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Nikolauseinkehr in einer Augsburger Grundschule

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Termin

Dieser Brauch ist am 06.12.2017.

Nikolauseinkehr in einer Augsburger Grundschule

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Kurzcharakterisierung

Am 06.12.2012 wurde das Auftreten des Sankt Nikolaus an einer Augsburger Grundschule beobachtet. Ein als Nikolaus kostümierter Lehrer besucht dabei die erste Jahrgangsstufe. Dabei sagt er zu jedem Schulkind jeweils eine gute und schlechte Eigenschaft, lobt und tadelt. Im Anschluss daran wird ein Sack mit Nüssen, Äpfeln und Schokolade an die Klassen gegeben. Die Jahrgangsstufen zwei, drei und vier bekommen den Sack mit Leckereien von der Klassenleitung, der Nikolaus tritt hier nicht auf. Teilgenommen wurde an den Vorbereitungen, wie das Einstudieren eines Liedes und eines Gedichtes am 05.12.2012. Ebenso fanden Vorabgespräche mit dem Schauspieler des Nikolaus statt. Am Tag darauf wurden die Auftritte des Nikolaus in den jeweiligen Klassen, sowie die Nachbereitungen beobachtet.

Terminierung und Turnus

Der Nikolaus tritt jedes Jahr am sechsten Dezember in der ersten Jahrgangsstufe der Grundschule auf, vorausgesetzt der 06.12 fällt auf einen regulären Schultag. Laut Aussagen der Schulleitung finde dies in der Grundschule bereits seit 16 Jahren statt, wobei der Nikolaus die ersten Jahre von einem anderen Lehrer gespielt wurde. Vor- und Nachbereitungen zur Thematik um Sankt Nikolaus sind den jeweiligen Klassenlehrern überlassen und werden jedes Jahr und für jede Klasse individuell ausgerichtet.

Empirische Dokumentation

Jahr und Umstände

Vorbereitungen fanden am 05.12.2012 – einem Mittwoch – zwischen 11:00 und 13:00 in dem Klassenraum der Klasse 1 b) und im Lehrerzimmer der Grundschule statt. Die Beobachtung des Auftritts des Nikolaus spielte sich am 06.12.2012 – einem Donnerstag – zwischen 08:00 und 09:00 in den Klassenräumen der Klassen 1 b) und 1 c) ab. Nachbereitungen wurden am selbigen Tag zwischen 09:00 und 12:00 im Klassenraum der Klasse 1 c) beobachtet. Es herrschten überall angenehme Raumtemperaturen von gefühlten 21 °C.

Ablauf

Persönliche Vorbereitungen

Um das Auftreten des Nikolauses an der Grundschule beobachten zu dürfen, bedurfte es einigen organisatorischen Vorgesprächen in Form von Telefonaten. Darüber hinaus wurde mit den betroffenen Klassenlehrerinnen abgesprochen, dass sie selbst Fragen an die Klasse richten. Begründet dadurch, dass die jeweiligen Klassenlehrer bereits eine Vertrauensbasis zu ihren Schülern haben und dadurch eine lockerere und offenere Gesprächsbasis möglich wäre. Dokumentiert wurde die teilnehmende Beobachtung mit schriftlichen Notizen, Fotos und Videoaufnahmen.

05.12.2012, der Tag vor dem Besuch des Nikolaus:

10:30 Uhr bis 11:20 Teilnahme an den Vorbereitungen der Klasse 1 b) :

Beim Betreten des Klassenzimmers um 10:30 Uhr war Scheu auf Seiten der Kinder nicht feststellbar. Unzählige Fragen und große Aufmerksamkeit wurden von der Klasse auf die Person des Beobachters gelegt. Die Klassenleitung Frau S. veranlasste, dass sich die Klasse in Form eines Stuhlkreises vor der Tafel versammeln. Es begann ein Gerangel um die beiden Plätze neben der klassenexternen Person, man spürte die Aufregung und Unruhe in der Klasse aufgrund der Anwesenheit einer fremden Person. Nachdem alle Kinder ihre Plätze gefunden hatten, wurde beim Stuhlkreis von der Lehrerin darauf geachtet, dass die Kinder, welche nicht gefilmt oder fotografiert werden durften nicht im Kamerabild Platz nahmen. Die Lehrerin erinnerte die Kinder daran, dass am nächsten Tag der Nikolaus in die Klasse komme und dass sie dafür ein Gedicht und ein Lied vorbereitet hätten. Zuerst wiederholte die Klasse zweimal ein Gedicht, wobei einige Textstellen mit einstudierten Gesten untermalt waren, wie beispielsweise das Trampeln mit Füßen oder die Handhaltung wenn sich ein Sack auf der Schulter befindet.

Holla Bolla Rumpelsack

Knackt die Schale
Komm bald wieder in mein Haus
Niklaus trägt sie Huckepack
Springt der Kern
(Hände bilden über dem Kopf ein Dach)

(Tragegeste über die Schulter)

(Handgeste vor dem Körper)
Guter, alter Nikolaus

Weihnachtsnüsse gelb und braun

Weihnachtsnüsse ess ich gern

runzlig, punzlig anzuschau´n
(Handgeste zum Mund)


Darauf stellte die Lehrerin der Klasse die Frage, was die Kinder über den Nikolaus erzählen könnten, und was sie mit dem Nikolaus schon erlebt hätten. Die Erlebnisse der Kinder sollen folgend stichpunktartig zusammengefasst werden:

Wo trafen die Kinder bereits auf den Nikolaus?
Was haben die Kinder geschenkt bekommen?
Erlebnisse und Gefühle mit dem Nikolaus
Wie sah der Nikolaus aus?
Supermarkt (Edeka)
Äpfel und Schokolade in Form des Nikolaus


Kindergarten
Schokolade in einem Säckchen/ Äpfel und eine Schneekugel/ Spielzeug

Durfte auf dem Schoß des Nikolaus sitzen

(Freude)

Er trug einen Stab und eine Mütze mit Kreuzemblem
Im Restaurant der Eltern

Angst vor Knecht Rupprecht, weil er ein anderes Kind in einen Sack gesteckt habe

(Kind wollte weglaufen)


Im Haus des Cousins

Bei guten Kindern käme Nikolaus,

Bei bösen Kindern käme Knecht Rupprecht (er klaue Kinder)

Der Onkel sei als Nikolaus verkleidet gewesen
Nach dem Schwimmunterricht



Nachdem die Kinder eigene Erlebnisse erzählt hatten, ging die Lehrerin auf zwei Aussagen der Klasse ein. Zum einen darauf, dass in die Klasse der „gute“ Nikolaus käme und die Klasse keine Angst haben müsse. Zum anderen ging Sie auf die Bemerkung ein, dass der Nikolaus nicht „echt“ wäre, sondern der als Nikolaus verkleidete Onkel. Dazu fing die Lehrerin an, dass der Nikolaus Helfer hätte, damit der Nikolaus zu allen Kindern kommen könne. Aber sie fügte auch an, dass es einen echten Nikolaus gebe, der vor langer Zeit in der Stadt Myra, der heutigen Türkei lebte. Dieser habe Armen und vor allem auch Kindern geholfen. Mit diesen Worten löste die Klassenleitung den Stuhlkreis auf und der Schulgong läutete die Pause ein.

06.12.2012, Der Nikolaus besucht die ersten Klassen:

Um 08:00 fand die teilnehmende Beobachtung in der Klasse 1 b) statt, welche am Vortag bereits besucht wurde. Die Klasse versammelte sich wiederum auf Veranlassung von Frau S. zu einem Sitzkreis. Dabei wurde in die Mitte des Stuhlkreises ein kleines Tischchen geschoben. Auf diesem befanden sich ein gelbes Tuch mit Schokonikoläusen und vier rote Kerzen. Eine der Kerzen wurde aufgrund des ersten Advents angezündet.

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Da die ersten Klassen nach der Reihe von Herr T. als Nikolaus besucht werden, hat er seine Ankunft in der Klasse 1 b) gegen 08:20 Frau S. angekündigt. So beschließt die Klassenlehrerin nochmals das Gedicht und Lied einzuüben, welches sie später zusammen dem Nikolaus vortragen wollen. Dabei werden zu diesem Zeitpunkt Instrumente (Klanghölzer und Schellenkränze) an jedes dritte Kind im Stuhlkreis von der Lehrerin gereicht. Als erstes sagen die Kinder mit der Lehrerin gemeinsam das Gedicht auf, welches sie dem Nikolaus zum Abschied vortragen wollen. Da bei dem Gedicht die Instrumente nicht gebraucht werden, entstand durch das vorherige Austeilen jedoch eine ungewollte Nebengeräuschkulisse und die einstudierten Gesten zum Gedicht wurden im Vergleich zum Vortag eher gering ausgeführt. Im Anschluss daran übte die Klasse das Lied ein, welches sie zur Ankunft des Nikolauses in der Klasse singen wollen. Dabei dienten die Instrumente als Einschub zwischen den verschieden Strophen, je zu vier Takten. Nach jeder neuen Strophe sollten die Instrumente an den linken Sitznachbaren weitergereicht werden, dabei entstand ein
Durcheinander und die Instrumente wurden nach der Probe wiederum neu von der Klassenleitung verteilt.

Klatschen von vier Takten mit Instrumenten
Klatschen von vier Takten mit Instrumenten
Klatschen von vier Takten mit Instrumenten
Bimmelnd kommt´s die Straße lang
Aus dem Schlitten vor dem Haus
Guten Kindern in dem Haus
Kling und Klang und Kling und Klang
Steigt der Nikolaus heraus
Leert er seinen Sack wohl aus
Hält ein Schlitten vor dem Tor
Durch den Schnee stapft er daher
Kling und Klang und Kling und Klang
Und ein Schimmel schnauft davor
Und trägt einen Sack gar schwer

Weiter geht´s die Straße lang

Ein Schüler meldete sich unaufgefordert zu Wort, dass er heute Geburtstag habe, somit hat die gesamte Klasse zu einem Geburtstagslied eingestimmt und danach durfte sich das Geburtstagskind zwei Klassenkameraden aussuchen, die ihm persönlich gratulieren sollten. Dabei geriet die Einstimmung auf den Nikolaus kurzzeitig in den Hintergrund. Kurze Zeit darauf klopfte es laut an der Klassenzimmertüre, die Kinder horchten auf und es wurde langsam ruhiger in der Klasse, eines der Kinder reagierte mit einem „Herein“. Frau S. ging zur Tür und machte das Licht aus, so strahlte die einzelne Kerze eine andächtige Stimmung aus. Die Tür öffnete sich und der Nikolaus betritt das Klassenzimmer. Die Kinder schauen gespannt zur Türe und der Nikolaus stellt sich vor und frägt die Klasse ob er hereinkommen dürfe, darauf antwortet die Klasse einstimmig mit einem Ja. Im Hintergrund folgt dem Nikolaus die Sekretärin der Schule, sie trägt den Sack und den Bischofsstab und positioniert sich neben dem Nikolaus und verhält sich unscheinbar. Der Nikolaus erzählt, dass er jedes Jahr die Schule besuche und wird von einer Schülerin unterbrochen, die ihren wackeligen Milchzahn präsentieren möchte. Dabei wird die Klasse unruhig und mehrere Kinder schließen sich an. Der Nikolaus kontert damit, dass er das bereits wissen würde, da er Engel habe, die ihm darüber berichten. All die Geschichten über jedes Kind stünden in seinem goldenen Buch, auf das er nun in seiner Hand verweist. Die von Herr T. angesprochene fehlende Distanz der Schüler zu ihm als Nikolaus wird gerade an dieser Situation sehr deutlich. In einer ruhigen und dunklen Stimme führt der Nikolaus fort, dass er heute in dieser Klasse sei, um den Kindern zu erzählen was in seinem Buch über sie stünde, Gutes und Schlechtes. Die Kinder hören nun wieder gespannt zu, ein paar Kinder grinsen sich verstohlen an. Bevor der Nikolaus sein goldenes Buch aufschlägt unterbricht ihn die Klassenleitung und frägt die Klasse rhetorisch ob sie davor ihr Gedicht dem Nikolaus aufsagen wollen. Die Klasse freut sich ihr Gelerntes vorzutragen und eines der Kinder beginnt vorschnell mit dem Aufsagen des Gedichtes. Die Lehrerin unterbricht den Schüler und fügt dazu, dass sie am Schluss noch ein Lied für den Nikolaus singen wollen. Der Nikolaus entgegnet, dass er sich darüber sehr freue. Die Klasse beginnt nun gemeinsam mit dem Gedicht. Es fällt auf, dass die Kinder nun viel konzentrierter beim Vortrag sind, als zuvor bei der Übung. Nachdem das Gedicht vorgetragen ist, bestärkt der Nikolaus die Gruppe, dass sie das sehr schön gemacht hätten und ihm eine große Freude bereitet hätten. Ganz besonders lobt er, wie gut die Kinder das Gedicht gelernt hätten. Nun schlägt er sein goldenes Buch auf und beginnt nach und nach jedes Kind bei seinem persönlichen Namen anzusprechen und dabei jeweils eine gute und eine weniger gute Eigenschaft anzusprechen. Wie bereits erwähnt wurden Herr T. diese Informationen vorab von den Klassenlehrerinnen zugeteilt. Die Klassenleitung sagt den Schülern sie sollen sich vor den Nikolaus stellen, wenn sie ihren Namen hören. Nachdem jedoch der erste Schüler von dem Nikolaus angesprochen wurde, entgegnete der Nikolaus zur gesamten Klasse, dass sie ruhig auch sitzen bleiben dürften. Hier entstand für die Schulkinder eine Verwirrung und somit entschied jedes Kind für sich selbst ob es sitzen oder vor den Nikolaus treten wolle. Es fiel auf, dass die Klasse bei den ersten angesprochenen Kindern noch sehr aufmerksam zuhörte, mit der Zeit aber abwesender wurde und unruhiger auf ihren Stühlen saß. Gelächter unter den Kindern entstand, wenn der Nikolaus zu einem der Mitschüler eine negative Sache erwähnte und dazu aufrief sich in nächster Zeit zu bessern. Grundsätzlich verhielt sich jedes Kind im persönlichen Gespräch zum Nikolaus aufmerksam und hörte geduldig zu. Ein paar Kinder rechtfertigten sich im Moment des Tadels oder versprachen sich zu verbessern, andere wiederum Nickten stumm und waren eher schüchtern. Bei einer Schülerin kritisierte der Nikolaus beispielsweise, dass sie oft unaufgefordert losredete. Sie versprach sich zu bessern, doch keine zwei Minuten später rief sie in Anwesenheit des Nikolauses in die Gesprächsrunde. Der Nikolaus sprach sie direkt an und fragte sie, ob sie ihm denn nicht gerade eben etwas versprochen habe und er sie nächstes Jahr nicht noch einmal ermahnen wollen würde. Dabei bemerkte man bei der Schülerin einen schuldbewussten Gesichtsausdruck und sie verstummte sofort. Auch die Klasse reagierte mit Schweigen. Es folgt nun eine Liste mit den Namen der Kinder und den positiven und negativen Eigenschaften, welche der Nikolaus von der Klassenlehrerin erhalten hat. Der Nikolaus redete ruhig und langsam und hatte eine tiefe beruhigende Tonlage. Seine Worte untermalte er oft mit einem erhobenen Zeigefinger oder Kopfschütteln, um den Kindern seine Worte eindringlicher zu machen. Nachdem der Nikolaus jedes einzelne Kind angesprochen hatte, richtete er sich an die gesamte Klasse. Er bestärkte die Klassenlehrerin als gute Lehrerin und brachte den Schülern nahe, dass ihre Lehrerin sie zu klugen und schlauen jungen Menschen machen möchte. Er wäre in der Klasse gewesen, um den Kindern zu sagen was sie schon toll machen würden, aber auch um seinen Zeigefinger zu heben und zu sagen was noch nicht so toll laufen würde. Nach diesen Worten drehte er sich zu seinem Sack um und unterstreicht sein Vorhaben mit der Begründung den Kindern eine Freude machen zu wollen. Er erklärt, dass sich in dem Sack Leckereien befinden würden, die die Lehrerin später an die Kinder austeilen solle. Die Kinder beginnen zu strahlen und zu lächeln und die Lehrerin sagt zu den Kindern, dass sie sich dafür bei dem Nikolaus abschließend mit einem Lied bedanken wollen. Die Instrumente, welche sich bisweilen unter den Stühlen der Kinder befunden haben, werden von der Klasse in die Hand genommen und das Lied wird dem Nikolaus vorgesungen. Abschließend sollen sich die Kinder vor dem Nikolaus aufstellen, damit ein Erinnerungsfoto gemacht werden kann. Darauf verlässt der Nikolaus nach ca. fünfzehn Minuten die Klasse 1 b).

Von dem Klassenraum der 1 b) wurde der Nikolaus und die Sekretärin unauffällig in den Raum der Klasse 1 c) begleitet. Der Raum lag im selben Hausflur und war somit in wenigen Sekunden erreichbar. Da die Beobachtung in der Klasse 1 b) aus der Sicht der Schulkinder aus dem Klassenraum stattfand, ist die Teilnahme des Auftritts in der Klasse 1 c) aus der Perspektive des Nikolauses. Der Schauspieler des Nikolauses ließ sich kaum eine Pause zwischen den beiden Auftritten und so konnte beobachtet werden, wie er ruhig und bestimmt zweimal gegen die Türe des Klassenraumes klopfte während er eine Glocke simultan läutete. Ohne auf ein Herein der Klasse zu warten, öffnete der Nikolaus selbst die Türe und sprach beruhigend zu der Klasse. Er begrüßte die Menge mit den Worten „Guten Morgen liebe Kinder, guten Morgen liebe Lehrerin“ und richtete die Frage an die Klasse ob sie ihn denn kennen würden. Nach ein paar verhaltenen Ja- Antworten der Kinder stellte er sich als Nikolaus vor und fragte ob er in die Klasse kommen dürfe. Als auch dies von ein paar Erstklässlern bejaht wurde trat er vollständig in den Klassenraum ein. Da die Klassentür im Rücken der Kinder lag drehten sich die Schüler und Schülerinnen auf ihren Stühlen um, um den Nikolaus zu sehen. Die Klassenlehrerin begrüßte wiederum den Nikolaus mit einem „Guten Morgen“ und stellte fest, dass die Klasse gar nicht mit einem solchen Besuch gerechnet habe. Wohingegen die Klasse zuvor darauf vorbereitet war, dass der Nikolaus sie besucht wusste die Klasse 1 c) nichts davon. Die Stimmung unter den Kindern war aufgrund dessen ein wenig überraschter und angespannter als in der Klasse 1 b). Der Nikolaus entgegnete, dass er immer wieder Kinder besuche, um ihnen zu erzählen was in seinem goldenen Buch über sie geschrieben stehe. Ein Junge wollte darauf sofort wissen, was in dem Buch stehe aber die Klassenleitung bremste ihn in seiner Frage, indem sie ihm beruhigend die Hand auf den Kopf legte. Der Nikolaus fuhr fort, dass in seinem Buch Sachen stünden über die Kinder, welche im Himmel bekannt wären. Er sei hier um den Kindern einmal im Jahr zu erzählen was sie besser machen könnten und was sie schon gut gemacht hätten. In einer rhetorischen Frage wandte er sich an die Kinder, um zu fragen ob er das Buch aufschlagen solle. Als dies die Schüler mutiger als zu Beginn bejahten begann der Nikolaus, wie in der Klasse zuvor, zu jedem Kind der Klasse eine gute und eine negative Eigenschaft zu nennen. Dabei wechselte seine Stimmlage zwischen tief und mahnend und positiv aufmunternd. Zudem zeigte er gern zu den betroffenen Kindern einen erhobenen Zeigefinger, wenn er eine negative Eigenschaft benannte. Die Kinder blieben während dem gesamten Auftritt des Nikolauses an ihren Plätzen sitzen. Auch hier verfasste die Klassenleitung für den Nikolaus eine Liste mit positiven und negativen Eigenschaften zu jedem ihrer Schüler. Nachdem der Nikolaus jedes Kind persönlich angesprochen hatte, richtete er sich mit folgenden Worten an die gesamte Klasse: „Liebe Kinder, ihr habt gesehen, es steht einiges in meinem goldenen Buch. Jetzt aber muss ich bald wieder gehen. Bleibt lieb und nett, liebe Kinder, Aufwiedersehen. Vorher liebe Kinder gebt gut Acht, ich habe euch etwas mitgebracht.“ Mit diesen Worten überreichte die Sekretärin der Klassenleitung den Sack mit den Leckereien. Zum Schluss stellte der Nikolaus die Frage, ob die Kinder denn auch etwas für ihn vorbereitet hätten. Auf diese Frage richteten sich die Kinder von ihren Stühlen auf und die Lehrerin erinnerte die Kinder an ein einstudiertes Gedicht. Ein Junge wollte nicht sofort aufstehen, auf ihn musste die Lehrerin gesondert eingehen und nach zweimaliger Aufforderung stand auch er von seinem Stuhl auf. Es entstand der Eindruck als sei dies der Lehrerin selbst ein wenig unangenehm vor dem Nikolaus. Dann trug die Klasse gemeinsam das folgende Gedicht dem Nikolaus vor.

Bald schon kommt der Nikolaus
Morgen kommt der Nikoalus
Vor Freude möcht´ ich springen
Vor Freude möcht´ ich springen
Äpfel, Nüsse, Mandarinen
Friede über Alt und Jung
Schokolade und Rosinen
Für die Menschen in der Not
Sollte er mir bringen
Sollte er uns bringen

Der Nikolaus lobte die Klasse und kündigte seinen Besuch für das kommende Jahr an, wenn alle Kinder bis dahin brav seien und ihren Eltern und ihrer Lehrerin Freude bereiten würden. Zum Abschied ließ er nochmals seine Glocke in der Hand läuten und verließ mit einem „Aufwiedersehen“ das Klassenzimmer.

Nachdem der Nikolaus die Klasse verlassen hatte, versammelte sich die Lehrerin mit den Kindern vor der Tafel zu einem lockeren Sitzkreis ohne Stühle. Sie setzte sich vor den Halbkreis der Kinder auf einen Stuhl und stellte den Sack zwischen ihr und den Kindern ab. Nach der Reihe zeigte sie den Inhalt des Sackes der Klasse. Die Kinder waren sehr ruhig und man konnte die Freude in ihren Augen sehen, als sie merkten was sie im Anschluss aus dem Sack bekommen würden. Die Klassenleitung glich den tatsächlichen Inhalt des Sackes mit dem Inhalt des Gedichtes ab. Die Kinder registrierten, dass der Nikolaus genau die Sachen dabei hatte, die im Gedicht erwähnt wurden, bis auf Nüsse und Rosinen. Darauf fragte die Klassenleitung ihre Schüler, ob denn bei ihnen zuhause bereits der Nikolaus zu Besuch war und was sie davon erzählen könnten. Zuerst entstand ein Durcheinander, da jedes Kind zu sprechen begann. Erst mit Meldungen kam Ruhe in das Gespräch. Ein paar Kinder äußerten, dass bei ihnen gar kein Nikolaus gekommen sei. Nach Aussagen der Schüler haben einige Kinder einen Schuh beziehungsweise Stiefel vor die Haustür gestellt und ihn kurz darauf gefüllt vorgefunden. Ein wahrhaftiger Auftritt des Nikolauses wurde von keinem Schulkind erwähnt. Nachdem einige Kinder zu Wort gekommen waren, lenkte die Lehrerin das Thema wieder auf den Nikolaus, der zu ihnen in die Klasse gekommen sei. Sie fing damit an, dass zu vielen Kindern auch zuhause ein Nikolaus gekommen sei und ob sie denn glauben würden, dass es einen „echten“ Nikolaus gäbe. Ein paar Kinder nickten eifrig mit dem Kopf, wiederum andere stimmten mit einem „Ja“ zu. Die Lehrerin meinte dazu, dass es mehrere Nikoläuse gäbe, weil ein Nikolaus alleine es nicht schaffen würde jedes Kind zu besuchen. Dann fügte sie hinzu, dass es vor langer Zeit einen echten Nikolaus gegeben habe, und von dem wolle sie nun erzählen. Dabei erzählte sie, dass der Nikolaus ursprünglich aus der Türkei, aus der Stadt Myra stamme. Dort habe er den Menschen und vor allem auch den Kindern sehr geholfen, was er bis heute noch mache. Heute wäre der Helfer des Nikolaus in der Klasse gewesen. Daran schließ die Lehrerin die Frage an die Kinder, woran die gesehen hätten, dass es ein Helfer des Nikolauses war. Nach und nach besprachen die Schüler die Kleidung des Nikolauses. Vom Bischofsstab, über die Mitra mit Kreuzemblem, der goldenen Lesebrille, dem roten Umhang und dem weißen Bart wurden alle Merkmale von den Kindern genannt. Im Anschluss daran gab die Klassenlehrerin den Arbeitsauftrag an die Schüler den Nikolaus, so wie sie ihn gerade besprochen haben mit Kreide oder Buntmalstiften zu malen. Die Kinder freuten sich über die gestellte Aufgabe und begannen an ihren Sitzplätzen zu Malen.

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Nach fünfzehn Minuten sollten die Kinder ihre Zeichnungen fertigstellten und sich vor der Tafelwand versammeln. Die Klassenlehrerin sammelte die Zeichnungen ein und hängte sie mit Magneten an der Tafel auf. Gemeinsam sollten die Kinder beurteilen, welche Zeichnung ihnen aus welchen Gründen am besten gefiel. Da die Schulpause kurz bevor stand, wurde der Sackinhalt zum Ende der Stunde verteilt. Damit kein Durcheinander entstand schickte die Lehrerin die Kinder in kleinen Gruppen vom Sitzkreis zum Sack und entschärfte so den Andrang auf die Leckereien.

Der Akteur des Nikolaus und sein Rollenverständnis

Im Lehrerzimmer der Grundschule wurde am 05.12.2012 um 12:15 Uhr ein Gespräch mit dem Schauspieler des Nikolauses verabredet. Es handelt sich dabei um einen mit dem Schulkollegium der Grundschule befreundeten Lehrer. Er ist 58 Jahre alt und unterrichtet an einer Hauptschule in der Nähe der Grundschule. Aufgrund von unzureichenden Klassenräumen in der Hauptschule unterrichtete er zwei Jahre im Haus der Grundschule. Daher habe er ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu dem Kollegium der Grundschule. Da in der Grundschule lediglich Frauen angestellt sind, übernehme er seit acht Jahren die Rolle des Nikolauses. Zuvor war der Konrektor der ehemaligen Schulleitung Schauspieler des Nikolauses, welcher mittlerweile in Ruhestand gegangen ist. Herr T. sprach unter Lachen davon keine andere Wahl gehabt zu haben, als die Nachfolge des Nikolausschauspielers als einziger befreundeter männlicher Lehrer zu übernehmen. Die Verkleidung für den Nikolaus wurde vor einigen Jahren von einem Pfarrer, der Religion an der Grundschule unterrichtete gesponsert. Dazu gehört eine weiße, langärmelige, bodenlange Tunika. Diese hat am unteren Saum und an den Ärmelenden goldene Verzierungen mit Aussparungen eines Kreuzes und wird an der Taille mit einer weißen Kordel zusammengebunden. Darüber gehört ein dunkelroter Samtumhang, welcher am Kragen goldene Quasten als Verzierung hat. Dieser wird am Kragen mit einem Band über die Schulterpartie drapiert. Die Kostümierung wird von einem goldenen Bucheinband, einer kleinen Glocke, dem Bischofsstab in Gold und einer samtroten Mitra mit goldenem aufgesticktem Kreuz vervollständigt. Zu der Verkleidung gehörten einst auch eine Bartattrappe und eine weiße Lockenperücke. Da man aber unter der schweren Verkleidung sehr schwitze, habe er diese Accessoires bereitwillig selbst organisiert und ausgetauscht, da er sich unwohl fühlte den Schweiß seiner Vorgänger im Gesicht zu tragen.

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Während des Gesprächs bekommt Herr T. von den Lehrerinnen der ersten Klassen Notizzettel, auf denen für jedes Kind der Klasse sowohl eine positive und eine negative Eigenschaft stehen. So kann er als Nikolaus jedes Kind individuell ansprechen und die Anliegen der Lehrer als Außenstehender den Schülern nahe bringen. Begleitet wird der Nikolaus von der Sekretärin der Schule, welche ihm den Sack trägt und beim Vortrag vor der Klasse seinen Bischofsstab hält. Bei der Unterhaltung entstand der fälschliche Eindruck, dass es für den Hauptschullehrer eher eine zeitaufwendige Aufgabe darstelle, den Nikolaus zu imitieren, da er sehr unter der Kostümierung schwitze. Aufgrund der Hitze unter dem Kostüm würde er dieses Jahr lediglich eine lange Skihose darunter tragen, weil er sonst seine Tageskleidung verschwitzen würde. Hinzu kommt, dass er die Rolle nicht aus eigener Initiative heraus spiele. Dennoch tue er der Grundschule sehr gerne den Gefallen. Große Freude bereite es ihm auch zu merken, wenn seine Worte an die Kinder ernst genommen werden und er als Nikolaus eine freundliche aber respektierte Autoritätsperson sei. Dennoch stellte er auch über die Jahre als Nikolaus fest, dass der Respekt und eine natürliche Distanz ihm gegenüber in der Rolle des Nikolaus abgenommen haben. Die Kinder seien viel forscher und neugieriger und hätten weniger Achtung vor der Rolle des Sankt Nikolaus.

Performanzraum, Kulissen und Requisiten

Zentrales Requisit ist die bischöfliche Verkleidung als Nikolaus und der Sack mit dessen Inhalt, welcher aus Äpfeln, Mandarinen, Schokoladennikoläusen am Stiel und Lebkuchen in Stern-, Brezel- und Herzform besteht. Die Kosten für den Sackinhalt und die Zusammenstellung übernimmt der Elternbeirat aus gesammelten Spenden von Schulfesten. Dabei ist die Anzahl des Inhalts genau auf die Klassengröße abgestimmt, sodass jedes Kind genau ein Stück erhält.

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Da der Auftritt des Nikolaus speziell von der Schulleitung aus organisiert ist, stellt der Performanzraum die Grundschule und im speziellen die Klassenzimmer der ersten Jahrgangsstufen dar. Ausreichend Licht in den Räumen und Raumtemperaturen von ca. 21 °C bestimmten somit eine angenehme Beobachtung. Zum Auftritt des Nikolaus gab es keine weiteren Kulissen oder Dekorationselemente im speziellen. Die Klassenräume wiesen allgemein weihnachtliche Elemente wie Fensterbilder in Kerzenform oder einen Adventskranz auf. Der Nikolaus tritt lediglich im privaten Rahmen der Grundschule auf, so gab es keine schulexternen Zuschauer oder Medienpräsenz.

Historische Genese

Feste und Feiern im Jahreskreis - Der Lehrplan bayerischer Grundschulen

Während sich die Schulleitung aus eigener Initiative heraus darum kümmert einen Liveauftritt des Nikolaus in den ersten Klassen möglich zu machen, verankert der Bereich katholischer Religionslehre in Grundschulen die Vermittlung von „Festen und Feiern im Jahreskreis“1. Im Lehrplan für bayerische Grundschulen heißt es: „Grundschule ist nicht nur Lernort, sondern auch Lebensraum für Schüler und Lehrer. Eine anregende Lernumgebung bietet täglich Anreize zum Miteinanderlernen und –leben. Feiern, Schulgottesdienste, religiöse Einkehrtage […] u.a. bereichern das Schulleben.“2 Dass der Heilige Nikolaus gerade im Fachprofil der katholischen Religionslehre Einzug in den Lehrplan von Grundschulen findet ist nicht verwunderlich. Als Volksheiliger und durch sein „Patronat für Kinder und Schüler entwickelte sich […] die Nikolauseinkehr in Schule und Familie.“3 Für die erste Jahrgangsstufe sieht der Lehrplan im Lernbereich „Ausdrucksformen des Glaubens und kirchliches Leben“4 das Erleben von Adventszeit und Weihnachten vor. So ist auch das Datum zum 6. Dezember, als Tag des St. Nikolaus im Verlauf des Advents, in der Grundschulvermittlung zu thematisieren. So heißt es weiter: „Unser Kulturkreis ist durch das Christentum entscheidend geprägt. Damit sich die Kinder in der Kultur unseres Landes zurechtfinden und in sie hineinwachsen können, sollen sie mit dem christlichen Glauben und seinen kulturellen Erscheinungsformen vertraut werden.“5. Aus dem Lehrplan für Grundschulen in Bayern wird deutlich, dass die Person des Heiligen Nikolaus als Thema durchaus erwähnt wird und sich anbietet als Feier in der Adventszeit angesprochen zu werden. So erklärt sich auch die schulische Vermittlung des Heiligen Nikolaus in Bayern. In Hinblick auf den pädagogischen Nutzen meint Werner Mezger in seinem Werk „Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk“: „Wo elterliche Ermahnungen das Jahr über nichts geholfen und schulische Belehrungen wenig gefruchtete hatten, da versprachen sich Väter und Mütter vom Nikolausabend gebührende Wirkung. Hier war Gelegenheit, mit Hilfe eines geheimnisvollen Visitators, den die Aura überirdischer Allwissenheit umgab, moralisierend Bilanz zu ziehen, zu loben und zu tadeln, anzuspornen und einzuschüchtern, kurz kindliches Verhalten positiv oder negativ zu sanktionieren.“6. Diese außenstehende Autoritätsperson kann derart auch in der Grundschule Augsburg nachvollzogen werden. Hier übernimmt der Nikolaus auch die Rolle des allwissenden „Erziehers“, welcher in seinen Worten zu den Kindern die Lehrerinnen unterstützen solle. Die Grundschule Augsburg setzt nach eigenen Aussagen den Auftritt des Nikolaus in den ersten Klassen seit sechzehn Jahren um. Belegt wurde diese Information durch den Vorgänger des aktuellen Nikolausimitator, welcher seit 1997 in die Rolle des Heiligen Nikolaus geschlüpft sei und sich nicht daran erinnern könne, dass dies vor ihm ein Anderer übernommen habe. Der Ablauf veränderte sich nach Aussagen der Klassenlehrerinnen während der letzten acht Jahren nicht, und auch die Kostümierung ist über die Jahre dieselbe. Bis auf die Bartatrappe und die Lockenperücke wurde an der Ausstattung des Nikolaus nichts ausgetauscht. Im Gespräch mit dem vorherigen Nikolausschauspielers stellte sich heraus, dass dieser nicht zu jedem Kind einzeln gesprochen habe. Er habe sich lediglich vor die gesamte Klasse gestellt und im Allgemeinen gesprochen. Leider gibt es keinerlei Dokumentationen der Schule über die Nikolausauftritte der vergangenen Jahre, so fand im Jahr 2012 im Rahmen dieser Arbeit eine erste Dokumentation der Nikolauseinkehr in der Augsburger Grundschule statt.

1 Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst; Teil 1: Lehrplan für die Grundschulen in Bayern. München 25. September 2000. S. 11.

2 Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultur und Wissenschaft, Forschung und Kunst; Teil 1: Lehrplan für die Grundschulen in Bayern. München 25. September 2000. S. 11.

3 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 5.

4 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 20.

5 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 18.

6 Mezger, Werner: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen. Ostfildern 1993. S. 211.

Nikolausverehrung in Augsburg7

Die Nikolausverehrung lässt sich im Bistum Augsburg durch mehrere archivalische Quellen über Reliquien belegen. Als einer der populärsten christlichen Heiligen fand das Phänomen des Nikolaus große Aufmerksamkeit in der christlichen Glaubensvermittlung. Beispielsweise zeugen „Reliquien in Benediktbeuren […], als Bischof Liutolf von Augsburg (989-996) eine Kirche weihte, sie erscheinen dort dann wieder 1063 in einem Nikolausaltar“8 von dessen Präsenz in Kirchen und Klöstern. In einem „Verzeichnis der 1466 vorgezeigten Heiligtümer“9 für den Augsburger Dom werden Nikolausreliquien angesprochen, „die sich bereits in der zweiten Hälfte des 11. Jh. dort befanden. Weitere Reliquien sind 1047 in Hohenwart und Anfang des 12. Jh. Für Thierhaupten bezeugt.“10 Kalendare des 11. und 12. Jahrhunderts des Augsburger Domstifts und der Klöster Benediktbeurens verweisen auf den Nikolaustag. Schutzherrschaften (Patronate) trugen in der Diözese zu einer Ausweitung des Nikolauskultes bei. In Augsburg und seinem Landkreis sind zahlreiche Nikolauskirchen zu finden, so zum Beispiel eine Nikolauskirche „nahe dem Augsburger Dom […] urkundlich 1143 nachgewiesen“11. Nikolausdarstellungen finden sich vermehrt in der Renaissance, in der Diözese Augsburg fallen diese jedoch spärlich aus. „Besonders reich ausgestattete Nikolauskirchen, die von namenhaften Künstlern nach einem ikonographischen Programm ausgemalt wurden, sind in der Diözese [beispielsweise]: Jedelstetten (Johann B. Baader 1775) [oder] Deisenhofen (Johann Anwander um 1716)“12. Gegenwärtige Entwicklungen finden sich bei der „Namengebung von Kindergärten (Sulzberg im Oberallgäu oder in Erinnerung an das Kloster St. Nikolaus in Memmingen), Kinderhorten und –heimen (St. Nikolaus in Kempten) oder Einrichtungen der Sonderpädagogik (Förderungswerk St. Nikolaus in Dürrlauingen)“13. Es finden öffentliche Nikolausauftritte in größeren Städten statt, um Groß und Klein zu begeistern, so zum Beispiel auch in Kempten seit 1949. Meistens werden derartige Auftritte neben privaten Veranstaltern auch von Nikolausvereinen organisiert, welche sich intensiv mit dem Nikolauskult beschäftigen. „Eine Besinnung auf die kreativen Werte des Hl. Nikolaus vermitteln Kindergärten und Schulen durch Erzählungen aus dem Leben des Heiligen und Legendenspiele.“14.

7 Vgl.: Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 13-23.

8 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 13.

9 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 14.

10 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 14.

11 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 15.

12 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 16.

13 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 18.

14 Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991. S. 18.

Der Nikolausbrauch im Bezirk Schwaben

Die Brauchausführungen um Sankt Nikolaus fallen in Schwaben unterschiedlich aus. Im Rahmen dieses Beitrags soll nur ein Beispiel herausgegriffen werden, bei welchem der Nikolaus als „würdiger Bischof“15 auftritt. In Hirrlingen Kreis Tübingen wird in der Nacht zum 6. Dezember ein großes Feuer entbrannt: „Die Kinder und viele Eltern aus Hirrlingen, aber auch viele auswärtige Besucher versammeln sich um das Feuer […]. Schließlich kommt mit seinem Knechte Ruprecht St. Nikolaus im schönen Bischofsornate aus dem Wald und spricht zu den Kindern. Dann ziehen alle in einem langen Zug ins Dorf, wo man sich vor der Kirche nochmals versammelt: Nikolaus spricht, alle singen“16. Zwar findet dieser Brauch um den heiligen Nikolaus im Freien und vor einem großen öffentlichen Publikum statt, dennoch finden sich einige Parallelen zum Auftritt des Nikolaus in der Augsburger Grundschule. Der Nikolaus spricht speziell die Kinder an und wird auch in diesem Beispiel mit Liedern zu seinen Ehren besungen. Im selben Maße wird die Verkleidung des Nikolauses ähnlich aufwendig beschrieben, wie sie in der Grundschule Augsburg beobachtet werden konnte. Es soll hier keinesfalls eine Parallelität zwischen beiden Nikolausauftritten hergestellt werden. „Freilich kann man trotzdem von einer Tendenz zur Vereinheitlichung sprechen, die über verschiedene Medien Richtung zum Allerwelts- Weihnachtsmann eingeschlagen haben“17.

15 Schwedt, Herbert/Elke: Schwäbische Bräuche. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1984. S. 26.

16 Schwedt, Herbert/Elke: Schwäbische Bräuche. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1984. S. 26.

17 Schwedt, Herbert/Elke: Schwäbische Bräuche. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1984. S. 28.

Forschungsstand und weiterführende Literatur

Sankt Nikolaus – ein Phänomen welches bei Jung und Alt Erinnerungen an mehr oder weniger glückliche Momente hervorruft. Doch wie steht es um den aktuellen Forschungsstand um die Figur des Nikolauses. „Die Forschung hat Sankt Nikolaus stets unter zwei Aspekten gesehen: einmal als Bezugsfigur eines ausgedehnten kirchlichen Kultes und zum andern als Mittelpunkt eines ebenso differenzierten wie diffusen Komplexes verschiedenartigster Bräuche“18. Auch im Rahmen dieser Ausführungen wurde der Nikolaus in Hinblick auf seine christliche Verehrung und auf seine unterschiedlichsten Brauchausführungen knapp vorgestellt. Die teilnehmende Beobachtung und Analyse der Nikolauseinkehr in einer Augsburger Grundschule sollten dabei eine aktuelle Brauchausübung des St. Nikolaus vorstellen. Doch wissenschaftliche Belege in Hinblick auf den Realitätsgehalt der Legenden um den Heiligen Nikolaus sind nicht gesichert. Einen sehr interessanten, ausführlichen und klar strukturierten Überblick bietet das Standardwerk von Werner Mezger „Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk.“. So meint Mezger: „Gerade die Legende mit ihrer jenseits von geschichtlichen Fakten liegenden, eigenen Wahrheit ist es ja, die im Lauf der Jahrhunderte eine enorme Kraft entwickelt, den Anlass zu zahlreichen Kult- und Brauchphänomenen gegeben und so – obwohl selbst abstrakt – sehr konkrete Rückwirkungen auf den realen Alltag gehabt hat“19. Eben dieser Aspekt, die Rückwirkungen auf den realen Alltag, bietet ein umfassendes und spannendes Forschungsfeld. Im Fachbereich der Vergleichenden Kulturwissenschaft, welcher sich intensiv mit dem Alltag der Menschen beschäftigt, scheint ein enormes Feld an Beobachtungen und neuen Erkenntnissen offen zu stehen. Demnach trägt auch die intensive Beobachtung der Nikolauseinkehr in der Augsburger Grundschule dazu bei, einen spezifischen und konkreten Eindruck eines Brauchphänomens zu St. Nikolaus zu bekommen. Das Werk „Schwäbische Bräuche“ von Herbert und Elke Schwedt folgt bedauerlicherweise einer veralteten Kontinuitätsprämisse. So spiegeln wilde Nikolausbräuche des 19. Jahrhunderts keine vor- oder außerchristliche Entwicklung wieder und sind demnach nicht wissenschaftlich zu vertreten. In dieser Arbeit waren vor allem die Werke mit Hauptaugenmerk auf den Bezirk Schwaben und die Stadt Augsburg interessant, so auch das Werk „St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum“ von Werner Scharrer, Hans Frei und Günther Kapfhammer. Abschließend soll aber dennoch festgehalten werden, dass es doch wünschenswert wäre exemplarische Nachweise und Beobachtungen, durch welche ein umfassender Einblick in aktuelle Brauchausführungen gewährleistet wäre, weiter zu verfolgen. Denn durch eine umfangreiche Analyse eines beobachteten Brauches, wie der hier vorgestellten Nikolauseinkehr in einer Augsburger Grundschule, kann ein aktueller Blickwinkel interessante neue Forschungsaspekte liefern.

18 Mezger, Werner: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen. Ostfildern 1993. S. 9.

19 Mezger, Werner: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen. Ostfildern 1993. S. 11.

Belege, Literatur

Amtsblatt der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst; Teil 1: Lehrplan für die Grundschulen in Bayern. München 25. September 2000.

Mezger, Werner: Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen. Ostfildern 1993.

Scharrer, Werner/Frei, Hans/Kapfhammer, Günther: St. Nikolaus in Schwaben. Ein Volksheiliger in Kirche, Kunst und Brauchtum. Gessertshausen 1991.

Schwedt, Herbert/Elke: Schwäbische Bräuche. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1984.

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Diese Seite wurde zuletzt am 15. Mai 2017 um 08:28 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 9.182-mal abgerufen (to Cache).