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Ritterschauspiele Kiefersfelden

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Mitten in der Ferienregion Inntal zwischen Bayern und Tirol bringen Laiendarsteller der Ritterschauspiele Kiefersfelden von Ende Juli bis Anfang September romantische Stücke zur Aufführung. Verwegene Ritter und von frevlerischen Schurken bedrängte Edelfrauen hassen, lieben, klagen, zagen auf der einzig in Mitteleuropa noch bespielten Barock-Drehkulissenbühne. Anders als zu Ritterspielen mit Turnieren (z. B. in Kaltenberg) sind nur hier Schwertkämpfe und „special effects“ des Jesuitentheaters ein Teil der blutrünstigen und herzzerreißenden Vorstellungen mit authentischer Volksmusik – am Ende siegt das Gute über das Böse (zumeist). Zum spielfreudigen Ensemble der Theatergesellschaft Kiefersfelden gehören Mitwirkende der Musikkapelle Kiefersfelden. Das 1618 erstmals erwähnte Volkstheater wurde im 19. Jahrhundert durch die Aufführung schaurig-schöner Werke des Köhlers und Spielleiters Josef Georg Schmalz (1804-1845), des Schusters und Musikkapellmeisters Sylvester Greiderer sowie unbekannter Autoren berühmt. Ähnlich wie die Passionsspiele Oberammergau ist das Volkstheater in der Comedihütte mit 500 Plätzen ein einmaliges Phänomen regionaler Tradition und Kultur.

Termin

Dieser Brauch ist vom 29.07.2017 bis zum 03.09.2017.

Ablauf

Die Theatergesellschaft Kiefersfelden e. V. sichert die traditionellen Vorstellungen und den Fortbestand der Ritterschauspiele Kiefersfelden. Zum einen bürgt sie für die
Ritterschauspiele Kiefersfelden1 Kaiser-Reich Kiefersfelden Ritterschauspiele 2012.jpg
Bewahrung und den Erhalt der traditionellen Spielformen und Vereinsrituale mit Wurzeln im katholisch geprägten Altbayern. Zum anderen bedingte der zeitliche Wandel direkt und indirekt auch den sozialen Umgang und die Spielform. Bis Ende des 19. Jahrhunderts fand die Entwicklung des Volksschauspiels im regionalen Austausch der Spielgemeinschaften zwischen Flintsbach und Brixlegg statt. Eine heutigen Kommunikationsformen vergleichbare Möglichkeit des Austauschs, der theoretischen und ästhetischen Nachahmungen mittels Medien und verbesserten Reisebedingungen bestand nicht.
Szenische Autonomie ist geprägt durch die aus eigener Anschauung erlebten Vorgänger in den jeweiligen Rollen und wirkt ebenso mit entsprechenden persönlichen Eigenwilligkeiten auf die folgende Generation. Zu einer ermessbaren Tradition wird dieser Diskurs zwischen den Generationen erst durch die interne Dokumentation der Ritterschauspiele Kiefersfelden auf Video und DVD. Fernsehportraits von den 50er Jahren bis zur Gegenwart zeigen zumeist nur wenige Minuten, aus denen eine indirekte Beeinflussung durch den jeweiligen Zeitgeschmack ersichtlich ist. Fotografien früherer Jahrzehnte mit Tableau-Szenen (Schlachten oder Finali) sind oft gestellt.
Das Bekenntnis zur geschlossenen Selbstdarstellung der Ritterschauspiele Kiefersfelden und die auf den Theaterzetteln nicht genannten Spielenden werden in den Medien oft als Bescheidenheit gewürdigt. Vor allem jedoch soll dadurch vermieden werden, dass einzelne Mitglieder der Spielgemein und des Vereins Sonderpositionen einfordern können. Die drei Vorstände, Kassier, Schriftführer und Beisitzer agieren als Primi inter pares. Auf der Drehkulissenbühne sind die Hierarchien des öffentlichen Lebens wie die des professionellen Theaters ungültig. Nicht zwangsläufig gehören Akademiker zum künstlerische Prozesse beeinflussenden Vorstand, der Rollenumfang von Lehrlingen übertrifft den von Gemeinderäten. Dieses erfolgreiche Bemühen um eine möglichst flache Hierarchie findet Ausdruck in den Fixpunkten mit dem Aufbau des Heiligen Grabs am Palmsonntag in der alten Pfarrkirche am Buchberg, dem Gedenkgottesdienst für verstorbene Mitglieder der Theatergesellschaft am Ostersonntag und der herbstlichen Wallfahrt im Oktober.

Spielfassungen

So betreffen denn auch die meisten Änderungen für Vorstellungen die Spieltexte selbst. Die ungekürzte Vorstellungsdauer eines Ritterschauspiels dauerte an die fünf Stunden,
Ritterschauspiele Kiefersfelden2 FB Ritterschauspiele Kiefersfelden 02 .jpg
was bei heutigen Publikumserwartungen zunehmend problematisch ist. Seit 2005 verringert sich die Spieldauer von ca. vier Stunden (die Pausen eingeschlossen) auf drei Stunden und fünfzehn Minuten bei Wendelin von Aggstein 2010. Mehrere Neben- und Kleinrollen werden entweder ganz gestrichen oder einem Darsteller in dramaturgisch sinnvoller Weise übertragen.
Der Ablauf eines Spieljahres folgt regelmäßigen Gesetzmäßigkeiten. Der dreiköpfige Vorstand – jeweils auf drei Jahre gewählt – bestimmt im Oktober das Stück des folgenden Spieljahres aus dem Archiv der Theatergesellschaft. Dabei achtet er auf die Folge von „starken“ (von Josef Georg Schmalz) und “weniger starken“ (von unbekannten Autoren und Bearbeitungen von Sylvester Greiderer). Publikationsreaktionen bestätigen die größere Bühnenwirksamkeit des Bauern-Shakespeare Schmalz. Darauf erstellt der Spielleiter eine Aufführungsfassung aus einer Transkription der Handschrift oder einer früheren Bearbeitung. Diese beinhalten Kürzungen und mitunter eine variierte Einteilung der Akte, wodurch dramatische Spannungsmomente wirkungsvoller genutzt werden.
In einer nächsten Arbeitsstufe wird – folgend der Tradition – der Text in einzelne Rollenbücher übertragen, aus denen die Darsteller lernen. Neben dem eigenen Textvolumen enthalten die Rollenbücher nur Anschlussstellen anderer Rollen. So erfahren viele Darsteller erst auf den Proben die Sinnzusammenhänge, was entscheidend für die szenische Umsetzung ist: Es entsteht die mitunter statuarische, hölzerne, „epische“ Wirkung auf der Bühne - eine der stilistischen Besonderheiten der Ritterschauspiele Kiefersfelden.

Spielleitung und Proben

Anders als im heutigen „Profitheater“, dessen Ziel eine ästhetisch und interpretatorisch eigenwillige szenische Umsetzung beinhaltet, sind die Vorstellungen der Theatergesellschaft in einem beabsichtigt starren Rahmen verankert: Visuelle und inhaltliche Fakten verweisen auf eine möglichst unveränderte Stabilität und Einmaligkeit. Der Spielleiter arrangiert Auftritte, Positionen und Tempo der Darsteller, je nach innerer seiner persönlichen Haltung zur ihm bekannten Tradition unternimmt er mehr oder weniger zurückhaltende Anmerkungen zu Motivation, emotionaler Befindlichkeit und Wertung der Figuren. Mehr die männlichen Darsteller als die weiblichen durchlaufen in ihrer nicht selten Jahrzehnte währenden aktiven Mitwirkung vom (stummen) Knappen über den positiven Helden oder Bösewicht bis hin zu Räuberhauptmännern, edlen Vätern und helfenden Truchsessen zahlreiche Rollenfächer und entwickeln sich durch diese Erfahrung.
Parallel zu den szenischen Proben probt man Umbauten, weil viele Darsteller in ihren Auftrittspausen Aufgaben hinter der Bühne übernehmen (Maske, Kostüm, Requisite, Hintergrundgeräusche, Bühnenmusik) - einige spielen in den Vor- und Zwischenspielen der Musikkapelle Kiefersfelden. Eine konventionelle Teilung der Aufgaben gibt es bei den Aufführungen der Ritterschauspiele Kiefersfelden nicht. Die effiziente Verteilung der Aufgaben muss bereits mit den Proben beginnen, um bis zur Premiere organisatorisch bewältigt zu werden.


Das Orchester und Bühnenmusik (Arien und Chöre)

Parallel zu den Proben wählt der musikalische Leiter die musikalischen Beiträge (meist aus den Bühnenmusiken Sylvester Greiderers) aus. Diese beinhalten Arie und Chöre im Spielgeschehen, zumeist mit Instrumentalbegleitung: Gemeint sind Sologesänge (manchmal Gebete der Heldinnen und des Lipperl), Dreigesänge oder andere Ensembles im Klangidiom alpenländischer Volksmusik (für Köhler, Bauern u.s.w.) und Chöre (Räuberchöre und Finalgesänge). Das begleitende Instrumentalensemble befindet sich - für die Zuschauer unsichtbar - hinter der Bühne, was akustisch dem Raum Tiefe gibt. Die Szenenmusiken bleiben für alle Vorstellungen eines Spieljahres unveränderlich.
Anders die von der Musikkapelle Kiefersfelden als Vorspiel und Zwischenaktmusiken dargebotenen Märsche. Je nach anwesender Besetzung nennt der Kapellmeister erst kurz vor der Vorstellung die Stücke. Nur die letzte Zwischenaktmusik erklingt bei geöffnetem Hauptvorhang, die Mitwirkenden auf und hinter der Bühne stehen vor den Musikern und halten ihnen die Noten. Ein traditioneller Brauch ist es, anwesende Ehrengäste und Prominente zum Dirigieren an das Pult zu bitten.

Soziale und religiöse Riten der Spielgemeinschaft

Auf der Bühne versammeln sich nach den Proben alle Anwesenden zu einer nächtlichen Brotzeit - auch dies ein seit mindestens dem Beginn des 20. Jahrhunderts praktizierter Brauch, bestens dokumentiert auf einer historischen Fotografie.
Die Premierenfeier (zumeist im Gruberhof-Stadel), das „Zwischenversaufen“ beim Schaupenwirt nach einer Nachmittagsvorstellung in der Mitte der Vorstellungsserie des Spieljahres und das große „Theaterversaufen“ im Gasthof Post mit dem Festzug von Theatergesellschaft und Musikkapelle durch die Gemeinde nach der letzten Vorstellung sind gemeinschaftsstiftende Momente, zu denen der Vorstand Gutscheine verteilt oder die Bewirtung übernimmt - im Umschlag erhalten alle aktiven Mitglieder des Theatervereins einen geringfügigen und nur einen Bruchteil ihrer Auslagen deckende Aufwandsentschädigung.

Stilgerechte Erneuerung der Dekorationen

Auch die Gestaltung der Kostüme und Requisiten geschieht in enger Anlehnung an die Bühne. Hier befindet sich die Theatergesellschaft in einem Spannungsfeld zwischen Tradition, Ästhetik und praktischen Anforderungen: Die Brüder Hahn restaurieren durch den Gebrauch abgenutzte Dekorationsteile und malen im Stil der alpenländischer Sakral- und Genremalerei des 19. Jahrhunderts neue Leinwandprospekte. Erforderlich sind derartige Neuschöpfungen, wenn ein Ritterschauspiel mit ungewöhnlichen Schauplätzen entweder sehr lange nicht mehr zur Aufführung kam oder die zwischen Realismus und Stilisierung stehende Ästhetik ein neues Szenenbild erfordert, v. a. bei lange nicht mehr oder noch nie gespielten Schauspielen. Gemeinhin finden Schlachten in den Ritterschauspielen im Heiligen Land zwischen Christen und Moslems oder in Mitteleuropa zwischen feindlichen Gruppen, doch wurde z. B. für den Krieg gegen die heidnischen Preußen in Wendelin von Aggstein 2009 ein eigener Prospekt mit einer litauischen Landschaft geschaffen.
Gesetzt den Fall, die Comedihütte mitsamt Drehkulissenbühne und Dekorationen stünde unter Denkmalschutz, ließe sich der Spielbetrieb nicht mehr aufrecht erhalten. Lebendiges Theater - und zumal die Ritterschauspiele mit ihren Kampf- und Massenszenen erfordern widerstandsfähige Materialien. „Lebendige Tradition“ ist nicht zugleich mit „Archäologie“ zu realisieren.

Historische Kostüme

Ähnliches gilt auch für die Kostüme. Kostümgestalter professioneller Theater „korrigieren“ die Stilmuster historischer Kostüme nach Sehgewohnheiten ihrer unmittelbaren Gegenwart. So auch bei den Ritterschauspielen: Von dem Gebrauch auch glänzender Stoffe mit hohem Kunstfaseranteil - wie um 2000 praktiziert - wechselte die Spielgemeinschaft in den Folgejahren wieder zu gedeckten Farben und herkömmlichen Stoffen, um die ästhetische Einheit mit den Dekorationen zu bewahrenan. Dieser Wandel vollzog sich in einem mehrjährigen Prozess, da aufgrund des geringen Materialetats und des großen Arbeitsaufwands für die Kostümschneiderinnen, die überdies bei den Vorstellungen alle Ankleidedienste übernehmen, der komplette Austausch der Kostüme in einem Spieljahr unmöglich zu realisieren war und ist.
Die Ritterschauspiele Kiefersfelden beinhalten Sujets aus dem frühen bis späten Mittelalter. Die Dekorationen zielen in der Darstellung von Burgeninterieurs auf „altdeutsch-neugotische“ Stilelemente des Historismus. Für jesuitische Sakralspiele, die Vorgänger der Ritterschauspiele, und Heiligenspiele waren Kostüme der eigenen Zeit mit nur wenigen historischen Stilzitaten in Gebrauch. Demzufolge ist die Verwendung barocker Kostüme für die männlichen Figuren stimmig. Figuren aus den unteren Ständen tragen die typischen Kleidungen ihrer Berufe vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Kostüme für Kleider adeligen Frauenfiguren hingegen sind Moden des Empire und Biedermeier - für Helena 2012 auch Belle-Époque - angenähert.

Gewährspersonen:

Vorstand: Philipp Kurz, Sebastian Bleier
Spielleiter: Andreas Gruber jun., Andreas Gruber sen. i. R. Archiv: Martin Hainzel Zahlreiche Mitwirkende der Spielgemeinschaft, die traditionell nicht auf den Theaterzettteln namentlich genannt werden

Weblinks:

Belege, Literatur:

  • Will, Frido: „Das Volkstheater Kiefersfelden“ – Dissertation, München 1977 (Münchner Universitätsschriften/Münchner Beiträge zur Theaterwissenschaft - Kommissionsverlag J. Kitzinger).
  • Rattelmüller, Paul Ernst: Der Bauernshakespeare. Das Kiefersfeldner Volkstheater und seine Ritterstücke, München 1973 (enthält die Stücke „Der Kaiser Ocktavianus“ und „Ubald von Sternenburg“).
  • Moser, Hans: Das Volkstheater in Kiefersfelden. In: Aschl, Albert (Hrsg.): Chronik von Kiefersfelden (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim), Rosenheim 1959.
  • Moser, Hans: Volksschauspiel im Spiegel von Archivalien. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Altbayerns (Bayerische Schriften zur Volkskunde hg. Von der Kommission für Bayer. Landesgeschichte/Bayer. Akademie der Wissenschaften/Institut für Volkskunde, München 1991.
  • Schönwiese, Ekkehard: Kiefersfelden und seine Ritterspiele, Oberaudorf o. J.
  • Egerbacher, Günter: Passionsspiele Thiersee 1799-1999 (Hg.: Passsionsspielverein), Innsbruck 1999.
  • Breitrainer, Konrad: Chronik des Volkstheaters Bad Endorf 1790-2010, Bad Endorf 2010.
  • Gemeinde J. v. G. Gierl: Kiefersfelden, der bayerische Grenzort bei Kufstein; München 1899 (Druck von Valerian Höfling, im Selbstverlag des Verfassers – Reprint Antiquariat Rainer Kurz, Kiefersfelden o. J. (ca. 2005) Zahlreiche eigene Beiträge z. B. in Bayerische Staatszeitung, Oberbayerisches Volksblatt, Altbayerische Heimatpost.
  • 375 Jahre Volkstheater Ritterspiele Kiefersfelden/ 200 Jahre Josef Schmalz; Herausgegeben anlässlich der 375 Jahr-Feier des Volkstheaters Kiefersfelden; Kiefersfelden 1993 (Texte von Martin Hainzl jun. und Hans Stimpfl)

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