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Walz

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Als Walz oder auch Tippelei wird die mindestens drei Jahre und einen Tag andauernde Wanderschaft der zünftigen Gesellen nach ihrer Lehrzeit bezeichnet. Nur noch etwa ein bis zwei Prozent aller Gesellen pflegen heute noch diesen Brauch, am bekanntesten sind die Zimmerleute oder Steinmetze, die man noch öfter in ihrer typischen schwarzen Cordkleidung antrifft. Weitere Berufe in denen die Walz noch üblich ist, sind beispielsweise Mauerer, Stuckateure oder Steinsetzer. Hauptziel der Wanderung war und ist, dass die Gesellen neue Arbeitstechniken erlernen, sie sollen aber auch Lebenserfahrung sammeln und neue Regionen kennenlernen können. Bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war sie eine der Vorrausetzungen, die ein Geselle erfüllen musste, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden.

In diesem Artikel werden vorrangig die Bräuche der Steinmetze behandelt.

Ablauf

Voraussetzungen

Um offiziell, d.h. von der jeweiligen Zunft bzw. Schacht anerkannt und unterstützt, auf Wanderschaft gehen zu können, muss der Handwerker einige Voraussetzungen erfüllen. Grundsätzlich benötigt man zunächst einen Gesellenbrief, dabei ist anzumerken, dass die Ausbildung zum Fachwerker nicht mit der Berufsausbildung zum Handwerksgesellen gleichzusetzen ist. Zudem muss der Geselle ungebunden sein, sowohl im privaten, als auch im beruflichen Bereich. Da der Reisende sich, außer zu besonderen Ereignissen, seiner Heimat höchstens bis auf 50km nähern darf, sind nur unverheiratete und kinderlose Personen zugelassen. Auf keinen Fall sollten Sozialhilfeleistungen in Anspruch genommen werden, ratsam dagegen ist es sich um eine freiwillige Krankenversicherung zu bemühen. Sämtliche andere laufende Kosten sind dagegen zu vermeiden, darunter fällt beispielsweise ein eigener PKW, eine feste Wohnung oder ein Mobiltelefon. Sehr ungern gesehen werden auch Gesellen die über 30 Jahre alt sind oder eine Vorstrafe haben.

Im Folgenden werden die Abläufe und Bräuche im Rahmen der Wanderschaft näher beleuchtet. Als exemplarisches Beispiel wird die Zunft der Steinmetze und deren Regeln aus dem 19. Jahrhundert herangezogen.

Wanderkleidung

414px-Gesellen1.jpg

Der auf Wanderung befindliche Steinmetzgeselle trug im 19. Jhr. einen dunkelblauen Gehrock, ein weißes Hemd, einen schwarzen Röhrenhut mit Krempe und Boden und weiße englische Lederhosen die in hohen Stiefeln zu stecken hatten. Dazu wurde ein schwarzes Halstuch getragen, welches beim Vorsprechen bei möglichen Arbeitgebern, das Hemd zu verdecken hatte. Des weiteren besaß jeder Wanderer einen Exküser oder Stenz. Dieser Stock aus braunem Rohr mit Lederschlaufe war am Knopf mit Horn oder Silber Beschlagen. Außerdem trug er eine Einlage aus Knochen oder Silber in dem jeweiligen Zeichen der Steinmetzbruderschaft graviert war. Der Exküser wurde den Gesellen gewöhnlich am Tag der Aufnahme in die Bruderschaft überreicht. Modisch war es zu dieser Zeit für den Wanderer einen Schnauzbart zu tragen, dieser wurde auch Schmotz- oder Kratzbürste genannt.

Der unter dem Dachverband CCEG (Confédéreation Compagnonnage Européens - Europäische Gesellenzünfte) stehende Vereinigung der rechtschaffenen fremden Zimmer- und Schieferdeckergesellen Deutschlands schreibt heute in seiner Broschüre folgende Kleiderordnung für alle Bauhandwerksgesellen vor:

[Die Kluft] [v]om Gesellen mit Stolz getragen und bei derBevölkerung überall gerne gesehen.

Sie besteht aus ...

dem schwarzen Hut:
z.B. Schlapphut, Zylinder oder Koks (Bowler)

der Staude:
ein kragenloses weißes Hemd

der Samt- oder Manchesterweste:
mit schwarzen Biesen (Farbe je nach Beruf)

der Samt- oder Manchesterjacke:
mit schwarzen Biesen (Farbe je nach Beruf)

der Samt- oder Manchesterhose:
mit schwarzen Biesen (Farbe je nach Beruf)

den schwarzen Schuhen oder Stiefeln

Die schwarze Ehrbarkeit [eine Art Krawatte] mit dem jeweiligen
Handwerkswappen.

Ferner trägt der fremde Geselle nach Belieben einen
Ohrring mit Handwerkswappen im linken Ohr und
eine zünftige Uhrkette mit den Städtewappenschildern, die er bereist oder wo er gearbeitet hat.

Einer der Gesellen im Bild oben trägt außerdem einen Charlottenburger, auch Berliner genannt, bei sich. In diesem 80cm x 80cm großen Tuch befinden sich Werkzeug, Stauden, Wasch- und Schuhputzzeug, sowie Unterwäsche. Der Stoff ist gewöhnlich mit Werbung von Berufsbekleidungsgeschäften bedruckt, kann aber auch Abbildungen von den Gesellschaften zeigen. Der im Bild befindliche Stenz wird heute nicht mehr von der Bruderschafft ausgehändigt. Einen passendes Stück Holz muss sich der Wanderer selbst suchen und bearbeiten.

Handschenk, Schlag und Halszeichen

Der Handschenk, oder auch Griff genannt, war ein geheimes Erkennungszeichen durch den sich Mitglieder der gleichen Seinmetzbruderschaft in der Fremde versichern konnten es mit einem Mitglied ihrer Vereinigung zu tun zu haben. Dabei wurde beim Händedruck gegenseitig mit dem Daumen der erste Knöchel des Zeigefingers des anderen zweimal hintereinander gedrückt, gefolgt von einem längeren Druck nach einer kurzen Pause. War sich ein Teilnehmer unsicher konnte ein zweiter Test durchgeführt werden. Dabei wurden die Hände etwas weiter als üblich ineinandergelegt, sodass mit dem Zeigefinger auf den Pulsschlag des Gegenübers Druck ausgeübt werden konnte. Beide Formen des Händereichens wurden so ausgeführt, dass ein unwissender Beobachter nichts ungewöhnliches erkennen konnte. Die Freimaurer übernahmen später diesen Brauch.

Der Schlag war eine besondere Art des anklopfens an eine Tür, er bestand aus zwei schnell aufeinanderfolgenden Schlägen und einem langsamen.

Das Halszeichen war eine weitere Möglichkeit sich des Gegenübers zu versichern. Hierzu wurde die rechte Hand ausgestreckt und die Finger geschlossen so unter dem Kinn platziert, dass der Daumen unter dem rechten Ohr nach hinten zu stehen kam.

Die hier genannten geheimen Zeichen wurden später größtenteils von den Freimaurern übernommen, sind aber heute den meisten Reisenden unbekannt.

Reisegruß

Begegneten sich Gesellen auf der Wanderung gab es auch eine Möglichkeit mit Hilfe des Exkrüsers die Bruderschaftszugehörigkeit abzufragen. Dazu umwickelte man Mittel- und Ringfinger der linken Hand mit der Schlaufe des Stocks und führte ihn neben die linke Schläfe. Dazu wurde folgender Gruß gesprochen:

Wandergeselle 1: Wo kommen ehrbare Meister und Gesellen zusammen?

Wandergeselle 2: Zu Wasser und zu Lande.

Wandergeselle 1: Wo sind die ältesten Plätze der Steinmetzen? -

Wandergeselle 2: Straßburg, Wien, Zürich.

Wer begann war nicht festgelegt gewesen.

Vorsprache in der Herberge

Die Steinmetzgesellen unterhielten in jeder Stadt in der eine Bruderschaft bestand eine eigene Herberge. Geleitet wurden diese stets von einem Herbergsvater und dessen Frau. Außer zur Aufnahme von durchreisenden Gesellen auch der Pflege des sozialen Zusammenlebens der Zunft. Hier fanden regelmäßige Versammlungen statt aber auch Feierlichkeiten, bei denen hoher Alkoholkonsum fester Bestandteil war.

Ein typischer Feieranlass war die Aufnahme eines wandernden Gesellen, wobei diese festen Regeln unterworfen war. So sollte der Fremde erst nach Feierabend die Herberge mit geschlossenem Rock aufsuchen und dreimal kräftig mit seinem Stock anklopfen und erst dann die Tür öffnen. Es folgt nun der Reisegruß wie oben beschrieben, allerdings mit anderem Dialog:

Geselle (G): Mit Gunst und Erlaubnis! Ein Fremder?

Wandergeselle (W): Mit Gunst und Erlaubnis! Aufzuwarten.

G: Mit Gunst und Erlaubnis! Von wegen des Handwerks?

W: Mit Gunst und Erlaubnis! Aufzuwarten.

G: Mit Gunst und Erlaubnis. Ehrbarer Steinhauer kann eintreten.

Je nach Ort wurde nun entweder sofort im Anschluss, oder erst nachdem der Reisende in der Stadt Arbeit gefunden hatte, ein Humpen Bier oder ein Glas Wein gereicht mit dessen Austrinken im Beisein von zwei Sekundanten Bruderschaft geschlossen wurde.

Viele dieser Herbergen bestehen bis heute und werden sehr familiär geführt. Ein Fremder bekommt noch heute den obligatorischen Begrüßungstrunk und erhält sein Zimmer für die erste Nacht kostenlos, allerdings auch ohne Kenntniss über die korrekte Ausführung des Grußes. Weitere Übernachtungsmöglichkeiten bieten sich heute in Jugendherbergen, bei örtlichen Gesellen oder Meistern oder auch im Freien mit Zelten.

Vorsprache beim örtlichen Meister - Arbeit finden

Die Vorsprache um Arbeit , manchmal auch als Wandergruß oder Zuspruch bezeichnet, fand gewöhnlich am Morgen nach der Ankunft des Reisenden statt. Dazu betrat der Geselle die Werkstatt oder Hütte des Steinmetzmeisters und begann mit folgendem Spruch die Vorsprache:

Wandergeselle (W): Gott grüße Sie, ehrbarer Steinhauermeister, auch einen schönen Gruß von dem ehrbaren Steinhauermeister und Gesellen von N.N. Die ehrbaren Meister un d Gesellen N.N lassen den ehrbaren Meister freundlich grüßen von wegen des ehrbaren Steinhauer-Handwerks.

Meister (M): Ich bedanke mich ehrbarer Steinhauer des ehrbaren Grußes.

W: Haben Sie ehrbarer Steinhauermeister nicht eine ehrbare Beförderung vor einen ehrbaren Steinhauer auf 8 oder 14 Tage, so lange es dem ehrbaren Meister beliebt und mir ehrbaren Steinhauer gefällt nach Handwerks Brauch und Gewohnheit?

Gab es für den Vorsprechenden keine Arbeit bekam er vom ansässigen Altgesellen das Geschenk, bei dem entgegennehmen der Speiße musste er folgenden Dank aussprechen: Ich bedanke mich ehrbarer Steinhauer vor das ehrbare Geschenk, kommen wir heute oder morgen wieder zusammen, so will ich es wieder revanchieren, wie es einem braven Steinhauer zukommt.

Sollte der Angereiste allerdings Arbeit erhalten haben musste er auch die fest ansässigen Gesellen des Meisters förmlich grüßen, der Altgeselle sprach hierbei im Namen aller Hüttengesellen:

W: Gott grüße Ihnen, ehrbarer Steinmetz.

Altgeselle (A): Gott danke Ihnen, ehrbarer fremder Steinmetz.

W: Der ehrbare Meister von N.N. vonN.N., sein Polier, die frommen und ehrbaren Steinmetzen lassen sie in ihrer Ehrbarkeit mit Gott freundlich grüßen.

A: Gott danke dem ehrbaren Meister N.N., seinem Polier, den frommen und ehrbaren Steinmetzen, seien Sie mir in ihrer Ehrbarkeit mit Gott freundlich bewillkommnet, ehrbarer fremder Steinmetz.

Der Altgeselle reichte zum Schluss dem Fremden die Hand, welche mit folgenden Worten genommen wurde:

W: Danke mit Gott, ehrbarer Steinmetz.

Ist ein reisender Geselle in der heutigen Zeit auf der Suche nach Arbeit, muss er sich viel stärker als früher selbst bemühen. Die Vorsprache bei einem örtlichen Handwerksmeister ist dafür heute nicht mehr unbedingt nötig. Der Wandergeselle kann sich bei beliebigen Arbeitgebern vorstellen, dies soll aber immer im persönlichen Zwiegespräch und nicht etwa über Telefon oder Bewerbungsschreiben stattfinden.

Anschlag

Als Anschlag wurde die erste Arbeit eines neuangereisten Steinmetzgesellen bezeichnet. Hierbei wurde ein Stein unter Aufsicht der einheimischen Geselle nach festen Regeln bearbeitet. Erst nach bestehen dieser letzten Prüfung wurde der Fremde in die örtliche Gesellenschaft aufgenommen und konnte ohne weitere Tests im Ort arbeiten. Dieser Brauch wird heute nicht mehr durchgeführt.

Zunächst wurde der zu bearbeitende Stein mit Hilfe aller Gesellen aufgebänkt, also zur Bearbeitung bereitgelegt, dann stellte der Zugereiste seine Klipfel (heute auch Knüpfel genannt) und sein Schlageisen, also sein Werkzeug, aneinandergelehnt auf den Stein und ging zu dem ihm am nächsten arbeitenden Gesellen. Welchen er folgendermaßen ansprach:

Wandergeselle (W): Excuse, ehrbarer Steinmetz, Sie sind mit Gott angesprochen zu einem ehrbaren Anschlag.

Angesprochener Geselle (G): Excuse, ehrbarer Fremder, kann mit Gott versucht sein.

Der zuerst angesprochene Geselle hatte nun nacheinander alle anderen Gesellen mit folgenden Worten zur Mitarbeit aufzufordern:

G: Excuse, ehrbarer Steinmetz, Sie sind mit Gott angesprochen zum ehrbaren Anschlag unseres ehrbaren Fremden.

Diese antworteten: Kann mit Gott versucht werden.

Alle Angesprochenen stellten sich nun im Kreis um die Bank des Fremden. Er nahm nun mit dem Ausspruch: Excuse sein Schlageisen in die rechte Hand und sprach den ersten Gesellen erneut an.

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, bitte mit Gott um den ehrbaren Schleifstein.

G: Excuse, ehrbarer Fremder, belieben Sie mit Gott mitzuspazieren.

Der Fremde wurde nun zum Schleifstein geführt, wo er sein Schlageisen unter Beobachtung aller Gesellen schärfte. Dabei drückte er dreimal unter dem Ausspruch Excuse das vordere Teil des Eisen mit der linken Hand an den Schleifstein. Dann wurde er zu seinem Arbeitsplatz zurück begleitet. Dort angekommen lehnte er wieder Klipfel und Schlageisen aneinander und nahm nun das Richtscheit mit Excuse in die linke Hand und hielt es an die lange Seite seines Arbeitsstücks, wobei er wiederum Excuse sagte. Unter einem weiteren Excuse zog er nun einen Riß. Schließlich legte er die Werkzeuge in ihre Ausgangslage zurück, wonach er wieder den ersten von ihm angesprochenen Gesellen anredete.

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, belieben Sie mit Gott anzuschlagen.

Dieser antwortete mit dem selben Satz. Dieser kurze Dialog wurde nun dreimal wiederholt. Danach nahm der Reisende mit einem Excuse Eisen und Klipfel in die Hände und begann mit dem regelrechten Schlag zu arbeiten (beim regelrechten Schlag wurden die Ränder des Steinblockes nach bestimmten Vorgaben bearbeitet, welche nun nicht näher erläutert werden). War diese Arbeit getan, wendete sich der Wandergeselle erneut an den ersten einheimischen Gesellen:

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, ich habe mit Gott angeschlagen.

G: Excuse, ehrbarer Fremder, belieben Sie mit Gott weiterzuschlagen.

Nachdem dieser Dialog dreimal wiederholt wurde, nahm der Fremde sein Werkzeug wieder auf und führte den zweiten und dritten Schlag (auch Streich genannt) durch. War diese Arbeit getan, wurde wiederum der ansässige Geselle verständigt:

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, ich habe mit Gott weitergeschlagen.

G: Excuse, ehrbarer Fremder, belieben Sie mit Gott ihren ehrbaren Schlag auszuschlagen.

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, belieben Sie mit Gott meinen ehrbaren Schlag auszuschlagen.

Wieder wurde dies dreimal wiederholt. Danach folgte ein ein einzelnes Excuse des Wandergesellen, der daraufhin seine Arbeit am Stein ohne weitere Pausen beendete. Die Beendigung seiner Arbeit verkündete er wiederum dem ersten Gesellen:

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, ich habe mit Gott meinen ehrbaren Schlag ausgeschlagen.

Der angesprochene Geselle teilte diese Information wiederum mit den restlichen anwesenden Gesellen:

G: Excuse, Sie werden verexcusiren, meine Herren, der ehrbare Fremde hat mit Gott seinen ehrbaren Anschlag gemacht.

Nun sprach der Fremde erneut den Gesellen an:

W: Excuse, ehrbarer Steinmetz, Sie sind mit Gott verexcusirt.

Nach einem Excuse zur Antwort teilt der Geselle den anderen Einheimischen mit:

G: Excuse, meine Herren, Sie sind mit Gott verobligirt.

Zum Abschluss reichen alle Gesellen dem Zugereisten die Hand.

Verkürzter Anschlag

Für diese recht umständliche Einführung in die Gesellenschaft gab es auch eine weitaus schnellere Form, welche wie in der langen Variante auch vom Wandergesellen eröffnet wurde. Der Dialog konnte mit einem beliebigen der ansässigen Gesellen geführt werden.

W: Mit Gunst und Erlaubnis, ehrbarer Steinhauer, ich bitte, Sie wollen mir erlauben, den ehrbaren Anschlag.

G: Mit Gunst und Erlaubnis, ja, in Gottes Namen.

W: Mit Gunst und Erlaubnis, ich bedanke mich vor den ehrbaren Anschlag.

G: Ehrbarer Steinhauer hat nicht zu danken, ich wünsche ihm Glück dazu.

Zweispitzgruß

Der nun in die Gesellenschaft aufgenommene Wanderer wurde nun üblicherweise mit Handwerkszeug aus der hütteneigenen Kompanietruhe ausgerüstet. Auch dies geschah nach einem vorgeschriebenen Ritual, welches Zweispitzgruß genannt wurde. Der Zweispitz ist ein Steinbeil, das äußerlich einer Spitzhacke ähnelt. Der Angereiste hatte folgendes zu sagen:

Wandergeselle (W): Mit Gunst und Erlaubnis, Zweispitz ich komm zu dir und heb dich auf und nehm dich mit mir. Wenn ich meinen aus der Schmiede bekomm, soll er der ehrbaren Gesellschaft auch wiederum zu Diensten stehen.

Abschied

Bevor der Wandergeselle seine Reise fortsetzen konnte, musste er in einer Versammlung aller einheimischen Gesellen, auch Auflage genannt, zeremoniell verabschiedet werden. Den Anfang machte der Wandergeselle, sein Gesprächspartner war ein beliebiger einheimischer Geselle, der in Vertretung für alle anderen sprach

Wandergeselle (W): Mit Gunst und Erlaubnis! Ehrbare Gesellenschaft, es wird Ihnen bewusst und bekannt sein, dass ich fremd bin. Ist es Ihnen nicht bewusst und bekannt, so will ichs Ihnen bewusst und bekannt machen, dass ich fremd bin. Also ist einer oder der andere da, der etwas über mich weiß, der bringe seine Sache vor, dieweil ich noch hier bin, damit ich mich selbst verantworten kann.

Einheimischer Geselle (G): Mit Gunst und Erlaubnis! Ich weiß nichts als Liebs und Guts. Mit Gunst und Erlaubnis! Ehrbarer Steinhauer, weil er willens ist, weil er willens ist zu wandern, so wünsche ich ihm Glück zu Weg und Steg, zu Wasser und zu Land, wo ihn der liebe Gott hinsandt. Grüße er mir ehrbare Meister und Gesellen, wo das Handwerk redlich und zünftig gehalten wird. Sollten wir heute oder morgen zusammenkommen, so wollen wir einander begegnen, wie es die Pflicht erfordert.

Dem folgte nun der Bündelgruß:

W: Mit Gunst und Erlaubnis! Ehrbare Gesellenschaft, Sie werden mir erlauben, ein oder andere Steinhauer mich zu befördern und mir meinen Bündel vor das Tor zu tragen nach Handwerks Brauch und Gewohnheit. Mit Gunst und Erlaubnis! Ehrbarer Steinhauer, ich will ihn angesprochen haben, mich zu befördernund mir meinen Bündel vor das Tor zu tragen nach Handwerks Brauch und Gewohnheit.

G: Mit Gunst und Erlaubnis! Gesellschaft, ist er reis- und wandersfertig?

W: Mit Gunst und Erlaubnis! Ja. Mit Gunst und Erlaubnis! Hier überreiche ich ihm meinen Bündel aus meiner Hand in seine Hand. Wenn dies alles ist geschehen, so will ich weiters gehen und alle ehrbaren Meister und Gesellen grüßen, wie mir die ehrbaren Meister und Gesellenanbefohlen haben.

G: Mit Gunst und Erlaubnis, ich nehme diesen ehrbaren Bündel auf mich und will ihn wieder überliefern, wie ich ihn genommen hab. Wo will er seinen Bündel hinhaben? Zwischen Himmel und Erden? Oder auf grüner Haid? Oder zwischen Laub und Gras? Oder zwischen Himmel und Wasser? Oder schwebend?

Hier konnte der Reisende nun seine Antwort ausnahmsweise frei wählen und das Gespräch setzte sich beim Erreichen einer bestimmten Stelle vor den Toren der Stadt fort. Sagte der Fremde beispielsweise: Zwischen Laub und Gras!, wurde das Bündel vom Begleiter unter einen Baum gelegt. Schließlich folgte eine letzte Ansprache vom einheimischen Gesellen an den Wandergesellen, bevor dieser seine Reise allein fortsetzte:

G: Ehrbarer Steinhauer, weil ich vernommen hab, dass er reisefertig ist und will wandern, so wünsch ich ihm Glück zu Weg und Steg, zu Wasser und zu Land, wo ihn der liebe Gott hinsandt. Grüße er mir ehrbare Meister und Gesellen, wo das Handwerk zünftig und ehrlich ist und redlich gehalten wird, ist es aber nicht zünftig und ehrlich, so helf er´s ehrlich und zünftig machen bei einem Glas Bier oder Wein, wenn es sein kann. Kann es aber nicht sein, so nehme er Geld oder Geldeswert und helf er´s ehrlich und zünftig machen, kann es aber noch nicht sein, so geh er zum Tor hinaus; ist das Tor verschlossen, so gehe er vor das andere, ist das andere Verschlossen, so gehe er vor das dritte, ist das dritte verschlossen, so gehe er wieder zurück in des Meisters Haus, bitte er sich Knüpfel und Zweispitz aus, gehe er auf die Stadtmauer, breche ein Loch hinaus, werfe er den Bündel zuvor hinaus, spring mit gleichen Füßen darauf und spreche `Vivat`. Das ist aller rechtschaffenen Steinhauer ihr Gebrauch.

Heute wird die Verabschiedung eines Gesellen völlig anderst begangen. Um den Fremden aus der Stadt zu führen stellen die einheimischen Gesellen sich hinter dem abreisenden Gesellen in einer Reihe auf. Der Leithammel, also der vorderste Geselle trägt gewöhnlich eine Flasche Schnaps bei sich, aus der in den regelmäßigen Marschpausen gemeinsam getrunken wird. Dabei wird zumeist auch geschallert, es werden also zünftige Gesellenlieder gesungen. Diese Art des reisens wird Gänsemarsch oder Spinnermarsch genannt.

Hintergrund-Infos

Weblinks

http://www.stoimetz.de/Info.html

http://cceg.eu/

http://rechtschaffene.de/

Belege, Literatur

Schottner, Alfred: Das Brauchtum der Steinmetzen in den spätmittelalterlichen Bauhütten und dessen Fortleben und Wandel bis zur heutigen Zeit. Münster, Hamburg 1994, S. 110-139

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