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Abischerz

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Der Abischerz, Abistreich oder Abigag ist ein Jugend- bzw. Abiturientenritual. Es wird von der Abiturklasse organisiert und meist am Ende der Prüfungsphase durchgeführt. Auch wenn dabei der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, geht es heute meist hauptsächlich darum, sich aus dem Gymnasium auf möglichst spektakuläre Art zu verabschieden. Originalität ist dabei ein wesentliches Element. Die Abschlussklasse möchte sich durch unvergessliche Aktionen verewigen.

Ablauf

Abischerze sind häufig Abbildungen aktueller kultureller Begebenheiten und, wie der Freiburger Volkskundler Werner Mezger 1993 in seinen kulturgeschichtlichen Skizzen zur Schülervolkskunde schreibt weit mehr als bloß belanglose Albernheiten. Von deutschen Kriegen und Katastrophen, über wirtschaftlichen Aufschwung, autoritären Drill, bis hin zum antiautoritären Aufstand der 1970er und 1980er Jahre - anhand des Abiturientenbrauchtums ist ein kulturhistorischer Streifzug durch die deutsche Geschichte möglich.

2006

Die Volkskundlerin Katrin Bauer untersuchte 2006 im Rahmen ihrer Magisterarbeit an der Uni Bonn Abischerze im Wandel der letzten Jahrzehnte. Auf die Frage nach dem typischen Abistreich heute antwortet Katrin Bauer: Das ist kein Schülerstreich mehr wie früher. Die Abiturienten veranstalten professionelle Shows.

Besondere Relevanz erhalten Größe und Kostenfaktor dieser Festivals. Kosten von bis zu 10.000 Euro seien laut Bauer für einen Abischerz heute normal. Die Beschaffung dieses Geldes im Vorfeld ist ein anderer wichtiger Faktor von aktuellem Abiturientenbrauchtum. Die zuständigen Schüler betreiben oft hochprofessionelle Sponsorenakquise, eröffnen eigene Konten oder gründen sogar kleinere Firmen. So manche Abschlussklasse beginnt schon Jahre im Voraus, Geld zu sammeln, indem zu den verschiedensten Gelegenheit Parties und Feste organisiert werden. Zusätzliche Einnahmequellen in den Wochen vor dem Abigag sind der Verkauf von Abiturzeitung, Abi-Wein oder Abi-Shirt. Hier sind natürlich Organisationstalent und Verhandlungsgeschick gefragt - Qualifikationen, die von den Schülern auch im Berufsleben gefordert werden. Der Charakter der heutigen Abschlussgags ist laut Katrin Bauer am besten mit einem Wort zu beschreiben: brav. Die Schüler kooperieren mit dem Direktor und den Lehrern [...] Die Abiturienten bauen häufig sogar Buffets für die Lehrer auf. Bei einem typischen Abischerz werden ihnen auch Medaillen verliehen. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis hat sich eben geändert. Als Grund für die fehlende Rebellion nennt Bauer die Tendenz, dass die Erwachsenenwelt heute intensiver als früher als Vorbild angesehen wird.

Interessant ist die immer wieder auftretende und überregional verbreitete Orientierung heutiger Abiturveranstaltungen an aktuellen TV-Shows wie Wetten, dass ...?, Deutschland sucht den Superstar, oder der Oscar-Verleihung.

Eigene Beobachtungen und Erfahrungen im bayrischen Raum zeigen, dass Bauers Ergebnisse keinesfalls spezifisch für die Stadt Bonn sind, sondern auch für bayrische Schulen gelten.

Hintergrund-Infos

Blick zurück

Die 68er

Mezger beschreibt die Abistreiche der 68er Generation als grollenden Abgang der damaligen Abiturienten, für die das Reifezeugnis noch Garantie für einen Studienplatz freier Wahl und somit für ein bevorstehendes Leben in absoluter Eigenregie war. Daraus zogen sie das nötige Selbstbewusstsein für provokative und humorvolle Aktionen an den letzten Schultagen.

Die 70er/80er

Der optimistische Blick in die Zukunft wurde Mitte der 1970er Jahre durch den für viele Fächer eingeführten numerus clausus getrübt. Schlechte Noten bedeuteten nun das jähe Ende der Studienträume. Diese Tendenz wurde auch in den Abiturientenscherzen sichtbar, die ein hohes Maß anBitterkeit verrieten. Die Schulabgänger nutzten die Gelegenheit häufig, um sich bei den Lehrern für schlechte Zensuren und die dadurch verpfuschten Zukunftschancen zu rächen. Beispiele gibt Katrin Bauer, die den überwiegend feindseeligen Charakter von Abistreichen in den 1980er Jahren schildert, bei denen es meist darum ging, mit unliebsamen Lehrern abzurechnen. Sie berichtet von richtig fiesen Spielen, bei denen die Lehrer mit Torten beworfen, oder ihre persönlichen Schwächen bloßgestellt wurden. Aus dem Raum Tübingen ist bekannt, dass einige Lehrer sogar im schuleigenen Schwimmbecken untergetaucht wurden.

In den folgenden Jahren erkannten die Abiturienten offenbar einerseits, dass für ihre persönliche Misere weder die Schule noch einzelne Lehrer verantwortlich zu machen seien, andererseits reagierten sie schlichtweg auf das immer wertloser erscheinende Abiturzeugnis, in dem sie dafür den Spaß am Abiturienten-Brauch wieder in den Vordergrund rückten. Bei den Abschlussgags, die immer aufwändiger und kostspieliger wurden, stand nun nicht mehr Protest im Mittelpunkt, sondern der Wunsch, mit beeindruckenden Aktionen Lehrern und jüngeren Schülern in Erinnerung zu bleiben. Im Jahr 1984 engagierten die Abiturienten im schwäbischen Waiblingen beispielsweise einen Elefanten samt Dompteur. Aus dem selben Grund wurden auch die heute üblichen Abi-Denkmäler ins Leben gerufen, oftmals schlicht mit den Namen der Abiturienten bemalte Wände, oder aber, wie 1985 in Isny, ein gigantisches Kunstwerk aus Gipsmasken der Gesichter der Abschlussklasse, das auf dem Schulhof errichtet wurde.

Die 90er

Sehr aufschlussreich sind die Mottos einiger Abiturjahrgänge der 1990er Jahren, die sich an politischen Großereignissen, wie der Wiedervereinigung (Der Durchbruch ist geschafft), oder an bildungspolitischen Fragen (Abi für alle - hast Du keins? Hol Dir eins!) orientierten.In den 1990er Jahren begann sich der Show-Charakter bei den Abschlussgags immer mehr durchzusetzen und die unteren Jahrgänge wurden mehr mit einbezogen.

Weblinks

Interview der Süddeutschen Zeitung mit Katrin Bauer

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