Hungerbäume

Einstiegsinformation

Ein Hungerbaum ist ein geschmückter Baum, der Paaren in den Garten gepflanzt wird, die trotz siebenjährigen Zusammenlebens noch nicht verheiratet sind. Der Baum wird in der Regel von Freunden des Paares gepflanzt und geschmückt. Ab diesem Zeitpunkt muss das Paar dem Brauch nach am Jahrestag ihrer Beziehung für diese Freunde einen Umtrunk, ein Essen oder eine Feier mit den gleichen Teilnehmern veranstalten. Dies wird so lange fortgeführt, bis das Paar heiratet.

Hintergrund

Das Aufstellen eines Hungerbaums geht auf die Zeit zurück, als Hoferben erst heiraten durften bzw. konnten, wenn der Vater den Hof übergeben hatte und dadurch der Hoferbe selbst durch den Ertrag des Hofes für seine Familie sorgen konnte. Da es früher hieß „den Hof übergeben nicht mehr leben“, kam es oft dazu, dass vor allem die Großbauern ihre Höfe erst im hohen Alter von vielleicht 80 Jahren übergeben haben. Folglich waren die Söhne als Erstgeborene auch schon in einem höheren Alter, bis sie ihr Erbe antreten und damit auch heiraten konnten. So ergab es sich bei so manchem Paar, dass die Hochzeit bereits vereinbart war zwischen dem Vater der Braut und dem Vater des Bräutigams, aber keine Hochzeit zustande kam, weil der Vater des Hoferben den Hof noch nicht übergeben wollte. Somit war oft der Vater der Braut mit einer Hochzeit noch nicht einverstanden und ließ die Hochzeit erst nach der Hofübergabe zu, die sich bis zu sieben Jahre oder länger ziehen konnte. Dementsprechend alterte das Paar, „die Liebe hungerte“, es gab keine Veränderung auf dem Hof, es blieb alles beim Alten. Dies wurde auf dem Hungerbaum symbolisch dargestellt durch das Behängen mit altem Gerümpel. Der vertrocknete Baum bezieht sich auf die Fruchtbarkeit des Paares bzw. Braut, da durch das höhere Alter oft keine Nachkommen mehr möglich waren. Um den Großbauern zur Hofübergabe zu motivieren, eine Hochzeit nach sieben Jahren endlich zu ermöglichen, schmückten oft –  beflügelt durch den Vater der Braut, der seine Tochter sprichwörtlich nicht unter die Haube brachte – Verwandte der Braut, Nachbarn oder Freunde des Paares nachts einen Hungerbaum. Dieser galt nicht dem jungen Paar, sondern dem Altbauern, der jegliche Veränderung an Haus und Hof nicht zuliess. Da sich in den letzten Jahrzehnten auf den Höfen (und auch generell gesellschaftlich) viel verändert hat, keine Hochzeiten mehr arrangiert werden und die Bauern froh sind, wenn eines der Kinder zumindest die Hofstelle als Erbe antritt, war dieser Brauch zunächst in Vergessenheit geraten. Doch heute finden sich wieder Hungerbäume, allerdings in verändertem Brauchkontext: Heute erhalten Paare, die länger als sieben Jahre zusammen sind und den Entschluss zu einer Hochzeit noch nicht gefasst haben, einen sogenannten Hungerbaum als Zeichen dafür, für Ordnung und Nachkommen zu sorgen. Hungerbäume wurden in einer Nacht-und-NebelAktion  ohne Vorankündigung gesetzt, so dass die Hofbesitzer und Nachbarn erst früh morgens die „Bescherung“ bemerkten. Einen Hungerbaum zu bekommen, galt nämlich als Schande und signalisierte dem Altbauern sein eigenes unflexibles Verhalten. Es gab zu früheren Zeiten daher auch keinen Umtrunk und keine Brotzeit, wie heute üblich. Da nach dem Krieg und in den Wirtschaftswunderjahren die Praxis der arrangierten Ehen ein Ende nahm, kam auch der Brauch zu einem Ende. In der beschriebenen Region (Gemeinde Albaching, Lkr. Rosenheim) wurde erst 2004 das Hungerbaum-Setzen wieder neu belebt und erfreut sich heute zunehmender Beliebtheit.

Heutiger Ablauf

Beispiel für einen Hungerbaum.
Das Aufstellen von Hungerbäumen ist heute (wieder) ein beliebter Brauch. Nicht zuletzt, weil er mit fröhlichem Schmausen und Zechen verbunden ist, was für den Aufschwung eines Brauchs nicht die schlechteste Grundlage bildet. Beim Hungerbaum geht es um Liebe und Partnerschaft, also um ein Thema, das seit jeher von Bräuchen üppig umrahmt ist. Unübersehbar prangen die Hochzeitsbäume in den Gärten vieler Brautpaare, oben sitzt meist ein Storch im Nest, behängt ist der Baum mit Kinderkleidung und Spielzeug und mit einer Tafel, auf der geschrieben steht, was dem Brautpaar alles blüht, wenn sich nicht bald Nachwuchs einstellt. Insbesondere die Anbringung der Tafeln ist jedoch nur regional verbreitet und nicht flächendeckend üblich. Der Baum war früher vor allem mit Gegenständen behängt, die Vergänglichkeit symbolisierten, z.B. mit einem alten verkommenen Kinderwagen, einem gebrochenen Wagenrad, einem Spiegel, alten, teils angebrochenen Hof- und Küchengegenständen. Der Hungerbaum bildet quasi die Vorstufe des Hochzeitsbaums. Freunde und Verwandte pflanzen ihn solchen Paaren in den Garten, die mindestens sieben Jahre liiert, aber noch nicht verheiratet sind. Vom Tag des ersten Hungerbaums an muss das Paar in einigen Gegenden (aber nicht überall) alljährlich eine Feier veranstalten, und zwar so lange, bis es heiratet.

Gewährspersonen (Hintergrund)

Die Großmutter der Informantin diente als Gewährsperson, wurde 1909 geboren (gestorben 2002) und hatte sieben Geschwister, die von 1895 bis 1911 geboren wurden. Alle acht Kinder kamen auf dem elterlichen Hof zur Welt in der Gemeinde Albaching, heute Landkreis Rosenheim (früherer Altlandkreis Wasserburg Inn und Haager Land). Die Erzählungen der Großmutter und ihrer Geschwister handeln alle vom östlichen Landkreis Ebersberg und dem Altlandkreis Wasserburg am Inn. Vor allem die älteren Geschwister berichteten von den Hungerbäumen. Die Informantin kennt die Hungerbäume auch aus den Erzählungen der Großonkel und Großtanten. Hierbei drehte es sich um die Zeit vor 1914 und anschließend nach dem Krieg von 1918 bis ca. 1930. Den Schilderungen zufolge habe der immer stärker werdende Einfluss der Nationalsozialisten auch auf dem Land einiges verändert. Die älteste Schwester der Großmutter, 1895 geboren, berichtete, dass der Brauch des Hungerbaum-Setzens vor der Jahrhundertwende besonders verbreitet war, das habe sie wiederum durch ihre Eltern erfahren.