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Wasserburger Bürgerspiel

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Ungefähr alle sieben Jahre rücken die Bewohner der Stadt und des Altlandkreises Wasserburg am Inn noch etwas enger zusammen als üblich. Mit vereinten und ehrenamtlichen Händen (ungefähr 800 Mitwirkende) organisieren und veranstalten die Bürger für Einhei
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mische und „Zuagroaste“ das Wasserburger Bürgerspiel vor ausgewählten, malerischen Kulissen der Wasserburger Altstadt. Initiator des alle zehn Jahre wiederkehrenden Spektakels ist der Theaterkreis Wasserburg e.V., der das beliebte Freilichtschauspiel mit der tatkräftigen Unterstützung unzähliger und freiwilliger Helfer sowie durch diverse Spenden und Sponsorenbeiträge der örtlichen Firmen und Unternehmen bewerkstelligt.



Termin

Dieser Brauch ist vom 23.06.2020 bis zum 11.08.2020.

Der Schöpfer

Verfasst wurde das ursprüngliche Bühnenstück des Bürgerspiels von Eugen Ortner, einem in Landshut aufgewachsenen Schriftsteller, der sich auch eine geraume Zeit als Lehrer versuchte. Der Literat wurde am 26. November 1890 nahe Nürnberg geboren und starb am 19. März 1947 an einer Lungenentzündung in Traunstein. Den größten Teil seines Lebens verbrachte der Dramatiker an verschiedenen Orten rund um den Chiemsee.
Die Stadtherren von Wasserburg beauftragten den gebürtigen Mittelfranken 1937 anlässlich der bevor stehenden 800 Jahrfeier zu einer Hommage an das Stadtbild, welche den liebenswerten Charme und die herrliche Atmosphäre der kleinen Stadt widerspiegeln soll. (Vgl. Theaterkreis Wasserburg e. V., Die Festschrift, 2009, S. 15ff)



Die Rahmengeschichte

Die Kerngeschichte baut sich um den reichen Wasserburger Handelsherrn Jörg Gumpelzhaimer im Jahre 1515 auf, die historisch belegt ist. Im Bühnenstück heißt der Handelsherr Jakob Gumpelzhaimer und ist mit vorwiegend menschlichen Schwächen und miesem Charakter ausgestattet. Der Handelsmann legt in Wasserburg an und sucht Zuflucht für sich, seine Frau Elisabeth, seine
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schöne Tochter Irmingard und seinen Bediensteten Sebastian.
In der Stadt wird gegenwärtig der Schmälzlwirtin Regina vom Bürgermeister Fröschl und dem Abt von Attel (Stadtpfarrer von Wasserburg) der Prozess gemacht, denn sie wurde des Pantschen des Weines überführt.
Der Gumpelzhaimer wird vom welschen Handelsherrn Bosco gefolgt, der von seinem Hauptmann Cardoso begleitet wird. Die Italiener wollen Rache an Gumpelzhaimer, denn dieser hat den welschen Handelsherrn hinterlistig betrogen.
Doch auch angesichts seiner misslichen Lage wendet sich die eigennützige und egoistische Einstellung des Gumpelzhaimers vorerst nicht. Er intrigiert zum eigenen Vorteil weiterhin das Stadtleben in Wasserburg. Dabei versucht er, sich aus dem Betrug zu winden und Don Bosco zu beschwichtigen. Doch droht die Situation zu eskalieren und Gumpelzhaimer beschwört sogar einen Krieg herauf, der nur von Prinz Wilhelm geschlichtet werden kann.
Begleitet wird das Geschehen vom Erzähler Herold und dem Salzscheiben Toni, einem Fuhrmann, der durch seine Pendelei zwischen den Salzlagern die Nachrichten und seine Beobachtungen der durchstreifenden Städte verbreitet und die Bürger auf dem Laufenden hält, ob sie wollen oder nicht.


Die Aufführungen

1938
Die originale Version von 1938 des Freilichtspiels war sehr traditionell und altertümlich gehalten. Auch sprachlich wirkte das Bühnenstück eher trocken und unbelebt. Im Fokus standen das besondere Stadtbild und die damit einhergehende Schönheit von Wasserburg. Die Rahmengeschichte galt eher als zweitrangig. Der Aufführungsort beschränkte sich auf den Platz vor dem Rathaus, den Marienplatz. Inhaltlich als auch umsetzungstechnisch war diese Inszenierung vom nationalsozialistischen Regime eingeengt. Dennoch versuchte Eugen Ortner, der Spielleiter, seine künstlerische Freiheit auszuleben. (Vgl. Theaterkreis Wasserburg e. V., Die Festschrift, 2009, S. 18ff).


1949
Nach dem Krieg erfolgte die zweite Aufführung des Theaterstückes. 1949 machte sich neuer Optimismus in der Stadt breit und die Motivation zu neuem Tatendrang war groß. Das damalige Bürgerspiel wurde mit einem Heimatfest verbunden, welches den Grundstein für das jährliche Frühlingsfest in Wasserburg legte. Die Traditionsbewusstheit des Stückes wurde aufrechterhalten. Doch verlagerte sich der Schwerpunkt vom Lobpreis des Stadtbildes und der Stadtkultur auf die schauspielerische und inhaltliche Akzentuierung. Mit dieser Fassung des Wasserburger Bürgerspiels sollte gut unterhalten und ausgelassen gefeiert werden. (Vgl. Theaterkreis Wasserburg e. V., Die Festschrift, 2009, S. 17f)


1988
Anlässlich der 850-Jahr-Feier wurde unter der Federführung von Hans Klinger, ein Mitglied des Verbands für Heimatpflege, das Bühnenstück erneut aufgeführt. Dabei wurde die Inszenierung neu aufgelegt und an die Kulisse des historischen Rathaussaals angepasst. Dazu wurden auch langatmige Dialoge durch quirlige Monologe ersetzt, womit das Schauspiel lebendiger, mitreißender und unterhaltsamer wurde. Zudem wurden auch neue Charaktere geschaffen: zum einen den weißhaarigen Geist, der das Schauspiel vom Rathausbalkon aus beobachtete und kommentierte. Zum anderen die Gaukler, die das Leben auf der Bühne impulsierten. Dennoch verkürzte sich insgesamt die Darbietung.
Da die Aufführungen im April und September spielten, entschlossen sich die Veranstalter, die Umsetzung in das Rathaus zu verlagern, um den Witterungsbedingungen und schlechten Lichtverhältnissen auszuweichen. (Vgl. Theaterkreis Wasserburg e. V., Die Festschrift, 2009, S. 18f)


2000
Die Aufführungen von 2000 übertrafen alle bis dahin dagewesenen Freilicht-Inszenierungen des Wasserburger Bürgerspiels. Hierfür mussten über Monate unzählige Kostüme geschneidert werden. Diese Gewänder wurden anschließend in den umfangreichen Fundus des Theaterkreises Wasserburg e. V. aufgenommen, um 2009 wieder Verwendung zu finden. Seinerzeit übernahm Christian Huber die Spielleitung. Das Bürgerspiel vereinnahmte damals die gesamte Altstadt. Dazu wurden Bühnen am Inndamm/ Gries, in der Hofstatt, in der Herrengasse und am Marienplatz errichtet. Somit zogen sowohl alle Darsteller samt Regisseur, Techniker und den helfenden Händen als auch das Publikum während der Darbietung von Schauplatz zu Schauplatz. Dadurch konnten die Zuschauer den besonderen Flair der abendlichen und mittelalterlichen Stadt erleben.
Zudem wurden wieder neue Charaktere eingefügt. Die Schiffsleute, die nur erzählt wurden, bekamen feste Rollen und wurden szenisch umgesetzt. Auch die Stadtknechte, Musikanten und die Reiter wurden dem Stück einverleibt.
Erstmalig wurde am Gries ein mittelalterliches Lagerleben eingerichtet. Ausgestattet mit Schenken, Grill- und Handwerkerplätzen ermöglichte es den Gästen, aber auch den Stadtbewohnern in das damalige mittelalterliche Leben einzutauchen und sich in das historische Getümmel zu stürzen.


2009
2009 ließt es sich Christian Huber nicht nehmen, die Spielleitung erneut in Angriff zu nehmen und schrieb dazu das Bühnenspiel erneut um. Zwar wurde das Bürgerspiel von vier Schauplätzen auf drei Schauplätze verringert, dafür gewann das Bürgerspiel an inhaltlicher Größe. Mit der übergestellten Metapher „Hochmut kommt vor dem Fall“ wurden die festen Charaktere feiner herausgearbeitet und eine neue Kunstfigur mit schwerwiegender Rolle wurde dem Bühnenspiel zugefügt: Conscentia - das Gewissen der Männer und ganz besonders des überheblichen, gierigen und geizigen Jakob Gumpelzhaimers. Ebenso fanden die Fanfaren, die Trommler und Pfeifer, die Böllerschützen, die Bergleute, die Stadtbevölkerung sowie die Bürgerstöchter, die schlecht Gesinnte in ihren Bann zogen, ihren Platz in der Neufassung des Bürgerspiels. Dabei wurde auch nicht auf die in 2000 eingefügten Charaktere der Schiffsleut, der Reiter und der Stadtknechte verzichtet.
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All diese Gruppen werden von Vereinen der Stadt und des Altlandkreises Wasserburg vertreten. So stellen z. B. die Stadtgarde die Fanfahren, der Schützenverein die Böllerschützen und die Stadtkapelle die Trommler, Pfeifer und Musiker dar. Die Schiffsleute, Bergleute und Stadtknechte sind Zünfte und Vertretern der Stadt Wasserburg, die von alteingesessenen Wasserburger Herren repräsentiert werden und im Jahresverlauf bei mehreren Veranstaltungen beteiligt sind. Gruppierungen wie die Bürgerstöchter oder das Stadtvolk werden neu zusammengewürfelt.
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Die besondere Kunst beim Wasserburger Bürgerspiel liegt nicht nur darin, ausreichend finanzielle Mittel zu beschaffen, die organisatorischen Vorarbeiten zu bewältigen und die schauspielerischen Überlegungen zu treffen, sondern die vielen verschiedenen, ehrenamtlichen und umfangreichen Vertretergruppen zu einem großen Schauspiel zusammenzufügen, damit eine reibungslose Inszenierung erfolgen kann. Diese herausfordernde Aufgabe ist 2009 den Initiatoren sehr gut gelungen und verschafften dem Theaterkreis Wasserburg e. V. den Kultursonderpreis 2009 des Landkreis Rosenheim.



Das Lagerleben

Das Lagerleben erlebte 2000 seine Premiere und durfte nach dem großen Andrang 2009 nicht mehr fehlen. Hierfür baute der Theaterkreis Wasserburg e. V. eigens Holzhütten
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und stellte mittelalterlich anmutende Zelte auf. Somit konnten Darsteller und Besucher in gemütliche Schenken einkehren. Dort wurde sogar speziell gebrautes Bürgerspiel-Bier ausgeschenkt und zünftiges vom Grill serviert. Hier wurden auch die Darsteller verkostet.
In die verschiedenen Holzhütten zogen mittelalterliche Handelszweige ein, die von regionalen Vertretern organisiert und umgesetzt wurden.
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Somit konnte man mit den Apothekern leckere Fruchtgummi gießen oder mit den Bäckern Schmalzgebäck braten. Ebenso konnte man den Schuster beim Arbeiten unterstützen und beim Schmid sein eigenes Messer schmieden. Auch Jäger und Falkner konnte man bei der Arbeit mit ihren Tieren beobachten oder sich in der Stoffdruckerei versuchen.





Die Besonderheit des Bürgerspiels

Die Wasserburger und ihr Bürgerspiel - sie hängen daran. Daher macht es auch nichts, dass das Traditionsstück nicht tatsächlich alle zehn Jahre aufgeführt wird, wie es 2000 angedacht wurde. Schon 1937 wurde es um ein Jahr wegen der Maul- und Klauenseuche verschoben. 1948 verzögerte sich die Aufführung auf Grund des Endes des zweiten Weltkriegs und der Skepsis der amerikanischen Besatzung ebenfalls um ein Jahr. Vierzig Jahre später kam es zu einer weiteren Verzögerung. 1987/88 wurde die Umgehungsstraße von Wasserburg ausgebaut. Dies verursachte ein enormes Verkehrsaufkommen in der Stadt. Um die Situation in der Altstadt nicht weiter zu verschärfen, beschlossen die Stadtväter und die Organisatoren des Heimatverbands um ein Jahr zu verschieben. 2009 wurde das Wasserburger Bürgerspiel aufgrund der Landesgartenschau in Rosenheim um ein Jahr vorverlegt. Für diesen Anlass hat sich die Landesgartenschau GmbH an den Requisiten des Theaterkreis Wasserburg e. V. bedient und sich Innplätten (Schiffe) ausgeliehen.


Der große Besucherandrang zu allen Aufführungen (auch an nassen Tagen), die intensive Zusammenarbeit, die engen zwischenmenschlichen Banden, die entstehen und der große Spaß vor, während und nach den Inszenierungen sind die treibenden Kräfte der Organisatoren des Theaterkreises Wasserburg e. V. auch die künftigen Freilichtspiele in Angriff zu nehmen.


Weblinks

www.theaterkreis-wasserburg.de

www.wasserburg.de/de/touristik/stadtgeschichte/buergerspiel2009/

www.wasserburg.de/de/touristik/stadtgeschichte/buergerspiel2009/pressespiegel/



Belege, Literatur

  • Theaterkreis Wasserburg e. V. (Hrsg.): Die Festschrift. Bürgerspiel 2009. Festschrift. 2009. S. 11-19.
  • Interview mit Josef Christandl (Vorstand des Theaterkreises Wasserburg e. V.) und Elisabeth Christandl vom 09.08.2011.
  • DVD: Theaterkreis Wasserburg e. V. (Hrsg.); Wasserburger Bürgerspiel 2009; 14. Juni bis 9. August.

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