Tölzer Leonhardifahrt

 

Die geschmückten Pferde…

Termin

…vor der Wallfahrt.

Die Tölzer Leonhardifahrt findet jedes Jahr am 06.11. statt. Die einzige Ausnahme bilden die Jahre, in denen der 6. November auf einen Sonntag fällt – in diesem Fall wird die Wallfahrt auf den Tag darauf verschoben, damit sie nicht den regulären Gottesdienstbesuch beeinträchtigt.

Einstiegsinformation

Die Tölzer Leonhardifahrt ist eine traditionelle Pferdewallfahrt, die jährlich in Bad Tölz in Oberbayern stattfindet. Sie ist die größte und bekannteste Veranstaltung ihrer Art in Deutschland und gehört seit 2016 zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe.

Geschichte

Die Wallfahrt.

Die Verehrung des heiligen Leonhard hat in Bad Tölz bereits lange Tradition. Schon für das Jahr 1418 wird ein Leonhards- und Georgsaltar in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt verzeichnet. Irgendwann zwischen 1743 und 1772 wurde der heilige Leonhard dann endgültig zum Schutzheiligen des Viehs. 1772 fand die erste dokumentierte, damals allerdings noch recht unstrukturierte Leonhardiwallfahrt statt, deren Ziel der Höhenberg in Bad Tölz war.

Ein kunstvoll verzierter Truhenwagen.

1856 ordnete der Geistliche Joseph Pfaffenberger die Prozession neu. Sein Plan des Zuges gilt im Großen und Ganzen bis heute.

Von Anfang an stiegen die Besucherzahlen jährlich. Ende des 19. Jahrhunderts kamen erstmals 10.000 Menschen. Nachdem Mitte der 1870er Jahre die Bahnstrecke Holzkirchen – Tölz ausgebaut worden war, fuhren jedes Jahr pünktlich zu Wallfahrt sogar Sonderzüge von München aus nach Bad Tölz.

In den Jahren 1917 und 1918 musste die Wallfahrt wegen des Krieges zum ersten Mal seit 1856 entfallen.

 

Jedes Jahr zieht die Wallfahrt tausende Besucher an.

Während des Nationalsozialismus wurde die Leonhardifahrt ideologisch instrumentalisiert und in Teilen umgedeutet. Der heilige Leonhard wurde etwa mit dem der germanischen Mythologie entstammenden Gott Thor gleichgesetzt. Ein Bericht im Völkischen Beobachter aus dem Jahr 1934 meint etwa: „Der christliche Heilige, der an die Stelle Thors getreten ist, ist für unseren Volksstamm Leonhard und wir können auch heute noch aus der Leonhardifeier den alten Kult erkennen.“ (Christoph Schnitzer: Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz und ihre Folgen; Verlag Tölzer Kurier; 3. Auflage 2015; Seite 36). Das Ziel der Nationalsozialisten war es, die Leonhardifahrt in einen weltlichen, auf die Bauern und das Erntedankfest fokussierten Feiertag umzuwandeln. In den Jahren 1939 bis 1944 fand kriegsbedingt keine offizielle Wallfahrt statt. 1939, 1940 und 1944 gab es trotzdem jeweils einen kleinere, inoffiziellen Bittgang.

Der festliche Freilichtgottesdienst.

 

 

1945 konnte wieder eine richtige Wallfahrt gefeiert werden. Seit 1971 wird die Reihenfolge der Wagen per Los entschieden, um Rivalität um die vorderen Plätze zu vermeiden.

Obwohl der heilige Leonhard offiziell nie heiliggesprochen wurde und sein Festtag seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht mehr als gebotener Gedenktag gilt, ist der 6. November in Bad Tölz ein örtlicher Feiertag, an dem Schulen und Behörden und auch viele Betriebe und Geschäfte geschlossen haben.

Ablauf

Junge Frauen und Mädchen in Tracht, 2019.
Das Goaßlschnalzen.

Heute sind jedes Jahr um die 80 Wagen, zusätzliche Reiter und 15.000 bis 25.000 Besucher bei der Leonhardifahrt dabei. Die Wagen müssen vierspännig sein und dürfen nur beschlagene Holzräder haben. Sie entsprechen in der Regel einem von drei Typen: Einem Truhen-, Tafel- oder Darstellungswagen. Der älteste teilnehmende Wagen ist ein Truhenwagen aus dem Jahr 1785. Frauen und Kinder dürfen nicht reiten, sondern nur in den Wagen mitfahren. Dabei tragen sie Tracht: Verheiratete Frauen den Schalk, ledige Frauen das Mieder.

Bereits Wochen vor dem 6. November beginnen die Teilnehmer damit, die einzelnen Wagen zu schmücken. Am Tag selbst geht es um 09:00 Uhr morgens am Max-Höfler-Platz los. Die Wallfahrt führt durch die Stadt hoch zum Kalvarienberg. Dort wird die Leonhardikapelle umritten und umfahren, wobei der Zug von einem Pfarrer gesegnet wird. Anschließend findet ein festlicher Freiluftgottesdienst statt.

Zum Schluss gibt es noch das Goaßlschnalzen, bei dem junge Männer rhythmisch mit ihren Dreschgoaßln (Fuhrmannspeitschen) knallen. Dies lässt sich auf heidnische Bräuche zurückführen, nach denen mit den lauten Geräuschen böse Geister gebannt werden sollen.

Darstellungswagen mit Kindern.

Danach wird bis in die Nacht gefeiert.

Der heilige Leonhard

Die mit Ketten umspannte Leonhardikapelle in Bad Tölz.
St. Leonhard mit seinen Ketten, Laurentiuskirche, Unternalb, Niederösterreich.

Der Gedenktag des heiligen Leonhard ist der 6. November. Geboren wurde er um 500 in Orléans in Frankreich. Seine Lebensgeschichte ist von Legenden geprägt. Als Kind wuchs er am Hof der Merowinger auf und wurde von Erzbischof Remigius von Reims getauft und unterrichtet. Als Erwachsener wurde er Mönch und beteiligte sich an der Gründung des Klosters in Micy bei Orléans. Später wurde ihm die Übernahme eines Bistums angeboten, was er aber ablehnte. Stattdessen zog er als einfacher Diakon in eine Mönchszelle im Wald Pauvain. Von dort aus predigte er und heilte, den Legenden nach, auch zu ihm kommende Kranke. Er besuchte regelmäßig Gefangene und erreichte für viele beim König die Freilassung. Angeblich wurden auch Gefangene, die zu ihm beteten, sofort von ihren Fesseln befreit. Ursprünglich war er deshalb der Heilige derer, „die in Ketten liegen“, also der Gefangenen und der psychisch Kranken, die man lange ebenfalls ankettete. Nach der Reformation wurde er außerdem der Schutzpatron der Haustiere, da man die Ketten, mit denen er oft abgebildet wurde, als Viehketten interpretierte. Die ihm geweihten Kirchen sind in der Regel mit Ketten umspannt, die in Bad Tölz ebenfalls.

Im 19. Jahrhundert erreichte seine Verehrung den Höhepunkt, besonders in Bayern, wo man ihn auch den „bayerischen Herrgott“ oder den „Bauernherrgott“ nannte. Hier wird er teilweise auch zu den 14 Nothelfern gezählt.

Seine Existenz ist historisch nicht gesichert, aber doch relativ wahrscheinlich. Die älteste Lebensgeschichte Leonhards wurde um 1030 verfasst.

Weblinks

  • https://www.unesco.de/staette/toelzer-leonhardifahrt/
  • https://www.bad-toelz.de/de/wissen-und-tradition/leonhardifahrt-bad-toelz.html
  • https://www.ike.bayern.de/verzeichnis/000216/index.html
  • https://www.deutsche-alpenstrasse.de/de/leonhardifahrt-bad-toelz
  • https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/Leonhard_von_Noblat.html

Literatur

  • Christoph Schnitzer: Die Tölzer Leonhardifahrt; CS-Verlag, 2005
  • Christoph Schnitzer: Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz und ihre Folgen; Verlag Tölzer Kurier; 3. Auflage 2015

Bildlinks

  • https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_group_of_young_women_and_children_wearing_traditional_clothing_during_the_traditional_Leonhardi_Ritt_in_the_German_city_of_Bad_T%C3%B6lz.jpg (User: Namevergeben123, 2023)
  • https://commons.wikimedia.org/wiki/File:St._Leonhard_Bad_T%C3%B6lz.jpg (User: Edelmauswaldgeist, 2024)
  • https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Unternalb_Kirche10.jpg (User: BSonne, 2013)