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Sautrogrennen in Erding

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Beim Sautrogrennen, in manchen Gegenden auch Sautrogregatta, Brühtrogrennen oder Brühtrogpaddeln genannt, paddeln die teilnehmenden Teams in einem traditionellen oder einem selbstgebauten Sautrog unter bestimmten Vorschriften und Regeln über eine festgelegte Strecke auf einem See oder Weiher. Die Zeit wird gemessen und die schnellsten Mannschaften erhalten Preise oder Titel. Außerdem gibt es Sonderpreise für die originellsten Sautröge und für die Teams mit den meisten und lautesten Fans. Im Rahmen der großen Sommerfeste vermarkten sich die jeweiligen Sponsoren und teilnehmenden Vereine werbewirksam. Dieser Artikel handelt vom selbst ernannten "größten Sautrogrennen im Freistaat", dem Erdinger Sautrogrennen, das seit 2006 jeden Sommer auf mehreren bayrischen Seen stattfindet. Das "feucht-fröhliche Wasserspektakel" wird von der Privatbrauerei Erdinger Weißbräu gesponsort und in Zusammenarbeit mit dem Radiosender Antenne Bayern veranstaltet.

Ablauf

Vorrunden

Das Erdinger Sautrogrennen begann im Jahr 2008 mit drei Vorrunden, die auf Badeseen in Neutraubling, Geretstried und Bad Kissingen stattfanden. Lange vor Beginn des eigentlichen Rennens finden sich Besucher ein. Moderatoren und DJs von Antenne Bayern, Merchandising-Teams von Antenne Bayern und der Brauerei Erdinger Weißbräu sowie die Bewirtung mit Speisen und Getränken überbrücken den Nachmittag. In Geretsried spielte eine etwas deplaziert wirkende Blaskapelle das ein oder andere "Prosit der Gemütlichkeit". Das war wohl einer der Versuche, dem Spektakel eine regionale Prägung zu verleihen.

Zunächst werden dann die Veranstalter und die insgesamt rund 150 Rennteams vorgestellt. Begonnen wird das Spektakel mit der Abnahme der Sautröge durch den so genannten SÜV (Sautrog-Überwachungsverein). Dieser soll bestätigen, dass an den Gefährten nichts regelwidrig verändert wurde, um beispielsweise eine bessere Stromlinienform zu garantieren. Nach Vergabe der SÜV-Plaketten beginnt der Wettkampf, bei dem in jeder Runde zwei Teams starten. Die Teams bestehen aus zwei Fahrern und maximal zwei Betreuern. Einheitliche Paddel werden von der Wettkampfleitung gestellt. Nach dem Startschuss paddeln die beiden Tröge los. Die Teams treten dabei allerdings nicht wirklich gegeneinander an. Das heißt: Es gilt kein K.O.-Prinzip, sondern die Zeit, die jede Mannschaft benötigt, wird gemessen und am Ende wird das schnellste Team ermittelt.

Die Teilnehmer müssen eine etwa 200 m lange Strecke zurücklegen. Diese ist in zwei Hälften, mit einer Art Checkpoint in der Mitte aufgeteilt. Das heißt: Nach dem Startschuss tragen die Teams ihren Sautrog ins Wasser (fliegender Start), steigen ein und paddeln im Slalom um auf der Wasseroberfläche schwimmende Bojen (Bierfässer), bis sie an einer Plattform auf dem See ankommen. Ein Mannschaftsmitglied muss nun aus dem Sautrog steigen, sich auf die Plattform begeben, ein Glas Bier oder Wasser trinken und so schnell wie möglich wieder zur Weiterfahrt in den Trog steigen.

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Die Rückfahrt erfolgt geradewegs, ohne Slalom. Die Zeit wird gestoppt, sobald sich Mannschaftsteilnehmer und Sautrog wieder hinter der Start-Ziel-Linie befinden. Die Schnellsten aus den drei Vorrunden qualifizieren sich für das Hauptevent, das 2008 eine Woche nach der Vorrunde an der Isarstaustufe in Plattling stattfand. Aber auch die Teams mit den origenellsten und lustigsten Sautrögen sowie die mit dem größten und lautesten Fanclub werden belohnt: für diese Teilnehmer winken "Sachpreise" (Merchandisingartikel und Bier).

Hauptrennen

Prinzipiell unterscheidet sich der Ablauf des Hauptrennens nicht wesentlich von dem in den Vorrunden. Anstatt dem Schluck Bier auf der Plattform wird hier ein Wendemanöver inclusive Läuten einer Glocke auf halber Strecke verlangt. Besonderes Highlight war laut Veranstalter das in Plattling eingeschobene "Promirennen", bei dem sechs "VIP-Teams" an den Start gingen, "darunter Geistliche, Politiker und zwei waschechte Playmates". Außerdem ist beim Finale des Erdinger Sautrogrennens mit noch mehr werbewirksamem Rahmenprogramm zu rechnen als bei den Vorrunden. DJs und Live Bands "heizten mit satten Beats allen Feierwütigen noch mal so richtig ein".

Eine bayrische Blaskapelle, Marketingaktionen und jede Menge Bier hielten die Besucher bereits lange vor Beginn des eigentlichen Rennens bei Laune...

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...lokalen Anstrich erhielt die Veranstaltung ansatzweise durch die Blaskapellen, die Dekoration der selbst gestalteten Sautröge oder die Verkleidungen der Teilnehmer.

Das Gesamtsiegerteam "Wahlfischdreck", welches aus den Siegern der Vorrunden ermittelt wurde, durfte sich über einen Wanderpokal in Form eines goldenen Weißbierglases, ein ganzes Spanferkel und eine von Erdinger Weißbräu gestiftete Weißbierparty freuen.


Hintergrund-Infos

Die ursprüngliche Funktion des Sautrogs

Der Begriff Sautrog ist modern und von der allgemein-bayrischen Umgangssprache geprägt. Frühere Bezeichnungen für den Sautrog in waren nach seiner Funktion beim ländlichen Wirtschaften und Schlachten: Brühtrog, Brenntrog, Brennetrog oder Brennfass. Es handelt sich um einen hölzernen Trog, der einem Schweinefuttertrog ähnelt und seinen Ursprung in der Hausschlachtung hat. An den Seiten sind zwei zusätzliche Griffe angebracht. Frisch geschlachtete Schweine wurden in den Trog gelegt und mit heißem Wasser abgebrüht. Mit einer Art Schaber ("Schellen") konnten nach dem Brühen Borsten, Haare und Klauen einfacher entfert und das Tier so zur weiteren Verarbeitung vorbereitet werden.

Die klassischen Brühtröge spielen in der modernen Schlachtung keine Rolle mehr. Die Verarbeitung in Schlachthöfen hat die traditionelle Hausschlachtung abgelöst und ist an bestimmte Vorschriften gebunden. Aus Hygienegründen bestehen die Brühbehälter heute aus Edelstahl.

Historische Hintergründe des Sautrogrennens

Die spärliche Informationslage zur historischen Dimension des Sautrogrennens spricht bereits dafür, dass wir es hier nicht mit einer "althergebrachten und tief im bayrischen Brauchtum verwurzelten Sportart" zu tun haben, wie es der Antenne Bayern Moderator Christian Franz bei der Veranstaltung in Geretsried kommentierte. Die auf der offiziellen Homepage zum Sautrogrennen (siehe Weblink unten) zu lesende Definition "rustikale Regatta" ist hauptsächlich ein Versuch, der Veranstaltung einen volkstümlichen Anstrich zu geben.

Eine Quelle, die auf eine frühere Verwendung eines Sautrogs als eine Art Boot schließen lässt, ist ein Interview des Bayrischen Rundfunks mit einer Bäuerin, die von ihrer Kindheit in den 40er und 50er Jahren erzählt. Da heißt es: "Wir haben auch einen großen Weiher dabei gehabt und der Sautrog, in dem man die Schweine, wenn man sie absticht, drin bachelt, das war unser Schiff (...) Da sind wir im Weiher rumgefahren".

Als gesellige Sportveranstaltung entdeckten im Laufe der 90er Jahre vor allem bayrische Vereine das wettbewerbsmäßige Rudern in einem Sautrog für sich. Der Kegelverein KC Blau-Weiß Mauern berichtet vom ersten Sautrogrennen im Jahr 1981, welches zunächst im Zuge einer Wette stattfand, jedoch bereits im nächsten Jahr als offizielles Event viele Besucher anlockte. Die Schützengesellschaft "Hubertus" in Eglharting bei Ebersberg veranstaltete 1988 das erste Sautrogrennen anlässlich des alljährlichen Stadlfestes, wobei laut Chronik "die Lachmuskeln der Zuschauer überstrapaziert wurden".

Das Sautrogrennen als Marketingevent der Privatbrauerei Erdinger Weißbräu und Antenne Bayern fand 2006 zum ersten Mal statt.

Das Erdinger Sautrogrennen - Brauch oder Marketing-Fest?

Obwohl es per definitionem keine Vorschrift darüber gibt, wie lange eine Veranstaltung oder eine bestimmte soziale Handlung bereits zu existieren hat, um als Brauch zu gelten, und obwohl auch das Erdinger Sautrogrennen, zumindest in der kurzen Zeit seines Bestehens, "eine gewisse Regelmäßigkeit und Wiederkehr, eine den Brauch ausübende Gruppe (...), sowie einen durch Anfang und Ende gekennzeichneten Handlungsablauf" aufweist (ANDREAS C. BIMMER, 2001), entpuppt sich die Einordung des Events als Brauch bei näherem Hinsehen als diskussionswürdig. Zunächst ist die ausübende Gruppe hier schwer zu umgrenzen, ist nicht enger definierbar, da sich jedes Jahr andere Teilnehmer zum Sautrogrennen anmelden. Als weitere Annahme gibt Bimmer vor, ein Brauch verfüge stets über eine formale und zeichenhafte Sprache, die den Teilnehmern bekannt sein müsse und über die sie sich verständigten. Kann davon bei einer stark wechselnden Teilnehmergruppe die Rede sein? Helge Gerndts Ansatz zur Brauch-Definition geht in eine ähnliche Richtung. Er sieht Brauch außerdem als "Bestandteil des Alltagslebens" (HELGE GERNDT, 1997). Kann man beim Erdinger Sautrogrennen also uberhaupt von einem Brauch sprechen oder nur von einem Fest?

Feste kategorisiert Gerndt als Unterkategorie des Brauches, wobei allerdings " vor allem das Herausgehobensein gegenüber dem Arbeitsalltag besonders betont " wird. Weiter führen Gedanken von Deile: " Im Fest vergegenwärtigt sich eine Gemeinschaft lebensbejahend Bedeutung in besonderen äußeren Formen ". Das Adjektiv "lebensbejahend" mag im Hinblick auf den feuchtfröhlichen Spaß-Charakter des Sautrogrennens ja zutreffend sein, an einer aktiven Vergegenwärtigung vor allem gemeinschaftlicher, tiefer Bedeutung ist jedoch zu zweifeln. Das Sautrogrennen in der heutigen Form hat, wie eingangs erwähnt, entgegen den Behauptungen der Veranstalter keinen unmittelbaren historischen Kontext. Regionale Identität stiftende Momente werden allenfalls durch folkloristische Ausstattungen vor Augen geführt (Blaskapelle, Trogdekoration, Mannschaftskostümierung). Ein Festbrauch in diesem wissenschaftlichen Sinne ist das Erdinger Sautrogrennen also nicht.

Was bleibt, ist, diese Veranstaltung als folkloristisch geprägtes Marketingevent zu betrachten. Marketing bedeutet nach dem US-Amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Philip Kotler "die richtigen Waren und Dienstleistungen, zur richtigen Zeit an die richtigen Leute am richtigen Ort zum richtigen Preis und mit Hilfe der richtigen Kommunikations- und Absatzförderungsaktivitäten zu bringen". Die Werbemaßnahmen nehmen im Zuge der "Absatzförderungsaktivität" Erdinger Sautrogrennen einen breiten Raum ein. Der Beitrag zum Begriff Marketing in der freien Enzyklopädie Wikipedia ergänzt diese Erkenntnisse noch um die Information, dass die kundenorientierte Verkaufsstrategie die "Verwirklichung von Unternehmenszielen unter Einbeziehung von Erkenntnissen der Soziologie, Psychologie und Verhaltenswissenschaft" zu erreichen versucht. Unterstellt man also dem Unternehmen das Wissen um eine weit verbreitete Sehnsucht nach Rückbesinnung auf Tradition und Brauchtum, um den Boom von Folklore und um den gleichzeitig fortschreitenden Trend zur Eventisierung und zur so genannten "Spaß-Gesellschaft": Schon ist ein werbewirksames Event wie das Erdinger Sautrogrennen geboren.

Einen geeigneten Begriff dafür zu finden, diese Veranstaltung wissenschaftlich einzuordnen, fällt nach wie vor schwer. Im Sinne Wolfgang Brückners, der sich in seinem Aufsatz "Brauchforschung tut Not" abschließend über "das gegenwärtige öffentliche Bild von optisch erlebbarer brauchtümlicher Gestaltung" Gedanken macht, erscheint es mir sinnvoll, das Erdinger Sautrogrennen zu den öffentlichen Schaubräuchen zu zählen, "also dem so oft für agrarisch überliefert gehaltenen 'Brauchtum". Auch ist die Rede von den"öffentlichen Spielen und Schaukämpfen unserer konsumorientierten Kulturindustrie'". Brauch zeigt sich in diesem Falle nicht als ein "konstitutiver Aspekt archaischer Lebensformen, sondern ein sich historisch immer stärker entwickelndes Kulturphänomen der europäischen Gesellschaft (...) erst mit der sich entwickelnden Industriemoderne traten die säkularisierten Folklorisierungen in den Vordergrund". Bedeutend für das Verständnis einer Veranstaltung wie dem Sautrogrennen ist Brückners Erkenntnis, dass die Medien eine entscheidende Rolle für deren Distribution spielen, "mehr aber noch werden sie von der Werbung forciert'".

Weblinks

Kurzes selbstgedrehtes Video vom Sautrogrennen in Geretsried 2008

Offizielle Website mit Regeln, Bauanleitung, Photos, Ergebnissen und mehr

Quellen

  • Bimmer, Andreas C.: Brauchforschung. In: Brednich, Rolf W.: Grundriss der Volkskunde. Berlin, 2001.
  • Brückner, Wolfgang: Brauchforschung tut not. In: Jahrbuch für Volkskunde, Nr. 21. Paderborn, 1998.
  • Gerndt, Helge: Studienskript Volkskunde. München, 1997.

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