Hochzeit in Schwaben

Einstiegsinformation

Vom Polterabend vor der Hochzeit über das Ringetauschen bis hin zur Brautentführung – wohl bei jeder Hochzeitsfeier trifft man auf mehr oder weniger traditionelle Bräuche, aber längst nicht bei jeder auf die gleichen. Das Beispiel aus Schwaben zeigt: das Hochzeitspaar verwirklicht dabei weitgehend die eigenen Wünsche, ist vor Überraschungen aber nicht gefeit.

Ein Hochzeitsbeispiel

Das Brautpaar mit Gästen.

Diana und Chris, 21.06.2008

Angesichts der unzähligen verschiedenen Hochzeitsbräuche und deren Bedeutung, drängt sich die Frage auf, an welchen Bräuchen heutzutage noch festgehalten wird, und ob den Paaren, die diese Bräuche an ihrer Hochzeit ausführen die Bedeutung dieser überhaupt bewusst ist. Und falls nicht, wieso werden sie dann überhaupt ausgeführt? Hierzu wurde ein junges Paar vor und nach der Hochzeit befragt sowie die komplette Hochzeit mit den Vorbereitungen und den damit einhergehenden Überlegungen dokumentiert und hier aufgeführt.

Das Paar

Diana war zum Zeitpunkt der Befragung 20 Jahre alt und ist in der ländlichen Umgebung Augsburgs aufgewachsen. Ihr Ehemann Chris, 22 Jahre, wurde in München geboren und ist nach Augsburg gezogen. Das junge Paar ist bereits nach sechs Monaten ihrer Beziehung zusammen in eine Wohnung in Augsburg gezogen. Nach knapp einem Jahr, d.h. einem halben Jahr Zusammenleben, machte er ihr einen Heiratsantrag, den sie sofort bejahte.

Ein Brautstrauß und seine Wirkung

Diana hatte auf der Hochzeit ihrer Tante, ein Jahr zuvor den Brautstrauß gefangen. Der Brautstrauß war ihr mehr oder weniger „zufällig“ in die Hände gefallen. Sie hatte es nicht darauf abgesehen oder sich darum bemüht und maß auch dem Fangen des Straußes keine weitere Bedeutung zu. Zu diesem Zeitpunkt war sie zwar bereits mit Chris zusammen, dachte jedoch nicht ans Heiraten. Chris war jedoch während der genannten Hochzeit im Urlaub und so erzählte Diana ihm bei seiner Rückkehr beiläufig von ihrem „Brautstraußfang“. Ihr kam es im nachhinein so vor, als hätte es ihn auf irgendeine Art und Weise sehr beschäftigt. Er habe sich jedoch nichts anmerken lassen oder mehr dazu gesagt. Einen Tag vor dem ersten Jahrestag der Hochzeit ihrer Tante, also einen Tag vor „Ablauf der Frist“ – es heißt, wer den Bratustrauß fängt wird innerhalb eines Jahres heiraten – hat Chris Diana dann einen Antrag gemacht. Sie nahm an und beide planten nun gemeinsam den Hochzeitstermin. Nachdem es immer schon ein Kindheitswunsch der Braut war, im Augsburger Dom zu heiraten, informierten sie sich über einen freien Trau-Termin im Dom. Der Wunschtermin war der 28.06.08, wobei dieses Datum keine tiefere Bedeutung für die beiden hatte. Leider war es nicht möglich, an diesem Tag im Dom zu heiraten. Da es für Diana sehr wichtig war, sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen, haben die beiden auf den Wunschtermin verzichtet und sich für eine Trauung im Augsburger Dom am 21.06.08 entschieden. Das hatte zur Folge, dass den beiden ein Jahr Verlobungszeit blieb.

Vor der Trauung

Einladungen und Gäste

Erst an Weihnachten fing das Brautpaar an, Informationen und Tipps von Dianas Tante einzuholen und zu fragen, was man alles beachten bzw. organisieren muss. Ebenfalls an Weihnachten haben die beiden dann begonnen, selbst ihre Hochzeitseinladungen zu schreiben und zu verteilen bzw. zu verschicken, das heißt, es wurde kein Progoder, eingesetzt. Ein weiterer Wunsch des Brautpaares war es, eine „Traumhochzeit im kleinen Maßstab“ zu feiern, sprich: nur mit den engsten Freunden und Verwandten, stilvoll und elegant. Insgesamt luden sie 51 Personen dazu ein. Zur Trauzeremonie in der Kirche am Samstag erwarteten sie jedoch bereits drei Mal so viele Personen. Dianas Trauzeugin sollte ihre beste Freundin Sabrina werden, Chris Trauzeugin seine Schwester.

Trauringe

Die Trauringe.

Einen weiterer wesentlicher Punkt, über den man sich im Voraus Gedanken machen muss, sind die Ringe. Die weißgoldenen Ringe, die das Paar bei der Trauung austauschte, hatten sie schon ein Jahr zuvor zusammen ausgesucht und gekauft.

Brautausstattung

Brautkleid: Ihr cremefarbenes Brautkleid kaufte die Braut nicht selbst, sondern bekam es von ihrer Tante geschenkt. Diese wollte es bei ihrer eigenen Hochzeit tragen, wurde jedoch schwanger und das Kleid passte nicht mehr. Diana gefiel dieses Kleid so gut. Es hat „einfach perfekt gepasst“ und sie war so begeistert, dass ihre Tante ihr das Kleid schenkte. Chris bekam das Brautkleid vor der Hochzeit noch nicht zu sehen, da dies angeblich Unglück bringen soll. Diana dagegen war beim Kauf seines Anzugs dabei, um darauf zu achten, dass der auch zu ihrem Kleid passte.

Schleier: Einen Schleier wollte die Braut ebenfalls tragen, jedoch war sie sich über dessen Bedeutung nicht wirklich im Klaren: „Er gehört einfach zu einer Traumhochzeit dazu und sieht gut aus.“

Brautstrauß: Ihren Brautstrauß hat sich Diana selbst zusammengestellt, obwohl das sonst der Bräutigam tut. Sie wollte, dass er zum Brautkleid passt. Ihr zukünftiger Mann sollte definitiv nicht wissen, wie ihr Kleid aussieht und sie wollte „auf Nummer sicher“ gehen, dass der Strauß passt.

4 Dinge der Braut: Auf was die junge Braut ebenfalls bei ihrer Trauung achten wollte, waren die Brautausstattung und die 4 Dinge der Braut. Das meiste davon organisierten ihre Mutter und die Trauzeugin. Was sie vor der Hochzeit wusste, war, dass sie ein Strumpfband tragen würde, welches vermutlich blau sein würde und neu. Letztendlich trug sie etwas Neues (das blaue Strumpfband) etwas „Altes“ (das ungetragenes Kleid ihrer Tante), etwas Gebrauchtes (den Schleier, den ihre Tante auf ihrer Hochzeit schon getragen hatte). Und das Geliehene war das Ringkissen. Den Penny im Schuh hat sie weggelassen, da ihr hierbei das „Wohlfühlen“ in den Schuhen, die sie den ganzen Abend tragen sollte, wichtiger war.

Wiederum wusste sie auf die Frage, was dieser Brauch bedeute, nur eine ungefähre, jedoch nicht die exakte Bedeutung. Auf die Frage, wieso sie denn den Brauch dann ausführen wollte, antwortete sie, dass sie sich sehr nah an der Hochzeit ihrer Tante orientierte. Die hatte sich als eine romantische Traumhochzeit in Erinnerung, die sie sich für sich selbst auch wünschte. Deswegen übernahm sie viele Dinge, die sie dort so gesehen und kennen gelernt hatte, ohne sich über die wirkliche Bedeutung oder den Sinn Gedanken zu machen.

Der Junggesellinnenabschied

Beim Junggesellinnenabschied.
Die Braut mit Bauchladen.

Dianas Jungesellinnenabschied wurde eine Woche vor der Hochzeit, am 14.06.08 gefeiert. Alles was sie wusste war, dass sie um 20 Uhr fertig sein sollte, sie wusste weder wohin es gehen würde, noch von wem sie abgeholt werden sollte. Ihr Freund Chris fuhr sie dann in die Stadt. Er hatte seinen Junggesellenabschied schon einen Monat zuvor gefeiert. Zusammen mit ihren besten Freundinnen ging sie dann zunächst, als Häschen verkleidet, in der Stadt zum Essen. Ausgestattet mit einem Bauchladen mit Schnaps usw. lief Diana mit der Gruppe anschließend durch die Innenstadt. Die Leute sollten Lose von ihr kaufen und konnten dann etwas aus dem Bauchladen gewinnen. Es gab jedoch auch Nieten, was zur Steigerung der Einnahmen führen sollte und auch führte. Dianas Aufgabe war es, den kompletten Inhalt des Bauchladens zu verkaufen, ansonsten würden ihre Freundinnen den abstoßendsten Mann aussuchen, den sie in der Stadt finden könnten und den müsste sie dann küssen. Diana hat es jedoch geschafft, alle Lose zu verkaufen. Das eingenommene Geld wurde schließlich von der Gruppe in diversen Lokalitäten für Getränke ausgegeben.

Die kirchliche Trauung

Die Trauung.

Die kirchliche Trauung fand am Samstag um 14 Uhr im Augsburger Dom statt. Wie bereits erwähnt, hatte das Brautpaar nach dem „Überraschungs-Polterabend“ die Nacht zuvor getrennt geschlafen. Sie bei ihrer Mutter und er bei seiner Schwester. Diana hatte am Samstag Morgen einen Friseurtermin und kam zuhause an, als der Bräutigam schon auf dem Weg zur Kirche war. Diana zog sich dann ihr Brautkleid an, machte sich fertig und wurde von einer Kutsche mit zwei schwarzen Pferden zum Dom gefahren. Die Kutschenfahrt war ein Hochzeitsgeschenk von Dianas Mutter. Diana wurde von ihrem Vater zum Altar geführt. Dort wartete ihr zukünftiger Mann bereits auf sie.

Blumenkinder.

Blumenkinder

Als Blumenkinder wählte das Paar Chris‘ Cousine und Cousin, ein Zwillingspärchen, vier Jahre alt. Die Bedeutung der Blumenkinder kannte Diana nicht. Ihr gefiel einfach die Idee bzw. die Umsetzung, dass die beiden Zwillinge unheimlich süß wie ein kleines Brautpaar aussehen und ihnen mit Rosenblättern den Weg bereiten würden.

Die Hochzeitsfeier

Füttern mit der Torte.

Kuchen anschneiden

Nach der Trauung gab es vor dem Dom im Park einen Sektempfang. Anschließend fuhr das Paar gegen 16.30 Uhr mit der Hochzeitskutsche in die „Fischerstubn“, wo es dank des schönen Wetters draußen im Garten Kaffe und Kuchen gab und später das Abendessen.

Das Kuchenanschneiden.

Die Hochzeitstorte war klassisch dreistöckig, cremefarben und wurde vom Brautpaar zusammen angeschnitten, um den Haussegen nicht schon am ersten Tag der Ehe ins Wanken zu bringen. Auch das gegenseitige Füttern mit Torte durfte natürlich nicht fehlen. Die Dekoration war in Creme gehalten, zugunsten der klaren Linie und Eleganz, die sich Diana für die Feier wünschte. Auch auf eine „angemessene“ Kleidung der Gäste legte sie sehr viel Wert. Im Restaurant feierte dann der „geladene Kern“ der Hochzeitsgesellschaft, ca. 50 Leute. Ein Disk Jockey legte Musik auf, da es sich für die relativ geringe Anzahl an Personen „nicht lohnte“, eine Band spielen zu lassen.

Hochzeitszeitung, Brautstrauß- und Strumpfbandwerken

Die zeitliche Planung der Abfolge der Hochzeitsfeier hatte Diana komplett ihrer Mutter/Schwiegermutter und der Trauzeugin überlassen. Eine Brautentführung wünschte das Brautpaar nicht. Beim Feiern war fast nur Familie anwesend, auch viele ältere Gäste. Während einer Brautentführung hätten sie nur im Restaurant sitzen bleiben können und hätten sich gelangweilt. Das hätte wiederum die Stimmung ruiniert. Deswegen verzichtete das Brautpaar auf diesen Brauch. Generell ist Diana auch kein Fan dieses Brauches und so war

Hochzeitszeitschrift.

von Anfang an klar, dass keiner die Braut entführen sollte. Natürlich hatten Freunde und Verwandte auch eine Hochzeitszeitung erstellt. Um 24 Uhr warf Diana, wie von den anderen geplant, ihren Brautstrauß, weil das „einfach zu einer Hochzeit dazu gehört“ und natürlich auch, weil so ein Brautstrauß irgendwie auch zu ihrer eigenen Hochzeit geführt hatte. Von daher hat dieser Brauch für sie nun persönlich eine große Bedeutung. Der frisch verheiratete Bräutigam warf das Strumpfband. Danach zog sich das Brautpaar aufgrund der Aussage der Schwiegermutter, dass ja „normalerweise“ das Brautpaar um 24 Uhr die Feier verlassen würde, kurz zurück und kleidete sich um. Dann kehrten beide freilich wieder zur Feier zurück, weil sie natürlich noch nicht nach Hause gehen wollten.

Literatur

  • Schönfeldt, Sybil: Das große Ravensburger Buch der Feste & Bräuche. Durch das Jahr und den Lebenslauf. Ravensburg 1993.
  • Bogner-Bader, Isabella: Das Hochzeits-ABC. Verlobung und Hochzeit unvergesslich gestalten. Ein Ratgeber von Accessoires bis Zylinder. Wien 1980.
  • Schlegel, Siegfried: Alte Sitten – neue Bräuche. Ein landeskundliches Lese- und Übungsbuch für Ausländer. Leipzig 1988.
  • Aiblinger, Simon: Vom echten bayerischen Leben. Bräuche, Feste, Zeitvertreib. München 1990.
  • Schmidt, Leopold: Hochzeitsbrauch im Wandel der Gegenwart. Wien 1976.
  • Werner, Elyane: Bayerisches Hochzeitsbuch. Vom Anbandeln bis zur goldenen Ehr. München 1991.
  • Martin P. Richter: Gelungene Überraschungen für Polterabende und Junggesellenabschiede
  • Artikel aus „Schwäbisches Tagblatt“, vom 5. April 2001.
  • Artikel aus „Schwäbisches Tagblatt“, vom 6. April 2000.
  • Artikel aus „Wochenend-Magazin“, vom 26. Juli 1997.

Weblinks