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Rutenfest Ravensburg

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Volle Fahrt voraus: Dieser Artikel ist sehr informativ und empfehlenswert!


In der letzten Schulwoche herrscht jedes Jahr in den historischen Gassen der Ravensburger Innenstadt absoluter Ausnahmezustand. Groß und klein tummeln sich in den Straßen und auf den Plätzen, um das Spektakel und die Veranstaltungen des traditionellen Rutenfestes mit zu verfolgen und kräftig zu feiern. Und das passiert schon seit vielen, vielen Jahren.

Inhaltsverzeichnis

Termin

Dieser Brauch ist vom 21.07.2017 bis zum 29.07.2017.

Ablauf

Das Rutenfest findet jährlich in Ravensburg in der letzten Schulwoche vor den Sommerferien statt. Das Fest dient nicht nur der Wahrung der Traditionen der ehemaligen Reichsstadt Ravensburg, sondern ist auch Treffpunkt für ehemalige Ravensburger aus aller Welt. Durch den wesentlichen Einbezug der Schulen in das Fest finden während der Zeit des Rutenfestes auch viele Klassentreffen ehemaliger Schüler und Jahrgänger statt. So wird das Rutenfest zum Anziehungspunkt für tausende Besucher und ist damit nicht nur Tradition, sondern auch Ausdruck der Verbundenheit und unvergleichlichen Heimatliebe der Ravensburger zu ihrer Stadt. Wer die Ausgelassenheit und Begeisterung, einfach die ganz spezielle Atmosphäre des Rutenfestes erleben möchte, kommt nicht umhin, selbst einmal das Rutenfest zu besuchen. Bei einigen Ravensburgern ist das „Rutenfieber“ sogar so groß, dass das Jahr über die Tage bis zum nächsten Rutenfest mit Hilfe eins Maßbands gezählt werden.

Insignienübergabe
Offizieller Beginn des Rutenfestes ist am Rutenfreitag die „Insignienübergabe“ im Schwörsaal des Waaghauses. Dabei übergibt der Oberbürgermeister feierlich die Insignien, die die Verbundenheit der Schulen mit der Stadt repräsentieren, wie die bestickten Schulfahnen, Schärpen, Säbel, einen verzierten Tambourstab und Hirschfänger, also Jagdmesser an die Trommlergruppe der Gymnasien.
Antrommeln
Zum Zeichen des Rutenfestbeginns donnern vom „Mehlsack“, dem Wahrzeichen der Stadt, laute Kanonenschüsse. Damit beginnt das traditionelle „Antrommeln“ auf dem Marienplatz, bei dem sich unter dem Blick der Zuschauer alle Trommlergruppen präsentieren. Mit dem gemeinsamen Antrommeln beginnt für die Trommelgruppen und Fanfarenzüge die Rutenfestzeit, in der sie täglich gegen Spende und Speis und Trank bei rutenfestverbundenen Privatleuten oder Familienmitgliedern antrommeln. Familien richten dafür große Gartenfeste aus, bei denen Trommler und Gäste gleichermaßen versorgt werden.

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Landsknechte und Zuschauer beim Antrommeln im Rutenjahr 2000

Froher Auftakt
Am Rutensamstag findet der „Frohe Auftakt“ statt, bei dem sich jährlich um die 30.000 Bürger und Bürgerinnen zum gemütlichen Beisammensein auf dem Marienplatz treffen und bei Essen und Trinken den Abend miteinander verbringen können.
Veranstaltungen
Im Rahmen des Rutenfestes finden noch zahlreiche weitere Rahmenveranstaltungen wie Konzerte oder Gottesdienste statt. Auch der „Rummel“ auf dem Festplatz unterhalb der Kuppelnau bietet für Familien zahlreiche Attraktionen, wie Karusselle, Riesenrad, Essens- und Schießstände. Beliebter Treffpunkt sind auch die Biergärten und Festzelte um die Kuppelnau wie zum Beispiel der „Bärengarten“. Auch die Veranstaltung „Tanzen-Spielen-Musizieren“ bietet in der Oberschwabenhalle immer ein buntes Programm von Musik- und Turnvorführungen der Ravensburger Schüler und ist Anziehungspunkt für viele Besucher.
Festzug
Am Rutenmontag findet schließlich mit dem historischen Festzug einer der Höhepunkte des Rutenfestes statt. Über 5000 beteiligte Schüler, Kinder und Erwachsene ziehen auf dem „Rutengang“ vom Obertor durch die Stadt zur Kuppelnau. Dabei wird durch die Mitwirkenden in historischen Kostümen auf ca. 90 geschmückten Festwägen die Geschichte der Stadt dargestellt. So sind zum Beispiel die verschiedenen Zünfte wie Färber oder Müller zu bewundern. Es gibt Postboten, Feuerwehrmänner und Waschweiber. Die „schwäbische Eisenbahn“ und die „sieben Schwaben“ dürfen natürlich auch nicht fehlen, um nur einige Beispiele zu nennen. Aus allen Epochen gibt es Darbietungen
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wie beispielsweise den Adel aus der Zeit der Welfen und Staufer, Ritter und Handelsleute aus der Zeit der Reichsstadt Ravensburg, aber auch Biedermeier-Paare und barocke Kutschen. Weiter ziehen Musikgruppen, Fanfarenzüge, Trommler und Fahnenschwinger mit und bieten den rund 50.000 jubelnden Zuschauern ein buntes und abwechslungsreiches Programm. Allen voran ziehen natürlich die Rutenkinder mit ihrem Magister.
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Kleiner Fahnenschwinger der Musikgruppe Mehlsäcke beim Festumzug 2000






Rutenkinder beim Festumzug 1971

Kinder beim Springen in den 70ern

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Springen

Nach dem Festzug erhalten die Kinder beim „Springen“ Belohnungen. Das „Springen“ ist auch eine der alten Traditionen, die bereits seit 1768 dokumentiert ist. Es zeigt ganz deutlich die Ursprünge des Rutenfestes als Kinder- und Schulfest auf. Dabei werden kleine eingepackte Geschenke von Erwachsenen gehalten. Je vier bis sechs Grundschulkinder dürfen dann um die Wette laufen und nach diesen Geschenken greifen. Der schnellste darf sich sein Geschenk als erster aussuchen. An diesem Ereignis dürfen alle Grundschüler teilnehmen und jeder erhält ein kleines Geschenk.


Trommlergruppen
Das Rutenfest lebt von der Aktivität zahlreicher Fanfarenzüge und Trommlergruppen, die während der Rutentage in der fahnengeschmückten Stadt weithin zu hören sind. Die wichtigsten und bekanntesten Trommlergruppen jedoch werden aus den Schülergruppen der verschiedenen Schulen Ravensburgs gebildet.

Rutentrommler
Die Rutentrommler sind Schüler der Hauptschulen und bilden eine der ältesten und traditionsreichsten Trommlergruppen des Rutenfestes. Sie repräsentieren zusammen mit den Oberstköniginnen und Oberstfähnrichen, den besten und geehrten Schülern, die Hauptschulen der Stadt Ravensburg. Sie sind die einzige Trommlergruppe, in der bisher Frauen mitwirken dürfen. Seit 2001 dürfen die Hauptschüler auch an den Schießwettbewerben teilnehmen.
Schützentrommler
Der Trommlercorps der Schützentrommler setzt sich aus Schülern der Realschulen in Ravensburg zusammen und besteht erst seit 1968.
Landsknechte
Die Landsknechte, auch genannt Alte Spohngruppe oder Ravenburger Armbrustschützen, sind eine Trommlergruppe, die sich durch ihre besonderen Renaissance-Kostüme hervorhebt. Sie sind entstanden aus den „Landsknechten“, die im 15. und 16. Jahrhundert Fußsoldaten waren. Sie repräsentieren die drei allgemeinbildenden Gymnasien der Stadt. Jeder Landsknecht hat eine Funktion als Trommler, Pfeifer, Armbrustschütze, Latscher oder Fahnenschwinger.

Troko
Das Troko der Gymnasien ist neben den Rutentrommlern einer der ältesten Trommlercorps. Seit 1865 gibt es Hinweise auf diese Trommlergruppe. Sie besteht aus Oberstufenschülern der vier Ravensburger Gymnasien und sie steht im Besonderen für Ordnung und Disziplin. Ihre Kostüme erinnern auch an die Uniformen von Studentenverbindungen. Der jeweilige Rang des Mitglieds ist an der Farbe seiner Kappe erkennbar. Ihre besondere Aufgabe besteht in der Entgegennahme der Insignien bei der Eröffnung des Rutenfestes im Schwörsaal.

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Troko beim Festzug 2000


Schießwettbewerbe
Zum Programm des Rutenfests gehören unweigerlich auch die verschiedenen Schießwettbewerbe, die auf dem Kuppelnau-Platz stattfinden. Das Schießen knüpft an die langjährige Tradition von Ravensburger Armbrustschützen an. Dabei gibt es verschiedene Veranstaltungen, die an unterschiedlichen Tagen stattfinden.


Das„Wappenschießen“ ist das Schießen der Hauptschüler, das erst seit 2001 im Festprogramm des Rutenfests eingebunden ist. Hier wird mit einer Armbrust auf ein Stadtwappen geschossen.

Beim „Bogenschießen“ der Realschüler dagegen wird mit Pfeil und Bogen auf eine Scheibe geschossen, auf der die Türme und Tore der Stadt angebracht sind. Wer den „Mehlsack“, das Wahrzeichen der Stadt, herunterschießt, ist Schützenkönig der Realschüler.


Das „Adlerschießen“ ist das Schießen der Gymnasien. Es hat von den Schießwettbewerben die längste Tradition, da schon seit 1823 von Gymnasiasten auf den Reichsadler geschossen wird. Vor dem Schießen ziehen Troko und Landsknechte feierlich mit dem Reichsadler ein. Wer den Reichsapfel schießt, ist der Schützenkönig.
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Jedes Schießen stellt seinen eigenen Schützenkönig, der einen Preis erhält. Tradition ist es, dass dessen Familie ein Fest ausrichtet. Für Andere gibt es beim Schießen zahlreiche Sachpreise zu gewinnen. Alle fünf Jahre findet auch ein „Altenschießen“ statt, bei dem die Ehemaligen der Schulen schießen dürfen.

Mitglieder des Troko beim Adlerschießen 2011
Rutentheater
Das Rutentheater geht bereits zurück bis ins 17. Jahrhundert. Ursprünglich von der „Bürgerlichen Komödiantengesellschaft“ aufgeführt, ist das Rutentheater heute ausschließlich von Schülern gestaltet. Meist werden Märchen aufgeführt und aufwändig inszeniert. So wurde beispielsweise im Rutenjahr 2011 die Geschichte von „Peter Pan“ gespielt. Während des Rutenfestes gibt es jeweils um die 15 Vorstellungen, die meistens bereits vorher ausverkauft sind. Das Rutentheater beginnt auch immer schon eine Woche vor dem offiziellen Beginn des Rutenfestes.
Rutenvergraben
Ein gewaltiges Feuerwerk am Abend des Rutendienstags lässt bereits wieder Wehmut über das baldige Endes des Festes aufkommen. Am folgenden Samstag dann endet das Rutenfest endgültig mit dem traditionellen „Rutenvergraben“. Hier spielen nochmals alle Trommler und Fanfaren auf der „Veitsburg“ auf und das Rutenfest wird mit einer großen Feier verabschiedet.
Rutenfestlied und Ravensburger Heimatlied
Was natürlich beim Rutenfest nicht fehlen darf, ist das Ravensburger Heimatlied, das bei jeder Gelegenheit voller Inbrunst gesungen oder gespielt wird und die Verbundenheit der Ravensburger zu ihrer Stadt ausdrückt:


Ravensburger Heimatlied
Mein Ravensburg im Schwabenland,
wie liegst du schön am Schussenstrand!
Des Obstbaum’s Blüt’, der Rebe Blatt
umrahmen dich, du schöne Stadt.
Es lacht vor dir ein freundlich Tal.
Sei mir gegrüßt viel tausendmal.
Die Alpenriesen schau’n herein
zu dir mit hellem Silberschein,
seh’n sich an dir doch niemals satt,
du wunderschöne Schwabenstadt.
Du Perle in dem Schussental
sei mir gegrüßt viel tausendmal.

Weithin reicht deiner Türme Gruß.
Voll Anmut an der Veitsburg Fuß
ruhst du voll Glanz in Maienpracht.
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Mit Sehnsucht hab ich dein gedacht
in weiter Welt viel tausendmal,
mein Ravensburg im Schussental.

Mein Ravensburg, mein Rutenfest,
geliebt von uns auf’s allerhöchst.
Des Bürgers Stolz, der Jugend Freud,
das Fest der frohen Herzlichkeit.
Das schönste Fest im Schussental.
Sei mir gegrüßt viel tausend mal!
Text:
W. Mayer, 1924 (1.– 3. Strophe)
Albrecht Krauss, 1980 (4. Strophe)

Mehlsack 2011

Hintergrund-Infos

Ursprung und Entstehung
Einen genauen Entstehungszeitpunkt des Rutenfestes gibt es nicht und auch der Ursprung ist umstritten. Entstanden sein könnte das Rutenfest aus den so genannten „Rutengängen“ des Mittelalters. Dieser Brauch entstand im 15. Jahrhundert in mehreren Städten und wird in der Stadt Ravensburg erstmals 1645 in einem Ratsprotokoll schriftlich erwähnt. Dabei zogen Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern aus, um die alten Haselruten, die der Züchtigung dienten, gegen neue Ruten auszutauschen.
Weitere Erklärungen bietet die Rute als Symbol der Grammatik. Dabei sollen Lateinschüler mit dem Überreichen einer Rute geehrt worden sein als Zeichen dafür, dass sie die Grammatik beherrschten.
Als gesichert gilt, dass das Rutenfest als ursprüngliches Kinder- und Schülerfest sich mit der Beteiligung der Eltern, der Ehrung der besten Schülerinnen und Schüler der Hauptschulen als so genannte „Oberstköniginnen“ und „Oberstfähnriche“ und dem Einbezug der Obrigkeit der Stadt im 17. Jahrhundert zum Volksfest ausweitete. Die fleißigsten Schüler erhielten kleine Geldgeschenke und „Rutentafeln“, Gemälde mit Motiven der reichsstädtischen Zeit. Schauplatz dieses Festes war damals die „Kuppelnau“, ein Platz in Ravensburg, auf dem bald die Räumlichkeiten einer Schützenwirtschaft für die Festivitäten nicht mehr ausreichten und durch Laubhütten im Freien ausgeweitet werden mussten. Auch heute noch ist die Kuppelnau zentraler Schauplatz des Rutenfestes.

Finanzierung und Organisation
Seit 1911 besteht die so genannte „Rutenfestkomission“, eine Gruppe von Ravensburger Bürgern, die ehrenamtlich die Leitung der Organisation des Rutenfestes übernehmen. Ohne die Geld- und Sachspenden der Bevölkerung für das Springen und die Schießwettbewerbe jedoch könnte das Rutenfest in dieser Größenordnung nicht bestehen. Hinter den Kostümen und den Festwägen des Festzugs und dem Rutentheater steckt die Arbeit weiterer zahlreicher engagierter Helfer und Helferinnen.
Eine Besonderheit des Rutenfestes sind außerdem seit 1967 die „Festabzeichen“, die es zu kaufen gibt. Wichtige Gebäude der Stadt Ravensburg werden in Miniaturform aus Plastik dargestellt und mit einer Losnummer versehen, mit der es ein Auto und zahlreiche andere Preise zu gewinnen gibt. Beim Rutenfest werden die Festabzeichen an Jacken und Hüten angesteckt.

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Festabzeichen: v.l.Obertorturm 1968, Konzerthaus 1997, Realschule 2011, Blaserturm 1970, Mehlsack 2007

Weblinks

Allgemeine Informationen:
http://www.rutenfest.info/http://www.das-rutenfest.de/http://www.rutenkinder.de/
Mehr Bilder unter:
http://www.rutenfest.info/Festzug-Bildershow/http://www.rutenfoto.de/
Trommlergruppen:
http://www.troko.org/http://www.landsknechte.org/Aktuelles/Aktuelles.htmhttp://www.schuetzentrommler-rv.de/http://www.rutentrommler.de/

Literatur

Dreher, Alfons: Geschichte der Reichsstadt Ravensburg und ihrer Landschaft: Von den Anfängen bis zur Mediatisierung 1802. Band 2. Weißenhorn, 1972.
Eitel, Peter: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert: Politik, Wirtschaft, Bevölkerung, Kirche, Kultur, Alltag. Ostfildern, 2004.
Lutz, Alfred J./Klauser, Hermann: Ravensburg: Porträt einer ehemaligen freien Reichsstadt. Biberach, 1987.



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