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Jugendweihe - Ein Generationeninterview

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Jugendweihe - Ein Generationeninterview beschreibt den Brauch der Jugendweihe. Dafür wird die geschichtliche Entwicklung dieser Feier kurz beleuchtet. Es wird detailierter auf eine gemeinnützige Oragnisation, den Humanistischen Veband Deutschlands (HVD) eingegangen und es sind drei Interviews von Personen, die selbst eine Jugendweihe erlebt bzw. noch vor sich haben, verschriftlicht worden, um einen genaueren und authentischeren Eindruck des Brauches zu vermitteln. Die drei Personen kommen aus Sachsen-Anhalt und Berlin.

Ablauf

Interviews

Interview mit U. C. (geboren 1964 in Sachsen-Anhalt (DDR), Jugendweihe 1978):

1. Wann hast du mit den Vorbereitungen für deine Jugendweihe angefangen?
Was musste alles organisiert werden und musste man sich dafür extra anmelden?

„Mit den Vorbereitungen haben wir nach der Elternversammlung zu Beginn der 8. Klasse, also im Herbst 1977, begonnen. Zuerst widmeten wir uns der Kleiderfrage. Wir suchten eine Schneiderin auf, mit der wir die Stoffauswahl diskutierten. Im Anschluss kauften wir blauen Stoff für Rock und Weste sowie durchsichtigen orangen Stoff für meine Bluse. Im Frühjahr 1978 kauften meine Eltern und ich blaue Schuhe und einen blauen Mantel. Es gab ein Angebot für eine Klassenfeier in einem Saal bei Magdeburg. Von meinen 28 Mitschülern nahmen insgesamt 17 an der gemeinsamen Feier teil. Die Anmeldung dafür übernahm der Vater eines Mitschülers, der alles in die Wege leitete. Die Organisation der Feierstunde erfolgte über die Schule. An einem Tag im März nach der Schule gab es eine Stellprobe für alle Schüler der fünf 8. Klassen im Maxim Gorki Theater. Für die Feierstunde musste langfristig eingekauft werden, da es nicht immer alles vorrätig gab.“

2. Gab es vor deiner Jugendweihe ein Rahmenprogramm, das dich explizit auf deinen großen Tag vorbereitet hat?

„Es gab Jugendstunden, die sich mit politisch orientierten Themen beschäftigten. Jeder Teilnehmer erhielt ein Buch, mit dem er sich auf die einmal im Monat stattfindende Veranstaltung vorbereiten musste. Die Anwesenheit hierbei war verpflichtend. Zu diesen schulischen Veranstaltungen lud der Klassenlehrer, je nach Engagement und Organisationstalent, passend zum Thema Gäste ein. Bei dem Themenkomplex Verantwortung kam z.B. ein Anwalt. Auf freiwilliger Basis konnte man auch an Wochenendcamps teilnehmen, die immer ein passendes Leitmotiv (z.B. Sport, politische Bildung, Musik oder Kunst) hatten.“

3. Wie ist dein großer Tag genau abgelaufen?

„An dem Tag meiner Jugendweihe hatte kein Friseur geöffnet, weshalb ich mich selbst geföhnt und geschminkt habe. Bei der Feierstunde waren nur meine Eltern und meine beiden Omas dabei, weil wir nur vier Karten erwerben konnten. Zur Erinnerung an unseren großen Tag bekamen wir eine Urkunde, ein Geschenkbuch und eine Nelke. Im Anschluss stellten wir uns zu einem Klassenfoto auf. Dieses Foto war etwas ganz Besonderes, da es sich hierbei um ein Farbfoto handelte, welches zur damaligen Zeit noch sehr kostspielig war. Nach diesem offiziellen Teil genossen wir zu Hause ein reichhaltiges 4-Gänge-Menu, das meine Mutter gezaubert hatte. Als krönenden Abschluss gab es noch Kaffee und Kuchen. Bevor die Hausbewohner zum Gratulieren kamen, fuhren meine Großmütter nach Hause. An diesem besonderen Tag habe ich reichlich Post und viele Geldgeschenke bekommen. Die eigentliche große Feier mit den 17 Familien fand eine Woche später in einem geräumigen Saal statt. Die Dekoration des Saals haben wir selbst übernommen und individuelle Tischkarten für Familie und Freunde gestaltet. Jede Familie hatte einen eigenen Tisch und wir Jugendweihlinge hatten einen separaten Tisch, nur für uns. Die Eltern waren sehr großzügig und jedes Elternpaar hat Wein oder Sekt spendiert, so dass wir immer versorgt waren.“

4. Woran erinnerst du dich besonders gern zurück?

„Am besten hat mir das Programm der späteren gemeinsamen Feier gefallen. Unsere Jungs traten mit Perücken, Feinstrumpfhosen und Hackenschuhen als Frauen einer Modenschau auf. Sie hatten das im Vorfeld niemanden verraten und ernteten für ihren originellen und einfallsreichen Auftritt viel Applaus. Außerdem veranstalteten wir auch noch sehr lustige Wettspiele, wie z.B. das Einwickeln der Väter mit Toilettenpapier durch die Töchter oder das Wetttrinken der Jungen aus Nuckelflaschen, die mit Cola gefüllt waren, auf dem Schoß der Mütter. Auch beim ausgelassenen Tanz am Nachmittag und Abend hatten wir viel Spaß und jeder kam auf seine Kosten.“

5. Hat die Jugendweihe deinen Vorstellungen entsprochen?

„Da ich vorab eine ziemlich genaue Vorstellung vom Ablauf der Jugendweihe hatte, bin ich nicht enttäuscht worden. Meine Eltern, Familie und Freunde haben sich sehr große Mühe gegeben, um diesen einmaligen Tag, im Leben eines Heranwachsenden, so unvergesslich wie möglich zu gestalten. Was ihnen auch wirklich mehr als gelungen ist.“

Interview mit J. C. (geboren 1988 in Berlin (DDR), Jugendweihe 2003 (BRD)):

1. Wann hast du mit den Vorbereitungen für deine Jugendweihe angefangen?

„Meine Familie und ich haben ein Jahr davor mit den ersten Vorbereitungen begonnen. Auch in meiner Klasse wurde das Thema angesprochen und einige organisatorische Vorkehrungen getroffen.“

2. Was musste alles organisiert werden und musste man sich dafür extra anmelden?

„Die offizielle Organisation hat die Elternsprecherin meiner Klasse übernommen. Zuerst haben wir in der Klasse darüber abgestimmt, ob wir gesammelt als Klasse in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden wollen und wo die offizielle Feierlichkeit stattfinden soll. Jedoch war die Teilnahme nicht verpflichtend und es gab Jugendliche, welche die Jugendweihe nur im privaten Rahmen oder überhaupt nicht gefeiert haben. Zur Wahl stand dabei der Friedrichstadt Palast, ein sehr bekanntes Revuetheater in Berlin, oder das Kino Cinemaxx in unserem Stadtbezirk. Schließlich haben wir uns als Klasse demokratisch für den Friedrichstadt Palast entschieden, weil dort das Ambiente festlicher und gehobener ist. Die Elternsprecherin hat uns dann dort für den 14. Juni 2003 um neun Uhr angemeldet. Neben diesem offiziellen Teil gab es bei mir, aber auch bei vielen meiner Klassenkameraden eine Feier im privaten Rahmen. Zuerst haben wir ein geeignetes Restaurant für die Feierlichkeit mit Freunden und Familie gesucht. Um keine bösen Überraschungen zu erleben und auch die richtige Entscheidung bezüglich der Örtlichkeit zu treffen, haben wir ein kleines Probeessen durchgeführt. Nachdem wir

uns schließlich für den Wartenberger Hof entschieden hatten, wurden weitere Details für Tischdekoration und Buffet besprochen. Nun war es endlich an der Zeit die Gäste rechtzeitig einzuladen, damit sich alle darauf einstellen konnten. Dafür verschickte ich persönliche Einladungen. Außerdem habe ich farblich auf die Tischdekoration abgestimmte Servietten mit einem persönlichen Spruch bedrucken lassen, damit sich jeder Gast wohl und willkommen fühlt.
Serviette Jugendweihe.jpg
Als das Organisatorische schließlich geklärt war, konnten wir uns der Kleiderfrage widmen. Dem Anlass entsprechend haben wir uns fest
Abschluss der Jugendweihe.jpg
lich gekleidet. Ich habe mich nach langem Hin und Her für einen beigen Blazer und einen schwarzen Faltenrock entschieden, weil ich mich von der breiten Masse abheben wollte. Nach meinem Probefriseurtermin stand die Hochsteckfrisur endlich fest.“


3. Gab es vor deiner Jugendweihe ein Rahmenprogramm, das dich explizit auf deinen großen Tag vorbereitet hat?

„Ja, da ich mich entschlossen hatte für ein Jahr Mitglied im Humanistischen Landesverband Berlin zu werden, konnte ich an zahlreichen Veranstaltungen kostengünstig teilnehmen. Damit sich jeder Jugendliche angesprochen fühlte, waren die Kursangebote breit gefächert und vielfältig, sodass jeder das Passende für sich finden konnte. Ich habe zum Beispiel einen Malkurs und einen Fotokurs besucht. Außerdem bin ich mit befreundeten Klassenkameraden ins Ferienlager an den Wannsee gefahren und war das erste Mal in der Disko. In der Schule hat man uns in der freiwilligen Arbeitsgemeinschaft Lebenskunde verschiedene Werte und Normen näher gebracht. Zudem wurde unser Gemeinschaftsgefühl durch Spiele und gemeinsame Aktionen gestärkt. Bis auf die AG übernimmt die Schule aber keine weiteren Organisations- und Aufklärungsaufgaben, weshalb man als Schüler keinen größeren Einblick in die geschichtliche Entwicklung der Jugendweihe bekommt.“
Teilnahmekarte Jugendfeier.jpg
Flyer Jugendfeier.jpg

4. Wie ist dein großer Tag genau abgelaufen?

„Mein Tag hat schon sehr früh am Morgen begonnen, da wir eine Anfahrtszeit von einer Stunde hatten und schon eine dreiviertel Stunde vor dem offiziellen Beginn um neun Uhr zur Einweisung antreten mussten. Somit war ich schon um sechs Uhr auf den Beinen. Trotz des bedeutungsträchtigen Tages war ich bei Weitem nicht so aufgeregt, wie meine Mutter. Als wir endlich am Friedrichstadt Palast eintrafen, gingen die Familienangehörigen auf ihre Plätze. Die Jugendlichen sammelten sich draußen, um den genauen Ablauf der Veranstaltung zu erfahren und klassenweise nach Alphabet sortiert zu werden. Zu Beginn der Veranstaltung sind nacheinander alle Klassen einmarschiert. Als alle Jugendweihlinge ihre Plätze eingenommen hatten, konnte schließlich das bunte und abwechslungsreiche Programm beginnen. Dabei waren zahlreiche Tanz- und Gesangseinlagen, kleine Sketche und Szenen, Akrobatikstücke sowie einige Reden geboten, die alle unter den großen Themen Jugendweihe und Erwachsenwerden standen. Im Weiteren folgt die genaue Programmabfolge.“

Die offizielle Programmfolge im Jahr 2003 im Friedrichstadt Palast:
Entrée: Pomp And Circumstances (Edward Elgar)
Mensch-Maschine (Hip-Hop-Soul-Band fameset Allstars)
Szene: Reminiszenz (Videoeinspiel)
Festakt: Dein Herz (IC Falkenberg und Band)
Eintrittskarte Jugendweihe.jpg

Szene: Röhnrad Artistik (Josh)
Szene: Wetter (IC Falkenberg und Band)
Festakt: Im Windschatten des Monitors (fameset Allstars)
Szene: Partnerakrobatik (Andrei und Ben)
Freunde (Barbara Kellerbauer und IC Falkenberg)
Festakt: Blues (Tina Tandler und Band)
Szene: Worte an die Jugendlichen Zwischen gestern und morgen (Barbara Kellerbauer und Matthias Behrsing)

Festakt: Wir sind reich (IC Falkenberg und Band)
Szene: We can leave the world (alle Mitwirkenden)

Finale: Jugendliche versammelten sich zum Abschlusslied auf der Bühne
Verleihung der Urkunde und Überreichung eines Buches über das
Erwachsenwerden

„Die Veranstaltung im Friedrichstadt Palast hat bis ca. 10.45 Uhr gedauert. Anschließend sind wir mit den Verwandten zu uns nach Hause gefahren und dort gab es Kaffee und Kuchen. Um fünf Uhr haben sich meine Familie, die Verwandten und Freunde im Wartenberger Hof zur gemeinsamen Feier zusammengefunden. Nach einer kleinen Dankensrede von meiner Seite, für das Kommen und die zahlreichen Geldgeschenke, wurde das reichhaltige und wohlschmeckende Buffet eröffnet. Im Anschluss forderte mein Vater mich zu einem gemeinsamen Tanz auf. Lustige Spiele und Tanzrunden lockerten die Atmosphäre auf und vertrieben die Zeit. Um Mitternacht verließen dann auch die letzten Gäste das Lokal.“

Urkunde Jugendweihe.jpg

5. Woran erinnerst du dich besonders gern zurück?

„Vor allem das Beisammensein mit Familie und Freunden war mir sehr wichtig. Die Feierlichkeit im Friedrichstadt Palast war sehr ansprechend gestaltet und hat zum Nachdenken angeregt. Jedoch ist an diesem Tag sehr viel Einmaliges geschehen, dessen Bedeutung mir erst im Nachhinein richtig bewusst geworden ist.“

6. Hat die Jugendweihe deinen Vorstellungen entsprochen?
Tisch mit Geschenken.jpg

„Nein, da ich dachte, dass ich mich nach der Feier in gewisser Weise erwachsener fühlen würde, was jedoch nicht der Fall war. Dadurch habe ich verstanden, dass zum Erwachsenwerden noch einiges mehr gehört.“

Interview mit L. C. (geboren 1997 in Berlin, Jugendweihe 2012 (BRD)):

1. Hast du schon eine konkrete Vorstellung vom Ablauf deiner Jugendweihe?

„Ja, mein Tag wird um ca. sechs Uhr morgens beginnen. Nach dem Frisieren und Anziehen werden wir vermutlich gegen sieben Uhr zum Friedrichstadt Palast aufbrechen. Dort werden wir ab acht Uhr eintreffen, da wir Jugendweihlinge noch den Ablauf proben müssen, damit später alles nach Plan verläuft. Nach dem unterhaltsamen Programm werden wir auf die Bühne gebeten und bekommen eine Urkunde, ein Buch und eine Rose überreicht. Gegen 11 Uhr wird das Programm beendet sein und meine Familie und Freunde werden in der ausgesuchten Gaststätte aufeinandertreffen. Dort werden wir einen sehr schönen Abend verbringen und erst spät ins Bett kommen.“

2. Freust du dich schon auf deine Jugendweihe?

„Natürlich freue ich mich auf meine Jugendweihe. Meine gesamte Familie und alle Freunde werden dabei sein. Ich bin sehr gespannt, was ich im Friedrichstadt Palast erleben werde und was dieser Tag noch für Überraschungen bereithält.“

3. Was verbindest du mit dem Thema Jugendweihe?

„Ich verbinde damit Spaß, Freude, Glamour, Freunde und Familie. Alle werden sich mit mir freuen und sich ein lustiges Unterhaltungsprogramm für den Abend überlegen, damit auch keine Langeweile aufkommt. Hoffentlich bekomme ich auch ein paar Geschenke. Aber eigentlich ist für mich die Hauptsache, dass wir zusammen ganz viel Spaß haben.“

4. Hast du dich schon über Veranstaltungen des Humanistischen Landesverbandes Berlin informiert? Welche Kurse interessieren dich?

„Ja, natürlich. Als ich mich bei dem Verband angemeldet habe, bekam ich einen Flyer, der mich über das umfangreiche Angebot informierte. Ich habe mir alles genau durchgelesen. Es gibt einige kostenlose und kostengünstige Kursangebote, wobei mich vor allem die kreativen Veranstaltungen, z. B. Mal-, Bastel- oder Tanzkurse, interessieren. Für jeden ist etwas dabei. Man kann auch einen Kampf- oder Kletterkurs belegen, selbst, wenn man kein Mitglied ist, wird man nicht ausgegrenzt und kann mitmachen.“

(vgl eigenen Erfahrungen und Vorstellungen)

Gewährspersonen

aus eigener Erfahrung: U. C. und J. C.

aus eigenen Vorstellungen: L. C.

Varianten

Dieser Brauch wird vielseitig umgesetzt. Jeder kann seinen großen Tag so gestalten, wie es ihm/ihr gefällt. Der Termin, der offiziellen Feierstunde fällt meist auf einen Samstag. Generell ist der Jugendliche an keine konkreten Vorgaben gebunden, sondern kann sich fei entscheiden in Bezug auf Ort, Dauer, Form des Anlasses, ob nur im privaten oder auch öffentlichen Rahmen gefeiert wird, was er/sie anzieht und wer eingeladen wird.

Es gibt nicht DIE JUGENDWEIHE, sondern meine Jugendweihe!!!

Hintergrund-Infos

Geschichte

19. Jahrhundert:

In der Mitte des Jahrhunderts kamen immer mehr rationalistisch denkende Strömungen auf. Dies führte dann 1848 und 1849 dazu, dass die freireligiöse Bewegung in Deutschland gegründet wurde. Strömungen dieser Bewegung regten kirchliche Reformen an oder stellten den Glauben in Frage und regten somit die Entwicklung neuer Religionen bzw. religiöser Vorstellungen an. Die religiösen Rituale wurden immer mehr abgeschwächt und so entwickelte sich mit der Zeit die Jugendweihe aus der freireligiösen Konfirmation. Die Weihe wurde als Aufnahmeritus in die Erwachsenenwelt angesehen. Eine zentrale Figur ist Eduard Baltzer, der diesen Begriff 1852 geprägt hat. Doch erst am 14. April 1889 konnte sich die Jugendweihe endgültig durchsetzen. Ihr Durchbruch ereignete sich in Berlin. Dort wurde sie erstmals mit 37 Teilnehmern von der freireligiösen Gemeinde ausgerichtete.

Damaliger Ablauf der Jugendweihe:
1. Teil: In der Festrede wurden vor allem die Prinzipien einer freien Weltanschauung und die Hauptinhalte des Jugendunterrichts thematisiert. Dieser Unterricht fand vor der Feierlichkeit statt.
2. Teil: Feierliches Gelöbnis der Jugendlichen sich politisch zu engagieren.

Durch die Abkehr von religiösen Idealen fand die Jugendfeier immer mehr Zuspruch bei freigeistigen Organisationen und dadurch kam es zu einer stetig anwachsenden Teilnehmerzahl. Dies führte schließlich dazu, dass sie zweimal im Jahr notwendig wurde, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.

20. Jahrhundert:

Bis 1914 entwickelte sich die Jugendfeier immer mehr zu einer Festlichkeit von Jugendlichen der Arbeiterbewegung, die keiner Konfession angehörten. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg lebte diese Bewegung wieder auf und erlebte ihre Blütezeit in der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Jugendweihe im Jahre 1933 endgültig verboten. Mit Untergang des Dritten Reiches gruppierten sich die freidenkenden Verbände in der BRD neu und machten eine Durchführung der Festlichkeiten wieder möglich. Die zentralen Gestaltungselemente waren hierbei der Einzug der Jugendlichen, die mit einer offiziellen Ansprache begrüßt wurden. Darauf folgten Festansprache und der Dank der Jugendlichen. Die gesamte Feier wurde musikalisch von einem Orchester untermalt und endete schließlich mit dem Schlusschor. Im Laufe der Zeit veränderte sich dieser Ablauf und es kamen moderne Elemente, wie Jazz und Theaterszenen, hinzu. Die tendenzielle Entwicklung der Teilnehmerzahlen in der BRD ging jedoch ab Ende der 1950er Jahre zurück.
(vgl. Götter, Gaben und Geselligkeit, 2009, S. 63-65)

Jugendweihe in der DDR:

Die erste staatliche Jugendweihe wurde 1954 unterstützt, organisiert und durchgeführt. Dadurch wurde sie immer mehr zu einer staatlich inszenierten, staatsbefürwortenden Einrichtung und wurde schließlich zum erfolgreichsten sozialistischen Fest. Die Zahl der Teilnehmer steigerte sich von nur 25 % der Heranwachsenden im Jahr 1954 auf 90 % innerhalb von nur sechs Jahren. Die prozentuale Beteiligung der Teilnehmer blieb bis 1988 konstant bei über 90 %. Die große Beliebtheit lässt sich auf eine geschickte Werbung und attraktive Gestaltung mit zahlreichen Ausflügen zurückführen. Offiziell war die Teilnahme an dem Übergangsritual freiwillig, jedoch zog eine Nichtteilnahme zahlreiche Sanktionen nach sich. Zum einen konnte es negative Auswirkungen auf die schulische Benotung und zum anderen auf den universitären bzw. beruflichen Werdegang haben. Die vorbereitenden Jugendstunden wurden mit der gesamten Klasse in der Schule durchgeführt. Die Weihlinge erhielten ein Teilnehmerheft mit dem Titel „Meine Jugendstunden“. Die zentralen Themen der zehn Unterrichtsstunden waren „Sozialismus unser Heute und Morgen“, „Unsere Zukunft ist richtig programmiert“ sowie „Was heißt es revolutionär zu sein?“. Ziel des staatlichen und schulischen Engagements an der Jugendfeier war, die jungen Menschen zu staatsbewussten, sozialistischen Bürgern der DDR heranzuziehen.

Übersicht über den Verlauf einer Jugendweihe in der DDR:
• Einzug der Teilnehmer
• Musikalische Untermalung durch den Schulchor
• Nationalhymne der DDR
• Vereinzelte Musikeinlagen und Reden
• Feierliche Festansprache (Stadtpolitiker oder Funktionär)
• Gelöbnis der Weihlinge
• Übergabe von Urkunde, Geschenkbuch sowie Verfassung
• Musikeinlage
• Dank der Teilnehmer
• Marsch am Ende

An der Gestaltung der Feier beteiligten sich auch zahlreiche Prominente und Künstler. Vor allem die katholische Kirche äußerte sich kritisch und ablehnend gegenüber diesem Übergangsritus. Im Gegensatz dazu war die protestantische Kirche aufgeschlossener eingestellt. Sie sprach sich für die Teilnahme an der Jugendweihe aus. Somit kam es vor, dass Jugendliche sowohl an der Konfirmation bzw. Firmung und an der Jugendweihe teilnahmen.
(vgl. Zwischen Seifenkiste und Playmobil, 2007, S. 142-147)

Heute:

Organisatorische Aufgaben übernehmen heutzutage gemeinnützige Vereine, wie der Deutsche Freidenker Verband, die Interessengemeinschaft für Jugendweihe sowie der Humanistische Verband Deutschland. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen steht die humanistische, demokratische und säkularisierte Bildung. Wir gehen im Folgenden jedoch nur explizit auf den Humanistischen Verband Deutschland ein.
(vgl. Götter, Gaben und Geselligkeit, 2009, S. 68-70)

Humanistischer Verband Deutschland – Landesverband Berlin

Im Jahr 1905 wurde von Berliner Sozialdemokraten der „Verein der Freidenker für Feuerbestattung“ gegründet, der als Ursprung des heutigen HVD gilt. Nach 1918 nahm die Zahl der Mitglieder des „Deutschen Freidenker-Verbandes“ rasch zu und hatte schließlich sogar über 600.000 Mitglieder. Durch die Kultur-und Bildungsarbeit wurden vor allem die Rechte und Interessen der konfessionslosen Menschen vertreten. Während der NS-Zeit konnte der Verband nicht weiterbestehen und wurde aufgelöst. Die Mitglieder erhielten entweder Berufsverbot, flüchteten ins Exil oder wurden getötet. Während der Verband nach dem 2. Weltkrieg in West-Berlin schließlich wieder auflebte, war er in der gesamten DDR jedoch verboten. Der Bundesverband HVD wurde 1993 gegründet. An der Gründung beteiligten sich viele freigeistige Organisationen und Einzelpersonen aus den meisten Bundesländern. Der Berliner Landesverband war der erfolgreichste. Außerdem schloss sich der HVD der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) an.

In Berlin fördert der HVD 60 soziale, kulturelle und pädagogische Projekte sowie Einrichtungen. Er hat zahlreiche Mitarbeiter, 950 sind hauptamtlich und über 750 sind ehrenamtlich beschäftigt. Egal welcher Nationalität oder welcher ethnischen Gruppe man angehört, der Verband unterstützt, hilft und berät, wenn man ihn aufsucht. Es haben die Werte Selbstbestimmung, Solidarität sowie Toleranz beim Humanistischen Verband Deutschland einen hohen Stellenwert und werden auch gelebt. Der Verband engagiert sich besonders in den Bereichen Lebenskunde-Unterricht und JugendFEIER. Mittlerweile bieten schon über 300 Berliner Schulen den Lebenskunde-Unterricht an. An dem freiwilligen Unterricht nehmen jährlich ca. 50.000 Schüler teil. Darüber hinaus hat der HVD mit den „Jungen HumanistInnen“ einen eigenen Jungendverband. Er ist außerdem der Träger von 23 Kitas und Familienzentren in der Stadt.
(vgl. http://www.hvd-berlin.de/)

Siehe auch

Die Jugendweihe

Belege, Literatur

  • Müller-Wenzel, Kristin: Vom Kind zum Erwachsenen – Die Jugendweihe in Deutschland. In: Götter, Gaben und Geselligkeit – Einblick in Rituale und Zeremonien weltweit, (S. 63-65 und S. 68-70), Münster, 2009
  • Niehuss, Merith: Zwischen Seifenkiste und Playmobil – Illustrierte Kindheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts, (S. 142-147), Darmstadt, 2007
  • HVD Landesverband Berlin:

http://www.hvd-berlin.de/ (Stand 03.08.2011)

  • Erfahrungen von U. C., J. C. und L. C.

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