Buabaversteigerung

Termin

Dieser Brauch findet am 20.10.2024 statt. Er findet immer am Kirchweihsonntag statt.

Einstiegsinformation

Ein ganzes Dorf versammelte sich jährlich am Kirchweihmontag zur Buabaversteigerung in Eggenthal, bei der Junggesellinnen eine verschlossene Holzkiste ersteigern konnten, deren männlicher Inhalt ihnen den ganzen Abend jeden Wunsch erfüllen musste - und im Gegenzug neben dem Essen auch jegliche Getränke umsonst bekamen.

Ablauf

Nach dem Gottesdienst am Kirchweihmontag in der Pfarrkirche St. Afra in Eggenthal ging man zum gemütlichen Teil des Tages über und verbrachte den frühen Nachmittag mit dem Kirchweihtanz im örtlichen Gasthof Oberer Wirt. Dabei hatte jeder Gast die Pflicht, mindesten einen Tanz zu tanzen, bis es zum Höhepunkt des Tages kam. An dieser sogenannten Buabaversteigerung nahm das ganze Dorf teil. Junggesellen und Junggesellinnen des Dorfes standen hierbei im Mittelpunkt. Dabei wurden schon nach kurzer Zeit die Junggesellen von ihren (Herz-) Damen abgeschirmt und in eine nahe gelegene Scheune gebracht. Dort legten sich die ‚junga Buaba‘ nacheinander in eine Holztruhe, die man auf Rädern – natürlich geschlossen – zurück zu den Junggesellinnen brachte. Diese konnten nun die ihnen noch unbekannten Männer ersteigern, was man sich wie bei einer Auktion heutzutage vorstellen kann. Obwohl sie nicht wussten, wer sie da wohl erwarten würde, steigerten die jungen Damen ihre Mindesteinsätze von 50 Pfennig kontinuierlich in die Höhe. Die teuerste Truhe kostete zur damaligen Zeit ganze vier D-Mark! Ist die geheimnisvolle Truhe dann erst einmal mühsam ersteigert, wollte man natürlich sofort wissen, wer sich darin verbirgt. Unter tosendem Applaus öffnete sich der Deckel und das Geheimnis war gelüftet. Sowohl die Herren als auch die Damen hatten nun bestimmte Pflichten zu erfüllen: Der Junggeselle musste dem Mädchen alle Wünsche von den Lippen ablesen und diese zu ihrer Zufriedenheit erfüllen. Das Mädchen hielt den Jungen im Gegenzug den ganzen Abend aus, d.h. er musste für Essen und Getränke keinen Pfennig bezahlen. Tagesablauf am Kirchweihmontag 10:00 Uhr                    Gottesdienst ca. 12:00 Uhr              Mittagessen beim Oberen Wirt anschließend              Kirchweihtanz ca. 16:00 Uhr             Buabaversteigerung ca. 21:00 Uhr             Ausklang

Varianten

Mädchenversteigerung in der Eifel Einer Quelle aus dem Jahr 1863 zufolge gab es den Brauch der Versteigerung auch in der Eifel - mit dem Unterschied, dass nicht die Jungen, sondern die Mädchen versteigert wurden. Vom Erlös der Mädchenversteigerung wurde die gemeinschaftliche Zeche teilweise am selben Abend, teils bei der Kirmes, also dem Kirchweihfest, bezahlt. Zwei Burschen hatten die Aufgabe, vom Tag der Versteigerung an bis nach der Kirmes darüber zu wachen, dass kein anderer Junge als der Ersteigerer mit dem betreffenden Mädchen sprach oder ohne der Erlaubnis des Ersteigerers mit diesem tanzte. In manchen Ortschaften war es zudem üblich, dass das Mädchen dem Burschen, der sie ersteigert hatte, am Kirmestag nach dem Nachmittagsgottesdienst ein seidenes Halstuch an der Seite anzubinden. Kirchweih in Geroda Die Kirchweihvorbereitung begannen schon Wochen vorher. Etwa 6 Wochen vor Martini kamen die leidgen Burschen [...] zusammen. Zu den „Weibern“ zählten alle ledigen Mädchen des Ortes, die älter als 16 Jahre waren. Diese wurden an die teilnehmenden Burschen versteigert, natürlich unter Ausschluss der Damen. Sie erfuhren erst am nächsten Tag, welcher junge Mann sie ersteigert hatte, folglich der Partner für die Kirchweihtage war. Für die Mädchen war es eine Ehre, wenn sie hohe Preise erzielt hatten, da dies doch zeigte, wie begehrt sie waren. Burschen mit fester Freundin mussten für ihre Angebetete ganz tief in die Tasche greifen. Überschüssige Mädchen, für die nicht geboten wurde, kamen in das sog. „Strohseil“, eine Bezeichnung dafür, dass sie für die Kirchweihtage frei waren. Das ersteigerte Geld diente der Finanzierung der vier Festtage.

Gewährspersonen

Alfons S., lebt seit über 80 Jahren in Eggenthal. Er nahm regelmäßig an der Buabaversteigerung teil und war selbst in seiner Jugend mehrmals Auktionsgegenstand.

Hintergrund-Infos

Im Gegensatz zu heute lebte und arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land. Ohne technische Hilfsmittel konnten die Bauern lediglich mit ihren Händen und Füßen, der Kraft der Tiere und der Maturkräfte die Arbeit verrichten. Hauptverkehrswege waren die Flüsse und die schlecht ausgebauten Straßen, deren Befahrbarkeit von Wind und Wetter abhängig war. Armut und Existenzängste bestimmt den Alltag der Bauern und Landbevölkerung in der Zeit vor der Industrialisierung. Das enorme Wachstum der Bevölkerung, schlechte Produktions- und Lebensbedingungen und dem damit einhergehenden extremen Nahrungsmangel verschlechterte sich die Situation der Bauern auf dem Land zunehmend. Das Zeitalter war geprägt von der Ständehierarchie, dem Zunftzwang und dem feudal-bürgerlichen Lebensstil. Erst durch die Industrialisierung wurden viele Bauern durch den Einsatz von Maschinen entlastet und die Produktivität gesteigert.

Interview

Alfons S. erzählt von der Situation in der damaligen Zeit und erwähnte die Buabaversteigerung als willkommene Ablenkung vom nicht allzu schönen Lebensumständen. Der Anlass für dieses Fest sieht er darin begründet, den reichen Bauern und dessen Söhnen das Geld für die eigenen hübschen Töchter abzuknöpfen. Dabei muss man wissen, dass vier D-Mark in der vorindustriellen Zeit ein Vermögen war, kostete ein Leib Brot doch teure 20 Pfennig! Und doch meinte man es mit den Großbauern nicht böse. Das Geld wurde noch am selben Abend für Speis und Trank ausgegeben, um für ein paar gemütliche Stunden die harte Arbeit zu vergessen. Das Fest zählte als eins der großen Highlights im Jahr. Die ledigen Mädchen waren sehr aufgeregt und fingen schon lange vor dem Kirchweihmontag an zu sparen. Denen war es scheinbar vorerst egal, wen sie da ersteigern werden, Hauptsache war, dass man mitreden konnte! Die Junggesellen freuten sich ebenfalls auf einen lustigen Abend. Alfons S. berichtet von seiner ersten Buabaversteigerung. Nach dem Kirchweihtanz trafen sich alle Jungen in der Scheuen, wo die Holztruhe schon bereit stand. Die sah von außen aus wie ein unluxuriöser Sarg, der innen ebenso unbequem war. Das erste Mal in dieser Truhe nannte er befremdlich und klar, wann legt man sich denn schon mal freiwillig in einen Sarg, der zudem noch verschlossen wird? Am lebhaftesten war ihm die Erinnerung an den Transport zurück zum Gasthof. Es war ja nicht so, dass die Straßen gut ausgebaut waren. Jeden einzelnen Kieselstein merkte man, sobald man darüber gefahren war. Einschlafen konnte man auf jeden Fall dabei nicht! Während der Versteigerung konnten die Jungen alles mithören. Und wenn erst einmal kein Gebot gefallen ist, rutschte einem schon das Herz in die Hose! Man freute sich aber umso mehr, wenn die Gebote dann schnell in die Höhe getrieben wurden. Er meinte sich zu erinnern, dass sein höchster Wert um die drei D-Mark war, was gar nicht so schlecht war! Als die Auktion beendet und der Moment gekommen war, dass die Kiste geöffnet wurde, wurde er immer nervöser. Schallendes Gelächter brach aus, erinnert er sich, als er aus der Kiste stieg, doch ihm war noch nicht klar warum: seine Schwester hatte ihn ersteigert und nicht zum gewünschten Ergebnis eines netten Abends mit einem netten Mädel, das noch zu haben war, geführt. Doch er nahm es mit Humor und lachte mit den anderen mit. Danach musste er seiner lieben Schwester jeden Wunsch erfüllen, beispielsweise sich zum Affen zu machen, mit ihr einen Tanz tanzen, ihr vor dem Publikum ein Ständchen singen. Auf die Frage, ob es ein Pärchen gab bzw. gibt, dass sich auf diesem Weg kennen und lieben gelernt hat, antwortete er mit einem Schmunzeln. Eine definitive Antwort gab es nicht.

Literatur

  • Knauer H., Wiesmüller E., Steidele H., Ruther E.: Eggenthal mit der ehemaligen Gemeinde Bayersried, wias aumaul war. Horb am Neckar, 2005. Ortschronik der Gemeinde Eggenthal
  • D. Frhr. von Reinsberg - Düringsfeld, Das festliche Jahr. In Sitten, Gebräuchen und Festen der Germanischen Völker., Leipzig, 1863.

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