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Hemdglonkerumzug in Konstanz

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Einmal im Jahr, am „Schmotzige Dunschtig“, dem höchsten Feiertag der fünften Jahreszeit, steht Konstanz, die größte Stadt am Bodensee, Kopf.
Höhepunkt des Festtags ist der abendliche Hemdglonkerumzug, wo Groß und Klein im weißen Nachtgewand, mit reichlich Lärm durch die historische Altstadt von Konstanz zieht.

Termin

Dieser Brauch ist am 23.02.2017.

Ablauf

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Der Schmotzige Donnerstag (=schmalziger, fettiger Donnerstag), der jedes Jahr am Donnerstag vor Aschermittwoch stattfindet, markiert in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht den eigentlichen Beginn der Fasnachtszeit.
Gegen 19 Uhr, nach Einbruch der Dunkelheit, versammeln sich bis zu 3000 Teilnehmer, bekleidet mit einem weißen Nachthemd, weißenHandschuhen, einer weißen Zipfelmütze oder Schlafhaube, sowie mit weiß bemaltem Gesicht, um gemeinsam den abendlichen Umzug zu starten. Dieser findet bereits seit vielen Jahren unter Leitung der großen Konstanzer Narrengesellschaft „Niederburg“, statt. Bewaffnet mit Topfdeckeln, Ratschen, Trillerpfeifen oder kurz gesagt allem, was ordentlich Lärm macht, ziehen die Hemdglonker durch die Niederburg, welche keine wirkliche Burg, sondern der älteste Stadtteil von Konstanz ist. Die Straßen sind feierlich mit Fasnachtsbändeln geschmückt, an denen bunte Stoffstücke von Fenster zu Fenster aufgespannt werden. Zahlreiche Zuschauer stehen in den Gassen und beobachten gebannt das Spektakel, für alle zu Hause geblieben richtet das SWR Fernsehen ein Liveübertragung ein. Tausende
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Zuschauer werden in das Geschehen miteinbezogen, indem sie zum Rufen des Konstanzer Narrenrufes „Ho Narro“ und zum Aufsagen verschiedener Narrensprüche animiert werden. Einige Teilnehmer tragen Fackeln mit sich, weit verbreitet sind auch die „Saublotere“, aufgeblasene Harnblasen eines Schweins, welche mit einer Schnur an einen Stock gebunden werden und von den Hemdglonkern verwendet werden, um den Zuschauen die Hüte von Kopf zu fegen.
Der vordere Teil des Hemdglonkerumzugs besteht aus Fanfarenzügen und Schülern der örtlichen Schulen, die im Kunstunterricht Transparente gemalt haben, auf denen mit den Lehrern abgerechnet wird. In aufwendiger Vorarbeit haben sie Holzgestelle aus Dachlatten gefertigt, die mit Transparentpapier beklebt werden und mit Reimen, häufigen Redewendungen oder speziellen Eigenarten der Lehrer bepinselt wurden. Am Tag des Umzugs werden die Transparente von innen mit Kerzen beleuchtet, sodass man ihre Kunstwerke beim
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nächtlichen Umzug auch gut sehen kann. In der Regel werden sie, je nach Größe und Gewicht von zwei bis vier Schülern getragen, während der Rest der Klasse lärmend mitläuft. Je nach Schule sind die Transparente morgens bereits prämiert worden, sodass sie dann, im Anschluss an den Umzug verbrannt werden.
Direkt nach den Schülern, die jedes Jahr bis zu fünfzig Transparente präsentieren, kommt der freie Zug der Hemdglonker. Hier kann jeder mitlaufen, der sich entsprechend verkleidet hat. Auch findet man hier die sogenannten Gole, riesenhafte Gestalten, die mit ihren langen Armen über die Köpfe der Zuschauer fegen. Der Name Gole geht auf Goliath den Riesen aus der Bibel zurück, der vom viel kleineren David mit einer Steinschleuder besiegt wurde. Für einen reibungslosen Verlauf des Umzugs sorgen um die hundert Streckenposten, welche unverkleidete Personen zur Seite bitten und darauf achten, dass keine Lücken im Zug entstehen.
Nach dem Umzug wird auf verschiedenen Veranstaltungen bis in die frühen Morgenstunden gefeiert oder durch die Konstanzer Kneipen gezogen.

Narrensprüche

Neben den „Ho Narro“-Rufen der Hemdglonker hört man auf den Umzügen auch diverse Narrensprüche durch die Nacht hallen. Die drei folgenden sind in der typischen Konstanzer Mundart Bodenseealemannisch verfasst:

Original (Bodenseealemannisch) (freie) Übersetzung
Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz!
Und wenn die Katz it hoorig ischt,
Denn fängt sie keine Mäuse nicht.
Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz!
Haarig, haarig, haarig ist die Katze!
Und wenn die Katze nicht haarig ist,
dann fängt sie keine Mäuse nicht.
Haarig, haarig, haarig ist die Katze!
Borschdig, borschdig, borschdig isch die Sau!
Und wenn die Sau nit borschdig ischt,
denn giet se kone Läberwirscht.
Borschdig, borschdig, borschdig isch die Sau!
Borstig, borstig, borstig ist die Sau!
Und wenn die Sau nicht borstig ist,
dann gibt sie keine Leberwürste.
Borstig, borstig, borstig ist die Sau!

Narrenspruch aus: http://www.blaetzlebue.de/hemdglonker/hemdglonker.htm

Narro, Narro, siebo Si,
Siebo Narro sind es gsi.
Ho Narro!
Hond de Mueter dKiechle gschdole,
gimmer au
Haberstrau,
Suerkrut,
fillt de Buebe dHut us
und de Mädle dMäge
und de alte Wieber Pelzkrago!

Narro, Narro, Giegeboge.
Wa de sesch, isch alls veloge!
Narro, Narro, Lenzio!

Narren, Narren, sieben Schweine,
Sieben Narren waren es
Ho Narro!
Haben der Mutter Krapfen gestohlen
Gib mir auch
Haferstroh
Sauerkraut
füllt den Jungen die Hüte aus
und den Mädchen die Mägen
und den alten Weibern die Pelzkrägen

Narren, Narren, Geigenbogen
Was du sagst ist alles gelogen
Narren, Narren, Frühling

Narrenspruch aus: Hug, S.84ff

Was auf den ersten Blick wie eine sinnlose Aneinanderreihung von Fantasiewörtern erscheint, hat bei näherer Betrachtung durchaus Sinn. Besonders deutlich wird dies beim oben stehenden „Narro, Narro, siebo Si“ Spruch.
„Kiechle“, also in Fett gebackene Küchlein, gelten seit jeher als typische Narrenspeisen, die traditionell an Fasnacht, also vor Beginn der Fastenzeit, gegessen werden. Aus dem gleichen Grund ist auch von „Si“ (=Schweinen) und „Suerkrut“ (=Sauerkraut) die Rede: die Leute wollten sich, bevor die Fastenzeit beginnt, noch einmal ordentlich die Bäuche vollschlagen. Das „Haberstrau“ (=(Hafer-)Stroh) findet sich bis heute in vielen Fasnachtskostümen, etwa bei den Hexenbesen, wieder. Der „Narro“ (=Narr) gilt als gottlose Person, die lügt (=„wa de sesch, isch alls veloge“), stiehlt (=„dKiechle gschdole“), und sich wie ein „Schwein“ (=Si) benimmt. Die Endung auf „-o“ (→ Narro, siebo, Pelzkrago, Lenzio) ist eine typische Erscheinung der früheren deutschen Sprache, wie sie zum Beispiel auch im bekannten Ausruf „Feurio!“ vorkommt.

Varianten

Selbstverständlich gibt es den Hemdglonkerbrauch nicht nur in Konstanz, sondern, zum Teil etwas abgewandelt, auch in vielen anderen Städten. Am häufigsten findet er sich rund um den Bodensee, im Hegau, auf der Baar, am Hochrhein, im Schwarzwald und zum Teil auch noch in Oberschwaben.
In Singen am Hohentwiel wird am Tag vor dem Umzug ein Hemdglonkerkönig gewählt, welcher am Donnerstagabend nach dem Umzug eine Rede hält. Danach wird eine Strohpuppe, der sogenannte „Bök“ verbrannt.
In Bräunlingen findet der Hemdglonkerumzug bereits am Morgen des Donnerstags statt. Verkleidete Narren ziehen durch die Stadt und läuten mit Katzenmusik den „Stadthanseltag“, wie der Fasnachsdonnerstag hier heißt, ein.
Auch in Radolfzell gibt es einen Hemdglonkerumzug, jedoch findet dieser ebenfalls nicht am Schmotzigen Donnerstag statt, sondern am Abend davor.
In Furtwangen findet nach dem Hemdglonkerumzug ein großes Spektakel der Furtwanger Stadthexen statt. Seit Mitte der sechziger Jahre wird symbolisch der „letzte Meckerer“ verbrannt, also jener Mensch, der nichts für die Fasnacht übrig hat und sich ihr entziehen will. Die Hexen springen, auf ihren Reisigbesen reitend, vor bis zu 3000 Zuschauern über die Flammen.
Volkskundler Werner Metzger, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema „Fasnacht“, ist sich jedoch sicher: „Den schönsten und aufwendigsten von allen [Hemdglonkerumzügen] hat wohl Konstanz.“ (Mezger, S.82)

Hintergrund-Infos

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Es gibt verschiedene Überlieferungen, wann der Brauch des Hemdglonkerumzugs entstanden ist. Erstmals in einer Konstanzer Zeitung erwähnt wurde er 1882. Einige Volkskundler gehen jedoch davon aus, dass der Brauch bereits im späten Mittelalter entstand. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wurde in Konstanz am Dreikönigstag eine Feier in der Domschule abgehalten. Es wird überliefert, dass bei dieser ein Schülerbischof gewählt wurde, dem in einer anschließenden Prozession (→ der ersten Form des Hemdglonkerumzuges) gehuldigt wurde.
In einer anderen Überlieferung wird ein zu Zeiten des fünfzig-jährigen Krieges abgelegtes Gelübde als Ursprung des Brauches gesehen. Demnach gelobten die Konstanzer Bürger in einem Hemd ins nahe gelegene St. Loretto zu wallfahren, sollte ihre Stadt von der Schwedenbelagerung verschont bleiben.
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Eine dritte Überlieferung besagt, dass ein Konstanzer Lehrer seine Schüler als „Hemdglonker“, also als jemand, „der herumhängt und nichts taugt“ (Hug, S. 47), bezeichnet hat, weshalb sich die Schüler als solche verkleideten und mit grausiger Katzenmusik an die Lehrerwohnung marschierten, um sich zu rächen.
Wann auch immer der Hemdglonkerumzug seinen Ursprung gefunden hat, er wurde bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges von den Konstanzer Schülern alljährlich am Schmotzigen Donnerstag weitergeführt. Während des Krieges wurde die Tradition jedoch unterbrochen und erst 1949 wiederbelebt. Adolf Ohmer, damaliger Rektor der Konstanzer Knabenvolksschule St. Stephan und Narrenrat der Konstanzer Narrengesellschaft Niederburg, erinnerte sich zurück an die Umzüge und organisierte für seine Schüler einen Umzug durch die Gassen der Stadt. Auch die Gymnasiasten ließen den Brauch nach Ende des Krieges wieder aufleben. So fanden zeitweise zwei Hemdglonkerumzüge statt, bis sie 1976 schließlich zusammengelegt wurden.
Seit damals ist der alljährliche Umzug aus der Konstanzer Straßenfasnacht nicht mehr wegzudenken. Er wurde von Jahr zu Jahr länger und erfreute sich immer wachsender Beliebtheit. So entwickelte sich der Brauch vom einstigen „von-Lehrertür-zu-Lehrertür-ziehen“ vereinzelter Schüler zu einem Spektakel, an dem groß und klein teilnimmt. Bis heute wird er von der Narrengesellschaft Niederburg geleitet.

Siehe auch

Der Hemadlenzen-Umzug_in_Dorfen

Weblinks

  • Video zum Hemdglonkerumzug 2011 in Konstanz:

http://www.konstanz-magazin.de/Themen/hemdglonker.php

Gewährspersonen

Ich bedanke mich herzlich bei Karsten Meyer für die schönen Bilder: http://www.meyer-konstanz.de/,

sowie die für die historischen Schülerkarten: http://www.alt-konstanz.de

Literatur

  • Hug, Heinz: Narren am See – Fasnachtsfibel von A bis Z. Konstanz 1996
  • Mezger, Werner: Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Stuttgart 1999

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