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Die Zahnfee in Kronach (Oberfranken)

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Die Zahnfee (aus der amerikanischen Überlieferung nach dem Märchen „Toothless“) ist ein Fabelwesen das seit ungefähr zehn Jahren in Deutschland vorkommt. Sie kommt in der Nacht, in der das Kind einen Milchzahn verloren hat und tauscht ihn gegen ein kleines Geschenk oder ein Geldstück aus. Das Ritual wird hier in Kronach, einer Kleinstadt in Oberfranken beobachtet.
Zahnfee.jpg

Ablauf

Der Brauch findet zu keinem bestimmten Wochentag und keiner bestimmten Jahreszeit statt. Je nach dem, an welchem Tag das Kind den Zahn verliert, erscheint die Zahnfee und tauscht den Zahn gegen ein Geschenk aus. Es ist außerdem unterschiedlich, ob die Zahnfee öfters kommt, oder nur einmal. Viele Familien handhaben es so, dass die Zahnfee das Kind nur beim ersten verlorenen Milchzahn besucht. In diesem Brauchbeispiel kommt die Zahnfee allerdings bei jedem verlorenen Milchzahn der noch vorhanden ist. In diesem Beispiel wird eine Familie aus Kronach zu der Zahnfee befragt. Tag des Interviews ist der 25. Februar 2013 um 18.00 Uhr. Zuvor wurden schon einige Familien zur Kenntnis der Zahnfee befragt und Recherche im Internet durchgeführt. Das Interview findet in dem Haus der Familie statt und es nehmen die Mutter, 38 Jahre und die Tochter, 6 Jahre teil. Aus dem Interview ergibt sich der Ablauf des Rituals in dieser Familie. Die Vorbereitungsphase des Rituals hat angefangen, als der erste Wackelzahn bei der damals 5 ½ Jahre alten Tochter aufgetaucht ist. Die Mutter hat ihr 2012 erzählt, dass sie gut auf den Zahn aufpassen muss, wenn er ausfällt, weil dann die Zahnfee kommt und ihr ein Geschenk bringt. In der Vorbereitungsphase hat die Mutter außerdem noch einige kleine Pferdespielfiguren (Fillys) gekauft, die die Zahnfee normalerweise bringen soll. Doch wenn dann grade keines mehr auf Lager ist, bekommt die Tochter auch mal ein Geldstück.

Die Hauptaktion, also das Bringen eines kleinen Geschenkes spielt sich in der Nacht ab und muss sehr vorsichtig von statten gehen, damit die Mutter nicht von der Tochter erwischt wird. Zuerst bringt sie die Kleine ins Bett. An diesem Abend ist die Tochter meist sehr aufgeregt und will so früh wie möglich schlafen gehen, damit sie endlich ihr Geschenk von der Zahnfee erhält. Wenn sie eingeschlafen ist, schleicht sich die Mutter in das Zimmer und legt eine Pferdefigur oder ein Geldstück unter das Kopfkissen des Kindes. Der Zahn selbst wird nicht ausgetauscht, sondern aufgehoben. Wenn dann der Morgen anbricht, wacht die Tochter sehr zeitig auf und schaut sofort unter ihr Kopfkissen, was sie diesmal von der Zahnfee bekommen hat. Sie hat auch erzählt, dass sie schon mal aufgewacht ist, und gleich nachts unter ihr Kopfkissen geschaut hat, um sofort zu erfahren, was ihr die Zahnfee gebracht hat. In der Nachbereitungsphase muss die ganze Familie zusammen helfen, damit die Sechsjährige keinen Verdacht schöpft. Auch der 15jährige Bruder fragt interessiert nach, was die Zahnfee denn diesmal gebracht hat und auch der Vater steht hinter der Mutter und der Zahnfee.

Bei diesem Ritual gibt es mehrere Akteure. Zum einen die Mutter, weiter die Zahnfee, die Tochter und auch Nebenakteure. Als Nebenakteure kann man die Familie und das Umfeld der Tochter, wie Kindergarten und Freunde sehen. Zuerst zur Mutter, der wichtigsten Person. Sie ist 38 Jahre alt und Kindergärtnerin. Sie sieht sich selbst als Überbringer des Rituals und der Information an die Tochter. Außerdem ist sie auch die durchführende Person. Sie besorgt die Geschenke und kümmert sich darum, dass der Zahn gut aufgehoben wird. Wenn der Zahn verloren geht, was auch schon vorgekommen ist, bleibt sie hart und die Zahnfee kommt nicht. Seit dem passt die Tochter immer besonders auf ihre ausgefallenen Zähne auf. Hier wird das Ritual auch zur Erziehung genutzt. Das Erscheinungsbild der Mutter ändert sich nicht, wenn sie die Zahnfee spielt. Sie verkleidet sich nicht und auch im Falle eines Misserfolges, wenn die Tochter aufwachen würde, würde sie nicht zugeben, dass sie die Zahnfee ist, sondern versuchen, die Tochter davon zu überzeugen, dass sie von der Zahnfee geweckt wurde.
Ein weiterer wichtiger Akteur ist die Zahnfee selbst. Die Sechsjährige hat ein Bild von der Zahnfee gemalt, welches am Anfang des Artikels zu sehen ist. Aber eigentlich sieht die Zahnfee in ihren Vorstellungen aus wie „Tinkerbell“. Tinkerbell ist eine Fee, die dem Märchenhelden Peter Pan bei seinen Abenteuern zur Seite steht.

Sie stellt sich die Zahnfee sehr klein vor, und man weiß nicht, ob sie wieder wächst, nachdem sie durch das Schlüsselloch gekommen ist oder so klein bleibt. Außerdem hat sie wahrscheinlich Flügel, damit sie auf das Bett fliegen kann und das Geschenk unter das Kopfkissen legen kann.
Die Tochter ist ein weiterer Akteur. Sie ist sechs Jahre alt und geht in den Kindergarten. Sie glaubt an die Zahnfee und freut sich auch jedes Mal, wenn sie einen Zahn verloren hat, damit die Zahnfee kommt. Während des Hauptrituals befindet sie sich in ihrem Bett und schläft.
Die Familie besteht weiterhin aus einem Bruder (15 Jahre) und einem Vater. Die beiden unterstützen die Mutter, wenn die Tochter nach der Zahnfee fragt oder ihre Geschenke vorzeigt.
Auch im Kindergarten spielt das Thema eine Rolle. Wenn das Mädchen wieder einen Zahn verloren hat, fragt die Kindergärtnerin meistens nach, was sie geschenkt bekommen hat.

Auf die Frage, woher sie selbst die Zahnfee kennt, wusste die Mutter keine Antwort. Sie war sich nicht sicher, ob Fernseher, Internet, Zeitschriften oder andere Mütter sie darauf hingewiesen haben. Es ist außerdem das erste Mal, dass der Brauch hier durchgeführt wird. Beim 15jährigen Sohn der Familie wurden die Milchzähne zwar aufgehoben, aber es kam keine Zahnfee um diese mit Geschenken zu belohnen. Es ist also keine genaue Ritualherkunft zu bestimmen.

Das Ritual findet in dem Kinderzimmer der Tochter statt. Es folgt eine Abbildung die den Grundriss des Kinderzimmers zeigt.

Grundriss Zimmer.jpg

Ihr Bett steht gegenüber der Tür und sie schläft in einem Hochbett. Es sind Jalousien vorhanden, weswegen es im Kinderzimmer sehr dunkel ist. Wenn die Sechsjährige schläft, ist es auch sehr leise. Vorhandene Requisiten sind neben dem Bett auch der verlorene Milchzahn und das Geschenk. Die Minipferde, die die Tochter normalerweise als Geschenk von der Zahnfee bekommt, sind in Papier eingepackt und rascheln deswegen sehr leicht, wenn die Mutter sie unter das Kopfkissen des Kindes legt. Deswegen muss sie enorm vorsichtig sein, damit die Tochter nicht aufwacht. Im Kinderzimmer befindet sich außerdem noch der Hasenkäfig, eine Spielecke und ein Schreibtisch, sowie ein Schrank.

Bei jedem Ritual entsteht ein gewisses Rollenverständnis. So auch in diesem Fall. Die Mutter versteht sich selbst in der Rolle des Brauchvermittlers. Sie erzählt die Geschichte den Kindern, besorgt die Geschenke und verteilt sie nachts. In diese Rolle ist sie mit der Geburt des Kindes geraten. Sie deutet den Brauch als wichtiges Ritual, welches dem Kind beim Verlust der Zähne hilft und benutzt dies auch zur Erziehung. Die Rolle der Tochter ist sehr einfach. Sie weiß nicht, dass es sich hier um eine Ritual handelt und hat deswegen kein eigenes Rollenverständnis. Durch die Medien wird dieser Brauch außerdem sehr unterschiedlich gedeutet. Zum einen wird die Zahnfee oft als Werbeträger benutzt. Auf vielen Schildern der Zahnarztpraxen oder im Internet findet man sie als Logo.

Außerdem werden auch seit den 1990er Jahren Bücher zur Geschichte der Zahnfee verkauft und seitdem verbreiten auch Filme den Mythos der Zahnfee. Durch die Medien, wird die Geschichte an die Eltern weiter getragen, die sie dann ihren Kindern erzählen können.

Varianten

Es gibt verschiedene Arten, den Brauch durchzuführen. Dies ist nicht unbedingt regionalabhängig sondern kommt meist auf die Informationsquelle oder die Vorbilder an. Auf den Tatsachen der bisherigen Forschung basierend, kommt man außerdem zu dem Schluss, dass der Brauch in Deutschland so gut wie jedem bekannt ist, durchgeführt wird er allerdings bei jeder Familie individuell oder gar nicht. Ein befragtes Ehepaar hat erst ab dem zweiten Kind damit begonnen, die Geschichte der Zahnfee zu erzählen. Bei einer anderen Familie in Oberfranken wird nur der erste Zahn von der Zahnfee abgeholt, die restlichen ausgefallenen Milchzähne werden nur vom Großvater mit einem kleinen Geschenk belohnt. Hier weiß das Kind aber, dass der Großvater das Geschenk bringt, und nicht die Zahnfee.

Hintergrund-Infos

Der Brauch der Zahnnfee ist noch ein sehr junger. Befragt man Eltern und Jugendliche, kennen diese die Zahnfee zwar, allerdings wurde der Brauch bei niemandem selbst durchgeführt. Die ersten Vorläufe einer Zahnfee lassen sich vor knapp 15 Jahren verorten. Die Entwicklungsgeschichte wird an Filmen und Büchern aus den USA deutlich. Einer der ersten bekannten Autoren, die den Mythos der Zahnfee in ihrem Werk verwendeten war Terry Pratchett. In seinem Roman „Schweinsgalopp“ verarbeitet er Erziehungsmethoden und imaginäre Persönlichkeiten aus der Kindheit wie den „Weihnachtsmann“ und die „Zahnfee“. In den USA wurde der Roman 1996 unter dem Titel „Hogfather“ veröffentlicht und 1998 ins deutsche übersetzt. Die Zahnfee wird hier als alte Frau mit Kopftuch dargestellt, was zur Verwunderung aller beiträgt. 1997 erschien der amerikanische Film „Toothless“ (dt. Zahnfee) in dem die Geschichte der Zahnfee ebenfalls aufgearbeitet wurde. Hier arbeitet eine Zahnärztin im Limbus als Zahnfee um ihre Zeit zwischen Himmel und Hölle abzusitzen. Die Figur der Zahnfee, wird im Film mit Kleid, Krönchen und Zauberstab dargestellt und damit fliegt sie über die ganze Welt um die Zähne einzusammeln.

2003 erschien dann der amerikanische Horrorfilm „Darkness Falls“ in dem die Zahnfee als böse Hexe beschrieben wird und Kinder umbringt. Hier ist sie als sehr negatives Fabelwesen beschrieben. Sie wird als verweste Fee dargestellt, mit einem langen, weißen Kleid.

2010 erschien der Film „Die Zahnfee auf Bewährung“. Hier wird die Zahnfee untypischerweise als Mann dargestellt. Er trägt einen hellblauen Satinschlafanzug, sowie große, weiße Flügel. Diese Flügel zeigen auch hier das feenhafte. Aufgrund der hohen Medienpräsenz der Zahnfee hat sie auch ihren Weg in Zahnarztpraxen, Kindergärten und Grundschulen gefunden, wodurch dieses Ritual nun auch in Deutschland häufig ausgeführt wird.
Kulturwissenschaftlich lässt sich noch die Ritualtheorie nach Arnold van Gennep (1873-1957) aus seinem Werk „Übergangsriten – Les rites de passage“ nennen. Hier werden Riten als kontrollierende Funktion von dem Übergang einer sozialen Gruppe in eine andere gesehen. Diese soziale Bedeutung ist in jeder Gesellschaftsschicht ähnlich ausgeprägt und stabilisiert die soziale Gruppe. Diese Riten, die einen Übergang von einer Gruppe in eine andere zeichnen nennt man Übergangsriten, welche sich laut Gennep in drei Phasen gliedern.

Schema nach Gennep.jpg

Die erste Phase ist die Trennungsphase. Diese ist vor dem eigentlichen Ritual. Beim Zahnfee-Ritual kann hier das Ausfallen des Zahnes gesehen werden. Man trennt sich von Etwas, dass zur Kindheit gehört. Es ist der erste Schritt in Richtung Erwachsenwerden. Anschließend kommt die Schwellenphase oder Umwandlungsphase. Schwellenphase wird die zweite Phase genannt, wenn ein Raumwechsel stattfindet, Umwandlungsphase wenn ein Zustandswechsel erfolgt. Währen dieser Phase verhält sich der Betroffene immer passiv und lässt mit sich geschehen, was geschieht. Er hat hier keinerlei Einfluss. Wenn diese Phase sehr ausgeprägt ist, wie beispielsweise bei der Verlobung, kann sie schon als eigenes Ritual zählen und sich in unterschiedliche Phasen untergliedern. Beim Ritual der Zahnfee ist diese Phase allerdings sehr kurz. Man kann hier das Schlafen des Kindes sehen, während die Mutter das Geschenk unter das Kopfkissen legt. In der letzten Phase, der Angliederungsphase, festigt sich der gewonnene Status. Im Fall der Zahnfee ist diese Phase allerdings nicht klar. Man kann zum einen die Zahnlücke als Teil der Angliederungsphase sehen, wodurch das Kind zeigt, dass es einen Milchzahn verloren hat und somit „groß“ ist. Des Weiteren können hier die neuen Spielsachen oder das Geldstück, welches das Kind von der Zahnfee erhalten hat gesehen werden. Hiermit wird demonstriert, dass die Zahnfee auch wirklich gekommen ist. Eine andere Möglichkeit ist aber auch der Gebrauch einer neuen Zahnpasta. Das Kind bekommt nun eine Zahnpasta für Erwachsene und nicht mehr die Zahnpasta für Kinder mit Milchzähnen. Dies sind allerdings nur Annahmen und können nicht belegt werden. Beim Ritual der Zahnfee handelt es sich vermutlich um ein Übergangsritual, da alle Phasen des Modells nach Arnold van Gennep erfüllt sind.

Belege, Literatur

Literatur zu Zahnungsritualen und speziell zur Zahnfee wurde kaum gefunden. In einigen Brauchlexika oder Elternratgebern findet sich die Geschichte der Zahnfee . Diese sind allerdings für eine fundierte kulturwissenschaftliche Forschung unbrauchbar. Schwierig ist außerdem die Definiton des Verhältnisses Brauch/Ritual beim Thema der Zahnfee. Von der befragten Familie wird die Zahnfee als Brauch angesehen. Auch viele andere befragte Personen nannten die Zahnfee als Brauch, weshalb man die Zahnfee auch zu den Lebenszylusbräuchen zählen kann. Trotzdem weißt die Handlung mehrere Merkmale eines Rituals auf, da ein Brauch ein in regelmäßigen Abständen wiederkehrendes Ereignis ist. In diesem Artikel wird deshalb von einem Ritual gesprochen.

  • Stroher, Ulrike: „Väter der Ritualtheorie. Arnold van Gennep und die Übergangsriten und Victor Turners Begriff der Liminalität“. Aus: www.journal-ethnologie.de/Deutsch/Schwerpunktthemen_2008/Ethnologische_Theorien/Vaeter_der_Ritualtheorie/Index.phtml aufgerufen am 26. Februar 2013 um 13:44.
  • Pratchett, Terry: Schweinsgalopp. Ein Scheibenwelt-Roman. 1998. München.
  • Van Gennep, Arnold: „Übergangsriten. Les rites de passage“. 2005³. Frankfurt/Main.

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Diese Seite wurde zuletzt am 21. Oktober 2013 um 15:41 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 7.844-mal abgerufen (to Cache).
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