümchen gibt es auch in Frankreich. Die kleine französische Kornblume namens Bleuet de France ist vom Prinzip her entsprechend, auch hier gibt es ein Gedicht von 1916 und eine gemeinnützige Organisation: L-Oeuvre-Nationale-du-Bleuet-de-France L’Œuvre Nationale du Bleuet de France. An die Verbreitung, die Öffentlichkeitswirksamkeit und finanzielle Bedeutung der britischen Mohnblume kommt die Kornblume aber nicht heran.

Hintergrund-Infos

Ursprung und Verbreitung

Die kleinen Mohnblüten sind ein Symbol für die flanders fields, die Mohnfelder Flanderns, durch die die Front im Ersten Weltkrieg verlief. Präziser ausgedrückt sollen sie an das Bild erinnern, das der kanadische Militärarzt John McCrae durch sein Gedicht In Flanders Fields vermitteln wollte. McCrae war erschüttert vom Krieg und den Tod eines Freundes. Er schrieb das Gedicht 1915 nahe der Stadt Ypern. Mit ihm wurde das Bild der Westfront in die Erinnerung eingeschrieben.

In Flandern fields
In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row
That mark our place, and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
We are the Dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved and were loved, and now we lie
In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow

Der Urheber des Gedichts „In Flandern Fields“, John McCrae.

In Flanders fields.

Die erste Strophe lautet frei auf Deutsch übersetzt:

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn,
Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe,
Die unseren Platz markieren; und am Himmel
Fliegen, immer noch tapfer singend, die Lerchen
unten zwischen den Kanonen [-geräuschen] kaum gehört.

Die Verknüpfung von Gedicht und Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ist ein amerikanischer Import, denn die Idee stammt aus den USA. Dort wurde das Gedicht In Flanders Fields in Magazinen veröffentlicht und gelangte zufällig in die Hände der gerade im YMCA Hauptquartier in New York tätigen US-amerikanischen Lehrerin Moina Michael. Angeregt durch das Gedicht begann sie im Jahre 1918 zu Ehren gefallener Soldaten Mohnblumen zu tragen und zu  verteilen.

Dieses Zeichen wurde bald von der neu gegründeten American Legion, einer amerikanischen Veteranenorganisation, auf einer Konferenz im Jahre 1920 adaptiert, um damit Spenden zu sammeln. Dies inspirierte auch die an der Konferenz teilnehmende Französin Anna E. Guerin. Sie sah darin eine Möglichkeit, für Waisen und Witwen Geld zu sammeln und bereiste verschiedene Länder, um ihr Anliegen zu verwirklichen. Damit verbreitete sich die Mohnblume vor allem im Commonwealth weiter und wurde zum internationalen Symbol der Erinnerung an gefallene Soldaten und die von ihnen erbrachten Opfer zu erinnern.

Im Jahre 1921 wurde die Idee der Poppies als Erinnerungszeichen von der Royal British Legion übernommen. Die Royal British Legion ist die führende und bei weitem bekannteste Wohltätigkeitsorganisation für Militärangehörige. Der Praxis des Spendensammelns mittels Poppies bedienen sich auch andere Charity-organisationen, oft mit verschiedenen regionalen Schwerpunkten.

Gesellschaftlicher Kontext

Britische Afghanistan-Soldaten mit Poppyzubehör.
Ein historischer Poppy-Anstecker.

Hinter der so bescheidenen, kleinen Mohnblume stehen Grundüberzeugungen und fundamentale Werte der britischen Gesellschaft, die auf breitem gesellschaftlichem Konsens fußen. In der  Umfrage einer Marketingagentur gaben 98 Prozent der Befragten an, sie wüssten wofür die Poppy steht. Kritik an der Praxis selbst ist kaum vorhanden, und das Symbol ist für Engländer selbsterklärend. Sollte man nicht bereits durch die Familie mit den Poppies in Berührung gekommen sein, dient die Schule als Vermittlungskanal. Das Gedicht „flanders fields“ und die damit verbundenen Werte lernen die britischen SchülerInnen noch heute. Die Bekanntheit, das Wissen und die Durchdringung der Gesellschaft lassen sich als Hinweis sehen, wie lebendig und wie viel wichtiger die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg in England – verglichen mit dem deutschen Sprachraum – ist.

Der Poppy Appeal macht aber auch deutlich wie unterschiedlich die Lehren sind, die aus der Geschichte und vor allem aus den Kriegen gezogen wurden. In Deutschland und in Österreich ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg von der intensiven Beschäftigung mit den Gründen und der unerträglichen Schuld für den Zweiten Weltkrieg überlagert. Der Erste Weltkrieg ist generell ein weitgehend vergessener Krieg.

Außerdem ist Krieg an sich mit dem Unbehagen der Erinnerung an die NS-Zeit behaftet und ein notwendiger oder gar gerechter Krieg lässt sich sehr schwer argumentieren oder denken. Die Entsendung deutscher Soldaten nach Afghanistan im Jahre 2001 und die damit verbundene mediale Debatte zeigte, wie schwierig es ist, von Krieg auch nur zu sprechen. Die Unantastbarkeit der österreichischen immerwährenden Neutralität spiegelt nicht so sehr die aktuellen Bündnisse und außenpolitischen Verhältnisse (EU,…) wider, sondern steht vor allem für die historisch übermittelte, durch und durch negative Konnotation von Krieg. Krieg ist etwas Schuldhaftes, Schreckliches, ein Fehler, aus dem man lernen muss. Wer sich für eine militärische Beteiligung einsetzt ist a priori dubios oder wird am politisch extrem rechten Rand angesiedelt.

Im Vereinigten Königreich und auch in Ländern wie Frankreich ist die gedankliche Trennung zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg nicht so streng. In Frankreich diente etwa die Konstruktion, die beiden Weltkriege zu einem „dreißigjährigen Krieg“ zusammenzufassen, in dem Leistungen schwerer wogen als Verfehlungen, zur Integration und Versöhnung der Franzosen.

Auch lässt sich im Vereinigten Königreich der Sinn der Mohnanstecker, ursprünglich an die opferbereiten Menschen des Ersten Weltkrieges zu erinnern, problemlos mit dem Gedenken an alle anderen Kriege kombinieren. Die Bedeutung des Krieges beziehungsweise der Erinnerung daran hat in Großbritannien ein in gewisser Weise identitätsstiftendes Moment. Die Poppies stehen für „britishness“, sie stehen dafür, sich englisch oder britisch zu fühlen und einen gewissen Wertekanon zu teilen, der eben auch den Krieg inkludiert, beziehungsweise Krieg keineswegs nur in einem schlechten Licht erscheinen lässt. Und die Erinnerung an die beiden Weltkriege, vor allen an den Zweiten, ist aus britischer Sicht, durchaus auch positiv besetzt. Nicht nur das Ende des Holocausts spielt dabei eine Rolle: Ein Interviewausschnitt aus dem Jahr 2013 gibt eine weit verbreitete Sichtweise wieder:

„Hitler wollte Großbritannien eingliedern. Alles, an was [woran] wir in unserem Land glaubten, war in Gefahr. Man muss stolz sein, schließlich haben sich die Gefallenen für ‚uns’ geopfert, dass ‚wir’ heute in Freiheit leben können und unsere Zukunft selbst gestalten können.“

Natürlich waren und sind die Opfer zu beklagen, aber sie können auch als Helden, und der Krieg damit als etwas durchaus Positives gesehen werden. Es war nicht sinnlos: dank des Krieges und englischen Einsatzes ist Europa heute frei, und es herrschen Demokratie und Freiheit. Der Poppy Appeal ist so gesehen ein zutiefst politisches, aber kein parteipolitisches Thema. Die Poppies werden quer durch alle Schichten und politischen Lager getragen und sind keiner besonderen gesellschaftlichen Gruppierung zuzuordnen. Die ausübende Gruppe ist also groß und sehr heterogen.

So bekannt der Poppy Appeal in Großbritannien ist, so wenig ist er das außerhalb des Vereinigten Königreichs. Gängige Assoziationen reichen im Ausland über „Ist das ein Aidszeichen“ bis zu der Befürchtung, dass es sich um einen Scherzartikel handle, mit dem man sein Gegenüber anspritzen kann.

Poppy Fascism und zaghafte Kritik an der Kommerzialisierung

Die Hauptdarsteller von Harry Potter mit Poppy-Ansteckern.

Das unmissverständliche Symbol für Freiheit und Zukunftsgestaltungsmöglichkeiten ist paradoxerweise mit einem deutlich spürbaren Imperativ verbunden. Der öffentliche Druck, die Omnipräsenz im Straßenbild und die Medien machen es fast unmöglich, kein buntes Ansteckteil zu tragen und zeigen.

Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Poppy Fascism eingebürgert. Man versteht darunter „bullying to wear a poppy in public“ – also den von der Boulevardpresse erzeugten Druck, in der Öffentlichkeit eine Mohnblume zu tragen. Der Poppy Fascism kann sogar so weit gehen, dass Personen des öffentlichen Lebens wie etwa Moderatoren dafür kritisiert und gerügt werden, keinen Anstecker zu tragen, wie etwa im Fall des Channel 4 Reporters Jon Snow. Ohne hier irgend etwas verharmlosen zu wollen, muss doch bedacht werden, dass der Terminus Fascism im englischen einen anderen Klang hat und er schlicht auch für übertriebenen Patriotismus stehen kann.

Eine zaghafte Kritik am Poppy Appeal betrifft, ähnlich wie bei Schokoladennikolaus- oder Osterhasensaisonen in Supermärkten, den immer früheren Beginn der Kampagne vor dem Armistice Day. Auch wird der Ruf nach einer Poppy Etikette laut. Dennoch werden die Kampagnen und Spendenziele jedes Jahr größer, und wie die Vorbereitungen zum kommenden Centenary nahlegen: die nun hundertjährige Erfolgsgeschichte der kleinen Mohnblume scheint so schnell nicht zu einem Ende zu kommen.

Literatur

  • Korte, Barbara u. Paletschek, Sylvia u. Hochbruck, Wolfgang (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg in der populären Erinnerungskultur. Essen 2008.
  • Walter, George: The Penguin book of First World War poetry. London 2006.

Weblinks