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Neujahrsschreien im Allgäu

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Das Neujahrsschreien findet jedes Jahr am Neujahrstag in verschiedenen Regionen des Allgäus statt.
Kinder und Jugendlichen gehen von Haus zu Haus und sagen einen Neujahrswunsch auf, worauf hin sie als Belohnung ein kleines Taschengeld und etwas Süßes erhalten.


Termin

Dieser Brauch ist am 01.01.2019.
Er findet jedes Jahr zu diesem Datum statt.

Ablauf

Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis ca. 15 Jahren ziehen am Neujahrstag in den Dörfer und Gemeinden durch die Straßen und wünschen den Bewohnern ein gutes Neues Jahr.

Dabei treffen sie sich oft bereits um sechs Uhr morgens an einem vereinbarten Platz oder Haus um dann zusammen von einem zum nächsten Haus zu ziehen und den Hausbewohnern ein Gutes Neues Jahr zu wünschen.
Nach dem Klingeln stellen die Kinder sich auf und rufen dem öffnenden Bewohner einen guten Wunsch für das neue Jahr zu, je nach Region unterscheiden sich diese Sprüche.
Für den frommen und guten Wunsch bekommen die Kinder ein kleines Taschengeld oder kleine Leckerbissen wie Plätzchen, Obst oder Süßigkeiten von den Bewohnern.


Beispiele für die Neujahrswünsche:


„ Mir wünschet uib a guets nuis Johr!“

„Gelobt sei Jesus Christ. A guots nuis Johr alle mitand!“

„Mir wünschet a guats nuis Johr all mit´and, ein kleines Wünschlein bring ich freundlich dar, Gott schütze Sie im neuen Jahr"

„So treten wir ins neue Jahr, getrosten Mutes, ein - Und was im alten noch nicht war, erfülle sich im neuen“


Früher

Der Brauch des Neujahrsschreiens ist schon mehrere hundert Jahren alt.
Die Kinder, früher meist nur Jungs, standen größtenteils um fünf oder halb sechs morgens auf, um den Gruß auch in jedes Haus im Dorf bringen zu können, oft ging es dann ohne Frühstück direkt zum nächsten Nachbar, der normalerweise einen Bauernhof hatte, und somit schon auf war um im Stall zu arbeiten.
Daher schrien die Kinder ihren Wunsch „Gelobt sei Jesus Christ. A guots Nuis Johr alle mitand!“ in die Dunkelheit bis jemand aus dem Stall oder Haus kam. Dann wurde der Spruch noch einmal wiederholt.
Zur Belohung für den frohen Wunsch erhielten die Kinder meistens einen Apfel oder eine Dörrbirne, später dann auch oft zusätzlich etwas Geld, früher „ a Batzele“ genannt, das zwischen zwei bis drei Pfennig betrug, wenn die Kinder Glück hatten erhielten sie sogar bis zu zehn Pfennig
Das Neujahrsschreien musste jedoch bis zum Mittagsläuten um zwölf Uhr beendet sein, sonst erhielten die Kinder statt einem kleinen Taschengeld oder Obst als Belohnung nur noch den Zuruf «SKraut isch scho gesse», was bedeutet, dass hier nichts mehr zu holen sei.


Heute

Heute stehen die Kinder und Jugendlichen im Alter von ca. sechs Jahren bis zur achten oder neunten Klasse zum Teil immer noch
früh auf, um schon um sechs Uhr morgens an einem vereinbarten Platz oder Haus zu stehen. In manchen Gemeinden wird das Neujahrsschreien jedoch später begonnen oder sogar schon am Vorabend praktiziert.
In größeren Gemeinden teilen sich die Kinder auf und ziehen in verschiedenen Gruppen durch das Dorf. Oft treffen sie sich daher auch im Haus des Gruppenältesten um danach loszuziehen.
Nach und nach wird an jedem Haus geklingelt und dem öffnenden Bewohner ein guter Wunsch entgegen gerufen. In einigen Regionen müssen die Ältesten Jugendlichen für diesen Wunsch jedes Jahr einen neuen Spruch verfassen, in anderen Gegenden wird jedes Jahr der gleiche Spruch aufgesagt.
Zur Belohnung für den gut gemeinten Wunsch erhalten die Kinder und Jugendlichen immer noch ein kleines Taschengeld, dass in der heutigen Zeit jedoch etwas höher ausfällt und zwischen fünfzig Cent und einem Euro liegt, das sorgfältig im sogenannten „Geldsäckle“ verwahrt wird, welches die Kinder um den Hals mit sich tragen. Außerdem gibt es in fast jedem Haus ein paar Süßigkeiten, Plätzchen oder Obst, ganz wie in alten Zeiten.
Zum Teil zünden die älteren Jugendlichen in einigen Gemeinden Knallkörper auf dem Weg von einem zum nächsten Haus, um das Neue Jahr noch einmal, wie in der Silvesternacht, willkommen zu heißen und die bösen Geister zu vertreiben, welche sich in den Nächten zwischen Weihnachten und Neujahr, den Rauhnächten, in Haus und Hof eingenistet hatten. Möglicherweise diente ursprünglich auch das Neujahrschreien zur Vertreibung der bösen Geister, wobei dies nicht mehr eindeutig bewiesen werden kann.


Nesselwanger Naujahrsschreien

Beim Neujahrsschreien in den Nesselwanger Weilern Bayerstetten, Widdumhof, Niederhöfen und Schneidbach sind Kinder und Jugendliche von klein auf, ab fünf oder sechs Jahren, bis hin zur neunten. Klasse beteiligt. Sie ziehen am Neujahrstag von Haus zu Haus und wünschen den Bewohnern ein gutes Neues Jahr.
Sie treffen sich um sechs Uhr morgens an einem festgelegten Haus, es wird geklingelt, die Kinder stellen sich auf und rufen dem öffnenden Hausbewohner „Mir wünschet a guats nuis Johr all mit´and, ein kleines Wünschlein bring ich freundlich dar, Gott schütze Sie im neuen Jahr" zu.
Für diesen guten Wunsch bekommen die Kinder folglich eine Kleinigkeit, je nach Alter die Kleinern zwischen 20 und 50 Cent und die Jugendlichen von 50 Cent bis zu einem Euro. Die Ältesten, die schon in der neunten Klasse sind und somit zum letzten Mal mitgehen dürfen, erhalten für ihren letzten Neujahrswunsch etwas mehr, meistens zwischen zwei und fünf Euro.
Zusätzlich sind die Kinder mit einer Tasche ausgerüstet, denn ab und an erhalten sie auch noch kleine Leckerbissen wie Plätzchen, Obst oder Süßigkeiten.
Danach stellen sich die Kinder nochmals auf und sagen ihren Spruch erneut auf.

Gewährspersonen

Frau B. aus Nesselwang, 22 Jahre alt, lief selbst von klein auf bis zur neunten Klasse beim Nesselwanger Naujahrsschreien mit.

Hintergrund-Infos

Das austauschen von Frohen Wünschen am Neujahrstag war schon bei den Römern bekannt.
In späterer Zeit bekamen vor allem die Kinder für das Vortragen von Neujahrswünschen bei Verwandten und Paten kleine Geschenke. Dies nutzen jedoch immer mehr die sozial schwachen Bewohner der Dörfer und Gemeinden aus, um durch das Neuhjahrswünschen von den betuchteren Bürgern Geschenke und Geld zu bekommen. Da der Brauch des Neujahrsschreien dadurch in Bettelei ausartete, wurde er in manchen Gemeinden, zumindest für die Erwachsenen, verboten. Kinder und Jugendlichen jedoch durften weiterhin den Bewohnern ein gutes Neues Jahr wünschen.
Ein mit dem Neujahrsschreien verwandter Brauch ist des „Neujahr abgewinnen“ bei dem sich jedes Familienmitglied beeilt vor den anderen den Neuhjahrswunsch „Glückseliges Neu`s Jahr!“ auszurufen.
Zudem ist mancherorts überliefert, dass die Schützen, nachdem sie das Neue Jahr angeschossen hatten von Haus zu Haus zogen und ihren Spruch aufsagten:

„Gott möchte uns beschützen das künftige Jahr
Vor Donner und Blitzen, vor Krankheitsgefahr,
Vor Hunger und Pest, Krieg und Not
Und endlich auch vor dem ewigen Tod.“
(Paul Ernst Rattelmüller: Bairisches Brauchtum im Jahresverlauf. Vom Nikolo bis Kathrein. München 1985.)

Weiterhin ist das Neujahrsschreien ab der Zeit um 1870 belegt:
„Außerhalb des Hauses in Dorf und Land ist der Neujahrstag belebt durch das sogenannte Neujahr anschreien, ein Erwerbszweig der armen Gemeindehauskinder. Sie sind hiezu ausgerüstet mit Spruchvers und Melodie, mit Sack und Stecken, sie gehen bei Honoratioren herum:

Glückseligs neues Jahr,
s Christkindl im krausten Haar,
a langs Leben, a guats Leben,
an Himmel danebn.
I wünsch dem Bauern an goldenen Rock,
daß [!] er ihm steht wie a Nagerlstock!
Und i wünsch der Bäuerin a goldene Haubn,
daß [!] si ihr steht wie a Turteltaubn.“
(Joseph Schlicht: Bayrisch Land und bayerisch Volk. Straubing
1875.)


Wie genau der Brauch des Neujahrsschreiens im Allgäu entstanden ist kann heute allerdings aufgrund der weitestgehend mündlichen Überlieferung nicht mehr genau nachvollzogen werden.

Weblinks

http://www.all-in.de/nachrichten/allgaeu/fuessen/Fuessen-neujahrsschreien-Neujahrsschreien-Ein-alter-Brauch-lebt-fort;art2761,696175

http://www.all-in.de/nachrichten/allgaeu/marktoberdorf/Marktoberdorf-neujahrsschreien-kinder-wunsch-Wenn-Kinder-lauthals-ein-gutes-Neues-wuenschen;art2762,918121

http://www.pfronten.de/kultur/brauchtum/S_Nuijohrschreie.html

Belege, Literatur

Bilcher, Albert: Wie's in Bayern der Brauch ist. Feste und Bräuche durchs Jahr und durch das Leben in Altbayern, Franken und Schwaben. München 2003.

Rattelmüller, Paul Ernst: Bairisches Brauchtum im Jahresverlauf. Vom Nikolo bis Kathrein. München 1985.

Schlicht, Joseph: Bayrisch Land und bayerisch Volk. Straubing 1875.

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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2013 um 12:25 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 7.220-mal abgerufen (to Cache).
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