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Kinderzeche in Dinkelsbühl

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Bräuche > Bayern > Mittelfranken
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Alljährlich wird in der zweiten Julihälfte die Kinderzeche in Dinkelsbühl gefeiert, um der Befreiung der Stadt von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg zu gedenken. Der Name Kinderzeche stammt von dem Brauch, dass Schüler während eines Schulfestes auf dem Schießwasen auf Kosten der Stadt bewirtet wurden.
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Termin

Dieser Brauch ist vom 13.07.2017 bis zum 22.07.2018.

Ablauf

Heute wird die Kinderzeche als ein Kinder- und Heimatfest gefeiert. Es erinnert an den Auszug der Schüler zum Zechen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

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Die Festwoche umfasst zehn Tage in denen das historische Festspiel, der Festzug, das Schwedenlager und die Kinderzechguckenverteilung stattfinden. Die Festlichkeiten der Kinderzeche finden jeweils an den Wochenenden vor und nach dem dritten Montag im Juli statt.

Das Festspiel

Zur Steigerung der touristischen Attraktivität, aber auch um Identifikation in einer in der Welt vergessenen bayerischen Municipalstadt zu stiften, wurde 1897 das Kinderzech-Festspiel eingeführt. Hofrat Ludwig Stark verfasste es als Auftagsarbeit der Stadt. Hierbei stellen seitdem Bürger der Stadt die Sage von der Errettung der Stadt während des Dreißigjährigen Krieges nach.

Das Festspiel erzählt die folgende Geschichte von der Belagerung der Stadt durch die Schweden im Jahre 1632:

Nach etlichen anderen Eroberungen seit ihrem Kriegseintritt 1630 besetzten die Schweden am 11. Mai 1632 Dinkelsbühl. Die Stadt war zu dieser Zeit überwiegend protestantisch. Durch die Belagerung der Schweden wurde die Not der Stadt immer größer und so zogen es die meisten Bürger vor, sich dem Feind anzuschließen. Auf Drängen der Bürger wurde schließlich der katholische Rat dazu bewegt, vor den Schweden zu kapitulieren.

Die Tochter des Turmwächters, die Kinderlore, hörte die Beratung mit an. Sie wusste auch von dem kürzlich gestorbenen Sohn des schwedischen Anführers. Kurz vor der Verkündung der Kapitulation zog die Kinderlore daraufhin mit einer Gruppe von Kindern dem schwedischen Feind singend entgegen. Lore kniete vor dem schwedischen Feldherrn Sperreuth nieder und bat ihn um Gnade. Sperreuth war vom Anblick der Kinder, die ihn an seinen verstorbenen Sohn erinnerten, so gerührt, dass er Dinkelsbühl von Plünderung und Einnahme verschonte. Somit galten die Kinder als Retter Dinkelsbühls.

Das 1897 eingeführte Festspiel findet jährlich statt. Ausgestaltung und Texte gehen auf dieses Jahr zurück.

Der Festzug

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Der historische Festzug beginnt am Altrathausplatz als Abschluss des zweiten Teils des Festspieles und wird von mehr als tausend Dinkelsbühler Bürgern durchgeführt. Schwedische Offiziere, der Schwedenobrist Klaus Dietrich von Sperreuth, Stadtsoldaten, die Kinderlore mit ihrer Kinderschar, der Rat der Stadt, der Stadthauptmann und viele weitere Figuren werden bei dem Umzug nachgestellt. Etliche Besucher sehen vom Straßenrand aus dem historischen Festzug zu. Durch Trommeln, Trompeten, Flöten und Fanfaren wird der Zug musikalisch begleitet. Der Umzug bewegt sich durch die gesamte Altstadt und endet am Weinmarkt. Dort findet zum Abschluss der Spruch des kleinen Obristen und das Absingen der Dinkelsbühler Hymne Schallet heute Jubellieder statt.

Das Schwedenlager

Auf der Schwedenwiese vor der Stadt wird das Schwedenlager aufgeschlagen. Hier stellen ebenfalls dinkelsbüher Bürger die Belagerung Dinkelsbühls von einem Heer unter dem Schwedenobristen Sperreuth nach. Schwedische Offiziere, Trommler, Scharfrichter, schwedisches Fußvolk und viele weitere Akteuere nehmen an dem Lagerleben teil.

Der Schwedenobrist (Bild1) und die Kinderlore (Bild2). Aus: Kinderzeche Dinkelsbühl.

Ursprung und Tradition

Die Dinkelsbühler Knabenkappelle trägt rot-gelb-weiße Uniformen des schwäbischen Reichskreises um 1780 mit schwarzem Dreispitz und Zopfperücke, die an die Zeit der Reichsstadtherrlichkeit erinnern soll. Heutzutage umfasst die Kappelle etwa 80 aktive Mitglieder.

Die Kapelle beruft sich auf eine alte Tradition. Schon im Jahre 1552 wird eine Gruppe von Buben Bauckenschlägern in einer Urkunde erwähnt, die mit Tromm
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eln durch die Stadt marschierten. Seit dem 17. Jahrhundert wanderten die Schulkinder traditionell trommelnd aus der Stadt um ihr Schulfest zu feiern. Wo anfangs nur Trommeln eingesetzt wurden, kamen im Laufe der Jahre einige weitere Instrumente hinzu und es entstand eine Kappelle. Bis 1789 trugen die Knaben im Bataillon schwedische Uniformen. In den folgenden Jahren wurde die schwedische Uniform durch eine Rokokouniform ersetzt.

In Gedenken an den Ausflug der Lateinschüler, die Schulzeche, reitet wie damals auch heute noch der kleine Obrist – der beste Schüler des Jahres - als einziger der Knaben nach dem Ausflug auf einem Pferd in die Stadt hinein. Am Ende des Festzuges verkündet er vor der Schranne einen Spruch, der 1848 von dem Pfarrer Unold-Zangmeister verfasst wurde:

Vernehmt ihr Leute, groß und klein, was ich euch jetzt berichte; ich schenk euch gute Märe ein aus unsrer Stadtgeschichte.

Man weiß ja wohl das schwere Jahr, da ließ es Gott geschehen, dass sie befreit ward aus Gefahr durch ihrer Kinder Flehen.

Der Feind stand dräuend vor dem Tor, o weh! Wer hilft uns Armen? Da drang die Bitte an sein Ohr: Hab doch mit uns Erbarmen!

Sieh hier der zarten Kinderschar, wer soll uns speisen, tränken, willst du der Stadt, die uns gebar, nicht Gnad und Frieden schenken?

Da ward des Feindes Herz erweicht, das Schwert fuhr in die Scheide. Viel Mutterherzen wurden leicht. Und alles ward voll Freude.

Des zum Gedächtnis feiert man, dies Fest seit vielen Jahren u nd stimmet dem ein Loblied an, der uns aus Kriegsgefahren

errettet hat zu seiner Zeit durch Kindermundes Lallen: er lasse sichs voll Freundlichkeit auch heute wohl gefallen.

Er gebe uns ein frommes Herz Und lehr uns kühnlich treten Vor ihn, in Freude wie in Schmerz Für unsre Stadt zu beten.

Dinkelsbühl lebe hoch!

Hintergrund-Infos

Die frühere Schulzeche

Man vermutet, dass die Schulzeche, der Vorläufer der heutigen Kinderzeche bereits im 16. Jahrhundert gefeiert wurde, als Lateinschulen in den Reichsstädten errichtet wurden. Damals war die Schulzeche eine Art Schulfest. Die Lateinschüler durften alljährlich am Ende eines Schuljahres einen Ausflug auf Kosten der Kirche und der Stadt machen, da sie im Schuljahr gute Leistungen erbracht hatten.

Das erste schriftliche Zeugnis über die Dinkelsbühler Schulzeche stammt aus dem Jahre 1629. Trotz der hohen Kosten, die die Stadt auf Grund des Dreißigjährigen Krieges aufbringen musste, durften die Lateinschüler aus Dinkelsbühl auch in diesem Jahr wieder einen hohen Geldbetrag verzechen. Dies ist in einem katholischen Kirchenbuch aus dem Jahre 1635 urkundlich festgehalten.

Der Dreißigjährige Krieg war in einer Zeit, die von konfessionellen Auseinandersetzungen geprägt war. Der Westfälische Frieden von 1648 beendete den Dreißigjährigen Krieg. Angehörige der katholischen und der evangelischen Konfession erhielten damit die gleiche Rechtssicherheit. Die Schulzeche wurde daraufhin über Jahre hinweg konfessionell getrennt gefeiert. Durch die Kalenderreform von Papst Gregor XIII. hingen die Protestanten den Katholiken in ihrem Kalender um 10 Tage hinterher. Erst 1897 wurde die Kinderzeche als ein gemeinsames Fest mit Schülern beider Konfessionen gefeiert, als auch die Protestanten in Deutschland die gregorianische Kalenderreform übernahmen.

Die Kinderzechgucke

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Die Gucke ist ein oberdeutsches Wort und bedeutet übersetzt Tüte. Aus Dank über die Rettung Dinkelsbühls durch die Kinder bekommen alle Dinkelsbühler Kinder in der Festwoche eine solche Gucke geschenkt, die mit Süßigkeiten gefüllt ist.

Kinder als Zuschauer des Festzuges, in der Hand eines Mädchens eine Kinderzechgucke. Aus: Kinderzeche Dinkelsbühl.

Siehe auch

Landshuter Hochzeit

Tänzelfest Kaufbeuren

Weblinks

http://www.kinderzeche.de

Literatur

  • Aiblinger, Simon: Vom echten bayerischen Leben. Bräuche, Feste, Zeitvertreib. München 1990.
  • Bogenberger, Walter: Die Einnahme Dinkelsbühls durch die Schweden 1632 Aufsatz. Dinkelsbühl 1982.
  • Fischer, Karl: Der Werdegang der Kinderzeche Aufsatz. Dinkelsbühl 1982.
  • Gotthard, Axel: Das Alte Reich 1495-1806. Darmstadt 2003.
  • Lang, Wolfgang: Historische Feste in Bayern - Entstehung und Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Neuried 2001.
  • Mattausch, Hans-Peter: Die Kinderzeche, Das Kinder- und Heimatfest der Stadt Dinkelsbühl. Dinkelsbühl 2005.
  • Mattausch, Hans/Fischer, Karl: Kinderzeche Dinkelsbühl. Wie Kinder in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ihre Stadt erretten. Gunzenhausen 1998.
  • Weber-Kellermann, Ingeborg: HB Bildatlas Spezial. Volksfeste in Deutschland. Hamburg 1981.

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Diese Seite wurde zuletzt am 28. August 2017 um 15:18 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 39.254-mal abgerufen (to Cache).