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Maianspielen mit der Musikvereinigung Thannhausen

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Geprüfte Artikel > Grüner Artikel


Das Maianspielen mit der Musikvereinigung Thannhausen läutet in der Kleinstadt im schwäbischen Barockwinkel den Frühling ein. Jedes Jahr am 01. Mai ziehen die Musiker durch die 5600 Einwohnerstadt an der Mindel. Wenn an diesem Tag die meisten Bewohner noch schlafen und sich auf einen schönen Feiertag freuen, werden sie früh am Morgen von den Klängen des Musikvereins geweckt. Dieser Weckruf überbringt den Menschen die freudige Nachricht, dass der Winter vorbei ist und nun die warme Jahreszeit kommt.

"Willkommen dem Mai" lautet das Motto des Tages.

Termin

Dieser Brauch ist am 01.05.2018.
Er findet jedes Jahr zu diesem Datum statt.

Vorbereitung

Maianspielen 1.JPG
Bei der Vorbereitung für diesen Tag geht es zum einen um den organisatorischen Ablauf und zum anderen um den musikalischen Part: Die organisatorische Vorbereitung liegt alleine in der Hand des 1.Vorstands. Schon Wochen vorher muss eine Route geplant werden, die durch die meisten Straßen von Thannhausen führt. Dabei muss auf der einen Seite darauf geachtet werden, dass viele Gönner und Spender auf der Route liegen, um ihnen mit diesem „Ständchen“ für ihr Vertrauen in den Musikverein zu danken. Auch wichtige Personen des städtischen Lebens werden von der Musikvereinigung besucht. Andererseits ist es sehr wichtig, dass der Weg, den die Musiker gehen, auch „spielbar“ ist. Ein Spaziergang durch die Straßen ist nicht zu vergleichen mit einem „Marsch“ durch die Straßen. Damit möglichst viele Menschen etwas von der Musik haben, wird die meiste Zeit durchgespielt und natürlich auch durchgelaufen. Die Musiker haben deswegen nur wenig Pause, um sich zu erholen und „Luft zu schnappen“. Vor allem für Musiker mit großen und schweren Instrumenten bedeutet das viel Anstrengung und eine „große Lunge“. Deswegen muss der Vorstand darauf achten, dass wenige Straßen auf der Route liegen, die Bergauf gehen, bzw. muss diese so verteilen, dass immer wieder flache Passagen dazwischen liegen. Da aber selbst der trainierteste Musiker es nicht schafft, vier Stunden am Stück zu marschieren, gehört es auch zur Aufgabe des Vorstandes drei bis vier größere Anlaufstellen einzuplanen. Diese Anlaufstellen sind meistens bei ehemaligen Musikern oder großen Gönnern der Musikvereinigung Thannhauen. Diese Routenpunkte werden schon früh vereinbart. An ihnen gibt es meistens etwas zu Essen und zu Trinken für die Musiker. Wenn die Route mit ihren Haltestellen feststeht, ist für den 1.Vorstand die Aufgabe erfüllt.
Das allein reicht jedoch noch nicht für ein erfolgreiches Maianspielen in Thannhausen aus. Auch die Musiker - allen voran der Dirigent - müssen sich darauf vorbereiten. Der Dirigent ist für die musikalische Vorbereitung zuständig. Er muss schon einige Proben vorher eine Stückauswahl für diesen Tag treffen. Natürlich handelt es sich hierbei nur um Märsche, damit die Musiker richtig marschieren können. Zu den Lieblingsmärschen der Musikvereinigung Thannhausen zählen:
Maianspielen 2.jpg
- „Der Bozner Bergsteiger Marsch“ von Sepp Tanzer
- „Castaldo-Marsch“ von Rudolf Novacek
- „Erzherzog Albrecht Marsch“ von Karl Komzak und
- „Deutschmeister Regimentsmarsch“ von Wilhelm August Jurek.

Die Märsche variieren von Jahr zu Jahr etwas. Damit die Märsche auch während des Marschierens gut klingen, muss der Dirigent einige Marschproben ansetzen, um dies einzuüben. Ob ein Stück im Sitzen oder während des Marschierens gespielt wird, ist ein großer Unterschied. Doch vor den Marschproben hat der Dirigent noch eine weitere Aufgabe. Passend zur Anzahl und Besetzung der Musikkapelle ist vom Dirigenten eine adäquate Aufstellung zu wählen. Hier die Aufstellung vom letzten Weckruf:

Nach ein bis zwei Marschproben sind die Musiker bestens gerüstet für den Auftritt und auch der 1.Vorstand und der Dirigent haben ihre organisatorischen Vorbereitungen abgeschlossen. Wie hieraus ersichtlich ist, dauert die Vorbereitung länger als das Maianspielen selbst.


Ablauf
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Um 06.45 Uhr treffen sich die Musikerinnen und Musiker der Musikvereinigung Thannhausen im Hof ihres Musikerheims zum Weckruf. Sie stellen sich in der geprobten Formation auf, um um Punkt 07.00 Uhr mit dem Kommando des Dirigenten: „Mu-sikvereinigung Thannhausen im Gleichschritt marsch!“ loszumarschieren. Ein ca. fünf Kilometer langer Marsch liegt nun vor ihnen durch die Straßen und Gassen der Kleinstadt Thannhausen. Nach einer halben Stunde fast ununterbrochenem Spielen erreichen die Musiker ihren ersten Haltepunkt. Beim diesem ersten Zielpunkt, zum Beispiel beim 2. Bürgermeister der Stadt Thannhausen (die Zielplätze variieren von Jahr zu Jahr) bekommen die Musiker Verpflegung. Schon nach 5 Minuten Rast geht es weiter, denn der Weg ist noch weit. Gegen 08.30 Uhr erreichen die Musiker ihr erstes großes Ziel – ein Frühstück. Jetzt haben alle ungefähr 20 Minuten Zeit, sich ein wenig zu erholen und sich für den weiteren Marsch zu stärken. Nach dieser Pause ist es oft schwer, wieder weiter zu marschieren, aber Vorstand und Dirigent sind meistens voller Elan und treiben ihre Musiker an. Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch und der „Besteigung eines hohen Berges“ erreichen die erschöpften Musiker ein weiteres Zwischenziel. Ein ehemaliger Musiker der Musikvereinigung hält frischen Kaffee und selbstgemachten Kuchen bereit. Während des Marsches haben sich nun schon mehr Einwohner aus dem Haus getraut und winken den Musikern begeistert zu. Einige begleiten die Musiker sogar ein Stück auf ihrem Weg. Die ein oder anderen lassen es sich dabei natürlich auch nicht nehmen, dem Verein eine Spende zu geben. Frisch gestärkt machen sich nun alle auf, die letzte Etappe gut zu meistern. Weitere wichtige Personen der Stadt werden „geweckt“ und von der Musik begrüßt. Trotz einer immer lustigen Stimmung und viel Spass an der Kultur sind alle Musiker, samt Dirigent und Vorstand, froh, wenn um 11.00 Uhr das letzte Ziel erreicht wird und der Brauch ohne Zwischenfälle durchgeführt werden konnte. Beim letzten Stopp gibt es traditionell bayrische Weißwurst mit Breze, süßem Senf und Weißbier. Deswegen liegt dieser Haltepunkt oftmals beim ortsansässigen Metzgermeister. Nach dem erfolgreichen Weckruf und vier Stunden Musikspielen genießen alle ihren restlichen Feiertag. Und freuen sich manchmal auch den Ein oder Anderen etwas früher als sonst aus dem Bett gespielt zu haben.

Gewährspersonen

Grundlage für die Informationen dieses Artikels lieferten der 1. Vorstand der Musikvereinigung Thannhausen (18 Jahre im Amt). Der 2. Vorstand des Blasmusikvereins Jettingen (19 Jahre im Amt) stellte Informationen über diesen Brauch in Jettingen zur Verfügung. Im Gespräch mit den Dirigenten der Musikvereinigung Thannhausen und des Blasmusikvereins Jettingen wurden Informationen über die musikalischen Hintergründe in Erfahrung gebracht. Eine Thannhauser Musikerin, die seit 30 Jahren im Verein tätig ist, schilderte diesen Brauch aus Sicht der Spielenden. Außerdem konnte ich meine eigene Erfahrung als Jugendleiterin und Musikerin seit 2005 mit einbringen.

Varianten

In der nur 15 Kilometer entfernten Gemeinde Jettingen–Scheppach wird auch traditionell um diese Zeit mit Musik die warme Sommerzeit eingeläutet. Hier trifft sich der „Blasmusikverein Jettingen“ gemeinsam mit dem Trachtenverein „Mindeltaler“ am Abend des 30. April zu einem gemeinsamen Maibaumfest am Rathausplatz.
Nach gemeinsamen Proben führt der Trachtenverein mit musikalischer Begleitung einige traditionelle Tänze auf. Die Besonderheit liegt darin, dass sowohl die Tänze als auch die Stücke bereits seit mehreren Jahrzehnten in dieser Form und nur zu diesem Anlass aufgeführt werden. Vor allem der „Heimat- und Trachtenverein Jettingen setzt sich für den Erhalt und die Pflege der Heimat sowie das Erinnern an alte Bräuche und-Trachten ein.“ (Vgl.: www.jettingen-scheppach.de/content/bildung/jugendbroschuere_web.pdf) Dieser Auftritt gehört für beide Vereine zur Tradition und wird mit viel Freude ausgeführt. Besonders hieran ist die starke Verknüpfung zwischen Musik und Brauch, die bei herkömmlichen Maibaumfesten in dieser Form nicht auftritt.


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Hintergrund-Infos

Das Maianspielen wird durch die Musikvereinigung Thannhausen schon viele Jahre ausgeführt. Leider lässt sich durch die Chronik des Vereins kein genaues Datum bestimmen, wann mit ihm begonnen wurde. Doch Gespräche mit einigen Musikern, die schon sehr lange im Verein tätig sind, konnten bezeugen, dass diese Tradition schon vor mindestens 20 Jahren ausgeübt wurde. Jedoch gibt es immer wieder Hindernisse, die die Durchführung der Tradition unterbrechen, wie zum Beispiel schlechtes Wetter oder ein außerordentlichen Fest der Stadt Thannhausen. Das Maianspielen ist in der schwäbischen Gegend kein sehr verbreiteter Brauch, man findet ihn eher im Allgäu. Viele Musikvereine im Umkreis praktizieren hingegen das Silvester- oder Neujahrsanblasen, ein vergleichbarer Brauch der meistens am 31.Dezember durchgeführt wird.




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Warum gibt es in Thannhausen das Maianspielen?
Im Interview mit dem 1. Vorstand der Musikvereinigung Thannhausen:

Warum veranstaltet die Musikvereinigung Thannhausen einen Weckruf?
1. Vorstand: Für einen Verein ist es sehr wichtig, dass er immer präsent ist, sowohl im Bewusstsein seiner Anhänger und Freunde, als auch im Bewusstsein der Stadt. Es ist sehr wichtig zu zeigen, dass wir nicht nur spielen, wenn wir gerufen - also bezahlt wer-den - sondern dass wir auch gerne und mit Freude durch die Straßen ziehen und für alle spielen.


Viele Kapellen in der Umgebung laufen an Silvester durch die Straßen, warum machen Sie das am 01.Mai?
1. Vorstand: Das hat mehrere Gründe: Wir haben jedes Jahr kurz vor Weihnachten unser traditionsreiches Weihnachtskonzert mit sinnlicher und sinfonischer Blasmusik und hätten daher keine Zeit uns auf einen Auftritt mit traditioneller Musik vorzubereiten. Im Frühling hingegen beginnt unsere Unterhaltungsmusik-Saison und wir haben mehr Zeit, uns stilgerecht darauf vorzubereiten. Denn unterschätzen darf man einen Auftritt nicht, bei dem man vielleicht sogar mehr Thannhauser erreicht, als an einem Konzert und daher muss auch auf den Weckruf geprobt werden. Außerdem gilt der 01. Mai traditionell als Familientag. Wir wollen die Leute „wecken“, damit sie in diesen Feiertag starten können. Die genauen Beweggründe für den Beginn dieser Tradition kann auch ich nicht mehr benennen, aber heute kommt uns außerdem noch zu Gute, dass viele unserer Mitglieder über die Weihnachtsferien im Urlaub sind und wir damit Probleme mit der Spielfähigkeit bekommen würden. Außerdem sind wir etwas geschützter vor den Launen des Wetters.

Welchem Zweck dient der Weckruf für den Verein?
1. Vorstand: Während des Weckrufes marschieren wir bei vielen Freunden und Gönnern vorbei. Kein Verein kann ohne Spenden überleben und diesen Menschen wollen wir danken für ihre jahrelange und tatkräftige Unterstützung. Oft besuchen wir auch ehemalige Musiker. Außerdem ist es wichtig, den Honoratioren der Stadt einen Besuch abzustatten. Das gehört einfach dazu. Gleichzeitig hat es den schönen Nebeneffekt, dass auch Spenden aus der Bevölkerung kommen. Außerdem ist es ein netter Anlass für die Musiker, auch außerhalb des strengeren Wertungsspiel-/Konzertprobenprogramms gemeinsam Musik zu machen und gemeinsam Spass zu haben. Denn so ein anstrengender Tag macht auch viel Freude.

Weblinks

www.thannhausen.de

www.musikvereinigung-thannhausen.de

www.jettingen-scheppach.de

http://www.jettingen-scheppach.de/content/bildung/jugendbroschuere_web.pdf

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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Februar 2013 um 12:14 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 10.079-mal abgerufen (to Cache).
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