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Der Hemadlenzen-Umzug in Dorfen

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Bräuche > Bayern > Oberbayern
Bräuche > Jahreslauf > Winter
Geprüfte Artikel > Gelber Artikel


„In der Stadt der Hemadlenzen soll‘n Humor und Gaudi glänzen!“, so das Leitmotto des Dorfener Fasching. Vor allem am „Unsinnigen Donnerstag“ ist einiges geboten im sonst eher beschaulichen Städtchen im Isental. Denn am „Narrisch‘n Pfinsta“ wird Dorfen übernommen von Gestalten, die so manch einem, der an diesem Tag versucht die Stadt zu durchqueren, ziemlich seltsam vorkommen mögen. Es sind die „Hemadlenzen“.

Sie verfolgen an diesem Tag – zumindest offiziell – nur ein Ziel: Die Vertreibung des Winters. Dazu versammeln sich die Hemadlenzen und ziehen durch die Stadt. Am Ende des Umzuges wird der Winter – in Gestalt einer Puppe – verbrannt und gilt somit als besiegt. Anfangs war diese Aufgabe den Männern vorbehalten, erst in den 50er Jahren schlossen sich im Zuge der Emanzipation allmählich auch Frauen an, ebenso Kinder. Am „Dorfener Nationalfeiertag“ haben alle Schulen, wegen des Busverkehrs auch die in Taufkirchen und Sankt Wolfgang, geschlossen – der Unterricht wird an einem Samstag nachgeholt (vgl. Lanzinger, o.J.).

Termin

Dieser Brauch ist am 08.02.2018.

Ablauf

Der Hemadlenz trägt weiß: In langen weißen Nachthemden und langen weißen Unterhosen ziehen die Lenzen durch die Stadt. Die Kopfbedeckung ist dabei geschlechtsspezifisch unterschiedlich: Männer tragen für gewöhnlich schwarze Zipfelmützen, Frauen weiße Nachthauben. Zudem sind die Gesichter weiß und die Nasen rot geschminkt. Es gibt verschiedene Utensilien, die bei einer kompletten Ausstattung nicht fehlen dürfen: Viele Hemadlenzen hängen sich eine Breze um den Hals und haben eine Laterne bei sich.

So verkleidet und ausgestattet machen sich die Hemadlenzen am Morgen des Unsinnigen Donnerstags schon sehr früh auf den Weg zum sogenannten „Hemadlenzen-Umzug“. Bevor der eigentliche Umzug beginnt, steht für viele Teilnehmer allerdings noch ein Weißwurst-Frühstück bei Freunden oder in Gasthäusern auf der Tagesordnung. Danach versammeln sich die Hemadlenzen um 10 Uhr in der Erdinger Straße. Von dort aus ziehen sie in Begleitung der Stadtkapelle - oft die Dorfener Narrenhymne singend - zum Unteren Markt. Hier wartet in der Turmstube des Unteren Tores bereits das Prinzenpaar auf den Zug. Mit Hilfe einer Leiter gelangt es zu den anderen Hemadlenzen, um von nun an den Zug anzuführen. Dieser geht in Richtung Rathausplatz weiter. Dort angekommen besetzen die Hemadlenzen das Rathaus und holen auch den Bürgermeister über eine Leiter zu sich. Die Hemadlenzen ziehen weiter durch die Altstadt und abschließend zum Marienplatz. Dort findet der Zug seinen Höhepunkt: Der Winter, symbolisiert durch eine Hemadlenzen-Puppe, wird auf einen Galgen gezogen und dort, unter großem Beifall und Jubel der Hemadlenzen, verbrannt.

Offiziell löst sich der Zug nach diesem Ritual, mit dem der Winter besiegt wurde, auf. Dennoch feiern viele Umzugsteilnehmer noch lange und feuchtfröhlich weiter.

1 - Hemadlenz 2009 - Prinzenpaar 1.jpg
2 - Hemadlenz 2009 - Prinzenpaar 2.jpg
5 - Hemadlenz 2010 - Bürgermeister und Prinzenpaar 2.jpg
6 - Hemadlenz 2010 - Gehängter Hemadlenz.jpg
7 - Hemadlenz 2010 - Brennender Hemadlenz.jpg

Hintergrund-Infos

Ursprünge

Die Bezeichnung „Hemadlenz“ ist abgeleitet von dem Heiligen Laurentius, der in traditionellen Darstellungen mit einem „Hemad“ (hochdeutsch: „Hemd“) bekleidet ist. Der Begriff als solcher ist jedoch nicht allein in Dorfen gebräuchlich, sondern wurde in ganz Altbayern für einen Menschen verwendet, der nur mit einem Hemd bekleidet war (vgl. Streibl, 2007).

Die Ursprünge des Hemadlenzen-Umzugs sind bis heute nicht geklärt. Zwar gibt es viele Theorien, wie der Brauch zustande gekommen sein könnte, jedoch handelt es sich dabei lediglich um Spekulationen. Auch wann genau der Brauch seinen Anfang nahm, ist nicht sicher. Laut Reinhold Kuliga, Vizepräsident der Karnevalsgesellschaft Dorfen, steht nur fest, dass es den Hemadlenzen schon gab, als die Dorfener Karnevalsgesellschaft 1899 gegründet wurde.

Der Dorfener Journalist und Schriftsteller Josef Martin Bauer (1901 – 1970) beschrieb den Umzug folgendermaßen: „Der Zug der Hemadlenzen hat kein Ziel, keinen Zweck, keine Absicht.“ (zit. nach Streibl, 2007) Es ist also davon auszugehen, dass sich der Umzug in der aktuellen Version erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Auch das Verbrennen der Hemadlenzen-Puppe wurde erst in der Nachkriegszeit, also Mitte des 20. Jahrhunderts, eingeführt (vgl. o.V., 2007). Laut Franz Streibl (2007) war es der ehemalige Präsident der Karnevalsgesellschaft Dorfen, Franz Anneser, der veranlasste, dass der Zug einen festen Startpunkt und eine feste Route bekam und mit der Verbrennung der Hemadlenzen-Puppe endete. Streibl betont deshalb, das Verbrennen der Puppe sei kein alter Brauch, sondern „eine Erfindung neuerer Zeit“ (Streibl, 2007).

Die Anmerkungen und Ausführungen Streibls – Mitglied des Historischen Kreises Dorfen – stießen in der Stadt nicht auf viel Gegenliebe. Die Begründungen für das Ablehnen der „kulturellen Revolution“ (o.V., 2007) sind dabei eher als emotional denn rational zu bezeichnen. Der Vize-Präsident der KG Dorfen, Reinhold Kuliga, sagte, „er könne sich nicht vorstellen, dass ganze Generationen von Dorfenern, die einmal im Jahr zum Hemadlenzen wurden, dem völlig falschen Brauch gehuldigt hätten. Dass die Hemadlenzen den Winter austrieben, sei eine alte Überlieferung, die vor allem von den legendären Dorfener Faschingsoberen Franz Anneser und Goggi Thalmeier weitergepflegt worden sei.“ (ebd.) Auch der damalige Bürgermeister Josef Sterr äußerte sich zu den Thesen Streibls: „Ob nun einzelne Bestandteile wie das Verbrennen der Puppe die Austreibung des Winters symbolisieren sollen und ob dies historisch belegbar ist, hat keine gravierende Aussagekraft. Sicher sind auch Auswüchse entstanden, die niemand für Gut heißen kann. Letztendlich bleibt es aber ein Brauch, der in unserer Region fest mit Dorfen und seinem Fasching verwurzelt ist. (ebd.)

Die Debatte um die Sauflenzen

In den letzten Jahren häuften sich die Beschwerden, dass die Tradition beim Hemadlenzen nicht mehr hochgehalten werde. Dabei gingen beim Stadtrat zum Beispiel Beschwerden über zu laute Musik aus dem Disco-Zelt ein. Generell wird kritisiert, dass „die meisten Teilnehmer das Treiben wohl nur noch als eine riesige Party verstünden.“ (Renner, 2009). Auch die traditionelle Hemadlenzen-Bekleidung wird von vielen Umzugs-Teilnehmern stark abgewandelt. Statt weißen Gesichtern finden sich immer mehr bunt bemalte Lenzen, die sich mit roten Ringelsocken unter die früher gänzlich Weißbekleideten mischen. Statt der üblichen Breze hängen sich viele Umzugsteilnehmer heute kleine Schnapsflaschen um den Hals oder tragen Babyflaschen mit hochprozentigem Inhalt bei sich (vgl. Mangels/Gärtner, 2009).

Der exzessive Alkoholkonsum führte in den letzten Jahren immer wieder zu Problemen. Die Polizei weist auf den „zunehmende[n] Grad der Alkoholisierung bei Jugendlichen hin“ (Renner, 2009b). Die Konsequenz daraus zog die Stadt gemeinsam mit der verantwortlichen Karnevalsgesellschaft nach dem diesjährigen Umzug: Ab 2011 soll es am Unsinnigen Donnerstag kein Disco-Zelt mehr geben und der Ausschank harter Alkoholika wird verboten. „Wir wollen in Dorfen friedlich feiernde Hemadlenzn und keine Sauflenzn, die vom traditionellen Umzug gar nichts mitbekommen wollen!“, begründet Bürgermeister Heinz Grundner die Entscheidung (Seitz, 2010).

Die Maßnahmen werden nicht nur unbeteiligten Dorfener Anwohnern, sondern auch vielen Hemadlenzen gefallen, denn fragt man einige erfahrene Umzugs-Teilnehmer, ob sich der Zug in den letzten Jahren veränderte, bekommt man meist sehr ähnliche Antworten: „Ja, leider zum Negativen hin. Kinder ab ca. 12/13 Jahren trinken viel zu viel Alkohol und sind morgens um 10 Uhr schon betrunken. Das war vor 10 Jahren noch nicht so. Außerdem gibt es ein unsägliches Partyzelt mitten am Stadtplatz, das laute, nicht passende Musik spielt und die Kinder und Jugendlichen zum Alkohol-Konsum verleitet und durch billige Preise lockt. Das hat mit Tradition nichts mehr zu tun, diese Klientel geht nicht beim Umzug mit und betrinkt sich nur“, meint zum Beispiel eine 31-jährige Hemadlenzin, die bereits elf Mal am Umzug teilnahm.

Auch andere Befragte bestätigen, dass der Umzug mittlerweile eher zur Nebensache geworden ist: „Es gehen weniger beim Umzug mit, früher waren die Wirtshäuser während des Umzugs wie leergefegt. Die „Verkleidungen“ werden zu einem weißen Allerlei degradiert, „typische“ Hemadlenzen (rote Nase, weiß geschminkt) gibt’s nur noch wenige; das Ganze ist kommerzieller geworden, was sich zum Beispiel beim Discozelt zeigt.“ (Sonja P., 34).

Die kommerziellere Ausrichtung des „Dorfener Nationalfeiertages“ wird von vielen kritisch gesehen. Christoph S. (30) meint dazu: „Mittlerweile gehe ich nicht mehr gerne hin. Mir macht nur noch das Weißwurstfrühstück zu Beginn Spaß, danach finde ich es nicht mehr besonders lohnenswert. Meiner Ansicht nach wird der Alkoholkonsum immer exzessiver. Der Hemadlenzen-Umzug war auch zu der Zeit, als ich begonnen habe, hinzugehen, schon eine feuchtfröhliche Veranstaltung. Allerdings stand das gesellige im Vordergrund; in allen Kneipen des Städtchens war gute Stimmung. Irgendwann wurden dann große Zelte von Diskobetreibern aufgestellt; das war meiner Ansicht nach der Anfang vom Ende der Geselligkeit. Es wurde versucht, mit Alkohol möglichst viel Umsatz zu erreichen, und mit lauter Disko-Musik die geeignete Klientel anzusprechen, um die Besucher später noch in die benachbarten Diskotheken zu kutschieren.“

Nach der Zukunft des Hemadlenzen-Umzuges gefragt, zeigten sich viele Teilnehmer der Befragung pessimistisch. Ein 28-jähriger Befragter meinte dazu: „Es ist schwierig vorherzusagen, wie sich der Umzug entwickeln wird, da die Entwicklung stark von den Maßgaben und eventuellen Änderungen seitens der Stadt abhängt.“

Da die Stadt nun erste Änderungen für 2011 angekündigt hat, bleibt abzuwarten, ob in den kommenden Jahren das Austreiben des Winters für die Hemadlenzen wieder in den Vordergrund rückt.

Dorfener „Narrenhymne“:

Vor uralter Zeit, als das Isental

Noch nicht reguliert war, da kamen einmal

Drei Ritter durch’s Wachsziehertor

Und bauten drei Häuser davor.

Der erste erfand unser Dorfner Bier,

Der zweite die Liebe – der kann nichts dafür –

Der dritte, der war nicht gescheit,

Erfand hier die Karnevalszeit.

O du Himmel auf Erden,

Liebefroher Karneval,

Sing im Jubel froher Lieder

Durch das Isental!

Die Häuser, die wurden inzwischen mehr,

Das Bier ist noch gut, und die Straßen von Teer

Und lieben tut Jung und tut Alt

Daheim und im Fürmetzenwald.

Doch größer noch wurde die Seligkeit

Der fröhlich lachenden Narrenzeit,

In der man die Erde vergisst

Und Narr unterm Narrenvolk ist.

O du Himmel auf Erden,

Liebefroher Karneval,

Sing im Jubel froher Lieder

Durch das Isental!

So lebt denn, ihr Brüder, der Narretei!

So trinket und liebt, eh’ die Zeit geht vorbei,

Vielleicht sind wir alle schon bald

Zur festlichen Narrheit zu alt.

Dann trage die Jugend das Narrenmal

Und diene dem lachenden Karneval.

Und singet das ewige Lied –

Ihr Brüder, singt noch einmal mit:

O du Himmel auf Erden,

Liebefroher Karneval,

Sing im Jubel froher Lieder

Durch das Isental!

<youtube>http://www.youtube.com/watch?v=Fgul5Gz-an4</youtube>

Weblinks

Bauer, Josef Martin (o.J.): Die Hemadlenzen von Dorfen. Online abrufbar unter:

http://www.hemadlenz.de/04%20wer%20ist%20der%20hemadlenz.htm

Lanzinger, Wolfgang (o.J.): Dorfen und die 5. Jahreszeit. Online abrufbar unter:

http://www.karnevalsgesellschaft-dorfen.de/Joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=84&Itemid=113

o.V. (2007): Dorfen will „Hemadlenzen“ bewahren. Online abrufbar unter:

http://www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/dorfen-will-hemadlenzen-bewahren-286539.html

Renner, Anton (2010): Dorfen aus allen Fugen und Normen. Online abrufbar unter:

http://www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/dorfen-allen-fugen-normen-626900.html

Renner, Anton (2009a): Bürger vermissen beim Hemadlenzen-Umzug Tradition. Online abrufbar unter:

http://www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/buerger-vermissen-beim-hemadlenznumzug-tradition-93232.html

Renner, Anton (2009b): Hemadlenzn: Hochprozentiges hat Hochkonjunktur. Online abrufbar unter:

http://www.merkur-online.de/lokales/nachrichten/hemadlenzn-hochprozentiges-hochkonjunktur-80603.html

Streibl, Franz (2007): Huldigen „Lenzen“ dem falschen Brauch? Online abrufbar unter:

http://admin.merkur-online.de/lokales/nachrichten/huldigen-lenzen-falschen-brauch-309921.html

Belege, Literatur

  • Grünvogel, Jannick (2010): Dorfen identifiziert Auswärtige als Störenfriede. Süddeutsche Zeitung vom 16.02.2010, SZ-Landkreisausgabe Erding.
  • Mangels, Julia/Gärtner, Sabine (2009): Erst wird er gehängt, dann wird er verbrannt. Wie die Hemadlenzen am „Unsinnigen Donnerstag“ in Dorfen den Winter vertreiben wollen. Süddeutsche Zeitung vom 20.02.2009, SZ-Landkreisausgabe Erding.
  • Seitz, Georg (2010): Kein Disco-Zelt beim Hemadlenz 2011. Pressemitteilung der Stadt Dorfen vom 25.03.2010.
  • Tempel, Florian (2010): Zahl der Alkoholvergiftungen enorm gestiegen. Süddeutsche Zeitung vom 15.04.2010, SZ-Landkreisausgabe Erding.
  • Thalmeier, Thomas (2010): Wider den Ballermann-Wahnsinn. Warum die Dorfener Hemadlenzenseele möglicherweise Ruhe braucht: Plädoyer für eine Pause. Süddeutsche Zeitung vom 06.03.2010, SZ-Landkreisausgabe Erding.Hier steht eine kurze Zusammenfassung, in der der Titel des Artikels in Fettschrift wiederholt wird. Vergessen Sie nicht dabei, Ort und Ausführende des Brauches zu nennen. Einen Termin brauchen Sie nicht zu nennen, das können Sie am Ende der Bearbeitung tun, dann wird ein Gliederungspunkt Termin automatisch erzeugt. Setzen Sie Ihre Zusammenfassung anstelle dieses Textes ein!

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