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Brautwagen

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Verlorenes Brauchtum in Rhön - Grabfeld - Der Brautwagen war einst Gradmesser der Tüchtigkeit.

Ablauf

Kreisheimatpfleger Reinhold Albert

Verlorenes Hochzeitsbrauchtum in Rhön – Grabfeld

Der Brautwagen war einst Gradmesser der Tüchtigkeit der Braut

Der Brautwagen, mit dem i. d. R. die Braut vor der Hochzeit ins Hochzeitshaus eingeholt wurde, war einstmals der Gradmesser ihrer Tüchtigkeit. Der Einzug des Brautwagens erfolgte stets an einem Dienstag oder Donnerstag vor der Hochzeit. Der „Kiestewö“ (Kistenwagen) oder „Scherzwagen“, wie der Wagen auch genannt wurde, war mit Betten, Schränken und allerlei Hausgerätschaften nebst der sonstigen Aussteuer beladen. Das Beladen des Brautwagens erforderte große Umsicht und Geschicklichkeit, alles so zu ordnen und zu richten, damit dieser stattlich aussah und die Aussteuer sich im schönsten Licht zeigte. Der mächtige Leiterwagen war vor allem mit dem feinsten und längsten Flachs angefüllt, der durch die Leitern sichtbar war. Darüber folgte der kunstvolle Aufbau des Hausgerätes, dessen Glanzpunkt das stattliche, vollständig aufgeschlagene Bett bildete. Zu oberst prangte das Symbol der Frauenarbeit - das Spinnrad. Der daran befindliche, von rotseidenen Bändern umwundene riesige Rocken wurde von den Freundinnen der Braut gespendet.

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Ein Hochzeits- oder Brauchwagen in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhundert unterhalb des Schlosses Sternberg im Grabfeld.

Da die Braut nach alter Anschauung ihre Kost für das erste Vierteljahr mitbringen musste, belud man früher die Hälfte des Wagens mit Säcken voll Roggen, Weizen und Kartoffeln. Die Braut brachte Kleiderschrank, Glasschrank und Truhe, in der sich die Wäschestücke und Küchengeräte befanden, ferner einen Tisch mit vier Stühlen und Flachsbearbeitungsgeräte mit. Der Flachs und die Lebensmittel als notwendiges Zubehör zum Brautwagen sind beim Niedergang der Leinenweberei allmählich in Wegfall gekommen und durch Nähmaschine und Sofa ersetzt worden.
Das Bett, auf dem das von der Patin gestiftete Brautkissen angeheftet lag, war an
den vier Ecken mit Blumensträußchen geschmückt. In der Mitte lag ein Kränzchen. Das Bett wurde so aufgestellt, dass das Fußende in Fahrtrichtung zeigte. Stellte man es umgekehrt, so dass die Kissen bei der Abfahrt nach dem alten Heim „zurückschauen“ konnten, so glaubte man, würde die Braut nicht lange im neuen Heim bleiben - entweder würde sie mit ihrem Brautwagen wegen ehelichen Unfriedens bald wieder zurückkehren, oder sie würde schon nach kurzem Eheglück sterben.
Ehe die Pferde an den Brautwagen angespannt wurden, führte man sie dreimal um den Wagen, wohl damit die Braut den Weg ins alte Heim nicht mehr zurückfinden sollte. Weiter mussten die Pferde dreimal vergebens anziehen, ehe man abfuhr. Die Pferde durften auch nicht mehr ins Heim zurückgeführt werden, wenn sie den Wagen ganz an den Bestimmungsort gebracht hatten. Deshalb wurde an der Dorfgrenze ein Umspann vorgenommen. Das erste Gespann ging zurück und ein anderes, aus dem neuen Heim oder dessen Nachbarschaft, zog den Brautwagen weiter. Beim Ausspannen wurden die Pferde wieder dreimal um den Wagen geführt, ehe man sie in den Stall brachte. Die Art der Möbelaufstellung, das Umführen der Pferde und das Umgehen des Brautpaares bezogen sich deutlich auf den Ehebund, der die Braut an den Bräutigam und dessen Hof binden sollte. Mitunter war es sogar üblich, nach der Trauung einige Male das Brautpaar zu umgehen oder zu umreiten.
Bei Abfahrt heftete die Braut dem Fuhrmann, dem Schreiner und allen Helfern bunte Taschentücher an den Hut. Wagen, Pferde und Peitsche wurden mit Kränzen und Sträußen geschmückt. Die Braut nahm auf einer Kiste oder Lade auf dem Wagen Platz. Sobald sich der Wagen durch die Gassen bewegte, kamen arme Leute und deren Kinder mit einem Band, zogen dasselbe quer über die Straße und „hemmten“ den Wagen, worauf der Bräutigam seine Braut mit einem Geldstück auslösen musste.
Bei ihrer Ankunft im neuen Heim beschenkte die Braut alle Familienmitglieder mit einem Brautstück. Es war ein Freundschaftsgeschenk und bestand in Kleiderstoffen, Tischdecken und anderen Dingen, die für die Beschenkten von praktischem Wert waren. Nach dem Auszug mit dem Brautwagen sah man es nicht gerne, wenn die junge Frau unter vier Wochen einen Besuch bei ihren Angehörigen machte. Das hielt man für ein schlechtes Omen.
Aus Wülfershausen an der Saale ist aus der Mitte des 19. Jahrhunderts überliefert: „In früherer Zeit scheint das ‚Auswärts heiraten’ nur sehr selten vorgekommen zu sein. Am liebsten heirateten Einheimische zusammen und jahrelange Bekanntschaften, manchmal schon von der Schulzeit stammend, waren nicht selten. Der Abschied vom Elternhaus vollzog sich ohne besondere Förmlichkeiten. Von den zunächst Beteiligten wurde laut geweint, und je mehr geschrieen wurde, desto gewisser sollte der Zusammenschluss sein.

Der Brautwagen war einfach: Auf dem Wagen wurde das Bett vollständig aufgeschlagen. Derselbe war an den Ecken mit roten Schleifen und Bändern geziert. In das Bett wurde häufig ein Kruzifix gelegt. Auf den Wagen kam eine schön gerollte eichene Truhe mit festem Schloss, die Jahreszahl des Hochzeitstages oft auch Datum waren verzeichnet. Später kam ein Schrank und eine Kommode. Ferner durfte nie ein Spinnrad mit aufgestecktem Flachs fehlen.
Auch die Ausstattung war einfach: Die Wäschestücke waren nur von selbstgesponnenen Flachse und gewöhnlich im eigenen Haushalte vom Vater gewebt. Zwei Überzüge, 12 Hemden, 12 Taschentücher, 12 Handtücher und einige Tischtücher bildeten eine sehr reiche Ausstattung. An Naturalien bekam die Braut noch so viel Mehl oder Getreide mit, dass es für ihren Bedarf etwa bis zur Ernte reichen konnte. Sie sollte nicht vom fremden Haushalt essen, ohne dass sie mitgearbeitet hätte. Hochzeitstag war stets der Dienstag. Die junge Frau ging erst am Donnerstag zu ihrem Mann.“
In Gabolshausen wurden einst ebenfalls der Brautwagen (im Volksmund die „Bräutfuhr“) und die „Bräutscheesa“ hergerichtet, geht aus Aufzeichnungen aus dem Jahre 1932 hervor. Damals wurde aufgeschrieben: „Wird fremd ‚naus g’heiert‘, so wird bei einer großen Hochzeit die ‚Bräutfuhr‘ hoch und stattlich hergerichtet. Der Dorfschreiner baut darauf die üblichen Möbel: Doppelbett, Waschkommode, Kleiderschrank und zwei Nachtschränkchen, Spiegelkommode, Tisch und Stühle in kunstvoller Art, die Betten sauber aufgeputzt und mit den schönsten Spitzenbetttüchern überzogen recht hoch auf. Die Kameradinnen der Brautleute binden und flechten schon etliche Tage vorher Kränze und Schleifen und hängen diese am Hochzeitsmorgen an ‚Bräufuhr‘ und ‚Bräutscheesen‘.
Als ‚Bräutscheesen‘ dient die beste Dorfkutsche, oft ein ‚Landauer‘ aus der Stadt, die ebenfalls pikfein aufgewichst und geschmückt ist und die Brautleute am Abschiedstage in das neue Heim fährt.
Beide, Brautfuhre und Brautscheese, müssen wohlbehalten dort ankommen. Stößt ihnen unterwegs ein Missgeschick zu, so bedeutet das nichts Gutes. Es zeigt kommendes Unheil im neuen Ehestand an. Im Jahre 1923 stieß der Kammerwagen einer hiesigen Braut bei der Fahrt durch den Dorftorbogen, weil zu hoch aufgeputzt, oben an das Tor, die schöne Brautfuhre stürzte zusammen; alle prophezeiten Unheil – und wirklich, Unglücksfälle in Menge gaben den Weissagern recht.
Wenn ein Bräutigam oder eine Braut von einem fremden Dorf ‚reiheiern tut‘, so werden sie ‚reingeleuchtet‘. Lange vorher passen die Kinder auf und harren der ‚Brautscheesen‘, die jeden Augenblick kommen kann. An ein dickes Wagenseil wird eine brennende Haus- oder Sturmlaterne gehängt, das Seil ist reichlich mit bunten Papierschleifen geziert und wird geschwungen, dass das Licht hoch aufleuchtet. Naht die Brautkutsche, so wird beim Dorfeingang das Seil ausgespannt, Kinder und Burschen gehen derselben voran, langsam fährt die Brautscheese hinten nach und wird so unter allgemeinen Jubel und Schießen zum neuen Heim geleitet. Den Seilspannern wird gewöhnlich ein Geldgeschenk in die Hand gedrückt und den Kindern ‚Gald ausgetält‘, ausgeworfen, wobei sie dann gierig über die Münzen herfallen.
Das Aufhalten und Geldauswerfen - Nur wenn ‚einer fröm naus heiert oder abg’holt und reigeleuchtet‘ wird, wird in Gabolshausen aufgehalten. Die Brautscheesen wird durch eine Schnur, gewöhnlich ein Wagenseil, durch Kinder, seltener durch Burschen, aufgehalten und die Brautleute müssen sich dann durch Geldauswerfen – kleine Nickel und Kupfermünzen – freikaufen.“
Aus Hendungen wird 1938 mitgeteilt: „Am Tag nach der Hochzeit trägt schon früh die junge Frau Backwaren verschiedener Art zu Verwandten, Nachbarn und Bekannten, worauf in die neue Wohnung gezogen wird. Angehörige von Hochzeitsgästen, Nachbarn und Kinder sind hierzu eingeladen und bringen ein jedes eine Kleinigkeit (Bürsten, Seife, Lichter, Kaffeetassen und dergleichen) für den neuen Haushalt mit. Auf dem Brautwagen ist das Bett hoch aufgeschlagen und Tisch und Stühle, Schrank und Kommode nehmen ihren Raum ein, während unter dem Brautwagen sich Säcke mit dem Bräutroggen, Flachs und Kartoffeln befinden.
Der Wagen, Pferde und Fuhrmann sind reich geschmückt, und auf dem umgelegten Schrank auf dem Wagen sitzt das älteste Patchen mit dem Spinnrad. Dem Brautwagen folgen dann noch Helfer, und zwar tragen zwei Männer eine Stange mit Wurst- und Fleischwaren, zwei andere ein Möbelstück, für das man auf dem Wagen keinen Platz fand. Zwei Burschen zeigen an einer Stange den Reichtum der Braut an neuen und ausgebesserten Schuhen, und besitzt sie eine Nähmaschine, so wird sie auch von zwei Burschen getragen. Trägt man keine Räucherwaren mit, so wird ein lebendiges Schwein im Zug mitgeführt, und einen kleinen Wagen ziert ein Geflügelkäfig mit Hühnern oder Gänsen. Verschiedene Haus-, Küchen- und Feldgeräte tragen andere Helfer. Die ganz zuletzt kommende junge Frau trägt den Hochzeitsanzug ihres Mannes und ein Körbchen voll Eier. Auch ein in Erbsstroh gewickelter Bursche wird manchmal als Bär oder Hanswurst zur Belustigung mitgeführt.
Der Bräutigam erscheint erst, wenn der Zug vorbei ist, mit dem Schnapskrug und dem Laib Brot, sein Bruder oder der neue Schwager mit einer Gießkanne voll Bier und dem Maßkrug. Diese klopfen an die Fenster und bieten den Trunk an.
Am Abend desselben Tages kommen die vom Bräutigam geladenen Männer. Ein jeder legt eine große Bürde Scheite hinter der Haustür nieder, und man sagt hier, das Herdfeuer wird gewärmt! Auf diese Art und Weise bekommen die jungen Eheleute leicht zwei bis drei Ster Holz zusammen. Den Holzbringern wird vorgesetzt, was vom Hochzeitstisch noch übrig ist. Das Übriggebliebene ist in der Regel nicht wenig.“Vor einiger Zeit fand im Vorgeschichtsmuseum Bad Königshofen eine vom Verein für Heimatgeschichte und dem Bezirk Unterfranken organisierte Ausstellung zu Hochzeitsbräuchen statt. Bei dieser wurde auch ein Brautwagen gezeigt.
Aus Sulzfeld ist überliefert: „Vielfach kommt es nun vor, dass Braut und Bräutigam nicht von einem Dorfe sind, dass also eines hinausheiratet oder ein Teil von der Fremde ins Dorf heiratet. Hier geschieht dann noch ein weiteres. Zwei Tage vor der Hochzeit kommt der Brautwagen von der fremden Ortschaft dahin gefahren, wo die jungen Eheleute ihr Heim gründen werden. Der Brautwagen, der Stolz der einziehenden Braut, ist festlich mit Kränzen und Blumen geschmückt. Das weißbezogene Brautbett steht aufgeschlagen auf dem Wagen und was die junge Frau an Möbeln noch alles mitbringt, hat daneben Platz gefunden. Der Kutscher, der freudestrahlend aufsitzt, hat zu dieser Fahrt seine Pferde besonders stolz geschmückt und an seiner Peitsche flattert ein buntes Sträußlein.
Am gleichen Tage fährt der Bräutigam zu seinen Schwiegereltern, um seine Braut in ihre neue Heimat zu führen. Früher fuhren dann beide in einer aufgeputzten Chaise in angemessener Entfernung dem Brautwagen nach, heute kommen sie ungefähr mit dem Brautwagen zugleich, zeitgemäß mit Auto in der Heimat des Bräutigams an. Sind Brautleute und Brautwagen in ihrem neuen Heim empfangen worden, so findet ein Schmaus statt, bei dem es schon recht lustig zugeht.
Den Augenblick, wo die junge Braut ihre alte Heimat verlässt und mit dem Bräutigam in ihrer neuen Heimatgemeinde eintrifft, macht sich die Dorfjugend beider Ortschaften zunutze. Wenn früher die Chaise und heute das Auto zum Dorfe hinausfährt, so stehen die Kinder in Abständen von 50 – 100 Meter an der Straße und spannen Seile über die Fahrbahn. Sie halten die Braut auf, sie wollen sie nicht so reibungslos freigeben. Dabei gehen auch die Kinder nicht leer aus; denn die Braut wirft ihnen Geld hinaus. So muss unter Umständen fünf- bis sechsmal Halt gemacht werden und dann erst ist die Braut frei. Trifft aber das Auto später in der anderen Gemeinde ein, so kommen Kinder den Brautleuten entgegen und leuchten sie hinein. So ist der Vorabend des Hochzeitsfest herangekommen. Braut und Bräutigam gehen gemeinsam zum Bußsakrament.“
Willi Vordran erinnerte sich um 1970 an den Hochzeitsaussteuerwagen in seiner Heimatgemeinde Alsleben: Wenn früher ein Bursch oder ein Mädel von auswärts einheiratete, wurde ihre Aussteuer (Mitbringsel) auf einen Leiterwagen aufgebaut, Pferde und Wagen schön geschmückt und von den Brautleuten begleitet, eingefahren. Burschen und Mädels mit Laternen und langen Seilen warteten am Ortseingang. Die Seile wurden über die Straße gespannt und ein Lösegeld gefordert. Alsdann wurden sie zum Hochzeitshaus begleitet.“
In einer Volkskundliche Umfrage von 1908 wird aus Rothausen mitgeteilt: „Wenn beide Brautleute aus dem Dorfe sind, so wird keine besondere Aussteuer hergerichtet. Die Eltern besorgen gelegentlich das Nötigste für die jungen Leute, die übrigens zunächst meist im Elternhaus verbleiben. Nur für auswärts Heiratende wird öfters ein kleinerer Wagen mit Aussteuer ohne besondere Förmlichkeit abgelassen. Leider ist das Zusammenheiraten innerhalb des Dorfes noch zu sehr Brauch, eine Folge der herrschenden Erbteilung.“ Aus Saal wird in der gleichen Umfrage berichtet: „Fährt ein beladener Brautwagen aus dem Ort, so wird er mit einer über den Weg ge-zogenen Kette aufgehalten und der Bräutigam und die Braut müssen den Aufhaltern Geld auswerfen. Fährt der Brautwagen zum Ort ein, so geschieht dasselbe und es heißt jetzt: Den Brautwagen einfeuchten.“
Beim Petersgericht in Stockheim am 23.2.1801 verlas der Schultheiß die Anordnung, dass „ ... inkünftig einer oder die andere Fremden sich hierher verheiraten und der Brautwagen hierher geführt wird, solle keinem das Hemmen erlaubt sein, als den verordneten Torwächter, da jemand anderes dagegen handelt und den Brautwagen hemmt, solle er unnachsichtiglich mit 1 Mark Strafe angesehen werden; indem es der Gemeinde nicht zur Ehr, sondern zur Schande und Eigennutz gereichet, soll das Hemmen im Dorf gänzlich verboten sein.“

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Eine „Hochzigsscheesen“ aus Aub im Grabfeld um 1920,
daneben ein sog. Hochzeitsschütze.

Aus der Rhön ist überliefert: Heiratet die Braut in eine Nachbargemeinde, so wird dorthin die Braufuhre geführt. Pferde und Wagen sind mit Fichtenzweigen und bunten Bändern geschmückt und hochaufgerichtet stehen darauf Möbel und Ausstattung der Braut. Auf dem Weg durch das Heimatdorf wird die Fuhre oft von den Burschen gehemmt. Sie spannen Seile über die Straße oder nehmen dem Fuhrmann die Zügel aus der Hand. Er muss die Weiterfahrt erkaufen, indem er die Branntweinpulle den Hemmenden zu einem Zuge reicht. Im Empfangsort jedoch trifft ihn eine andere Sorge. Hier gehen die Burschen darauf aus, ihm die Pferde vom Wagen zu spannen und die Fuhr selbst vor das Hochzeitshaus zu schieben. Der Bräutigam muss sie nun durch einen Trunk dafür bezahlen. Findet zufällig kurz vor der Hochzeit noch ein Tanz statt, so bestellen die Burschen einen Extratanz für das Brautpaar. Dabei versuchen sie ihm ständig ein leeres Bierfässchen zwischen die Beine zu rollen und sie so zum Aufhören zu zwingen. Gelingt es ihnen, muss der Bräutigam ein volles Fässchen in der gleichen Größe auf den Tisch stellen.“
Von Rhöner Hochzeiten ist überliefert: „Am nächsten Tage, nachdem die Verwandten und Armen ihre Bündel erhalten hatten, wurde ein geschmückter Wagen mit dem bräutlichen Inventar geladen. Der Rest wurde von Burschen und Mädchen dem Wagen voraus- oder nachgetragen. Auch die lebenden Tiere, Schweine und Geflügel wurden mitgeführt. Die Schuhe der Braut waren an einer Stange aufgehängt. So konnte der ganze Reichtum der jungen Frau bis ins kleinste bewundert werden, die selbst im Zuge, und zwar im Hochzeitsanzug ihres Mannes mitging. Den Zug führten Hanswurste an, den Schluss bildete der Bräutigam mit Brüdern und Schwägern, die Brot, Schnaps und eine Gießkanne voll Bier trugen. Jeder Vorbeikommende musste trinken. Der „Scherztag“, wie man den Einzugstag heißt, ging damit zu Ende, dass alle, die das Brautpaar kannten, vor der Tür des Heimes einen Armvoll Holzscheite niederlegten. So kam das Holz für die erste Zeit des häuslichen Herde nach altem Brauch zusammen.“
Pfarrer Carl Bonaventura Hoffmann aus Obereßfeld überliefert 1944: „Aufwand ziemlich in Anlehnung an früher (bei weltlicher Feier). Der Brautwagen mit dem zugebrachten Heiratsgut wird ‚reingeleuchtet‘ (mit Laternen). – Heiratet jemand nach auswärts, so wird er ‚aufgehalten‘ mit Tauen (Heuseil). Der Bräutigam ist verpflichtet, Kleingeld auszuwerfen.“
Otto Mölter teilt 1942 aus Kleinbardorf mit: „Tage vor der Hochzeit kommt der sog. Bräutwagen ins Festhaus, wenn die Braut oder der Bräutigam von auswärts zugezogen kommt. Die Aussteuer wird als breite Fuhre auf einen Erntewagen geladen. Zwei Betten sind vollständig aufgeschlagen und mit dem feinsten Bettzeug gefüllt nebeneinander gestellt. Schrank, Kanapee, Nähmaschine, kurz der ganze Hausrat, den ein junges Ehepaar benötigt, ist auf dem Wagen zu bewundern. Ein Laib Brot musste unbedingt dabei sein. Wenn ein solcher Bräutwagen ins Dorf kommt, ist natürlich alles auf den Beinen, wenn abgeladen wird. Kritisch wird alles bewundert, was da zum Vorschein kommt und werden Schlussfolgerungen auf die Vermögensverhältnisse der Braut gezogen. Wagen und Pferde sind mit bunten Papierschleifen geschmückt. Brautwagen, Hochzeitspaar und Hochzeitszug zur Kirche werden des öfteren durch ein Seil am Weiterfahren bzw. Weitergehen gehindert, das mitten über die Straße gezogen ist.“
1932 ist aus Ottelmannshausen zum selben Thema überliefert: „Wenn nicht, beginnen allmählich die Vorbereitungen zum Hochzeitstage. Ist die Braut von auswärts, so trifft sie bereits am Donnerstag - also 5 Tage vor dem Feste - mit dem Brautgute im Dorfe ein. Dabei sind die Wägen und Geschirre der Pferde mit bunten Schleifen geschmückt. Hat der Bräutigam schon tüchtig in seinen Säckel langen müssen, damit er die Braut und ihre Habe aus deren Heimatdorf herausfahren durfte, so beginnt dies Spiel nunmehr von neuem. Am Dorfeingang haben sich die Kameraden und Kameradinnen des Bräutigams sowie die gesamte Dorfjugend versammelt. Beim Herannahen des Brautwagens krachen bereits die ersten Schüsse. Unter Schießen und frohen Zurufen wird der Wagen zum Haus ‚naigäleuicht‘. Je zwei Kinder oder Burschen halten eine mit zahlreichen bunten Schleifen und Lampions gezierte Schnur quer über die Straße, oft 10 - 20 hintereinander und so geht es langsam vorwärts. Ein stimmungsvolles Bild, da der Einzug meist bei beginnender Dämmerung stattfindet! Im Anschlusse daran erhält jeder ‚raileuichtärr‘ in der Wohnung Butter- und Käsebrote mit Bier und Zigarren. Jedes beteiligte Kind bekommt seinen ‚Hoachzichaweck‘ und weiterhin 10 Pfennig.“
Merkwürdig ist auch noch ein Brauch aus Gabolshausen zu nennen, aufge-schrieben 1932: „Bezieht das junge Paar eine neue Wohnung (nicht einheiraten), so muss am Vortage über Nacht eine Katze, das glückbringende Tier der Alten, dort hineingesperrt werden, denn ‚... süst stirbt bald eens im neua Haus, mer träigt ees vo die Ehleut naus!‘ Die Katze bringt dem neuen Hause Glück und Gesundheit.“

Belege, Literatur

Albert, Reinhold: Chronik der Gemeinde Stockheim/Rhön, 2002
Ders.: Chronik von Herbstadt, Breitensee und Ottelmannshausen, Druckerei Schedel (Klein-eibstadt) 2001
Ders.: Eheschließung einstmals Sache der Gemeinschaft. In: Heimatjahrbuch des Landkreises Rhön-Grabfeld 1988
Greßer, Philipp: Schulgeschichtliche Aufzeichnungen von Aub, MS 1913
Hoffmann, Carl Bonaventura, MS Aufzeichnungen zur Ortsgeschichte Obereßfelds im Pfarr-archiv Oberessfeld
Höhl, Leopold: Rhönspiegel - kulturgeschichtliche Bilder aus der Rhön, 1892, Nachdruck bei Rainer Hartmann (Sondheim v. d. Rhön)
Huthöfer, Eusebius: Hochzeitsbräuche in Ottelmannshausen, MS 1932
Kraus, Alois: 1200 Jahre Hendungen, Mellrichstadt 1983
Mölter, Otto: MS Aufzeichnungen zum Brauchtum in Kleinbardorf, aufbewahrt im Archiv der Gemeinde Kleinbardorf
Pfeufer, Johann: Rhönerisch und Fränkisch - eine vergleichende Volkskunde. Nachdruck von Rainer Hartman, 2. Auflage, Karlburg 1972
Rektor Syd: Die Ostheimer Rathaushochzeiten. In: Heimatblätter Rhön- und Streubote 19/1934
Schulz, Otto: Wenn Nordheimer heiraten oder sterben. In: Heimatblätter Rhön- und Streubote 15/1935
Spieß, Balthasar: Volkstümliches aus dem Fränkisch-Hennebergischen, 1869, Nachdruck Rainer Hartmann 1978
Unbekannt: Bauernhochzeit in Gabolshausen, MS 1932 im Nachlass von Kreisheimatpfleger Otto Mölter (Kleinbardorf)
Volkskundliche Umfrage von 1908 im Amtsbezirk Königshofen im Grabfeld
Vorndran, Willi: Aufzeichnungen zur Geschichte Alslebens, MS um 1972
Wilz, Leo: Unterfränkische Hochzeitsbräuche. In: Bayerische Hefte für Volkskunde, 1/1918
Winterling, Aloys: Volkskunde der Hohen Rhön, 1939, 2. Auflage Verlag Parzeller, Fulda, 1981

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