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Karfreitagsratschen

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Ab dem Gloria der Messe am Gründonnerstag bis zur Ostermette in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag wird in katholischen Kirchengemeinden zu genau festgelegten Zeiten geratscht. Die Ratschen erklingen in der Zeit, in der die Kirchenglocken schweigen. Wann geratscht wird und welche Verse dazu gehören, ist ortsabhänig. Der Artikel handelt hauptsächlich von den Ratschenbuben und -mädchen in Unterfranken. Dort ist das Ratschen auch unter den Namen "Rumpeln" oder "Leiern" bekannt.

Termin

Dieser Brauch ist vom 29.03.2013 bis zum 30.03.2013.

Ablauf

Geratscht wird in der Karwoche hauptsächlich am Karfreitag und Karsamstag, und zwar ab dem Gloria der Messe am Gründonnerstag bis zum Gloria der Ostermette in der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag. Wie es im unterfränkischen Volksmund heißt, "fliegen die Kirchenglocken nach Rom, um dort geweiht zu werden". Andernorts heißt es, dass sie "vor Scham schweigen" oder dass "die Glocken nach Rom fliegen und dort Reisbrei essen". Als Ersatz treten am Karfreitag und Karsamstag die Ratschen in Aktion. Die Ratschenkinder aus Hohestadt wissen, wieso sie ratschen: "Weil die Glocken nicht läuten, weil da Jesus gestorben ist." Ministranten, aber auch andere Kinder des Dorfes ziehen ratschend durch die Gemeinde, um den Gottesdienstbeginn anzukündigen und die Gläubigen zur Kirche oder zum Gebet zu rufen. Geratscht wird bei jedem Wetter, entweder vom Kirchturm herunter oder in den Straßen. Im katholischen Unterfranken gehen die Ratschenkinder von Haus zu Haus. In Oberfranken wird auch vom Kirchturm geratscht, wenn zur Messe eingeladen wird.

Karfreitagsratschen 1.jpg

Die Rumplkinder

Früher durften nur männliche Ministranten ratschen. Seitdem Mädchen auch ministrieren, gibt es auch Ratschenmädchen. Heute ist das Ministrieren selbst meist keine Voraussetzung mehr (wie zum Beispiel in Hohestadt). Sobald man genug Kraft hat, die Ratsche zu tragen, darf man "mitratschen". Die "Ratschnkinder" werden auch "Rumplkinder" oder "Klapperbubn und Klappermädchen" genannt.

Am Karfreitag

Die Zeiten, an denen geratscht wird, sind je nach Ort unterschiedlich, aber in langer Kirchentradition festgelegt. So wecken die Ratschen die Einwohner teilweise bereits früh um sechs Uhr. Im Laufe des Tages wird zum Beispiel in Hopferstadt insgesamt sechs Mal geratscht.

Der Lärm der Ratschen wechselt sich ab mit gesungenen Sprüchen oder Reimen. Es wird abwechselnd geratscht und gesungen, wobei die "Vorrumpler" (also die erfahrenen Rumpler) den "Nachrumplern" (also den unerfahrenen Rumplern) den Takt und die Melodie vorgeben.

Sprechverse und Zeiten in Hopferstadt

Folgende Sprechverse werden abwechselnd mit dem Ratschen in einem bestimmten Takt und Rhythmus in Hopferstadt bei Ochsenfurt in Unterfranken gesungen:

  • 6:00 Uhr

"Reinste Jungfrau, oh betrachte
wie zu dir der Engel sagte
dass du Mutter Gottes seist,
und empfingst vom Heilgen Geist."

  • 11:00 Uhr

"Liebe Leute lasst euch sagen
Unsre Uhr hat elf geschlagen."

  • 12:00 Uhr

"Dies ist der englische Gruß,
den ein jeder Christ beten muss
fallet nieder auf die Knie'
u'nd betet ein VATER UNSER und drei AVE MARIE."

  • 14:00 Uhr

"Dies ist das erste Mal zur Kirche, zur Kirche, das erste Mal.
In einer Stunde beginnt die Kirche, die Kirche."

  • 14:30 Uhr

"Dies ist das zweite Mal zur Kirche, zur Kirche, das zweite Mal.
In einer halben Stunde beginnt die Kirche, die Kirche."

  • 18:00 Uhr

"In dieser Nacht sei du mir Schirm und Wacht
oh Gott durch deine Macht, wollst mich bewahren,
vor Sünd und Leid vor Satans List und Neid.
Hilf mir im letzten Streit, in Todsgefahren."

Sprechverse und Zeiten in Ebenhausen

Die Sprechverse und Takte sind von Ort zu Ort sehr unterschiedlich. So geht es in Ebenhausen bei Oerlenbach in Unterfranken

  • Gründonnerstag nach dem Abendmahl:

"Das ist die Todesangst Christi, die Todesangst."

  • Karfreitag 6:00 Uhr:

"Das ist der Englische Gruß,
den jeder Christ beten muss,
das Ave Maria, Maria."

  • 11:00 Uhr:

"Es hat elf geschlagen!"

  • 12:00 und 18:00 Uhr

"Das ist der Englische Gruß,
den jeder Christ beten muss,
das Ave Maria, Maria."

  • Karfreitagsgottesdienst und Osternacht:

"Das ist das erste und zweite Mal zur Kirche, 'das erste und zweite Mal.

Das ist das dritte und letzte Mal zur Kirche, 'das dritte und letzte Mal.

Wir klippern und klappern zusammen, auf einen Haufen,'wer in die Kirche will, muß laufen,
wer nicht laufen kann, soll langsam gehen,
aber in die Kirche muß er gehen."

  • Wenn einer der Klapperbuben verschlafen hat wird dieser mit folgendem Spruch geweckt:

"XYXY, steh auf zum Beten, wir sind schon angetreten."

Sprechvers ohne Ortsangabe

"Die Glocken sind stumm, sie hängen in Ruh.
Wir Knaben, wir singen und klappern dazu. 'Ave Maria."

Am Karsamstag

Auch am Karsamstag wird fleißig geratscht, denn die Kirchenglocken schweigen immer noch. In Hopferstadt wird zum Beispiel um 6.00 Uhr, 11.00 Uhr, 12.00 Uhr und 18.00 Uhr geratscht. Am Nachmittag sammeln die Rumplkinder dann einen Heischelohn ein in Form von Geld, Süßigkeiten oder - ganz traditionell - Eiern. Dies nehmen sie als Dank dafür, dass sie so fleißig geratscht haben. Vor jedem Haus machen die Ratschenbuben halt und lassen ihre hölzernen Instrumente einige Minuten lang ertönen, bis jemand die Türe öffnet. Mit besonderen Gedichten bitten sie dann um einen Lohn.

Der Lohn wird später gewissenhaft aufgeteilt. Im unterfränkischen Hopferstadt bekommen zum Beispiel die Ratschenbuben und -mädchen je nach Schulklasse eine bestimmte Anzahl von Eiern. Die Erstklässler bekommen zwei Eier, die Zweitklässler bekommen drei Eier und so weiter. Den Ältesten, also den Siebtklässlern, steht das ganze Geld zu. In der Pfarrgemeinde Stadtsteinach in Oberfranken fließt der Ratschenlohn hauptsächlich in die Kirchenkasse, ein Teil aber auch in die Ministrantenkasse, um zum Beispiel Ausflüge zu finanzieren. In anderen Gemeinden, wie in Hohestadt bei Ochsenfurt werden nicht mehr nur Eier, sondern überwiegend Geld eingesammelt, von dem ein großer Teil an Hilfswerke gespendet wird.

Früher liefen wohl auch Pfarrer, Küster, Lehrer, Hirten, der Totengräber und Dorfarme in der Karwoche in ihrem Dorf herum, um Naturalien einzuholen, mit denen sie entlohnt wurden. Es gab zum Beispiel eine Zinsei- und Beichtei-Verpflichtung, der die Gläubigen nachkommen mussten.

Verse zum Einsammeln der Belohnung

Die Lieder, die beim Einsammeln der Belohnung gesungen werden sind ebenfalls traditionell geprägt und stark ortsabhängig. Hier einige Beispiele:

  • aus

Hohestadt

bei Ochsenfurt in Unterfranken

"Wir haben geklappert für's Heilige Grab
'und bitten um eine milde Gab.
Nicht zu groß und nicht zu klein,
denn Sänger mussten wir auch noch sein."

  • aus

Ebenhausen

bei Oerlenbach in Franken

"Mutter, Mutter Eier rauß,
sonst steigen wir in Hühnerhaus
und leeren alle Nester aus."

  • aus

Marienweiher in Oberfranken

"Feieramd, Feieramd (Feierabend),'Ihr Leut macht eure Eier z'samm.'"

Am Ostersonntag

In der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag läuten die Kirchenglocken zum ersten mal in der Ostermette wieder, um die glorreiche Auferstehung des Herrn zu verkünden. Viele Menschen sind froh, jetzt nur mehr durch den festlichen Klang der Glocken geweckt zu werden und nicht durch den "durchdringenden Lärm dieser alten Holzinstrumente".

Hintergrund-Infos

Verbreitung

Auch in Oberfranken, in der Fränkischen Schweiz, in der Oberpfalz, in der katholischen Rhön, im oberhessischen Marburg, in der Eifel, in Donebach im Odenwald, im Vorarlberg in Österreich oder in der Schweiz wird geratscht. Allerdings unterscheidet sich der Brauch des Ratschens von Ort zu Ort. Manchmal hat er auch einen anderen Namen wie zum Beispiel "Klappern" (siehe bei Klapperjungen) oder "Rätschna".

Das gemeinschaftliche Lärmen macht Spaß. Ein paar Hohestädter Ratschenkinder erzählten, wieso sie gerne ratschen: "Weil's Spaß macht … und mer auch noch was dafür kriegt. Ich glaub was zu Naschen und Geld." Nicht nur dort sind die Ratschenbuben und -mädchen jedes Mal voller Eifer dabei.

Rumpelmette

Lärmen und Klappern gehörte früher zur "Rumpelmette". Dabei kamen Schallbretter und hölzerne Klappern zum Einsatz.

Siehe auch

Weblinks

Gewährspersonen

Kinder und Erwachsene aus Hopferstadt und Hohestadt in Unterfranken

Literatur

  • Aiblinger, Simon: Vom echten bayrischen Leben. München 1975.
  • Becker-Huberti, Manfred: Feiern - Feste - Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr. Freiburg im Breisgau 2001.
  • Becker-Huberti, Manfred: Lexikon der Bräuche und Feste. Freiburg im Breisgau 2007.
  • Endres, Irmtraut: Ostern in Franken. Würzburg 1993.
  • Hofmann, Hanns Hubert: "Osterbräuche in Franken". In: Ranft, Ferdinand: Vom Main zur Donau. Beiträge aus der fränkischen Regionalsendung des Bayerischen Rundfunks, 1961.
  • Kumpfmüller, Judith/Steinbacher, Dorothea: Das bayerische Brauchtumsjahr. Lebendige Folklore zwischen Frankenwald und Watzmann. München 2005.
  • Moser, Dietz-Rüdiger: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg im Breisgau 2002.
  • Mümmler, Manfred: Brauchtum - Ausdruck fränkischer Lebensweise. Emskirchen, Scheinfeld 1985.
  • Schmidt, Gustav: Oberfränkisches Brauchtum in alter und neuer Zeit. Bayreuth 1994.

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Diese Seite wurde zuletzt am 9. Mai 2013 um 16:51 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 29.817-mal abgerufen (to Cache).