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Martinsumzug in Furth im Wald

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Der Sankt Martinsumzug findet jährlich in Furth im Wald statt. Die Stadt Furth im Wald mit etwa 8000 Einwohnern liegt in Ostbayern,
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direkt an der tschechischen Grenzeim Landkreis Cham.

Der Brauch des Martinsumzugs untergliedert sich im Wesentlichen in drei Teile: den Gottesdienst mit kurzem Martinsspiel, den Umzug und die Martinsfeier vor dem Kindergarten. Er findet in einem jährlichen Rhythmus immer um den 11. November herum statt. In Furth im Wald wurde der Brauch im Jahr 2012 bereits am 9.11. durchgeführt. Begründet wurde diese Terminabweichung dadurch, dass der 11. November in diesem Jahr ein Sonntag gewesen wäre und die Organisatoren diesen Wochentag als eher ungünstig einstuften.

Der Termin am Freitag, den 9. November, wurde als besserer Termin angesehen, da an diesem Tag mehr Familien Zeit hätten. Das Wetter an diesem Tag war trocken und die Temperaturen bewegten sich um den Gefrierpunkt.

Empirische Dokumentation

Grundlage der empirischen Dokumentation

Die empirische Dokumentation bezieht sich auf den Martinsumzug in Furth im Wald am 9.11.2012. Die Feldforschung startete um 16.30 Uhr in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt, umfasste den Gottesdienst, den Umzug von der Kirche zum Kindergarten und endete mit der abschließenden Martinsfeier auf dem Areal des Kindergartens gegen 20 Uhr.

Ablauf

Bei der Dokumentation des Martinsumzugs ist die Vorbereitungsphase nicht zu vernachlässigen, da diese ein elementarer Bestandteil des Brauchs ist. Organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltung vom katholischen Kindergarten Sankt Elisabeth. Deshalb wurde in den einzelnen Gruppen des Kindergarten ca. eineinhalb Wochen vor dem Termin begonnen, Laternen zu basteln. Auch wurden in diesem Zeitraum mit den Kindern die Lieder „Sankt Martin, Sankt Martin“, „Da draußen weht der Wind so kalt“, „Laterne, Laterne“ und „Ich gehe mit meiner Laterne“ einstudiert. In der Vorbereitungszeit wurde den Kindern die Geschichte des heiligen Martin von Tours anhand von Kinderbüchern mit den Titeln „Das ist Sankt Martin“ oder „Mein Buch von Sankt Martin“ vermittelt, welche die jeweilige Erzieherin den Kindern vorlas, währende die Kinder in einem Sitzkreis um sie herumsaßen.

Die Hauptaktion, bestehend aus einem dreiviertelstündigen Gottesdienst, kurzem Umzug und Martinsfeier, begann mit dem Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt um 17 Uhr, in dem den Kindern das Leben und Wirken des heiligen Martin nähergebracht wurde. Zu diesem Zweck wurde in der Mitte des Gottesdienstes ein fünfminütiges Martinsspiel aufgeführt, um den Kindern die Geschichte noch einmal zu veranschaulichen. Hierbei saß ein als Bettler mit einem graubraunen Lumpengewand verkleidetes Kind auf den Stufen zum Altarraum. Der Martinsdarsteller, gekleidet mit einer grauen Wollkettenhose, Lederwams und rotem Umhang, kam vom rechten Seiteneingang der Kirche herein, lief an den Reihen vorbei auf den Altar zu, wo er den Bettler vorfand. Als er diesen sah, nahm er sein Schwert und teilte den roten Umhang in zwei Teile. Einen reichte er dem Bettler, dieser nahm ihn entgegen, nickte und lächelte. Daraufhin verließ der Martinsdarsteller die Kirche wieder durch den linken Seitenausgang. Der Darsteller des Bettlers ging nach hinten hinaus durch eine Seitentür im Altarraum. Die Martinslegende wurde während der Aufführung von einer erwachsenen Frau vorgelesen, die links neben den Akteuren am Lesepult stand. Auch der Dialog zwischen Martin und dem Bettler wurde von ihr gesprochen, so dass die Darsteller die Situation nachspielten ohne selbst zu sprechen.
Nach Ende des Gottesdienstes herrschte Hektik, die Eltern drängten sich mit ihren Kindern an allen Ausgängen Bei Verlassen der Kirche wurde den Kindern durch
Vertreter des Elternbeirats des Kindergartens ein Lebkuchen überreicht, welche allerdings nicht für alle Kinder ausreichten. Auf dem Kirchplatz wurden die mit Batterie betrieben Leuchtstäbe für die Laternen eingeschaltet oder die Kerzen in den Laternen angezündet. Die batteriebetriebenen Stäbe überwogen jedoch deutlich, nur sehr vereinzelt wurden Laternen mit Teelichtern mitgeführt. Die Laternen waren zum größten Teil in den einzelnen Kindergartengruppen oder zuhause gebastelt worden, vereinzelt sah man auch gekaufte. In einer Kindergartengruppe fertigten alle die gleiche Laterne, so dass man während des Umzugs anhand der Motive der Laternen eine Einteilung vornehmen konnte, welche Kinder welche Gruppe besuchten.


Anschließend zogen die Kinder gegen 17.45 Uhr mit ihren Laternen in der Hand in einem geschlossenen Zug hinter dem Martinsreiter und dem Pfarrer mit den Ministranten von der Kirche über den Stadtplatz von Furth im Wald an der evangelischen Zachäuskirche vorbei Richtung Kindergarten St. Elisabeth. Während des Umzugs wurden die im Vorfeld einstudierten Lieder gesungen. Der Martinsdarsteller saß bereits auf einem Schimmel mit schwarzer Trense und schwarzem Sattel. Dort stellte er sich am Aufgang zum Kindergarten an die Seite des Weges, so dass die Kinder im Vorbeigehen das Pferd streicheln konnten und sich den „Heiligen Martin“ noch einmal aus der Nähe anschauen konnten zum Kindergarten. Im hinteren Teil des Zuges, wo die Lieder nicht mehr gehört wurden, unterhielten sich sowohl die Kinder als auch die Eltern untereinander, Lieder wurden hier nicht gesungen.
Nach Ende des Umzuges wurde das Pferd von seinem Besitzer Willi Späth in einen Pferdeanhänger verladen, der auf dem Platz vor dem Kindergarten schon bereitstand.
Gegen 18.15 Uhr traf der Zug am Kindergarten ein. Im Vorhof des Kindergartens waren bereits Stände aufgebaut, an denen Kindergärtnerinnen Leberkässemmeln, Glühwein oder Kinderpunsch verkauften. Auch ein Lagerfeuer brannte bereits. Auf dem Kindergartengelände stand für die Kinder das Spielplatzgelände offen, auf welchem sich die meisten aufhielten, andere aßen oder spielten Fangen. Die Feier hatte kein offizielles Ende, aber gegen 19.30 Uhr verließen die letzten Besucher das Gelände. Die Stände wurden direkt im Anschluss abgebaut und im Gebäude des Kindergartens aufgeräumt und das Lagerfeuer durch Aufschütten von Erde gelöscht.

Akteure


Am Brauch beteiligt waren die Organisatoren, bestehend aus Kindergärtnerinnen und Mitgliedern des Elternbeirats, der Pfarrer mit Ministranten und Fürbittenlesern, der Martinsreiter, der sowohl in der Kirche bei einem kurzen Martinsspiel den heiligen Martin verkörperte, als auch den Umzug auf einem Pferd reitend anführte, ein Junge, der den Bettler spielte, ca. 300 Kinder mit Eltern, die am Umzug teilnahmen, sowie Polizisten, die die Straßen absperrten, und Sanitäter, die an der Strecke mit einem Rettungswagen stationiert waren.
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Die Hauptakteure waren der Pfarrer, sowie der Darsteller des heiligen Martin und die Kinder, die am Umzug teilnahmen. Der örtliche Stadtpfarrer der katholischen Gemeinde Richard Maier, ca. 55 Jahre alt, gestaltete den Gottesdienst und führte mit dem Martinsreiter den Umzug an. Richard Maier war gekleidet mit einem weißen festlichen Talar. Er gilt in der Gemeinde als sehr beliebt und zugänglich und zeigte sich auch allen Fragen gegenüber sehr offen. Er gestaltete den 45minütigen Gottesdienst für die Kinder. Direkt im Anschluss wies er die Anwesenden darauf hin, dass der Umzug gleich nach Ende des Gottesdienstes von der Kirche aus Richtung Kindergarten starten würde und lud ein, sich daran zu beteiligen. So ging er direkt am Anfang des Zuges hinter dem Reiter, gefolgt von zwei Ministranten, wovon einer eine Lautsprecheranlage auf dem Rücken mit sich führte. Richard Maier stimmte über ein Mikrofon, das er in der Hand trug, die Lieder an, die während des Umzugs von den Teilnehmern gesungen wurden. Auf der im Anschluss stattfindenden Martinsfeier vor dem Kindergarten unterhielt Maier sich mit den Kindergärtnerinnen und einigen Eltern und verließ die Feier gegen 19.00 Uhr.
Den Martinsreiter verkörperte der 21-jährige Markus Späth. Späth stellte bei den jährlich stattfindenden Drachenstichfestspielen im Jahr 2012 den Ritter Udo dar. Seit ca. zehn Jahren ist es in Furth üblich, dass der amtierenden Ritter des Jahres zugleich den heiligen Martin beim Martinsumzug spielt. Markus Späth trug sein Rittergewand, eine graue Kettenhose aus dicker Wolle, einem dunkelbraunem Lederwams, schwarze Reitstiefel und sein Ritterschwert. Zusätzlich hatte er über die Schultern einen großen roten Stoffumhang.
Die Ministranten waren sowohl während des Gottesdienstes als auch während des Umzugs mit einem roten Talar als Untergewand und einem weißen Chorhemd darüber bekleidet.
Einer trug auf dem Rücken mit zwei Tragegurten über die Schultern eine Lautsprecheranlage mit zwei Megaphonen.
Die Vorleserin, sowie die Fürbittenleser und die beteiligten Kindergärtnerinnen und Mitglieder des Elternbeirates trugen warme, dem Wetter angepasste Kleidung mit Jacke oder Mantel.
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Auch die Kinder waren nicht verkleidet, sie trugen Mützen, Handschuhe, Winterjacken und –hosen. Während des Gottesdienstes saßen sie mit ihren Eltern oder Großeltern, die sie begleiteten, auf den Sitzbänken in den Kirchenreihen. Ab der Lesung aus dem Evangelium und der Predigt entstand in den Reihen eine immer größer werdende Unruhe, einzelne Kinder turnten auf den Bänken, wurden von den Eltern hochgehoben, um besser zum Altar sehen zu können oder spielten mit ihren mitgeführten Laternen. Immer wieder hörte man die Fragen „Wie lange dauert es noch?“, „Wann ist es endlich aus?“, woraufhin die Eltern ihre Kinder zu beruhigen versuchten. Gegen Ende des Gottesdienstes standen die ersten bereits auf, den Kindern wurden die Handschuhe angezogen und die Mütze aufgesetzt und man hörte von etlichen Eltern, „wenn du einen Lebkuchen haben möchtest, musst du schon zum Ausgang gehen, sonst sind die weg.“
Die Anzahl der Zuschauer beim Martinsumzug war sehr gering. Um die 50 Menschen größtenteils Großeltern oder Verwandten der Kinder verfolgten den Zug. Auch blieben manche Passanten auf dem Stadtplatz stehen und schauten sich den Zug an. Im Publikum fanden sich in der Kirche und während des Umzugs zwei Vertreter der lokalen Zeitungen, „Chamer Zeitung“ und „Bayerwald Echo“, sonstige Medienvertreter waren nicht anzutreffen. Fotografiert wurde von den am Rande stehenden Großeltern oder den Begleitpersonen. Ich war die einzige, die das Geschehen filmte und wurde auch von vielen bewusst wahrgenommen und angesprochen, welchem Zweck dies diene. An den zwei Straßenkreuzungen, die zu passieren waren, war jeweils ein Polizeiwagen mit einem Polizisten in Dienstkleidung stationiert, der die Straße während des Zuges absperrte. Am Ende des Stadtplatzes stand zudem ein Rettungswagen mit zwei Sanitätern, ebenfalls in Dienstkleidung.

Performanzraum, Kulissen, Requisiten


Der Performanzraum lässt sich grob in drei Teile untergliedern: 1.) Die Kirche, mit Sitzreihen und Altar, 2.) die Route des Martinszuges und 3.) das Gelände des Kindergartens.
In der Kirche spielten sich die meisten Aktionen im Altarbereich ab. Von dort aus sprach der Pfarrer zu den Anwesenden, wurden die Fürbitten gelesen und das fünfminütige Martinsspiel aufgeführt. Die Kinder und Eltern in den Sitzreihen fungierten hierbei nur als Zuschauer und konnten am Geschehen nicht aktiv partizipieren. Der Altarraum war beleuchtet und es brannte im seitlichen Bereich eine Kerze. Für das Martinsspiel wurde keine Kulisse aufgebaut oder Requisiten gereicht, lediglich die beiden Darsteller waren kostümiert.
Auch während des Umzugs war auf der Route keine besondere Dekoration der Häuser oder Straßen erkennbar.
Auf dem Gelände des Kindergartens war im Eingangsbereich ein Lagerfeuer entzündet, die am Kindergarten angebrachten Außenbeleuchtung, das im Haus eingeschaltete Licht und die sich auf dem Gelände befindenden Straßenlaternen dienten als Beleuchtung.

Brauch- und Rollenverständnis


Der Martinsumzug bildet vor allem für die Kinder im Kindergartenalter eine feste Komponente im Jahreslauf der Stadt Furth im Wald. Für die Kinder scheint der Umzug der wichtigste Teil des Brauchs zu sein. Beim Umzug können sie ihre beleuchteten Laternen präsentieren, dürfen die vorher gelernten Lieder singen und ziehen in einem gemeinsamen Zug hinter dem Martinsreiter her. Auch die Person des Heiligen Martin war für die Kinder von großer Bedeutung. Sie kennen die Geschichte um ihn und finden es spannend, diese Person zu sehen. Allerdings gilt hier auch zu berücksichtigen, dass viele Kinder vor allem wegen dem Pferd zum Martinsreiter wollten, um dieses streicheln zu dürfen. Auch war in Furth im Wald vielen Kindern bewusst, dass der Martindarsteller zugleich den „Ritter Udo“ verkörperte, was auf viele eine große Begeisterung ausübte. Das Ritterpaar wird jedes Jahr von einer Jury neu gewählt, das Paar übernimmt während der Amtszeit zahlreiche repräsentative Aufgaben der Stadt, so dass diese zwei Personen während dieser Zeit stark im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Die Rolle ist mit einer hohen sozialen Wertigkeit belegt und besitzt eine Statusfunktion. Somit ist die Rolle des Martinsreiters nicht frei zugänglich, sondern dem Ritter des jeweiligen Jahres vorbehalten, was auch zu einer Aufwertung der Rolle des heiligen Martins führt.
Der Gottesdienst scheint für die Kinder nur von geringem Interesse, sicherlich auch bedingt durch die fehlende Einbindung der Kinder in das Geschehen und die Dauer. Die Zeitspanne von 45 Minuten schien gerade für die kleineren Kinder doch deutlich zu lang. Die Aufmerksamkeit der Kinder steigerte sich kurzzeitig während des Martinsspieles, aber aufgrund der Kürze und der eher eintönigen Darbietung kehrte auch hier nach kurzer Zeit wieder Unruhe ein. Für den Pfarrer standen klar der Gottesdienst und die Vermittlung der Geschichte des heiligen Martins in Vordergrund.
Für die Kindergärtnerinnen bilden die Aktionen rund um den Martinstag ebenfalls einen festen Bestandteil im Kindergartenjahr. Das Basteln der Laternen und das Einstudieren der Lieder ist jedes Jahr fest eingeplant und hat eine zyklische Funktion im Jahr. Durch wiederholtes Erzählen der Geschichte soll sich die Legende in den Köpfen der Kinder verfestigen, so dass ihnen die Thematik für den Gottesdienst und den Umzug bereits bekannt ist. Auch dient die Geschichte des heiligen Martins und das Ausüben des Brauchs als pädagogisches Instrument der Vermittlung moralischer Werte. So wird mit diesen Aktionen den Kindern auf spielerische Weise die Wichtigkeit von Respekt, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe nähergebracht. Auch für die Eltern schient dies oft eine sehr wichtige Komponente zu sein, allerdings ist der Tag für die Eltern oft mit sehr viel Stress und hohem organisatorischem Aufwand verbunden. So meinte eine Mutter sie sei immer froh, wenn der Martinsumzug vorüber ist, da sie in der Kirche ständig versuchen muss ihr Kind zu beruhigen, es während des Umzug ihr Kind an der Hand führen und zusätzlich die Laterne tragen muss. Auch zu Ende des Umzugs hörte man eine Gruppe von Eltern sagen: „So geschafft, da oben gibt’s jetzt einen Glühwein, den haben wir uns heute auch mehr als verdient.“
In den zwei lokalen Zeitungen erschien zum Martinstag nur ein kurzer Artikel, worin dieser als fester Bestandteil des Jahres beschrieben wurde. Ein weiteres mediales Interesse gab es auch in den Vorjahren beim Martinsumzug nicht.



Organisation der Brauchveranstaltung

Offizieller Veranstalter des Martinsumzugs in Furth im Wald ist der katholische Kindergarten St. Elisabeth, welcher der katholischen Pfarrgemeinde obliegt. Organisiert wird der Brauch von den Kindergärtnerinnen. Es existiert eine bestimmte Gruppe von Erzieherinnen, welche den Martinstag jährlich organisieren und gestalten. Beworben wurde die Aktion mit Plakaten, die im Schaukasten der Kirche und in etlichen Geschäften in Furth im Wald aushängen. Zudem fand man in den Zeitungen einen kurzen Veranstaltungshinweis und den Eltern der Kindergartenkinder wurde der Termin von den jeweiligen Erzieherinnen genannt.

Historische Genese, Verbreitung und Forschungsstand

Entwicklungsgeschichte des beschriebenen Brauches


In Furth im Wald taucht das erste Mal im Jahr 1977 ein Hinweis auf einen Martinsumzug im Pfarrbrief auf. Eingeführt wurde der Brauch durch den damaligen Stadtpfarrer Sebastian Werner. Von diesem Zeitpunkt an fand der Brauch jährlich immer um den 11.11. herum statt.


Allgemeine Entwicklungsgeschichte des Brauches


Der Martinstag steht im Zusammenhang mit Fastenzeit vor Epiphanias der „quadragesima sancti Martini“. Um das Jahr 480 n. Chr. wurde diese Fastenzeit erstmals durch den Bischof Perpetuus von Tours angeordnet. Ab dem Martinustag sollten wöchentlich drei Fastentage bis Weihnachten eingehalten werden. Im Jahr 581 n.Chr. wurde diese Fastenzeit bei der Synode von Macon bestätigt.4
Der Martinstag selbst ist belegbar seit der Amtszeit von Papst Gelasius zwischen 492 n. Chr. und 496 n. Chr. Die Fastenzeit umfasste zu damaliger Zeit das Fasten im Bezug auf Nahrung, aber auch den Ausschluss von Rechtsgeschäften. So galt der Martinstag zum einen als letzter Schlachttag vor der Fastenzeit, an welchem viele Gänse geschlachtet wurden, um die Vorräte für den Winter zu sichern5 und zum anderen als wichtiger Zins- und Handelstag, an welchem es noch möglich war, dringliche Geschäfte zu erledigen. Im Rheinland wurde bereits seit dem Mittelalter am 11. November zu Ehren des Heiligen Martin, dem Schutzpatron des Weins immer auch der neue Jahrgangswein verköstigt.6 Die Protestanten schafften den Brauch nicht ab, sondern versuchten ihn auf ihren Reformer Martin Luther zurückzuführen, was heute noch an einigen Martinsliedern erkennbar ist.7
Der Martinstag kennzeichnete zugleich den Beginn eines neuen Wirtschaftsjahres. An diesem Tag fanden der Gesindewechsel sowie der Almabtrieb statt und es war zudem ein wichtiger Markttag, welcher mit Tanz und Festessen gefeiert wurde.8 So soll der Heischebrauch am Martinstag bereits im Mittelalter praktiziert und mit der Legende um den Heiligen Martin begründet worden sein. Hier bettelten allerdings arme Leute um die Reste des Festtagsessens. Das Schenken der Reichen an die Armen am Martinstag lässt sich noch bis ins 18. Jahrhundert nachweisen und verschwand erst mit der Aufklärung.9
Der heilige Martin von Tours war der erste „Bekenner“, also der erste geheiligte Nichtmärtyrer. Er wurde 316/317 in Pannonien als Sohn eines römischen Tribuns geboren und wendete sich den Überlieferungen zufolge sehr früh dem Christentum zu. Trotzdem wurde er zuerst römischer Soldat und ließ sich erst später taufen. Um 370 gründete er das Klosters Ligugé bei Poitiers und 371 wurde er durch einen Volksentscheid zum Bischof von Tours ernannt. Er starb um das Jahr 400. Das zentrale Element seiner Legende bildet die Mantelteilung, welche Suplicius Severus in seinem Werk „Vita Sancti Martini“ festgehalten hat.10 Er soll vor dem Tor Amiens seinen Mantel mit dem Schwert in zwei Hälften geteilt haben, um die eine Hälfte einem frierenden Bettler zu geben. Wenig später soll sein Mantel der Legende nach wieder ganz und unversehrt gewesen sein.11 Der Heiligen Martin von Tours ist vor allem in Frankreich Patron vieler Kirchen.
„In der Brauchpraxis des Martinstages besitzt Licht – sei es in Form von Lampen, Feuer oder Laternen – seit Jahrhunderten eine zentrale Bedeutung.“12 Aus Liedern lässt sich das Martinsfeuer im Rheinland bis ins 16. Jahrhundert zurück nachweisen. Es wurde durch Jugendliche entzündet und führte des Öfteren zu Streitigkeiten und Raufereien zwischen verfeindeten Gruppen, weil sie gegenseitig versuchten, das Feuer der anderen verfrüht zu entzünden.13 Das Hinzuziehen von Licht am Martinstag ist einer der ältesten überlieferten Brauchkomponenten, durchlebte allerdings einen Funktionswandel.14 Die Laternenumzügen sind allerdings nicht auf die Legende des Heiligen Martins zurückzuführen, sondern auf die Lucerna-Perikope am Martinstag. In der Perikopenordnung des Missale Romanum werden die Gläubigen dazu aufgefordert, Kerzen und Laternen zu entzünden, um sich durch das Symbol des Lichts zu Gott bekennen.15 So kam es im Laufe der Zeit zu einer Verknüpfung zwischen der Verehrung des Heiligen Martins und der Lucerna-Perikope. Eine Kontinuität der Laternenzüge vom Mittelalter bis heute lässt sich allerdings nicht herstellen.16 Zur flächendeckenden Verbreitung des Laternenzugs am Martinstag kam es vermutlich erst im Zuge der Restauration im 19. Jahrhundert.17 18 Während er Nazi-Zeit wurde der Brauch untersagt, da er als nicht ideologisch galt. Erst nach 1945 wurde der Brauch am Martinstag wieder aufgegriffen, jetzt war und ist er allerdings in erster Line ein Kinderfest, verbunden mit einem pädagogischen Charakter.

4 Vgl.: Moser, Dietz-Rüdiger: So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002, S.23-36. S. 24f.

5 Vgl.: Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006. S. 344f.

6 Vgl.: Ebd. S.344.

7 Vgl.: Moser, Dietz-Rüdiger: So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002. S.25.

8 Vgl.: Ebd. S.32f.

9 Vgl.: Ebd. S.28.

10 Vgl.: Ebd. S.26.

11 Vgl.: Ebd. S.26.

12 Daniel Drascek: "... eure Lampen sollen brennen". Zum Bedeutungswandel der Lichtermetaphorik von Martinsbräuchen im Kontext von Perikopenforschung und Predigtliteratur. S-11-28. In: Michael Prosser-Schell (Hg.): Szenische Gestaltung christlicher Feste. Beiträge aus dem Karpatenbecken und aus Deutschland. Münster u.a. 2011. S.26.

13 Vgl.: Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006. S. 345.

14 Vgl.: Daniel Drascek: "... eure Lampen sollen brennen". Zum Bedeutungswandel der Lichtermetaphorik von Martinsbräuchen im Kontext von Perikopenforschung und Predigtliteratur. S.11-28. In: Michael Prosser-Schell (Hg.): Szenische Gestaltung christlicher Feste. Beiträge aus dem Karpatenbecken und aus Deutschland. Münster u.a. 2011. S.14.

15 Vgl.: Moser, Dietz-Rüdiger: So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002. S. 28f.

16 Vgl.: Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006. S.353.

17 Vgl.: Moser, Dietz-Rüdiger: So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002. S.32.

18 Vgl.: Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006. S. 352.

Allgemeine Verbreitung des Brauches


Am längsten ist der Brauch des Martinsumzugs innerhalb Deutschland im Rheinland nachweisbar. Dort wurde er ab Beginn des 20. Jahrhundert durch Vereine und Schulen von seinen teilweise exzesshaften Ausuferungen zu einem „pädagogisch wertvolle(n) Brauch“19 umfunktioniert. Im südlichen Teil Deutschlands wird er zum großen Teil erst seit den 1970er Jahren praktiziert, hervorgerufen durch die Pädagogik-Debatte. Nachverfolgen lässt sich die Verbreitung der Bräuche am Martinstag, wie das Martinslied oder der Martinssegen, innerhalb Deutschlands auch im Atlas der deutschen Volkskunde.20
Im Süden und im Südosten des deutschen Sprachgebiets sind im Bezug auf den Martinstag andere Bräuche belegbar, so wurde vom 17. bis ins 20. Jahrhundert in diesen Gebieten der Martinssegen ausgesprochen. Er diente zum Schutz des Viehs, da der Heiligen Martin auch als Schutzpatron bei Viehseuchen gilt. In diesem Zusammenhang muss auch das „Wolfauslassen“ im Bayer- und Böhmerwald am Vorabend oder am Martinstag selbst gesehen werden.21

19 Döring, Alois: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006. S.353.

20 Vgl. hier: Zender, Matthias: Atlas der Deutschen Volkskunde. Neue Folge. Erläuterungen Band 1 zu den Karten NF1-36. Marburg 1959-1964. S.204f.

21Vgl.: Moser, Dietz-Rüdiger: So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002. S.33.

Forschungsstand allgemein


Die historische Genese und den Ursprung des Brauchs des Martinsumzugs ist in der Literatur sehr gut abgehandelt und nachvollziehbar. Über die Ausübung des Brauchs in der heutigen Zeit findet sich in der Literatur allerdings sehr wenig und wenn, dann wird nur eine sehr allgemein gefasste Beschreibung des Brauchs gegeben; regionalspezifische Praktiken und Unterschiede werden nicht beachtet. Auch werden weder die einzelnen Trägergruppen vorgestellt noch die Funktion des Brauchs für diese analysiert.

Literatur

  • Becker-Huberti, Manfred
Der heilige Martin. Leben, Legenden und Bräuche. Köln 2003.
  • Cüppers, Dorothea/Meyer, Birgit
Mein Buch von Sankt Martin. Münster 2003.
  • Daniel Drascek
"... eure Lampen sollen brennen". Zum Bedeutungswandel der Lichtermetaphorik von Martinsbräuchen im Kontext von Perikopenforschung und Predigtliteratur. In: Michael Prosser-Schell (Hg.): Szenische Gestaltung christlicher Feste. Beiträge aus dem Karpatenbecken und aus Deutschland. Münster u.a. 2011 (Schriftenreihe des Johannes-Künzig-Instituts, hg. von Werner Mezger, Bd. 13), S. 11-28.
  • Happ, Martin
Alte und neue Bilder vom Heiligen Martin. Brauchtum und Gebrauch seit dem 19. Jahrhundert. Köln 2006.
  • März, Lene/ Janßen Rilke
Das ist Sankt Martin. Stuttgart/Wien 2009.
  • Mezger, Werner
Der Martinstag. Brauchtum im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Katechese. In: Ritt, Hubert (Hg.): Gottes Volk. Bibel und Liturgie im Leben der Gemeinde 8. Stuttgart 1988, S. 116-128.
  • Moser, Dietz-Rüdiger
So leuchte Euer Licht vor den Menschen. In: Ders.: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Freiburg 2002, S.23-36.
  • Zender, Matthias
Atlas der Deutschen Volkskunde. Neue Folge. Erläuterungen Band 1 zu den Karten NF1-36. Marburg 1959-1964.

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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Oktober 2013 um 15:50 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 6.263-mal abgerufen (to Cache).