Küssen unter Mistelzweigen
gestellt am 1.5.12 07:16
Die frühesten schriftlichen Belege für Küsse unterm Mistelzweig findet man in England in der Zeit um 1810/20. Der deutsche Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl beispielsweise beschrieb 1845 die Ausübung dieses Brauch in der Grafschaft Wiltshire. Anhand von Bildbelegen lässt sich bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts die Ausbreitung des Kussmotivs nach Nordamerika, Frankreich, Deutschland und in andere Staaten nachvollziehen. Eine Untersuchung zur Mistel auf Glückwunschkarten zu Weihnachten und Neujahr (Gertraud Schorer, 2002) dokumentiert eine häufige Darstellung der Pflanze als Symbol für Leben (Misteln sind immergrün), Frieden (biblischer Bezug zur Sintflut und zum Kreuzholz Christi), Glück und Liebe (Assoziationen zur nordischen Mythologie und zum keltischen Druidenritus). Es bedarf jedoch noch der volkskundlicher Untersuchung, inwieweit solche zeitgenössischen Herleitungen zutreffen oder abzulehnen sind. (gestellt am 7.5.12 16:28)
Als Einheimische vom westl. Lkr Augsburg ist mir der Brauch mit dem Maiele-Stellen bekannt. Schreibt man das tatsächlich als "Maierle". Mir ist es in Wort und Schrift nur als "Maiele" geläufig, da es ja von Mai kommt und davon die Verkleinerung, es hat doch nichts mit "Maier" zu tun.
Vielen Dank für Ihre Antwort.
Mfg Elisabeth Engelhart gestellt am 30.4.12 14:30
Diese kritische Anmerkung ist selbstverständlich berechtigt, herzlichen Dank für den Hinweis. Die korrekte Schreibung von Dialektwörtern ist grundsätzlich zwar immer schwierig, im vorliegenden Fall aber ist die Form "Maiele" zweifellos besser als "Maierle". Wir werden unseren Artikel umgehend verbessern. (gestellt am 7.5.12 16:39)
kann mir jemand den brauch bzw. hintergrund [sinn] des "wasservögelsingens" erklären? hauptsächlich im bayer.wald [grafenauer gegend] beheimatet. gestellt am 27.4.12 22:41
Das Wasservogelsingen gehört zu den ehemaligen Hirten(buben)bräuchen, in denen sich das vormoderne ländlich-bäuerliche Wirtschaftsystem mit seinen Rechten und Organisationsformen konkret niederschlug: Sie zogen beim ersten Viehtrieb nach der Winterpause an den Pfingsttagen auch durch die Dörfer und vor die Grundherrschaften, um ihr Pfingstrecht einzufordern und von den Weiderechtsgenossen eine Tributleistung für ihre Tätigkeit einzutreiben. Daraus wurde bereits ab dem 16. Jahrhundert mehr und mehr ein Heischebrauch, den schließlich die Dorfjugend als Umzugsbrauch mit diversen Kostümierungen und Schmuckelementen, fallweise auch mit Peitschenknall oder Musikbegleitung anreicherte. In dieser Tradition stehen auch die Umzüge des Pfingstl, des Pfingstschwanzes, des Santrigl und des Wasservogelsingens, die früher über weite Teile des deutschen Sprachraumes verbreitet waren. Der Name und die Gestaltung des Wasservogelsingens nehmen dabei direkten Bezug zu christlichen Glaubensinhalten und Praktiken: Die Kirche feiert an Pfingsten die Ausgießung des heiligen Geistes in die Seelen der Gläubigen. Dieser abstrakte Vorgang wurde vor allem im 16. und 17. Jahrhundert (dem Zeitalter der Gegenreformation) durch den Einsatz von Wasser und eine Vogelsgestalt (Taube) veranschaulicht. Von Traditionslinien zu vorchristlichem Fruchtbarkeitskult und Dämonenzauber ist mit Sicherheit nicht auszugehen. (gestellt am 15.5.12 10:20)
was hat es mit dem Emmausgang am Ostermontag auf sich? gestellt am 9.4.12 15:40
Als Emmausgang wird ein Gang bzw. eine Wanderung am Ostermontag bezeichnet, der/die - begleitet von christlichen Liedern und Gebeten - durch die Natur oder zu einer Kirche führt. Dieser Brauch ist insbesondere in katholischen Gebieten (z.B. Bayern, Rheinland, Österreich) verbreitet. Er erinnert an den im Lukasevangelium (24, 13-29)berichteten Gang der Jünger Jesu von Jerusalem nach Emmaus, bei dem ihnen der auferstandene Christus begegnete. (gestellt am 11.4.12 16:56)
Hallo Dr. Brauch,
gibt es im Internet auch noch andere Webseiten, die das Thema Brauch seriös aufgreifen?
Vielen Dank für die interessanten Informationen! gestellt am 2.3.12 15:49
Selbstverständlich gibt es weitere seriöse Webseiten zu Bräuchen, die jedoch alle - im Gegensatz zum brauchwiki - nicht interaktiv, sondern reine Datenbanken sind. Zu empfehlen sind beispielsweise die von der Universität Freiburg unter dem Namen Folklore Europaea eingerichteten Seiten zu Festen, Bräuchen und Traditionen in Europa (http://folklore-europaea.uni-freiburg.de), die Brauchseiten des Instituts für Geschichte und Ethnologie der Universität Innsbruck (http://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/medien/festebrauch.html) oder - speziell zu religiösen Bräuchen - die Seiten des Theologen und Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti (http://www.becker-huberti.de). Daneben gibt es eine Fülle an weiteren allgemeinen Portalen (z.B. http://www.brauchtumsseiten.de oder http://www.brauchtum.de) und regionalen Seiten zu Bräuchen (z.B. von Heimat- und Trachtenvereinen) von unterschiedlichem inhaltlichen Niveau. Einige von ihnen sind aufgelistet unter http://www.helmut-zenz.de/traint2.html (gestellt am 2.3.12 15:50)
Welchen Einfluss nimmt die Heimatpflege heute auf die Brauchausübung? gestellt am 26.2.12 10:11
Früher verstand sich die Heimatpflege mehrheitlich als Lehrmeister der Tradition mit einer deutlich kulturkonservativen Ausrichtung. Im Unterschied dazu wirken Heimatpfleger heute zunehmend als Moderatoren und Mediatoren. Dementsprechend übernehmen sie mehr und mehr eine offene, kommentierende und erläuternde Funktion zum aktuellen Brauchgeschehen (z.B. in Interviews und persönlichen Anfragen). Auch werden sie immer wieder um Anregungen und Empfehlungen zur Ausübung bestimmter Bräuche gebeten. Grundsätzlich üben sie damit einen eher indirekten Einfluss auf die Brauchausübung aus. Letztlich besteht die Heimatpflege jedoch nicht aus einer homogenen Gruppe "Gleichgesinnter", sondern aus einer Vielzahl an Individuen mit teilweise sehr unterschiedlichem persönlichen Zugang, Verständnis und Engagement im Hinblick auf Bräuche, weshalb eine verbindliche Antwort auf die Frage eigentlich nicht möglich ist. (gestellt am 2.3.12 13:38)
In welchem Zusammenhang stehen Bräuche und Pflanzen? gestellt am 26.2.12 10:08
Pflanzen sind ein zentraler Bestandteil der menschlichen Lebenswelt und damit auch ein wesentliches Element zahlreicher religiöser (z.B. Christbaum an Weihnachten, "Palmkätzchen" am Palmsonntag, Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt) und weltlicher (z.B. Blumen am Valentinstag, Maien und Maibäume am 1. Mai) Bräuche. Bestimmte Funktionen, die ihnen gerade im Bereich der religiösen Bräuche früher beigemessen wurden (symbolische Bedeutung, Schutzwirkung usw.), haben Pflanzen heute jedoch vielfach verloren. (gestellt am 2.3.12 14:25)
Grüß Gott,bei uns gibt es bei traditionellen Hochzeiten am Vormittag eine Mahlzeit und diese hat den Namen
"Gaglhenn".Mich würde interresieren was sich dahinter verbirgt.Meistens ist es eine Suppe mit Würsten darin.Vielen Dank und freundliche Grüße aus dem Bayr.Wald. gestellt am 21.2.12 19:19
Als „Gagelhahn“ oder „Gagelhenn“ wird laut Johann Andreas Schmellers Bayerischem Wörterbuch (2. Ausgabe, München 1872-1877, Sp. 877) ein Hahn oder eine Henne bezeichnet, „welche der Brautführer beym Abholen der Braut aus ihrem väterlichen Hause lebend in das des Bräutigams mitnimmt, wo sie am dritten Tag … verzehrt wird“. In Bezug hierzu steht im Bayerischen Wald der Begriff „Gagelhenn“ für „das Frühstück, mit welchem so Braut als Bräutigam, jedes seine respectiven Hochzeitgäste in seinem Hause, zu bewirthen pflegt, worauf dann beyde Parteyen mit Musik ins Wirthshaus ziehen und dort unter Tanzen den Ruf der Glocke zum Zug in die Kirche erwarten.“ (gestellt am 23.2.12 17:15)
wie entstehen bräuche ?
gestellt am 17.1.12 16:19
Bräuche sind wie alles menschliche Verhalten zunächst stets an Bedürfnisse, Einstellungen und lebensweltlich vermittelte Handlungsmuster gekoppelt, die im weitesten Sinne der Bewältigung der Lebensumstände dienen und dem Leben Sinn vermitteln. Sie entfalten sich zwischen den Polen bloßer Gewohnheiten und strikter Normvorgaben als eine Verhaltensform, die von Personengruppen in bestimmter Regelmäßigkeit und Wiederkehr ausgeübt wird. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen (= untereinander relativ stark und stabil verschränkte Personengruppen mit starker Kompetenz zur Alltagsbewältigung) waren von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert hierfür geeigneter als in unserer Gegenwart (Individualisierung, Pluralisierung). Die heute vielfach absichtsvoll betriebene Brauchpflege dagegen folgt durchaus anderen Gesetzmäßigkeiten. (gestellt am 2.2.12 15:24)
Kennst du den Brauch des Haberfeldtreibens in Oberbayern? Ich habe Spuren davon beim Fasching in Benediktbeuern erlebt (allerdings vor Jahren): "Sünden" und "komische" Verfehlungen wurden öffentlich verkündet ... gestellt am 11.1.12 21:00
Das Haberfeldtreiben ist ein Rügebrauch, der in Altbayern seit dem späten 17. Jahrhundert belegt ist. Im 19. Jahrhundert erlebte er seinen Höhepunkt, doch wurde er ab dieser Zeit auch massiv von der staatlichen Obrigkeit bekämpft, sodass er danach weitgehend verschwand. Abgewandelte Formen sind u.a. in Hochzeits- und Faschingsbräuche eingeflossen. Große mediale Aufmerksamkeit fand das Haberfeldtreiben wieder im Jahr 2009, als sich Bauern unter Berufung auf diesen Brauch zu einem Protestzug zur Staatskanzlei in München aufmachten. Als Literatur empfehle ich das Buch „Das Haberfeldtreiben“ von Wilhelm Kaltenstadler (München 1999). (gestellt am 12.1.12 16:39)