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Spitzlmarkt in Hemau

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Der Spitzlmarkt in Hemau (Landkreis Regensburg) ist eine eintägige Veranstaltung und findet jährlich am 31. Oktober statt. Neben verschiedensten Fieranten bietet ein Stand am Stadtplatz von 8 – 18 Uhr Spitzl-Variationen an. Als traditionelle Form des Spitzls in Hemau wird der rautenförmige Lebkuchenspitzl angesehen.

Termin

Dieser Brauch ist am 31.10.2017.
Er findet jedes Jahr zu diesem Datum statt.

Ablauf

Vorbereitungen

Tortenspitzl.JPG
Dem eigentlichen Brauchereignis, dem Markt, geht eine fast zweimonatige Vorbereitungsphase voraus: In den vier Hemauer Bäckereien (Bäckerei Maag/Hirn, Bäckerei Dürr, Bäckerei Rödl, Bäckerei Regensburger), die sich mit dem Verkauf im Stand am Spitzlmarkt selbst jährlich abwechseln, beginnen die Teigvorbereitungen für die verschiedenen Spitzlarten teilweise bereits im September. „Zum Schulanfang wird unser Lebkuchenteig schon im kühlen Keller gelagert“, erklärt Theresia Hirn, „und auch der Honigteig muss eine ganze Zeit lang stehen, das ist wichtig.“ Auch Luise Regensburger kann das bestätigen: „Der Lebkuchenspitzl ist dann am Besten, wenn er einige Tage liegen kann und auch die Hefe für die Hefezöpfe lagert einige Tage. […] Die Vorbereitungen für die Böden der Tortenspitzl beginnen ungefähr 14 Tage vorher.“ Helmut Regensburger schätzt, dass 2012 zwei Konditoren und drei Helfer eine Woche rein an der Spitzlherstellung für den Bedarf am Spitzlmarkt beschäftigt waren. Aber auch in den Filialen der vier Hemauer Bäckereien werden in der Allerheiligenwoche Spitzl verkauft. Theresia Hirn erklärt: „Die Lebkuchenspitzl sind sehr gefragt, nicht nur bei Hemauern. Sie werden auch oft von Wirtschaften angefragt, da sie besonders gut zur Soßenherstellung benutzt werden können, schmeckt zum Beispiel zu Wild“, weswegen schon oft zwei Wochen vor Allerheiligen Lebkuchenspitzl angefragt werden. „Viele Hemauer bestellen auch gleich 20 oder 30 Stück, als Geschenk für Verwandte oder Bekannte. Lebkuchenspitzl haben wir länger im Angebot, die Sahne- und Cremespitzl gibt es bei uns allerdings nur am Tag des Marktes zu kaufen“, so Theresia Hirn.

Spitzlmarkt

Spitzlverkauf.JPG
Beobachtet, fotografiert und interviewt wurde auf dem Spitzlmarkt am Mittwoch, 31. Oktober 2012, bei sonnigem Wetter und Temperaturen um 5°C. Das angenehme Wetter hatte sicherlich auch positive Auswirkungen auf die Besucherzahlen im Jahr 2012, die vom Ordnungsamt der Stadt Hemau auf ungefähr Zwei- bis Dreitausend geschätzt wird. Im Jahr 2012 war die Bäckerei Regensburger für den Spitzlverkauf am Markt zuständig.
Am Morgen des Marktes herrscht am Stadtplatz schon reges Treiben, zwischen halb acht und halb neun Uhr hatten die meisten Fieranten und Verkäufer ihre Stände bereits aufgebaut und ihre Ware ausgelegt. Messer, Korbwaren, Schuhe, Kleidung, Küchengeräte, Wollwaren (unter anderem aus Schafswolle), Playmobilspielzeug oder Honig: Das Angebot der insgesamt 23 Fieranten war breit gefächert und der Markt erstreckte sich vom Matthias-Mühlbauer-Platz unterhalb der Pfarrkirche über den Stadtplatz bis in die Riedenburgerstraße sowie in kleine Seitengässchen. Marktbesucherin Andrea S. ist mit Mann Michael und ihren beiden Kindern gekommen, sie wohnt schon ihr Leben lang im Kreis Hemau und erzählte, dass der Markt vor 20 Jahren viel größer war: „Ich meine mich auch zu erinnern, dass hier auch immer ein Tiermarkt integriert war. […] Aber auch heute bekommt man hier noch Sachen, die man sonst vergeblich sucht, zum Beispiel echte Körbe vom Korbbinder.“ Neben einigen Holzbuden wurde meist aus Pavillons und auf Tischen verkauft, viele Markthändler parkten mit ihren Autos oder Kleinbussen in nächster Nähe zum Verkaufsstand. Schon vormittags hatte man Probleme, einen Parkplatz in Hemau zu ergattern und besonders zur Mittagszeit waren viele Besucher am Markt zu beobachten; äußerst beliebt war hier neben dem Stand der Bäckerei Regensburger der Stand der Familie Ferstl, die Glühwein und Wurstsemmeln verkaufte. Nachmittags wie vormittags dominierte die ältere Besuchergeneration, die oft auch mit ihren Enkelkindern den Markt besucht. Gegen 17 Uhr brachen schon die meisten Markthändler ihre Stände ab.
Offizieller Veranstalter des Marktes ist die Stadt Hemau, angekündigt wurde der Markt lediglich in den regionalen Printmedien (Mittelbayerische Zeitung und Tangrintler Nachrichten) und im Veranstaltungskalender auf der Homepage der Stadt Hemau. Der Markt als Event ist durch seine jährliche Wiederkehr durchaus fest im kulturellen Gedächtnis der Hemauer verankert: „Der Spitzlmarkt hat keine bestimmte Zielgruppe – jeder Hemauer schaut hier eigentlich im Laufe des Tages mal vorbei“, so drückte es Luise Regensburger von der Bäckerei Regensburger aus, die 2012 aktiv im Stand Spitzl verkaufte.

Varianten

In der Zeit um Allerheiligen und Allerseelen finden auch im Umland von Hemau einige Spitzlmärkte statt, so zum Beispiel in Kelheim, Dietfurt oder Riedenburg. Da immer wieder verschiedene Artikel zum Spitzl auftauchen und unklar ist, welcher tatsächlich benutzt werden soll, wird in diesem Bericht „der Spitzl“ benutzt, man hört jedoch auch des Öfteren „das Spitzl“.

Hintergrund-Infos

Tangrintelstadt Hemau

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Die Großgemeinde Hemau liegt auf dem Bergrücken zwischen Altmühl und Schwarzer Laaber und ist mit 122,46 Quadratkilometern die flächengrößte Gemeinde im Landkreis Regensburg (Bürgerbroschüre Hemau, 2003, S. 9). 2013 lebten 8.805 Einwohner in der Gemeinde. Nach Altbürgermeister und Ortsheimatpfleger Hans Schuster belegen Unterlagen in verschiedenen bayerischen Archiven eindeutig, dass Hemau 1305 zur Stadt erhoben wurde. (Bürgerbroschüre Hemau, 2003, S. 19) Als Stadt auf dem „Tangrintel“ wird Hemau bereits auf einer Urkunde aus dem Jahr 1114 bezeichnet. (Bürgerbroschüre Hemau, 2003, S. 7) Nach dem Ortsheimatpfleger Johann Deml entstand der Name aus zwei mittelhochdeutschen Wörtern („tan“ für Wald und „grintel“ für Riegel oder auch Höhenrücken) und bezeichnet den Jura-Höhenrücken, der auch heute noch viel Wald aufweisen kann. (Bürgerbroschüre Hemau, 2003, S. 7) Nach Informationen aus dem Hemauer Ordnungsamt gab es bis in die 1960ger Jahre noch eine Reihe von Märkten in Hemau, die sich allerdings aufgrund des fehlenden Zuspruchs auf fünf Märkte im Jahr reduzierten, einer davon ist der Spitzlmarkt.

Der Spitzl in seinen Varianten

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Als traditionelle Form des Spitzls wird in Hemau der rautenförmige Lebkuchenspitzl angesehen – die Form der Raute nehmen in Hemau fast alle Spitzl an. Angeboten werden auch Honigteigspitzl sowie Tortenspitzl in verschiedenen Größen und Variationen (beispielsweise Herren-, Sacher-, Prinzregenten-, Erdbeer-Sahne-, Schwarzwälderkirsch-, oder Nuss-Sahne-Torte) – „unsere Tortenspitzl werden mehrfach gefüllt, das macht sie saftig“, erklärt Luise Regensburger. Die Cremespitzln, für die die Bäckereien verschiedene Buttercremes oder Marmeladen verwenden, werden mit Zuckersirup (die Bäckerei Maag/Hirn lässt sich dieses Sirup sogar extra aus Frankreich importieren) und bunten Bildchen verziert, die an Bilder aus alten Poesiealben erinnern. Eine neuere Spitzlvariation ist aus trockenem Kuchen gebacken: Die Punsch- und Marmorkuchenspitzln.
Das Preisspektrum ist so unterschiedlich wie die Spitzlsorten: Kleine Kuchenspitzl kosten rund einen Euro, ein großes Tortenspitzl, was mengenmäßig einer halben Torte gleicht, kostet zwischen zehn und 15 Euro, je nach Sorte. Im Stand auf dem Spitzlmarkt wurden im Jahr 2012 rund 2500 Lebkuchenspitzl und knapp 1000 Tortenspitzl in verschiedensten Größen verkauft.

Brauch- und Rollenverständnis

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Was die allgemeine Interpretation des Brauches betrifft, so kursieren verschiedenste Auffassungen bei den Marktbesuchern, auffällig sind vor allem die Unterschiede in den verschiedenen Generationen: Nicht nur fallen Unterschiede in der Interpretation und Vermutungen über die Herkunft des Brauches auf, auch die „Benutzung“ des Spitzls ist verschieden: Einige kaufen die Spitzl aus dem alleinigen Grund des Verschenkens, andere zum Eigenverzehr.
Die ältere Generation kauft die Spitzl meist (aber nicht ausschließlich) um sie zu verschenken, an Enkel- oder Patenkinder, wie zum Beispiel Anna M., wohnhaft im Kreis Hemau, die jedes Jahr extra auf den Markt fährt, um einige Spitzl zu Allerheiligen zu kaufen und sie später, zusammen mit ihren Enkelkindern, zu essen. Gertraud W. aus dem Ortsteil Neukirchen kaufte in diesem Jahr Spitzl für Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde: „Einen Spitzl schenkt man lieben Menschen, zum Beispiel auch als kleines Dankeschön, das war für mich schon mein ganzes Leben lang so. Auch in den Zeiten, in denen man nicht so viel hatte, hat man gerne geschenkt, damals zum Beispiel einen Spitzl. […] Es ist einfach eine schöne Tradition.“ Die befragten Personen dieser Generation sind stolz auf ihre „Hemauer Spitzl“ und es ist ihnen wichtig, dass diese Tradition erhalten bleibt. Kritische Töne vernimmt man des Öfteren gegenüber den neueren Tortenspitzln, da diese sich schon zu weit vom „originalen Lebkuchenspitzl“ wegbewegen würden.
Spitzlmarkt 5.JPG
Die 30- bis 40-jährigen Spitzlkäufer sehen das Ganze eher pragmatisch, wie zum Beispiel das Ehepaar S., die den Markt zusammen mit ihren beiden Kindern besuchten – sie haben sich in den vergangenen Jahren durch die verschiedenen Sorten der Bäckereien probiert und kauften 2012 die Sorten, die ihnen und den Kindern am Besten geschmeckt haben: „Wir kaufen Spitzl für uns und die Kinder – die werden heute oder morgen noch gegessen. […] Als Kinder haben wir von der Patentante oder Oma jedes Jahr Spitzl bekommen, und auch unsere Eltern schenken unseren Kindern Spitzl. Für uns hat der Spitzl eine nostalgische Bedeutung. […] Es ist auch der einzige „Kuchen“ und das einzige Mal im Jahr, wo wir einen solchen kaufen.“
Viele Kinder und Jugendliche werden von Eltern, Großeltern oder Paten mit Spitzln beschenkt, auch einige Jugendliche und Teenager schenken aktiv der besten Freundin oder dem Freund einen Spitzl, hier wird allerdings das Gemeinschaftserlebnis beim Essen selbst betont: Der Spitzl wird oft geteilt und zusammen gegessen.
Cremespitzl.JPG
Die Bäckereien selbst sehen sich bewusst als Traditionsträger. Dokumente zum Spitzl, seien es Zeitungsartikel oder Fotos, werden aufgehoben, nicht zuletzt weil der Brauch in den nächsten Generationen weitergeführt oder zumindest nicht vergessen werden soll. Obwohl der Spitzl in Hemau nicht explizit als „Allerheiligen-Spitzl“ bezeichnet wird, wird er doch mit dem kirchlichen Fest in Verbindung gebracht: „Den Spitzl, den gibt’s eben zu Allerheiligen“, so die Aussage eines Marktbesuchers. In der Familie der Bäckerei Regensburger beispielsweise werden die Spitzl nach dem gemeinsamen Kirchbesuch an Allerheiligen gegessen. Luise Regensburger gab eine in Hemau sehr populäre Herkunftserklärung: Nach der Ernte hätten die Bauern ihre Dienstboten mit einem Spitzl entlassen, später schenkten Paten den Patenkindern oder Großeltern den Enkelkindern ein Spitzl. Theresia Hirn erinnerte sich, dass auch dem Täufling gerne ein Spitzl geschenkt wurde, teilweise bekamen auch Angestellte einen Spitzl vom Chef. „Heute gilt: Jedem Spotzl sei Spitzl. [...] Regeln gibt es da keine – man schenkt einen Spitzl, um jemandem eine kleine Freude zu machen und um zu sagen, dass man jemanden gern hat.“

Mediale Berichterstattung

Herkunftserklärungen des Spitzls lassen sich im Jahr 2012 in der Mittelbayerischen Zeitung finden, nämlich im Artikel „Eine süße Verführung in Rautenform“ von Beate Popp (lbp), gedruckt am 27.Oktober 2012, S. 65.
„Nach der Ernte, wenn auf dem Bauerhof Ruh eingekehrt war, beschenkten die Bauern ihre Dienstboten zum Dank und als Anerkennung für ihre geleistete Arbeit das ganze Jahr über, mit einem Spitzl. Dies geschah immer am Tag vor Allerheiligen. Nachdem es kaum noch Mägde und Knechte gab, änderte sich dieser Brauch. Anfangs beschenkten noch die Paten ihre Patenkinder und dann wurden auch die Ehefrauen oder die Freundinnen mit einem süßen Spitzl überrascht.“ Diese Herkunftserklärung des Brauchs vom Schenken eines Spitzls ist vor allem auch noch in den Gedächtnissen der älteren Generation verwurzelt, Jüngere werden aber auch heute noch von Paten oder Großeltern beschenkt. Weiter im Artikel liest man:
„Das Allerheiligenspitzl geht auf eine lange ostbayerische Tradition zurück. Nach der Überlieferung wurden die Spitzl von Menschen für ihre lieben Toten gebacken, die an Allerheiligen mit Körper und Seele aus ihren Gräbern stiegen. Und weil auch ein solchermaßen sich betätigender Verstorbener etwas zu essen braucht, machte man ihm aus einem einfachen Hefeteig eine Brotzeit - das Allerheiligenspitzel. Wobei es nicht gezwungenermaßen ein Spitzl sein muss. Üblich waren in manchen Gegenden auch flache Laibchen. Später wurden Allerheiligenspitzel zu Liebesgaben, die sich einander zugetane Personen schenken. Die Magd gab eines dem Knecht, der Bauer seiner Bäuerin. Aber auch Patenkinder wurden damit beschenkt.“
Auch der Bayerische Rundfunk berichtete in seiner Sendereihe „Landgasthäuser“, Sendung „Mehlmus zum Sterben, Marterln zum Leben“ über den Spitzlmarkt in Hemau (Erstausstrahlung 2005); bis vor einigen Jahren wurde diese Sendung am Nachmittag des Allerheiligentages ausgestrahlt, 2011 und 2012 lief sie allerdings nicht mehr.
Dass die Spitzl tatsächlich früher – im Zusammenhang mit den Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen – für die Seelen der Verstorbenen gebacken wurden, ist kaum noch präsent in der aktuellen Brauchausübung der Hemauer.

Historische Entwicklung des Festes Allerheiligen / Allerseelen

Im Orient wurde schon im vierten Jahrhundert ein eigenes Fest zu Ehren aller Heiligen gefeiert, dies allerdings am Sonntag nach Pfingsten. Im Jahr 609 oder 610 kam das Allerheiligenfest auch im Okzident auf, wo Papst Gregor IV. es auf den ersten November legte. Im Jahre 835 wurde es beispielsweise in Frankreich eingeführt. (vgl. Motyka, 2002, S. 107)

Der Opferbrauch: „Seelenweckerl“

An den Tagen der Totenfeste, so glaubte man, seien die Toten körperlich anwesend (vgl. Metken, S. 94), feierten die Feste mit (vgl. Burgstaller, 1970, S. 17), würden dahin zurückkehren, wo sie einst gewohnt hatten (vgl. Eichenseer, 2009, S. 332) und hätten dann, wie auch lebende Menschen, Anspruch auf Essen und Trinken. (vgl. Plötzl, 1999, S. 207) Dies lässt sich mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod erklären, nach dem die Seelen der Verstorbenen weiterhin existierten. Aus diesem Grund opferte man den Toten in gewissen Abständen Gaben, um die Seelen milde zu stimmen und sie damit zu versorgen, was diese – ihrer Vorstellung nach – im Jenseits benötigten. (vgl. Burgstaller, 1970, S. 16f.) So besuchte man in weiten Teilen Oberbayerns am Allerheiligenabend die Gräber der verstorbenen Verwandten und opferte sogenannte „Seelenzöpfe“ (einem geflochtenen Zopf aus Semmelteig, erhältlich in Größen „bis drei Schuh lang“) und einen Teller Kernmehl. An Allerseelen opferte jeder Haushalt einen Teller mit Muesmehl, Haber und Kern. Man ging später dazu über, diese Gaben in Form von „Seelenweckerln“ zu spenden. (vgl. Burgstaller, 1970, S. 22) Die ursprünglich den Toten zugedachten Speisen gab man den Armen, dem Mesner und den Patenkindern, deren Danksagungen (Vergelts Gott), sollten die Armen Seelen dann erlösen. (vgl. Plötzl, 1999, S. 207) „Seelenweckerl“ bestanden aus geringerem Teig als die Zöpfe und waren für die „Seelenleut“, arme Menschen, die in diesen Tagen von Haus zu Haus zogen, gedacht. (vgl. Metken, 1984, S. 94) Die Armen konnten in dieser Woche mit einem Dankspruch Segen oder, bei Verweigerung einer Gabe, Unheil über Haus und Hof bringen. (vgl. Burgstaller, S. 16f)
Vor allem in Oberbayern, Niederbayern, Teilen Böhmens und Oberösterreichs existierten die „Seelwecken“ als Almosen (vgl. Metken, 1984, S. 248), die man am Begräbnistag oder an Allerheiligen spendete, (vgl. Metken, 1984, S. 380) um die Leidenszeit der „Armen Seelen“ zu verkürzen. (vgl. Metken, 1984, S. 247) Die sammelnden „Seelgeher“, die nach einer Spende für die Verstorbenen beteten, waren dementsprechend willkommen, „je mehr desto besser“ (Metken, 1984, S. 380), eine große Anzahl von „Heiligenstriezelnsammlern“ galten auch als Vorboten eines guten Jahres. (vgl. Burgstaller, 1970, S. 14f)
Im München des 18. Jahrhunderts erhalten neben den Armen auch erstmals Hofbedienstete „Seelenzeltln“ (vgl. Metken, 1984, S. 380), ebenfalls eine Art des Allerheiligengebäcks, das es in vielen Gestalten und aus Teigen unterschiedlichster Qualität gab: Als Wecken, Stuck oder Spitzl mit jeweils anderen, regional unterschiedlichen Besonderheiten. Noch um 1930 konnte das Phänomen beobachtet werden, dass arme Leute sowie Kinder von Haus zu Haus zogen, um „Seelenwecken“ oder „Heiligenstriezel“ zu erbitten. (vgl. Burgstaller, 1984, S. 13)
Zur Veranschaulichung hier die Geschichte: „Vergelts Gott“ von Maria Helm, OB (aus Eichenseer, 2009, S.330):
„Die 90 Jahre alte Fraanz erzählt, dass sie beim Saufüttern immer die verstorbene Mutter im Schweinestall zwischen den Schweinen gesehen hat. Sie hat sich sehr gefürchtet und nach einiger Zeit den Pfarrer gefragt. Der gab ihr den Rat, sie solle doch die Mutter selbst fragen. Das tat sie auch mit großer Angst. Die Mutter sagte ihr: „Ich habe kein einziges Vergelts Gott in die Ewigkeit mitgebracht. Ich habe lieber den Schweinen übriges Brot gegeben als den armen Leuten. Wenn Du mich erlösen willst, dann back ein „Bäck“ Brot (einen Backofen voll, von einem Zentner Mehl), verschenke es an die Armen, und die Vergelts Gott derselben kommen mir zugute.“ Von Stund an war die Mutter verschwunden.“

Der Patenbrauch: „Seelenzöpfe“

Der „Seelenwecken“ existierte gleichzeitig auch als Patenbrauch an Allerheiligen: In den Tagen um Allerheiligen erhielten Patenkinder von ihren Tauf- und Firmpaten „Spitzeln“ in Form geflochtener Hefezöpfe, teils mit Mandeln oder Zuckerguss, weshalb diese Tage der Seelenwoche vom 30. Oktober bis achten November (vgl. Metken, 1984, S. 94) im Volksmund als „Spitzltech“ bezeichnet wurden. (vgl. Motyka, 2002, S. 107) „Seelwecken für die Armen, Seelenzopf für die Patenkinder“ (Burgstaller, 1970, S. 13), so heißt es im Atlas der Deutschen Volkskunde. Im Jahr 1860 konnte man zum Beispiel in Oberösterreich beide Sorten dieses Gebäcks auffinden: Größere Wecken aus weißem Mehl für Dienstboten und Patenkinder, kleinere Wecken aus dunklerem Mehl für die „Armen Seelen“. (vgl. Burgstaller, 1970, S. 12) Allerseelengebäcke bestanden bereits Mitte der 30ger Jahre fast nur noch aus Patengeschenken. (vgl. Plötzl, 1999, S. 209) Schenkte der Freund seiner Liebsten einen Spitzel, galt dies schon fast als Heiratsantrag – ein Ablehnen des Geschenks sah man als klare Absage. (vgl. Motyka, 2002, S. 107) Der Gedanke, den „Armen Seelen“ etwas Gutes zu tun, ist hier weniger präsent. (vgl. Metken, 1984, S. 248) Dass das Gebäck teils noch existiert, obwohl auch Patenspenden schon aufgegeben wurden, ist wahrscheinlich deren Schmackhaftigkeit zu verdanken (vgl. Burgstaller,1970, S. 12) – so gibt es das Gebäck heute als Festtagsgebäck. Möglicherweise steckt auch ein Sparsamkeitsdenken hinter dieser Brauchänderung: Da in einer Familie oft für alle Kinder ein einziger Taufpate gefunden wurde, hätte dieser enorm viele Spitzln verschenken müssen. (vgl. Fähnrich, 2007, S. 271) Im Jahr 1932 war einem Pfarrer vom Eichlberg bei Hemau noch ein religiöser Hintergrund bewusst, der die Hemauer Rautenform erklärt: „An Allerseelen bekommen die Kinder von ihren Paten Spitzel [geschenkt], die [rautenartige] Form soll an die Seelen erinnern, die Spitzel selbst zum Gebet für die Armen Seelen mahnen“ (Fähnrich, 2007, S. 269)

Der Allerseelen- und Allerheiligenbrauch in Hemau: Spitzl

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In der Oberpfalz werden diese Brote üblich als „Spitzeln“, „Spitzn“ oder „Spitzl“ bezeichnet, man versteht unter den „Spitz(l)“ genannten Gebäcken Brote mit spitz zulaufenden Enden. (vgl. Burgstaller, 1970, S. 58) Am „Spitzeltag“, so führt die Bavaria (nach Burgstaller, 1970, S. 35) aus, werden sie in verschiedenen Orten an der Altmühl bei den Jahrmärkten (oder auch „Spitzelmärkten“ (vgl. Burgstaller, 1970, S. 35)), die zu dieser Zeit stattfinden, in eigenen Buden verkauft. Zusätzlich gingen Kinder und Arme von Bäcker zu Bäcker und riefen „Spitzl raus! Spitzl raus!“ (Burgstaller, 1970, S. 35) oder „sChristas! Um a Spitzl!“ (Burgstaller, 1970, S.85) Diesem Spitzltag folgte oft am nächsten Morgen die „Allerseelenspende“: Brot für die Armen. (vgl. Eichenseer, 1970, S. 331) Denn neben den großen Patengebäcken gab es auch in der Oberpfalz kleinere Brote („Seelenweckerl, Hallermuckerl, Spitzel“).
Nach Meldungen an der Atlas der deutschen Volkskunde gab es den Brauch besonders häufig in den Landkreisen Cham, Riedenburg, Regensburg und Roding. (vgl. Burgstaller, S. 35) Als traditionell wurde in Hemau eigentlich der Hefespitzl aus purem Hefeteig bezeichnet (vgl. Eichenseer, 2009, S. 271), im angrenzenden Landkreis Neumarkt gilt 1955 der Lebkuchenspitz als herkömmliches Seelengebäck. (vgl. Fähnrich, 2007, S. 271) Möglich ist auch eine „Entwicklung“ des Teiges, vom Gebäck aus gesalzenem Semmelteig (das es vereinzelt bis 1950 zu kaufen gab), über gezuckerten Hefeteig, süßen Lebkuchenteig, bis hin zu den Torten ab den 1930ger Jahren. (vgl. Fähnrich, 2007, S. 271)
Der Wolfgangsmarkt, aus dem sich der Spitzlmarkt in Hemau entwickelte, wurde im Jahr 1665 in der Hemauer Chronik erwähnt: „1665 wurden die seit geraumer Zeit ausgesetzten Wochenmärkte neuerdings eingeführt, auch der eingegangene Wolfgangimarkt wieder abgehalten.“ (vgl. Feuerer, 2005, S. 216). Mit Spitzlmarkt meint der Volksmund den Wolfgangsmarkt. (vgl. Eichenseer, 2009, S. 271) Dies lässt den Schluss zu, dass es den Wolfgangsmarkt schon einige Zeit vorher gegeben haben muss – in der ältesten Hemauer Stadtkammerrechnung von 1630 findet sich eine Aufrechnung der Standgebühren, die damals 30 Kronen betrugen. Ob allerdings auf diesen frühen Märkten auch schon Spitzl verkauft worden sind, lässt sich nicht nachvollziehen. Festzustellen ist, dass der „Wolfgangimarkt“ nach den Standgeldverzeichnungen auch nicht regelmäßig jedes Jahr stattgefunden hat, ein Datum ist auch nicht angegeben. Seit 1972 ist der Spitzlmarkt offiziell im Marktverzeichnis der Stadt Hemau eingetragen, 1975 wurde der Wolfgangsmarkt/Spitzlmarkt nach der Gewerbeordnung (am Stadtplatz, von 7.00 bis 18.00) festgesetzt, seitdem findet er jedes Jahr regelmäßig statt.
„Der Spitzl erlebte seine Renaissance um 1996 herum“, so Bäckerin Theresia Hirn. Um die alte Tradition erneut aufleben zu lassen, regte nämlich die Stadtverwaltung im Jahr 1995 bei den Bäckern an, doch rautenförmige Spitzn und geflochtene Spitzl im Marktstand zu verkaufen. Im selben Jahr wurden in den Hemauer Bäckereien in den zwei Tagen vor Allerheiligen mindestens 6000 Spitzln verkauft. (vgl. Fähnrich, 2007, S. 274)

Siehe auch

Allerheiligen

Weblinks

Internetauftritt der Stadt Hemau: www.hemau.de

Belege, Literatur

  • Burgstaller, Ernst: Das Allerseelenbrot. Linz, 1970.
  • Eichenseer, Adolf J. und Erika: Oberpfälzer Leben. Ein Hausbuch von Fronleichnam bis Martini. Grafenau, 2009.
  • Fähnrich, Harald: Lebendiges Brauchtum in der Oberpfalz. Weiden, 2007
  • Feuerer, Thomas (Hg.), Müller, Johann Nepomuck: Chronik der Stadt Hemau. 3 Auflage. Hemau, 2005.
  • Metken, Sigrid (Hg.): Die letzte Reise. Sterben, Tod und Trauerriten in Oberbayern. München, 1984.
  • Motyka; Gustl: Alte Oberpfälzer Bräuche. Von Neujahr bis Silvester durch das Bauernjahr. Regensburg, 2002.
  • Plötzl, Walter: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leonhardiritt, von der Wiege bis zur Bahre. Augsburg, 1999.
  • Stadt Hemau: Bürgerbroschüre Hemau. Hemau, 2003.

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