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Friedberger Zeit

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Die „Friedberger Zeit“ ist ein historisches Altstadtfest in der altbayerischen Herzogstadt Friedberg, das die Epoche zwischen 1680 und 1790 wiederaufleben lässt. Dieser Zeit angepasst ist auch der äußere Rahmen des Festes wie Kleidung, Stände, Dekoration, Trink- und Essgeschirr. Seit 1989 findet das zehntägige Fest im Dreijahresrhythmus statt. Viele Besucher kommen im historischen Gewand, lassen sich zeitgemäße Speisen schmecken und können sich Vorführungen verschiedener Handwerker, Schulen, Vereine, Tanz- und Musikgruppen ansehen. Im Jahr 2010 besuchten 160 000 Menschen das Fest. Als Rekordjahr gilt das Jahr 2001 mit 200 000 Besuchern.

Termin

Dieser Brauch ist vom 08.07.2016 bis zum 17.07.2016.

Ablauf

Den Auftakt für das Altstadtfest bildet, seit dessen Einführung 1989, ein Festumzug, der vom Friedberger Volksfestplatz zum Marienplatz führt. Der amtierende Bürgermeister hält dann auf dem Marienplatz eine Eröffnungsrede und für die nächsten zehn Tage verwandelt sich die gesamte Altstadtzone Friedbergs in einen historischen Schauplatz. Die Böllerschützen eröffnen
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mit lauten Schüssen das Fest und von da an begrüßt man sich in der Stadt nur noch mit dem Gruß: „Habe die Ehre!“. An den Wochenenden öffnet das Festgelände schon vormittags seine Pforten, an Wochentagen ab 18.00 Uhr. Der Schlusstag der Friedberger Zeit beginnt traditionell mit einem Festgottesdienst. Nachmittags pilgern alle Bürger zur etwas außerhalb liegenden Herrgottsruhkirche. Angeregt von den historischen Beratern der Stadt, Herrn Dr. Hubert Raab und seiner Frau Gabriele soll so der alte Pilgerweg von der Stadtpfarrkirche St. Jakob zur Wallfahrtskirche Herrgottsruh wiederbelebt werden. Das große Finale des Altstadtfestes bildet der letzte Abend, an dem sich der Marienplatz in ein Lichtermeer aus Fackeln verwandelt, Schlussreden gehalten werden, und die Böllerschützen mit ihren Schüssen das Fest beenden.

Beteiligte

Cordonisten

Bis zur Gründung des Königreichs Bayern im Jahre 1806 trennte der Lech das Herzogtum Schwaben vom Herzogtum Bayern. Die altbairische Stadt Friedberg war also eine viel umkämpfte Grenzstadt. Deshalb waren besonders ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts bis 1806 Cordonisten nötig, um die Stadtgrenzen zu bewachen und ständig zu patrouillieren. Natürlich hat auch während der Festzeit Sicherheit oberste Priorität. Da modern gekleidete Polizisten das historische Bild des Festes stören würden, entschied man 2001, als Cordonisten gekleidete Polizisten für einen sicheren Festverlauf sorgen zu lassen. Ihre Kostüme sind der Uniform der Grenzposten, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts tätig waren, den sogenannten Piosasque-Husarenkorps nachempfunden.

Historische Stadtwache

Bereits 1989, beim ersten Friedberger Altstadtfest, war die Stadtwache vertreten. Der damalige Kulturp
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fleger des Stadtrats, Reinhard Pachner, und der Stadthis
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toriker Dr. Hubert Raab überredeten das Technische Hilfswerk, die Aufgaben der Stadtwache zu übernehmen. Dazu gehörte schon 1989, mit Trommeln durch die Stadt zu ziehen, um einen „Angeklagten“ zu verhaften, ihn auf einem Schandkarren durch die Stadt zu ziehen, an den Pranger zu stellen und die scherzhafte Anklage zu verlesen. Unter lauten „Schuldig!“-Rufen der
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Bürger wird der oder die Angeklagte dann der Bäckertaufe unterzogen. Angeklagt werden meist Bürgermeister, Stadträte, Vorstände, Wirte oder andere im Ort bekannte Personen. Die Stadtwache zählt mit ihrer zweimal täglich stattfindenden Bäckertaufe zu den Highlights des Festes. Eine Besonderheit stellt auch das Gewand der Stadtwache dar, das auf Anregung der historischen Beraterin Gabriele Raab nach dem Vorbild eines Votivbildes von 1783 nachgeschneidert wurde.

Hier ein Video zur Bäckertaufe der Friedberger Zeit aus dem Jahr 2010:

<youtube>http://www.youtube.com/watch?v=-g0J4Ypd6ig</youtube>

Handwerker

Besonders sehenswert sind
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auf dem Friedberger Altstadtfestes die vielen Stände, an denen traditionelle Handwerker ihre Arbeit vorführen und fertiggestellte Stücke zum Verkauf anbieten. Berufe, die heute teilweise ausgestorben sind und kaum einem mehr bekannt sind, erwachen während der Festzeit wieder zum Leben. Beutelschneider, Bildhauer, Bürstenmacher, Drechsler, Drucker, Gärtner, Glaser, Glasmaler, Gold-und Silberschmiede, Gürtler, Im
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ker und Lebzelter, Klempner, Klöpplerinnen, Korbflechter, Maurer, Münzpräger, Papierschöpfer, Polsterer, Schreiner, Seifensieder, Spengler, Spinnerinnen, Stadtschreiber, Steinmetze, Stuckateure, Töpfer, Uhrmacher, Zimmerer und Zinngießer sind auf dem Fest zugegen. Um bei der Friedberger Zeit dabei sein zu dürfen, bewerben sich die Handwerker im Vorfeld bei den historischen Beratern der Stadt Friedberg und werden dann sorgfältig ausgewählt. Nur wer ein korrektes historisches Gewand besitzt und nach traditioneller Art mit alten Werkzeugen arbeitet, kann am Fest teilnehmen. Alle Handwerker arbeiten ehrenamtlich.

Dinzeltag

Bei der Friedberger Zeit 2010 sollten die Handwerker an einem Tag besonders im Mittelpunkt stehen, am sogenannten „Dinzeltag“. Jede Handwerkszunft
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hielt früher einmal im Jahr einen Dinzeltag ab, an dem die
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jährliche Versammlung der Handwerker stattfand und an dem man den Verstorbenen der Zunft gedachte. Damals gingen die Handwerksleute am Dinzeltag zum Gottesdienst und anschließend fanden Besprechungen in einem Wirtshaus oder einer Herberge statt. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Mahl und Tanz. Ganz in der Tradition des 18. Jahrhundert, beginnt der Dinzeltag bei der Friedberger Zeit mit einem Festgottesdienst und der anschließenden Weihe der neuen Zunftstangen. Mit einem traditionellen Zunftmahl bei den Friedberger Wirten endet der feierliche Teil des Tages. Am Nachmittag gibt es für Festbesucher die Möglichkeit, bei einigen Handwerkern tatkräftig mitzuwerkeln.

Kniefälle

Einen weiteren Höhepunkt stellte dieses Jahr die Wiederaufrichtung des „ersten Kniefalls“ dar, eines sakralen Werks, dass in Zusammenarbeit der Friedberger Handwerker entstanden ist. Während des Pilgerzuges wurde der erste Kniefall in einen Bildstock gesetzt und geweiht. Der zweite Kniefall wurde 2007 wiederaufgestellt, der dritte Kniefall 2004. Ein Friedberger, der um 1400 nach Jerusalem pilgerte, ließ nach seiner wohlbehaltenen Heimkehr die Nachbildung der Grabeskapelle von Jerusalem etwas außerhalb der Stadt Friedberg errichten. Um den Friedberger Bürgern ebenfalls einen Pilgerzug zu ermöglichen, übertrug er die Länge der Via Dolorosa auf den Weg zwischen der Stadtpfarrkirche und der Herrgottsruhkirche. An der dritten, siebten und neunten Station des Kreuzweges Jesu ließ der Friedberger Pilger die sogenannten Kniefälle errichten, sakrale Denkmäler in einem Bildstock. Im Laufe der Zeit wurden die Kniefälle zerstört, der letzte 1760. Mit der Aufstellung des ersten Kniefalles sind 2010 alle Stationen des Kreuzweges wieder vollständig errichtet. Auf den Marmortafeln kann der Betrachter die Namen aller Initiatoren, Organisatoren, Sponsoren und Handwerker lesen.

Bader

Die Friedberger Wasserwacht ist während der „Friedberger Zeit“ für die Baderstube verantwortlich. Dort kann man sich wie damals in einem Holzzuber baden lassen. Für das körperliche Wohlbefinden werden außerdem Körper- und Fußmassagen, Schröpfen, Rasuren, Fußbäder und Fußreflexzonenmassagen angeboten.

Nachtwächter

Bis 1918 hatte die Stadt Friedberg mehrere Nachtwächter angestellt, deren Aufgabe darin bestand, auf Feuer, Feinde und Diebe achtzugeben, die Stunde auszurufen, den Schließern der Stadttore zu helfen, sowie Zecher und Spieler zu später Stunde nach Hause zu schicken. Außerdem sollten sie in den Straßen für Ruhe und Ordnung sorgen und gegebenenfalls verdächtige Personen festnehmen. Mit der Einführung der Straßenbeleuchtung Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der angesehene Beruf des Nachtwächters überflüssig. Während die Nachtwächter damals schon ab 19 Uhr ihre Runden drehten, kann man während der „Friedberger Zeit“ ab 21 Uhr Nachtwächter erleben. Die Mitglieder des Friedberger Sängervereins, die während des Festes diese Aufgabe übernehmen, rufen nicht nur die Stunde aus, sondern geben auch schöne Lieder zum Besten.

„Hört Ihr Leut’ und lasst Euch sagen,
uns’re Glock’ hat Neun geschlagen!
Wir hier machen uns’re Rund’ jetzt zu jeder vollen Stund’!“

Fahrendes Volk

Bei jedem Fest schlüpft der ORCC Ottmaring in die Rolle des Fahrenden Volkes. Auf dem Kirchplatz schlagen sie ihre Zelte auf und präsentieren den Besuchern ihr Lagerleben. Von einer Handleserin kann man sich die Zukunft deuten und sich anschließend am Lagerfeuer herzhafte Suppen aus dem Kessel schmecken lassen. Die Mädchen des fahrenden Volkes geben Tänze in farbenfrohen Gewändern zum Besten.

Gaukler

Der ansässige Sportverein TSV Friedberg trainiert schon sehr lange im Vorfeld mit verschiedenen Gruppen Vorführungen ein, um sie dann während der Festzeit mehrmals täglich aufzuführen. Eine Gruppe nennt sich „Gaukler und Akrobaten“, eine andere beweist ihre Künste bei der Seilakrobatik. Die Trampolingruppe des TSV begeistert die Besucher mit dem „Spectaculum von Friedberg“. Alle Beteiligten tragen historische Gewänder und verzichten auf unzeitgemäßes Zubehör.

Schützen

Der Schützenkranz Wulfertshausen hat seinen „Stammplatz“ im Archivhof und veranstaltet historische Spiele, wie Preiskegeln auf einer alten Holzkegelbahn. Des Weiteren kann man Pendelkegeln, Scheibenschießen, Steinschleuder- und Holzkanonenschießen ausprobieren oder seine Kraft beim „Hau den Lukas“ demonstrieren.

== Kräuterweiber
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Am Stand der Kräuterweiber kann man nicht nur unzählige selbstgemachte Liköre probieren, sondern auch den „Frechen Liedern mit den Kräuterweibern“ lauschen.

Apotheker Dr. Proeller

Ein weiterer Publikumsmagnet sind die Vorführungen von Herrn Dr. Proeller, dem Inhaber der Friedberger Rosenapotheke. Mit Witz und Humor begeistert der Apotheker seine Zuhörer und berichtet ihnen über „Pillen, die die Leistung steigern“ und „Düfte für Liebende, Eunuchen, Schlafwandler und andere Krankheiten“.

Schulen

In der Präambel für die Friedberger Zeit ist festgelegt, dass man nach Möglichkeit am Motto „Friedberger Schulen beschäftigen sich mit der Friedberger Geschichte“ festhält. Dieser Grundgedanke gilt seit dem ersten historischen Stadtfest und ist bisher, dank vieler engagierter Lehrer und Schüler, bei jedem Fest verwirklicht worden. Den Höhepunkt bildete wohl das Jahr 2004, in dem das Wernher-von-Braun-Gymnasium mit dem Musical „Liebe auf Uhrwegen“ auftrumpfte.
Natürlich gibt es noch viele weitere Attraktionen auf dem Fest wie historische Tänze, Drehorgelspieler, Harfenmusik, Troubadoure, Handpuppentheater, Märchenerzähler, Tiere vom Bauernhof und Darbietungen verschiedener Chöre, Kapellen, Theater- und Tanzgruppen.

Wirte, Weinwirte, Bäcker und Zuckerbäcker

Ein Erfolgsrezept des Friedberger Altstadtfestes ist die Historientreue. Gerade diese Authentizität ist es, die so viele Besucher aus Nah und Fern anlockt. Alle vertretenen Wirte, Metzger, Bäcker und Zuckerbäcker erklären sich bereit, möglichst historiengetreu zu kochen und zu backen. Aber natürlich bringt diese Bemühung auch Probleme mit sich wie 2010 den Streit um den Verkauf von Tomatensoße. Ein Wirt wollte zu seinen Nudeln Tomatensoße verkaufen, doch die Tomate war zwischen 1680 und 1790 in Friedberg noch nicht bekannt. Mehrere Fachleute prüften die Verbreitung der Tomate in Europa im 18. Jahrhundert und bestätigten dies. Bei Wirten und Bäckern ist deshalb Einfallsreichtum gefragt, um ausschließlich mit damals bekannten Lebensmitteln zu kochen und zu backen. Der hungrige Gast kann neben deftigen Braten, Knödeln, Würsten, Schmalzbroten, Sülzen und Schupfnudeln auch süßes Schmalzgebäck, Pfannkuchen und Blechkuchen kaufen, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Am Stand des Fischereivereins ist sowohl ein Blick in ein historisches Fischereimuseum möglich, als auch der Verzehr heimischer Süßwasserfische, wie beispielsweise geräucherte Forellen. Auf dem Altstadtfest wird hauptsächlich dunkles Bier ausgeschenkt und zwar dunkles Kellerbier, dunkles Weizen und dunkles Märzen. In der Blütezeit Friedbergs gab es ein Dutzend Brauereien in der altbayerischen Stadt, und bis heute sind viele der Lagerkeller erhalten. Wein wurde in Bayern aufgrund des Temperaturabfalls während der „Kleinen Eiszeit“ nur bis etwa 1600 angebaut. Danach musste er importiert werden. Wie zwischen 1680 und 1790 üblich, wird auf dem Fest erlesener Wein aus europäischen Anbaugebieten ausgeschenkt.

„Semmelspende“

Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut rief in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in 18 Städten seines Reiches Almosenstiftungen ins Leben, so auch in Friedberg. Der Rat der Stadt erhielt jährlich 15 Gulden und sollte davon Lodenstoff und Brot für Bedürftige kaufen. Immer am Montag nach dem dritten Fastensonntag wurden die „Semmeln“, also Brötchen aus Weizenmehl und die „Röckel“, dunklere Brötchen mit Roggenmehl, in der Kirche verteilt. Dieser über 500 Jahre alte Brauch wurde auf dem siebten Friedberger Altstadtfest 2007 wieder neu belebt. An Stelle des Herzogs leisten nun vier Friedberger Bäcker die Spende.

Gewährspersonen

Raab, Hubert Dr. (2010). Persönliches Interview, geführt von der Verfasserin. Friedberg, 10.09.2010
Raab, Gabriele (2010). Persönliches Interview, geführt von der Verfasserin. Friedberg, 10.09.2010

Hintergrund-Infos

Im Jahr 1989 fand das Friedberger Altstadtfest zum ersten Mal statt. Der damalige Bürgermeister Albert Kling hatte die Idee, zum 725-jährigen Stadtjubiläum Friedbergs ein Fest zu veranstalten, welches das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger der Stadt und der umliegenden Stadtteile stärken sollte. Die außergewöhnliche Idee, das Fest in eine andere Epoche zu versetzen, stammt vom Friedberger Stadthistoriker Dr. Hubert Raab. Die Wahl fiel auf die Epoche zwischen 1680 und 1790, die Blütezeit Friedbergs, in der vor allem die vielen Uhrmacher, Silberschmiede und Goldschmiede die Stadt berühmt machten. Friedberg wurde im Dreißigjährigen Krieg völlig zerstört und erst ab 1650 wieder aufgebaut. Das heutige Stadtbild ist von dieser Zeit geprägt und stellt mit den vielen engen Uhrmachergassen, den romantischen Winkeln und alten Gebäuden eine wunderbare Kulisse für ein historisches Fest dieser Epoche dar.

Historische Gewänder

Vor allem für die Friedberger wird es immer wichtiger, das Fest nicht in Alltagskleidung zu besuchen, sondern ein historisches Gewand zu tragen. Bei der Auswahl der Stoffe und der Schnittmuster wird auf die historische Richtigkeit größten Wert gelegt. Dabei steht einem die Friedberger Stoffstube mit Rat und Tat zur Seite. Dort kann man sich die Schnittmuster und Stoffe verschiedener Gewänder kaufen, einen Nähkurs besuchen oder sich ein Gewand nähen lassen. Da in der Epoche zwischen 1680-1790 eine Kopfbedeckung für Frauen unerlässlich war, werden auch spezielle Haubennähkurse angeboten. Die Kleidung war das wichtigste Standesmerkmal und differenzierte Arm und Reich. Prinzipiell gilt während der Friedberger Zeit die Regel: „Ein jeder bleibe in seinem Stande!“, das heißt, „normale“ Bürger dürfen sich nicht als Pfarrer, Bäcker oder ähnliches verkleiden, sondern müssen ein Bürgergewand tragen. Ob man aber in die Rolle eines einfachen Bürgers, eines Knechtes, einer Magd oder eines reichen Bürgers schlüpfen möchte, ist freigestellt. Die Kleidung der Frauen besteht immer aus einem Rock mit Schürze, einer Bluse, einem Mieder und der unverzichtbaren Haube. Auf Modeschmuck wird verzichtet, aber man kann sein Gewand mit einer Florschnalle oder einem Halstuch ergänzen. Die Art der Stoffe, der Schnitt des Gewandes und Accessoires unterscheiden, ob es sich um eine Magd, eine Wäscherin, ein Dienstmädchen, eine Bürgerin, eine Handwerksgattin oder eine Kaufmannsgattin handelt. Das Gewand des Mannes besteht immer aus einer schwarzen, knielangen Hose, einem schwarzen, knielangen Mantel, einem Halsflor, einer Weste und Schnallenschuhen. Auch bei den Männern unterscheiden Schnitte, Stoffe und spezielle Arbeitskleidung zwischen Knechten, Bauern, Wirten, Bäckern, Bierbrauern, Handwerkern, Geistlichen, Cordonisten, Kaufmännern oder Bürgern. Männer tragen als Kopfbedeckung einen Dreispitz, einen Schaufelhut, oder eine spezielle Kopfbedeckung für die einzelnen Berufe. Die Schnittmuster für die historischen Gewänder stammen aus dem 18. Jahrhundert und wurden von der Modegrafikerin Gertrud Öttl etwas vereinfacht und an die heutigen Maße angepasst. Ebenfalls dienten zahlreiche Votivtafeln aus der Herrgottsruhkirche in Friedberg als Vorbild. Beim ersten Friedberger Altstadtfest im Jahre 1989 waren die Stoffe noch kostenlos zu haben, um möglichst viele Besucher für die historischen Gewänder zu gewinnen. Heute hat ungefähr jeder dritte Friedberger eine historische Tracht und immer mehr junge Leute begeistern sich dafür. Wer in historischem Gewand kommt, muss keinen Eintritt zahlen, ebenso wie Kinder unter zwölf Jahren. Alle anderen Besucher zahlen fünf Euro Eintritt - und können das Fest die gesamten zehn Tage besuchen. Als „Eintrittsmarke“ erhalten zahlende Besucher ein handgemachtes Siegel-Unikat aus Ton, dass die Zöllner an den Einlassstellen vergeben. Auch hier wurde wieder streng auf die Historientreue geachtet.

Stichwort Historientreue

Das Erfolgsrezept, welches das Fest bei den Friedbergern und bei Gästen von auswärts so beliebt macht, ist die Historientreue. Alle Organisatoren sind schon ein Jahr vor Festbeginn mit der Planung und Organisation beschäftigt, um zu gewährleisten, dass alles historisch korrekt abläuft. Die Stände haben ein Gemälde des Malers Canaletto zum Vorbild, das einen Markt in Dresden im 18. Jahrhundert zeigt. Sogar das Ess- und Trinkgeschirr entspricht der Zeit von 1680-1790 und wurde speziell für das Friedberger Altstadtfest entwickelt. Pappteller, Plastikbesteck und essbares Geschirr wird man auf dem Fest nicht finden. Teller, Tonkrüge, und farblose Weingläser mit kurzem Stiel entsprechen der historischen Vorgabe. Ebenso müssen alle musischen, tänzerischen und schauspielerischen Darbietungen der Epoche gerecht werden. Auch die vielen Flöte spielenden Kinder, denen man überall auf dem Altstadtfest lauschen kann, brauchen ein spezielles Zertifikat für das Spielen der Lieder aus dem 18. Jahrhundert oder früher. Die Dekoration besteht aus Kränzen und Zunftstangen. Alle Wirte reichen rechtzeitig vor Festbeginn ihre Speisekarten zur Überprüfung bei der Stadt Friedberg ein. Nur Rezepte und Zutaten, die im 18. Jahrhundert bekannt waren, dürfen verkauft werden. Die Besucher der Friedberger Zeit lassen sich also mit allen Sinnen in eine andere Zeit zurückversetzen.
Der besondere Erfolg der Friedberger Zeit lässt sich aber nicht nur auf die Historientreue zurückführen, sondern auf die tolle Zusammenarbeit aller Bürger Friedbergs, die sich mit diesem Fest identifizieren. Wie der Friedberger Bürgermeister Dr. Peter Bergmair es sehr treffend in einem Interview mit augsburg.tv formulierte: „ Wir spielen dieses Fest nicht, wir leben es.“ Das bisher immer friedlich verlaufene, harmonische Fest, ist inzwischen weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt und bereitet der alten Uhrmacherstadt Friedberg alle Ehre.

Weblinks

http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Lokales/Friedberg/Lokalnews/Artikel,-Wer-am-Dinzeltag-fehlte-musste-hinab-in-den-Kaelberkeller-_arid,2101073_regid,6_puid,2_pageid,4494.html

http://www.friedberg.de/staticsite/staticsite.php?menuid=610&topmenu=532&keepmenu=inactive

http://www.myheimat.de/friedberg/kultur/friedberger-zeit-2010-qhoert-ihr-leut-und-lasst-euch-sagenq-d523944.html

http://www.friedberg.de/staticsite/staticsite.php?menuid=614&topmenu=532

http://www.friedberg.de/staticsite/staticsite.php?menuid=741&topmenu=532&keepmenu=inactive

http://www.friedberg.de/pics/medien/1_1277372170/2010-07_min_Final.pdf
http://www.friedberg.de/staticsite/staticsite.php?menuid=532&topmenu=532&keepmenu=inactive
http://www.myheimat.de/friedberg/kultur/friedberger-zeit-2010-auf-der-spur-der-baecker-und-zuckerbaecker-d528008.html
http://www.myheimat.de/friedberg/kultur/altstadtfest-friedberger-zeit-laesst-heuer-im-juli-wieder-alte-braeuche-und-traditionen-aufleben-historientreue-hat-hohe-prioritaet-d583026.html

Belege, Literatur

  • Raab, Gabriele: Grundgerüst der „Friedberger Zeit“ steht von Anfang an. In: Friedberger Allgemeine, Lokalteil, 156 (2010), S. 5.
  • Scherer, Franz: Friedberger Zeit 2010: „Habe die Ehre, Ihr Volk aus Friedberg und dem ganzen Land!“. In: myheimat friedberger, 9 (2010), S.11.

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