Regener Pichelsteinerfest

Termin

Dieser Brauch findet vom 24. bis zum 29. Juli 2020 statt. Dieser Brauchtermin wird möglicherweise von der Coronavirus-Pandemie beeinflusst, was zu einer Absage oder Verschiebung führen kann.

Einstiegsinformation

Pichelsteinerfest Programm 2011.
Das Pichelsteinerfest (niederbayerisch auch Pichelstoina genannt) findet alljährlich in der Kreisstadt Regen im Bayerischen Wald statt. Organisiert und verwirklicht wird das seit 1874 begründete, traditionsreiche Fest mit dem umfangreichen Rahmenprogramm wie Festzug, Gondelfahrt und Pichelsteineressen vom Verein Die Pichelsteiner e. V. , Geschäftsleuten, Vereinen und zahlreichen Helfern. Offizieller Beginn der sechs Festtage ist der Freitag nach Jakobi (25. Juli), während denen tausende Besucher aus Nah und Fern auf den zwei Festplätzen zusammenkommen. Besonders aufgrund seiner gemütlichen Atmosphäre und der vielen abwechslungsreichen Programmpunkte erfreut sich das Heimatfest hoher Beliebtheit, sowohl bei älteren als auch bei jüngeren Besuchern.

Ablauf

Offiziell beginnt das Pichelsteinerfest zwar freitags, aber zur Einstimmung der Besucher auf die bevorstehende Festwoche findet bereits am Donnerstagabend im Kurpark-Pavillon der Stadt eine festliche Serenade des Regener Blasorchesters statt. Der Eröffnungstag wird feierlich mit dem Ausmarsch der Mitglieder des Pichelsteiner e.V., dem Festkoch mit Gefolge und dem Festbräu samt Belegschaft eingeleitet. Im Anschluss begeben sich alle Beteiligten und Festbesucher in die Pichelsteinerhalle, um den traditionellen Festbieranstich des Bürgermeisters bzw. der Bürgermeisterin und somit die Eröffnung des Festbetriebs mitzuerleben. Ebenso bietet sich jedem Besucher die Möglichkeit, sein Glück beim jährlichen Asphaltschießen in der am Festplatz angrenzenden Trainingshalle des Eistock Clubs Moitzerlitz zu versuchen.
Gondelfahrt zum Festauftakt.
Am Samstagabend bieten sich dem Festbesucher mehrere besonders sehenswerte Attraktionen. Herausragend sind die Standkonzerte des Spielmannszugs der FFW Regen und des Spielmannszuges der Partnerstadt Eschwege am Stadtplatz bzw. im Kurparkpavillon. Bei Einbruch der Dunkelheit beginnen dann die Wasserspiele und die Gondelfahrt auf dem Regenfluss, welche als charakteristische Festmerkmale überregional bekannt und beliebt sind. Der Festsonntag beginnt bereits vormittags mit dem Gedächtnisgottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Michael. Nach musikalischem Frühshoppen und Mittagessen folgt dann der große Festzug, ein weiterer Höhepunkt des Pichelsteinerfestes. Zu jährlich wechselndem Motto ziehen jedes Mal etliche dutzend Fußgruppen, aufwändig geschmückte Festwägen, Spielmannszüge, Blaskapellen und der 10er Zug der Brauerei quer durch die menschengesäumte Stadt zum Festplatz. Im Anschluss an diese Parade finden sich alle Zuschauer und Mitwirkende wieder am Festgelände ein um den Sonntag in fröhlicher Gemeinschaft ausklingen zu lassen.
Essensausgabe beim Pichelsteinermontag.
Der vierte Festtag steht im Zeichen der Wirtschaft, der Bundeswehr sowie der Städte und Gemeinden. Unter der Moderation des Pichelsteinerpräsidenten informieren jedes Jahr verschiedene Experten aus den Bereichen Politik und Wirtschaft über regionale und überregionale Themengebiete. Beispielsweise referieren 2012 der Präsident der IHK Niederbayern, Hr. Dr. Josef Dachs und der Kommandeur der Bayerwaldkaserne Heiko Diel unter anderem über die Problematik des Demographischen Wandels und die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Nach dem informativen Höhepunkt der Festwoche schließt sich pünktlich zur Mittagsstunde das kulinarische Highlight an. Mehrere tausend hungrige Besucher lassen sich das Original Pichelsteiner Mahl, welches vom Pichelsteinerkoch und seinen zahlreichen Helfern zubereitet wird und in allen Festhallen, im Saal und im Biergarten der Brauerei ausgeteilt wird, nicht entgehen. Traditionell finden sich am Montagabend zusätzlich noch Abordnungen aus den umliegenden Städten und Gemeinden, sowie zahlreiche Ehrengäste im Festzelt ein. Kinder und Feriengäste kommen am Pichelsteiner-Dienstag voll auf ihre Kosten. An diesem sogenannten „Kindertag“ sorgen ermäßigte Preise bei Fahrgeschäften und Essensständen dafür, dass das Heimatfest auch für größere Familien ein erschwingliches Vergnügen bleibt. Ebenso ist dieser Tag der Land- und Forstwirtschaft gewidmet. Beispielsweise wird die diesjährige Kundgebung für Land- und Forstwirte sowie Verbraucher vom Festredner zum Thema „Gemeinsam stark – Zukunft gestalten“ im Faltersaal stattfinden.
Feuerwerk beim Pichelsteinerfest.
Der letzte Festtag ist zugleich bekannt als der Tag der Senioren, der Betriebe und der Vereine. Traditionell besucht man an diesem Tag zusammen mit den Arbeitskollegen oder Vereinsmitgliedern das Fest und lässt sich in lockerer Stimmung die ein oder andere ‚Radlermass‘ und eine ‚Brezn mit Kaas‘ schmecken. Für die älteren Mitbürger des Stadtgemeindegebietes gibt es an diesem Tag kostenlos Essensgutscheine und Biermarken, die sie in der Pichelsteinerhalle einlösen können. Für diese Marken können sie sich beispielsweise ein halbes „Gickerl“ und eine Mass Radler bestellen. In geselliger Runde und mit musikalischer Umrahmung von einer regionalen Musikkapelle, wie zum Beispiel dem Bavaria-Duo, können somit auch Senioren mit einer eher bescheidenen Rente die Feststimmung genießen. Am späten Nachmittag werden in der nahegelegenen Halle des Eisstock Clubs die besten Teilnehmer des Asphaltschießens ermittelt und in einer feierlichen Siegerehrung geehrt. Gegen 22 Uhr findet das Pichelsteinerfest seinen abschließenden Höhepunkt in einem etwa viertelstündigen Brilliant-Feuerwerk, während dem alle Schausteller ihre Beleuchtung und Musik zu Gunsten eines großartigen Effektes auf ein Minimum beschränken. Um sich beste Sichtverhältnisse auf das Feuerwerk zu sichern, herrscht bereits eine halbe Stunde vorher dichtes Menschengedränge auf dem Festplatz. Mit diesem künstlerischen Programmhöhepunkt neigt sich das größte Heimatfest des Bayrischen Waldes dem Ende zu.

Das Festgelände

Das Pichelsteinerfestgelände im Herzen der Stadt besteht aus zwei großen, durch eine Brücke verbundenen Plätzen, auf welchen sich die Pichelsteinerhalle, die Bayerwald Tierzuchthalle, das Weißbierzelt sowie ein Biergarten befinden.
Das Festgelände.
Den Besuchern bietet sich somit eine breite Auswahl zwischen verschiedenem musikalischen und kulinarischen Angeboten. Zudem präsentieren etwa fünfzig Schausteller zahlreiche Unterhaltungsmöglichkeiten auf dem Gelände, wie beispielsweise große Fahrgeschäfte, Los- und Schießbuden sowie Stände mit Kleidung und Accessoires.

Kulinarisches

Nach dem Festbier-Anstich am Freitagnachmittag beginnt offiziell der Pichelsteiner Festbetrieb.
Gericht auf dem Fest.
In den Hallen, Biergärten und Bierzelten kommen die Besucher in den Genuss der bayrischen Festbiermaß und anderer Spezialitäten, während die etlichen Essensstände auf dem Gelände ein vielfältiges kulinarisches Spektrum abdecken. Zur Auswahl stehen neben Gyros, Pizza und Pommes auch „Gickerl“, „Kaas und Radi“ sowie Schweiners und verschiedene Fischsemmeln. Besonders typisch sind auch die Mandelbrennereien, welche unterschiedliche Variationen von gezuckerten Nüssen, Fruchtspießen sowie Lebkuchenherzen mit wechselnden Aufschriften anbieten. Neben diesen Genüssen bietet sich am Montagmittag die Gelegenheit für alle Festbesucher, das kulinarisches Highlight des Heimatfestes, das Original Pichelsteiner Mahl zu probieren.

Der Pichelsteiner-Eintopf

Pichelsteinermontag 1932.
Am Pichlstoanermontag An gupftn Teller Pichlstoaner, vom Pichlstoanakoch, dem Kloana, a frische Pichlstoana-Maß, a Musi, die da spielt zum Spaß, viel Leut in der Pichlstoana- Halle, die zünfti san und koane Lalle, die zufrieden beieinander hockn, und dMaßkrüag leern wie beim Tarockn, die lustig singa und net plärrn, daß wir dMusi a no hörn, so gfällts mir in der Runde,
Pichelsteinerschmaus.
bis da schlägt die Hoamgeh-Stunde.

Herkunft

Augusta Winkler, Erfinderin des Pichelsteiner.
Über die Entstehungsgeschichte des Pichelsteiner- Eintopfs existieren viele verschiedene Erzählungen und Vermutungen. Eine Variante besagt, dass im Jahr 1742 eine Bäuerin im Regener Gasthaus Wieshof gezwungen war, den Panduren Trenk und seine Gefolgsleute zu bewirten. Sie hatte jedoch nur Rüben, Kraut und einige Reste Fleisch zur Verfügung, die sie in einem großen Kessel, welcher über dem Feuer hing, zusammen gekocht hat. Der Kessel wurde auch als Pichel bezeichnet. Der zubereitete Eintopf soll so schmackhaft gewesen sein, dass die räuberische Bande friedvoll weiterzog und das Rezept seither erhalten blieb. Außerdem wird berichtet, dass Reichskanzler Otto von Bismarck selbst diesen Eintopf gerne gegessen habe. Daher wird der Pichelsteinereintopf unteranderem auch Bismarck-Ragout genannt. Mehrere sichere Belege bezeugen jedoch, dass den Gästen des Büchelsteiner Festes bei Grattersdorf seit 1839 der Pichelsteiner- Eintopf angeboten wurde. Seine Entstehung wurde der Grattersdorfer Wirtin Augusta Winkler zugeschrieben, welche 1848 in Regen geheiratet hat und dort mit ihrem Mann einige Jahre eine Gastwirtschaft betrieben hat.

Rezept

Es gibt kaum ein Kochbuch, in welchem der Pichelsteiner-Eintopf nicht enthalten ist, wenn auch in unterschiedlichen Variationen.
Pichelsteinereintopf.
In einer der ersten Veröffentlichungen des Pichelsteiner-Rezepts im Lindauer Kochbuch 1894 wird der Eintopf wie folgt zubereitet: Man nimmt zu gleichen Teilen Rindfleisch, Kalbfleisch und Schweinefleisch; nach Belieben auch Schaffleisch; ersteres soll ein von Fett und Haut befreites Lendenstück sein. Es wird dann Alles über den Faden in große Würfel geschnitten, ferner Kartoffeln, Sellerie, gelbe Rübe, Petersilie, Porree und Zwiebel fein würflig. Nun wird der der Boden eines gut schließenden Kastrols, am besten eines Doppel-Kastrols, mit Ochsenmark belegt, darauf eine Lage der Kartoffeln und Wurzeln gegeben hierauf je eine Lage von den verschiedenen Fleischsorten, und so wird fortgefahren bis Kartoffeln, Wurzeln und sämtliches Fleisch verbraucht ist. Zwischen jede Lage und obenauf kommt Ochsenmark, Salz und etwas Paprika oder spanischer Pfeffer. Das Kastrol wird als dann gut verschlossen und das Ganze ungefähr eine Stunde auf mittelstarkem Feuer gedämpft; wird ein Doppelkastrol benützt, so wendet man solches von Zeit zu Zeit um. In neueren Kochbüchern variieren einzelne Zutaten des Pichelsteiner Eintopfs, beispielsweise wird die Zugabe von Wirsing empfohlen. In einem weiteren Rezept nach dem bekannten deutschen Koch und Kochbuchautor Alfons Schuhbeck fügt man zu den Hauptzutaten Fleisch, Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Zwiebeln auch Gewürze wie Ingwer, Chilipulver und Pimentkörner um den Geschmack des Gerichts zu verfeinern.

Das Festsymbol

Pichelsteinerfest Symbol.
1937 entwarf der Malermeister und langjährige Gestalter des Festzugs Fritz Biller das Symbol des Heimatfestes, das Pichelsteiner-Buberl. Mit der Erscheinungsform des Knäbleins, welches mit Kochmütze und Löffel zwischen einem Bierkrug und einem großen köchelnden Topf sitzt, wird sofort ein weiterer charakteristischer Festbestandteil, der Pichelsteiner Eintopf assoziiert. Dieses Mahl wird traditionell vom Pichelsteinerkoch zubereitet. Begleitet wird der Festkoch beim Festzug und auch beim Ausmarsch am vierten Festtag von etlichen kleinen Köchen welche mit ihrem Ruf: „Dös Pichelsteiner es lebe hoch, hoch, hoch und dös schmeckt guat!“ Vorfreude auf das pikante Highlight des Heimatfestes verbreiten. Das Pichelsteiner- Buberl zierte seit seinem Entwurf etliche Siegelmarken, Postkarten sowie Bierdeckel, Flaschenetiketten der Brauerei Falter und Festplakate.

Organisatoren, Mitwirkende und Festbesucher

Die ersten Organisatoren sind zugleich die Begründer des Festes, der Bürstenmacher Josef Hüttinger, der Zeugschmied Xaver Sedlmayer, der Bäckermeister Peter Biller und der Gastwirt und Holzhändler Michael Loibl. Abgehalten wurden die ersten Pichelsteinerfeste seit 1874 beim Hofwirt Anton Winkler. Im Jahr 1894 wurde das Fest „unter Arrangement der Burschenschaft Regen“ zum Gasthof des Bierbrauern Michl Raith verlegt und fand nicht nur bei der regionalen Bevölkerung immer mehr Anklang. Nach der Wiederbegründung des Festes wurde der organisierende Verein unter dem Namen „Pichelsteiner e. V.“ im Jahr 1930 beim Amtsgericht Regen eingetragen. Seitdem wurde das Fest maßgeblich von den ehrenamtlich tätigen Vereinsmitgliedern und deren Helfern auf dem Gelände des Bürgerbräus Falter und ab 1954 in der gegenüberliegenden Bayerwald-Tierzuchthalle organisiert und verwirklicht. Aus dem Blickwinkel der Mitwirkenden, also beispielsweise die Bürgerinnen und Bürger die an einzelnen Elementen wie dem Festzug oder der Gondelfahrt teilnehmen, bietet das Pichelsteinerfest eine einzigartige Gelegenheit, ihre Talente einzubringen und ihre Vereine zu repräsentieren. Jedes Jahr reisen mehrere Blaskapellen und Spielmannszüge aus der Region und befreundeter Städte, wie die Blaskapelle Bodenmais oder der Spielmannszug Eschwege nach Regen. Die Musikanten und andere Darsteller der Umzüge, wie die verschiedenen Vereinen und Clubs machen das Regener Heimatfest zu einem bunten und facettenreichen Erlebnis. Die Festbesucher, welche in einem Festsaal tanzen oder die Straßen während der Umzüge säumen, sind genauso wichtig einzuordnen wie die Organisatoren oder die Mitwirkenden, da sie zur Feststimmung einen bedeutenden Beitrag leisten. Die spezifischen Unterteilungen der Festtage wie in Tag der Wirtschaft, der Kinder bzw. der Senioren bieten deshalb ein breitgefächertes Unterhaltungsangebot für alle Bürgerinnen und Bürgern der Region und von weiter her.

Geschichte des Pichelsteinerfests

Gründung als Kirchweihmontagsfest 1874

Festchronik.
In historischer Sicht kann das Regener Heimatfest auf eine lange Tradition zurückblicken. Seine heutige Gestalt entwickelte sich jedoch erst im Laufe der Geschichte. Begründet wurde es als Kirchweihmontagsfest. An jenem Montag, dem 27. Juli 1874, trafen sich die vier Regener, Josef Hüttinger, Xaver Sedlmayer, Peter Biller und Michael Loibl beim Hofwirt Anton Winkler. In geselliger Runde mit Harfenmusik, Bier und dem wohlschmeckenden Pichelsteinereintopf ließen sie dort die Kirchweih ausklingen und beschlossen, diesen Tag zum Festtag zu erklären. Hier schlägt die Geburtsstunde des Pichelsteinerfestes. In der vom Hofwirt gespendeten Festchronik wird berichtet, dass das Pichelsteinerfest nach dem gleichnamigen Eintopf benannt wurde. Zusätzlich wurde verzeichnet, dass die Zahlen der jährlichen Festgäste 1875 auf 16 und 1876 bereits auf 130 Besucher anstieg, was wohl an der gemütlichen und geselligen Atmosphäre lag.
Hofwirt Anton Winter.
In den Jahren 1884 bis 1894 und von 1911 bis 1930 kann aus fehlenden Einträgen des Grundbuchs entnommen werden, dass das Heimatfest nicht in dem bekannten öffentlichen Rahmen gefeiert wurde. Dennoch kann angenommen werden, dass in den Regener Familien der Kirchweihmontag in Ehren gehalten wurde, da man sich an diesem Tag mit der gesamten Verwandtschaft und Freunden traf und eine angenehme Abwechslung in den anstrengenden Arbeitswochen des Hochsommers erlebte. Zur Förderung des Fremdenverkehrs und einzelner Wirtschaftszweige wurde das Pichelsteinerfest 1930 wieder eingeführt, auf mehrere Tage ausgedehnt und in Form eines großen Heimat- und Volksfestes organisiert.Zu dieser Entwicklung hatte der Bräu Johann Baptist Falter erheblich beigetragen, da er finanzielle Mittel und das Gelände hinter seiner Brauerei bereitstellte. Trotz der positiven Bilanz drohte das Fest bereits 1932 aufgrund interner Unstimmigkeiten und den Reichstagswahlen am Festsonntag auszufallen.

Das Pichelsteinerfest 1932

Pichelsteinerfest 1932
Dem damaligen Regener Bürgermeister Josef Haider gelang es schließlich, die Streitigkeiten zu schlichten und das Fest wurde trotz der politisch instabilen Zeit durchgeführt. Auf diese Weise hatte das kürzlich zur Stadt erhobene Regen bewiesen, eine derartige Festorganisation bewältigen zu können. Mit vereinten Kräften begann man binnen zwei Wochen vor Festbeginn mit den Vorbereitungen, wie der Einebnung des Festplatzes und der Umgestaltung einer Kegelbahn zu einer großen Tanzbühne. Die Leitung der Festzuggestaltung übernahm der Malermeister Fritz Biller Senior und unterteilte den Festzug in mehrere Abteilungen wie beispielsweise Fußgruppen des Turnvereins und der Festkapelle, die geschmückten Festwagen der Metzger und Bäcker und das Brauereigespann von J. B. Falter. Traditioneller Teil des Festzugs war auch der Festkoch, der inmitten einer aus Küchengemüse gebundenen Girlande marschierte, die von vielen kleinen Köchinnen und Köchen getragen wurde. Preislich betrachtet kostete 1932 eine Portion Pichelsteiner-Eintopf mit zwei Semmeln eine Reichsmark, aber es war auch üblich, dass viele Portionen an Arme und Bedürftige kostenlos verteilt wurden.

Der Einfluss des 2. Weltkrieges auf das Fest

Pichelsteinerfest während der NS-Zeit.
Die politischen Ereignisse ab 1933 beeinflussten auch das Regener Heimatfest. Angesichts der Not der Bevölkerung gelang es den Nationalsozialisten, das Pichelsteinerfest für ihre Interessen und Zwecke zu instrumentalisieren. Es gab beispielsweise große Aufmärsche nationalsozialistischer Gruppierungen sowie viele Hakenkreuzfahnen in der Stadt. Im Hinblick auf die Besucherzahlen erfuhr das Heimatfest aufgrund intensiver Reklame einen großen Anstieg. 1938 wurden etwa 13.000 Besucher im Grundbuch verzeichnet, darunter viele Mitglieder der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“. Kaum waren jedoch die Freuden und Klänge des Pichelsteinerfestes verklungen, wurden die Regener Männer zu den Waffen gerufen. In den folgenden Jahren wurden keine Feste veranstaltet, da Not und Elend das Leben der Menschen beherrschte.

Das Pichelsteinerfest ab 1949

Festzugswagen von 1954.
Nach Kriegsende verzeichnete das Heimatfest erneuten Aufschwung. Hilfreiche finanzielle Unterstützung kam unter anderem von der amerikanischen Militärregierung, um den Regenern nach der entbehrungsvollen Zeit wieder Hoffnung und Zuversicht zu geben. So wurde ab 1949 wieder damit begonnen, an die Tradition des Pichelsteinerfests anzuknüpfen. Weitere Förderungsmaßnahmen erfolgten von der Stadt Regen sowie vom Bräu J.B. Falter, der eine feste Halle auf dem Brauereigelände errichten ließ. Organisation und Gestaltung des Festes wurde von einem eigens gegründeten Pichelsteiner-Ausschuss übernommen, welcher aus erfahrenen Handwerkern der Region bestand. Unvergesslich waren dabei die ersten Wasserspiele, Gondelfahrten und die phantasievollen Festzüge der fünfziger und sechziger Jahre.
Festzugswagen von 1960.
Der Festzug 1949 wurde unter dem Motto Heimat gestaltet, symbolisch für die Hinwendung zur Geborgenheit nach den Jahren des Krieges. Diese Suche nach dem Heimischen, Vertrauten wurde von Einheimischen und Heimatvertriebenen gleichermaßen geteilt und beherrschte zu dieser Zeit das Denken und Handeln der Menschen. So kreisten die Thematiken der Festzüge immer wieder um Brauchtum (1951: „Die heimische Tracht“), Landschaft (1962: „Stadt und Land: Hand in Hand“), Vereinsleben (1975: „Das Vereinsleben der Stadt“), Fremdenverkehr (1977: „Freizeit und Erholung in Regen“) sowie Handwerk und Gewerbe (1971: „Handwerk und Gewerbe“) der Stadt Regen. Ab den 1980er Jahren überwog dann eine zunehmende Rückbesinnung auf Kultur, Kunst und Geschichte, versinnbildlicht durch Themen wie „Heimische Sagen“, „S’Bauernjahr jetzt und einst“ und „850 Jahre Regen im historischen Rückblick“.

Gewährspersonen

Besonderer Dank gilt dem Präsidenten des Pichelsteinerkomitees Herrn Walter Fritz und dem Buchautor Hans Vogl für die hilfreichen Informationen und Quellen zum Regener Pichelsteinerfest. Bei der Erstellung des Artikels wurden auch die beiden Mitglieder des Pichelsteinerkomitees Herr Manfred Homolka und Herr Martin Vanek befragt. Durch ihre Funktionen im Verein, Homolka als kreativer Leiter der Festzuggestaltung und Vanek als Schriftführer und Website- und Chronikbetreuer, konnte ein umfassender Einblick in die Thematik gewonnen werden. Gedankt sei an dieser Stelle auch dem Heimatpfleger der Stadt Regen, Horst Sauer und dem Chefredakteur des Bayerwaldboten, Michael Lukaschik für ihre Bereitstellung von Informationen und Bildmaterial. Dank gilt auch Herrn Michael Jordan, für die technische Unterstützung beim Erstellen des Artikels und die freie Themenwahl. Als gebürtige Regnerin und langjähriges aktives Mitglied des Spielmannszugs der FFW Regen hat ist es mir, Karin Kreuzer, eine große Freude bereitet, das Pichelsteinerfest näher zu beleuchten.

Literatur

  • Brauchtum im Bayerischen Wald. Broschüre. Gröner. Regen 2002.
  • Festprogrammheft zum 136. Pichelsteinerfest in Regen. Regen 2010.
  • Gerndt, Helge: Kultur als Forschungsfeld. Über volkskundliches Denken und Arbeiten. München 1981.
  • Grundbuch für die Gesellschaft Büchelsteiner. Gewidmet von Anton Winter. Regen 1874.
  • Hoy, Lea: Die Besten Kochrezepte aus Omas Zeiten. München 2011.
  • Karl, Raimund: Geschichte der Stadt Regen. 1067-1967. Regen 1967.
  • Karl, Raimund: Ein Leben für Gast und Gerstensaft. Widmung an Herrn Brauereibesizer Johann Baptist Falter zum 80. Geburtstag und 50 jährigen Betriebsjubiläum. Regen 1976.
  • Karl, Raimund: Festschrift zum 100 jährigen Bestehen des Pichelsteiner Festes. Pichelsteiner e. V. Regen (Hg.). Regen 1974.
  • Peinkofer, Max: Der Brunnkorb. Passavia. Passau 1977.
  • Riedl, Chrisine Charlotte: Lindauer Kochbuch, für guten bürgerlichen und feineren Tisch eingerichtet. Lindau, 1894.
  • Rücker, Helmuth: 120 Jahre Pichelsteinerfest Regen. Festschrift zum Jubiläum. Pichelsteiner e. V. Regen (Hg.). Regen 1994.
  • Sauer, Horst: Regen. Die Pichelsteiner-Stadt. Erfurt 2000.
  • Schubert, Alfons: Rund um das Pichelsteinerfest. Eine kleine Heimatschrift zum 90 jährigen Bestehen des Pichelsteinerfestes 1874-1964. Pichelsteiner e. V. Regen (Hg.). Regen 1964
  • Sonderveröffentlichung des Bayerwaldboten zum 137. Pichelsteinerfest, Regen, 29. Juli 2011.
  • Sonderveröffentlichung des Bayerwaldboten zum 138. Pichelsteinerfest, Regen, 27. Juli 2012.
  • So feiern die Bayern. Bilder, Texte und Untersuchungen zum öffentlichen Festwesen der Gegenwart. Ausstellungsbegleitheft. Institut für Deutsche und Vergleichende Volkskunde München. München 1978.
  • Stuber, Hedwig Maria: Ich helf Dir kochen. Das erfolgreichste Universalkochbuch mit großem Backteil. München 2011.
  • Vogl, Hans: Regen- Geschichte und Geschichten. Regen 2010.
  • Winter, Petra: Kulinarische Streifzüge durch Deutschland. Künzelsau 1987.

Weblinks

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