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Der Coburger Convent und sein Pfingstkongress

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Bräuche > Bayern > Oberfranken
Bräuche > Lebenszyklus > Erwachsenenalter
Geprüfte Artikel > Grüner Artikel


Der Pfingstkongress wird jährlich vom Coburger Convent der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften vom Freitag vor bis Dienstag nach Pfingsten in Coburg veranstaltet. Der Kongress ist eine der wichtigsten regelmäßigen Zusammenkünfte des gesamten Convents, die durch viele Bräuche und Traditionen bestimmt ist.

Termin

Dieser Brauch ist vom 02.06.2017 bis zum 06.06.2017.

Ablauf

Seit 138 Jahren ist Coburg nun schon Veranstaltungsort für den Pfingstkongress der akademischen Landsmannschaften und seit dem Zusammenschluss mit den Turnerschaften 1951 nun auch schon 59 Jahre für den gesamten Coburger Convent (Vgl. Wöhner 1986: 2). Der Convent, derzeit bestehend aus 96 Studentenverbindungen aus Deutschland und Österreich, ist sehr traditionsverbunden und so sind die Bräuche, die auch heute noch den Ablauf des jährlichen Kongresses bestimmen, schon mindestens genauso alt wie der Convent selbst. Vielen von Ihnen wurden auch aus der Zeit vor 1951 übernommen.

Einer der wichtigsten Bräuche, den man während des gesamten Kongresses beobachten kann, nämlich das Tragen der Coleur, das heißt das Tragen zumindest der Mütze und des Bandes in den Erkennungsfarben der jeweiligen Verbindung oder gar das Tragen des gesamten Vollwichses (Studentenverbindung), reicht sogar zurück bis in das 16. Jahrhundert (Vgl. Frische et al. 2005: 123).
Der Pfingstkongress wird jedes Jahr, wie der Name schon sagt, am Pfingstwochenende vom Coburger Convent der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften für alle Mitgliedsbünde veranstaltet. Der für die Organisation hauptverantwortliche Kongressbeauftragte wird vom Convent „ernannt und führt somit das Protokoll“ (von der Verfasserin geführtes Interview, Rönz 2010). Der aktuelle Amtsinhaber Hans-G. Schollmeyer führt diese Tätigkeit nun schon seit 30 Jahren aus. Ihm zur Seite gestellt wird eine Studentenverbindung, die zum CC-Präsidium ernannt wird und der Tradition nach jährlich in der Reihenfolge des Beitritts in den Dachverband wechselt. Die im Jahr 2010 aktuell Präsidierenden gehören der Landsmannschaft Pommerania Halle zu Aachen an. Der Kongress beauftragte ist hierbei eher für die Organisation zuständig, wogegen das Präsidium das Programm zusammenstellt und die inhaltliche Gestaltung vornimmt (Vgl. Schloms 1995: 58).

Jeder Pfingstkongress beginnt am Freitag vor Pfingsten mit dem großen Einzug auf den Coburger Marktplatz. Am späten Nachmittag ziehen hier dem Brauch nach die Vorpräsidierenden, die Präsidierenden und die Nachpräsidierenden als Vertreter für den gesamten Convent offiziell unter den Klängen des Coburger Marsches ein und stellen sich auf dem Marktplatz auf.

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Hier werden „die Verbindungen von einer Coburger Delegation unter dem Oberbürgermeister empfangen“ (Rönz 2010). Der Bürgermeister hält hierbei stets eine kurze Willkommensrede, bevor der Sprecher der präsidierenden Verbindung den Pfingstkongress für alle offiziell eröffnet.
Daraufhin bittet die Stadt Coburg die Amtsträger und offiziellen Vertreter des Coburger Conventes, sowie weitere ausgewählte Gäste zum Empfang in den Rathaussaal. Auch die zugehörigen Gemahlinnen sind hierzu mit geladen. Wenn auch Frauen im Coburger Convent als Mitglieder nicht zugelassen sind, so sind die Gattinnen und Familien am Pfingstkongress doch sehr willkommen und gern gesehen. Im Rathaussaal erfolgen nun die Begrüßungen im Einzelnen, wobei die Reihenfolge hierbei „dem Protokoll der Stadt Coburg [unterliegt] und […] sich an politischen Gepflogenheiten“ (Ebd.) orientiert. Im Rathaussaal findet danach mit der Übergabe des Förderpreises eine weitere wichtige Tradition des Pfingstkongresses statt. Diesen Preis verleiht der Coburger Convent jährlich an die besten Schülerinnen oder Schüler der vier Coburger Gymnasien. Hierbei ist hervorzuheben, dass bei der Auswahl der Prämierten nicht nur die schulischen Leistungen beachtet werden, sondern auch das soziale Engagement ein weiteres wichtiges Kriterium bildet. Außerdem zu betonen ist, dass nicht nur Schüler sondern auch Schülerinnen diesen Förderpreis erhalten können.
„Der Samstag steht ganz im Zeichen des Tagungsgedankens und damit der Parlamente des CC“ (Schloms 1995: 59). Hier finden die drei wichtigsten Mitgliederversammlungen oder Convente statt, der CC-Tag, der AHCC-Tag und der CGC.Jede Studentenverbindung besteht aus einer Aktivitas, das heißt einem „Zusammenschluss der aktiven Studenten und Traditionswahrer der Verbindung“ (Rönz 2010), und einem Alt-Herren-Verband, dem „Zusammenschluss der ehemaligen Studenten und Rechtsträger der Verbindung“ (Ebd.).

Auf dem CC-Tag, also der Tagung des aktiven Coburger Convents, haben nur die Mitglieder ein Stimmrecht, die Vertreter der Aktivitates sind. Auf dem AHCC-Tag, der Tagung des Verbands Alter Herren des Coburger Convents hingegen haben nur die Vertreter der Alt-Herren-Verbände Stimmrecht. Auf dem Coburger Generalconvent (CGC) haben alle Aktivitas, Alt-Herren-Verbände und alle örtlichen Vereinigungen Alter Herren „Sitz und Stimme“ (Ebd.). Die Themen dieser Tagungen „beziehen sich hauptsächlich auf verbandsinterne und organisatorische Belange“ (Ebd.) und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Am Samstag beginnt weiterhin das traditionelle Sportfest des CCs auf dem Sportplatz in Coburg, das am Sonntag fortgesetzt wird. Organisiert wird das Sportspektakel von einer eigens dazu auserwählten Verbindung des CCs. Hier dürfen sowohl alle Mitglieder des Convents als auch deren Familien, Freunde und Bekannte teilnehmen und ihre Kräfte bei zahlreichen Wettkämpfen messen. Vom Freundschaftsschießen und Schwimmen bis hin zum Golf- und Fußballturnier ist hier alles dabei. Die jeweiligen Sieger erhalten eine Urkunde und sicherlich auch die Anerkennung ihrer Kameraden. Beim CC-10km-Lauf werden dann auch die restlichen Coburger Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme aufgerufen.

Das Sportfest ist bereits seit 1926 fester Bestandteil des Pfingstkongresses. Der „Sport bzw. [die] Leibesertüchtigung – wie es früher hieß – hat seit jeher bei den akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften einen hohen Stellenwert“ (Rönz). Nicht umsonst war der einstige Wahlspruch der Turnerschaften „Mens sana in corpore sano“ (In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist). Von der Turnerschaft wurden vor der Auflösung des Vertreter-Convents (siehe Hintergrundinformation) sogar Olympiateilnehmer gestellt.
Nach der Leibesertüchtigung wird am Samstagabend dann gefeiert und zwar auf dem Festball des CC im Kongresshaus Coburg. Anwesend sind hier die offiziellen Vertreter des Coburger Convents, Vertreter der Coburger Politik und „weitere interessierte Mitglieder der CC-Bünde“ (Ebd.). Da zum Tanzen benötigt, sind hier natürlich auch die Partnerinnen der Conventmitglieder erlaubt. Doch weibliche Begleitungen dürfen hier nicht nur anwesend sein, traditionell wird während des Balls von einem Verbindungsmitglied sogar eine „Damenrede aufs Wohl der anwesenden Damen gehalten“ (Ebd.). Ansonsten liegen „die Besonderheiten eines Korporations-Festballs“ (Ebd.) in den speziellen Einlagen, die von Kommilitonen vorbereitet werden. Dazu gehören unter anderem das Aufführen von Sketchen oder besondere Tanzeinlagen.
Darüber hinaus finden an diesem Ball dem Brauch nach auch sogenannte Mensur- oder Semestertänze statt. Bei dieser Art von Tänzen darf stets nur eine bestimmte Personengruppe auf der Tanzfläche sein. So gehört der erste Tanz z.B. den Personen, die schon zwei Mensuren (siehe hierzu auch den Artikel „Mensur) gefochten haben, der nächste Tanz dann denen mit drei Mensuren usw. bis schließlich immer weniger und nur noch die sehr erfahrenen und vorbildlichen Mitglieder auf der Tanzfläche sind. Anbei ist zu erwähnen, dass während des Kongresses „ ‚Burgfrieden‘ [herrscht], d.h. es werden weder Mensuren vereinbart, noch dürfen Mensuren gefochten werden“ (Ebd.).

Am Sonntag werden bei Bedarf gegebenenfalls die Covente fortgesetzt und die Wettkämpfe am Pfingstsportfest gehen weiter. Ansonsten bestehen für Sonntag außer einem Gottesdienst keine weiteren großen Tagesordnungspunkte.
Am Montag gibt es dafür die zwei wichtigsten offiziellen Bräuche gleich an einem Tag: Die Kranzniederlegung und das Totengedenken sowie der Festkommers mit anschließendem Fackelzug.
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Zur Kranzniederlegung sammeln sich die Chargierten am Montagmorgen im Hof der Ehrenburg auf dem Coburger Schlossplatz. Die „Chargia“ ist der für ein Semester gewählte „Vorstand [einer Verbindung], bestehend aus Erst-, Zweit- und Drittchargierten“ (Ebd.). Die drei Chargierten präsentieren sich zu diesem Anlass im Vollwichs und tragen die Fahne ihrer Verbindung. Auch die restlich
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en Mitglieder des Convents finden sich auf dem Schlossplatz ein.
Um 10.30 Uhr marschieren die Chargierten, gefolgt von den restlichen Anwesenden, zum Ehrenmal der Stadt Coburg, das zum Gedenken an die Gefallenen der beiden Weltkriege errichtet wurde. Das Denkmal liegt schräg rechts dem Hof der Ehrenbur
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g gegenüber in einem Raum in den Arkaden, in dem 1815-1918 die Schlosswache untergebracht war. Ein Teil der Chargierten nimmt an der Balustrade über den Arkaden ihre Position ein, der andere Teil platziert sich auf dem Schlossplatz um den Eingang zum Denkmal (siehe Abb. 6). Daraufhin laufen eine Abordnung der Stadt Coburg, sowie eine Abordnung des Coburger Convents auf den Schlossplatz ein und
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„legen jeweils einen Kranz [vor dem Denkmal] nieder (siehe Abb. 7). Im Anschluss wird das Lied „Ich hatt einen Kameraden“ (siehe http://www.volksliederarchiv.de/text696.html) gespielt. Nach der Kranzniederlegung gehen die Chargenabordnungen geschlossen zu dem im Hofgarten oberhalb der Arkaden gelegenen Ehrenmal des CC. In der Gedenkrede, die hier von einem Mitglied der Präsidierenden gehalten wird, geht es „um die Bewältigung der beiden Kriege und den damit einhergehenden Verlusten, die alle Verbindungen und die Gesellschaft erleiden mussten“ (Rönz 2010). Das
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Denkmal wurde 1926 einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg eingeweiht. Es besteht aus einem Rondell, in dessen Mitte auf einem Sockel drei junge, athletische und nackte Männer stehen, die ihren Blick auf ein Schwert richten, dass sie gemeinsam in die Höhe strecken. „Jeder dieser Männer symbolisiert einen Begriff des Wahlspruchs der Deutschen Landsmannschaften: Ehre – Freundschaft – Vaterland“ (Birnmeyer 1993: 7). An den drei Seiten
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des Sockels sind außerdem jeweils einer dieser Begriffe eingearbeitet und symbolisch wiederholt. „Ehre“ wird dabei durch zwei gekreuzte Säbel, die für die Mensur stehen, symbolisiert, „Freundschaft“ durch mehrere auf einen Schläger (Paradewaffe) aufgespießte Mützen von Landsmannschaftern und „Vaterland“ durch einen Stahlhelm.
Das Totengedenken ist für die Mitglieder des Coburger Convents nach wie vor sehr wichtig. „In den beiden Weltkriegen sind tausende Mitglieder in den Tod gezogen. Die Überlebenden haben Bundesbrüder, Kommilitonen, Freunde und Familienmitglieder verloren“ (Rönz 2010). Viele Verbindungen haben nach dem Krieg ihre Universitäten und Universitätsstädte zerbombt und in
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Trümmern wiedergefunden. „Der Schmerz über diese Verluste sitzt noch heute tief (Ebd.). Am Montagabend folgt dann der Festkommers. „Der Studentische Kommers ist die Traditionsveranstaltung per se“ (Ebd.). Der Kommers, also die hochoffizielle Feier, besteht stets aus den gleichen festen Elementen. Nach dem Einzug der Chargenabordnungen erfolgen die Begrüßung der Gäste, eine Festrede
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und eine Vertreterrede. Dazwischen gibt es immer wieder sogenannte Colloquien, also „Pausen mit freiem Rederecht […] [aller] Teilnehmer und es werden Lieder gesungen“ (Ebd.), denn auch das Liedersingen ist ein wichtiger Brauch der Landsmannschaften und so natürlich auch des Pfingstkongresses. Der Festkommers wird abgeschlossen mit dem Singen der Nationalhymne und dem Auszug der Chargierten (Vgl. ebd.)
Nach dem Kommers nehmen alle Verbindungen bei Einbruch der Dunkelheit Aufstellung und laufen mit
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Fackeln (daher der Name Fackelzug) zum Marktplatz (siehe Abb. 10). Diese Tradition wird wegen der eindrucksvollen Stimmung stets von zahlreichen Zuschauern begleitet. Auf dem Marktplatz angekommen hält wieder ein Mitglied der Präsidierenden eine Rede und es wird der große Zapfenstreich, ein musikalisches Zeichen zur Nachtruhe (siehe http://www.militaermusik.bundeswehr.de/portal/a/milmus/ueber_un/auftritt/zapfenst?yw_contentURL=/01DB040500000001/W26EHHJH059INFODE/content.jsp) gespielt. Zum Abschluss wird
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nochmals die Nationalhymne gesungen.

Der Fackelzug beziehungsweise die Feierstunde ist ein Brauch, der seine Bedeutung seit den Anfängen des Kongresses etwas geändert hat. Bis zum Mauerfall 1989 handelte es sich dabei um eine Mahnstunde. Der „Marsch wurde schweigend absolviert und die Rede machte auf die für den CC inakzeptable Teilung Deutschlands aufmerksam“ (Rönz 2010). Mit der Wiedervereinigung Deutschlands „wurde aus der Mahn- eine Feierstunde“ (Ebd.). Der Fackelzug wird nun von Spielmannzügen begleitet und die Rede „befasste sich von da an sukzessiv mehr mit gesellschaftpolitischen Themen“ (Ebd.)

Bis 1990 wurde abschließend auch das Deutschlandlied noch mit allen drei Strophen gesungen. Da die ersten beiden Strophen und deren Rezitation heute entgegen mancher Annahmen zwar nicht gesetzlich verboten ist, allerdings als stark rechtsextremistisch gelten, ist dies ein Punkt der von vielen CC-Gegnern immer wieder kritisiert und angeprangert wurde. Jedoch haben „Bundeskanzler Kohl und Bundespräsident von Weizsäcker […] [erst 1990] die dritte Strophe des Lied der Deutschen zur Deutschen Nationalhymne“ (Ebd) ernannt (der Pressesprecher des CC verweist diesbezüglich auch auf Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=9LEV04).

Den Abschluss des gesamten Kongresses bildet das große Marktfest am Dienstag nach Pfingsten - „in Coburg [dank des Kongresses auch] als der ‚3. Pfingstfeiertag‘bekannt“ (Wöhner 1986: 44). Dies ist zwar auch alter Brauch, bezüglich des Ablaufes ist „nach vier Tagen offiziellen und offiziösen Terminen […] auch genug der Dinge“ (Rönz 2010). Hier geht es nur um einen heiteren und gemütlichen Ausklang des Kongresses gemeinsam mit der Coburger Bevölkerung, denn auch die Beziehung zu den Coburgern ist den CC-Mitgliedern sehr wichtig: „Der CC wird jedes Jahr von den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Coburg sehr herzlich aufgenommen. Es ist ein würdiger und gewünschter Abschluss aller Mitglieder, gemeinsam mit der Coburger Bevölkerung vor der teils sehr langen Heimfahrt den Frühschoppen zu feiern“ (Ebd.).

Gewährspersonen

Interview mit Norman Rönz, Pressesprecher des Coburger Convents der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften (September 2010).

Hintergrund-Infos

Die Geschichte der akademischen Landsmannschaften als Grundlage des Coburger Convents beginnt bereits im späten Mittelalter. Die Ursprünge finden sich an zwei der ältesten Universitäten Europas Bologna und Padua in Italien. Im Gegensatz zu heutigen Universitäten und Hochschulen gab es an diesen keine Aufteilung in einzelne Fakultäten sondern man bevorzugte eine „Nationengliederung“ (Frische et al. 2005: 23). Dies nahmen sich die damaligen Studenten zum Beispiel und bildeten sogenannte „nationes“ (Ebd.) Dabei handelte es sich um Schutz- und Trutzgemeinschaften unter Studenten, die in einer sogenannten „Burse“ lebten. Dies bezeichnete zum einen das Gebäude mit gemeinsamen Schlaf-, Unterrichts- und Essräumen, in denen die Studenten einer nationes wohnten, als auch den Umstand, dass alle in eine gemeinsame Kasse einzahlten und aus dieser lebten. (Vgl. ebd.: 24). Aus dem Begriff „burse“ „entstand [später auch] die Bezeichnung ‚Bursche‘“ (Wöhner 1986: 3). Aus den nationes und bursen entwickelten sich ab 1615 an deutschen Universitäten die Landsmannschaften, als private, nach Herkunft der Studenten differenzierte Gemeinschaften, deren Mitgliedschaft für Landsmänner Pflicht war (Vgl. Frische et al. 2005: 24).

Immer wieder hatten die Landsmannschaften mit Auflösungen, Neugründungen, behördlichen Verboten und Widerständen zu kämpfen, hervorgerufen zum Beispiel durch den im 16. Jahrhundert ausufernden „Pennalismus“. Diese Bezeichnung beschrieb die Gewohnheit, dass die Neulinge oder eben „Pennäler“ in ihrem ersten Studienjahr „richtig herangenommen“ (Ebd.: 25) wurden, was schon mal tödlich
oder im Suizid enden konnte (Vgl. ebd.: 24f.). Derartige Gewaltausübungen nahmen gezwungenermaßen natürlich mit der Zeit ab.
Insgesamt konnten die Landsmannschaften jedenfalls „von Staats wegen nie vollständig ausgerottet werden“ (Ebd.: 25) und erfuhren im 18. Jahrhundert eine Art Renaissance.

Am 01.03.1868 dann kam es zum ersten Zusammenschluss der großen Landsmannschaften in Deutschland, dem Allgemeinen Landsmannschafts-Verband. Die offizielle Gründung und der erste Kongress fanden am 02.06.1868 in Zwingenberg statt (Vgl. ebd.: 33) und von da an jährlich an wechselnden Orten. Doch schon 1872 wurde auf dem Kongress in Halle der Antrag auf einen festen Standort gestellt: „…wo auf Vorschlag des Vertreters der Makaria für die Zukunft als ständiger Kongressort die geographisch günstig und landschaftliche reizvoll gelegene Stadt Coburg gewählt wurde…“ (Ebd.: 34). So wurde die Vestestadt Coburg zentraler Ort und Namensgeber für den Verband, der sich von 1874 bis 1908 „Coburger Landsmannschafter-Convent (Coburger LC)“ nannte (Vgl. ebd.). Danach erfolgte eine Umbenennung in „Deutsche Landsmannschaft (DL)“ (Ebd.: 40), der Kongressort aber blieb derselbe.

Als 1914 dann der erste Weltkrieg ausbrach, standen die Korporationen, die im Wesentlichen „Befürworter des Krieges“ (Schloms 1995: 33) waren, vor einem Problem. Die meisten deutschen Männer, die dazu in der Lage waren (und dazu zählten die Studenten nun mal fast alle) zogen in den Krieg und die Landsmannschaften verloren auf einmal einen Großteil ihrer Mitglieder. Den meisten Verbindungen blieb nichts anderes übrig, als sich zu vertagen (Vgl. Frisch et al. 2005: 40). Nach dem Krieg allerdings fanden sich viele Korporationen schnell wieder zusammen und auch der Kongress in Coburg fand wieder mit vielen Verbindungen der DL statt.
1926 wurde das Amt für Leibesübungen geschaffen. Seit dem ist das Sportfest (wie oben beschrieben) ein fester Bestandteil des jährlichen Kongresses (Vgl. ebd.: 42). Und auch ein weiterer wichtiger Brauch, die Kranzniederlegung am CC-Denkmal, entspringt aus der Zeit der Weimarer Republik, da das Denkmal wie im ersten Teil schon erwähnt „Pfingsten 1926 in feierlichem Rahmen zum Gedenken an die im Krieg gefallenen Verbandsbrüder“ (Ebd.) eingeweiht wurde. Im Gegensatz zu heute wurde in den damaligen Ansprachen, neben dem Gedenken
der Toten dazu aufgerufen, sich für einen weiteren Krieg bereitzuhalten (Vgl. Appeltshauser/Lebert 1993: 5).

Die Zeit der Weimarer Republik war ansonsten „gekennzeichnet durch den fortwährenden Widerstand der Studentenschaft gegen die Demokratie“ (Schloms 1995: 33) und dementsprechend auch dem Widerstand der Demokratiebefürworter gegen den DL.
Mit dem Nationalsozialismus begann das zwischenzeitliche Ende des DL. Wie so manches in dieser Zeit musste auch das Grundprinzip der Landsmannschaften, nämlich Sitz- und Stimmrecht für jeden Bundesbruder, dem Führerprinzip weichen. (Vgl. Frische et al. 2005: 43). Einige Korporationen gliederten sich freiwillig in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und damit in das NS-Regime ein, andere wurden im Rahmen der Gleichschaltung dazu gezwungen. „Am 14. Mai 1936 verbot Rudolf Heß allen Mitgliedern der Partei und allen Angehörigen […] die Mitgliedschaft in einer studentischen Verbindung“ (Ebd.: 44). An der 68. Pfingsttagung in Coburg löste sich der DL offiziell auf, indem sie, wie ein Sprecher des Vorstandes sagte „ihre Einflussnahme auf die studierende Jugend aufgegeben [hat], die nunmehr dem Willen des Führers entsprechend ausschließlich den von ihm eingesetzten Gliederungen der national-sozialistischen Bewegung zusteht“ (Ebd.: 45). Doch auch nach dem zweiten Weltkrieg sind die Studentenverbindungen des DL entgegen aller Erwartungen wieder erstanden (Vgl. ebd.: 47) und bestehen bis heute.

Ähnlich wie der Coburger LC hat auch der Vertreter Convent der akademischen Turnerschaften (VC) im 19. Jahrhundert von der „Liberalität gegenüber Vereinen“ (Ebd.: 34) von Coburg Herzog Ernst II. (er übernahm die Vereins- und Versammlungsfreiheit in das Grundgesetz des Herzogtums auf) profitiert. So fand auch „am 18./19. Juni 1860 das erste deutsche Turnfest in Coburg statt“ (Ebd.). Das Turnen hatte zu dieser Zeit einen nationalen Aspekt, denn es war üblich, dass „die Turnerei Waffenübungen veranstalte[t] […] [und somit jeder] ordentliche Turner […], die Befähigung zum sofortigen Eintritt in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger [sic!] erhalte[ ]“ (Ebd.).

Auch die Landsmannschaften, legten wie bereits erwähnt, viel Wert auf sportliche Betätigung und so kam es schon 1922 zwischen den beiden Verbänden, dem DL und dem VC, die sich „innerlich so verbunden“ (Ebd.: 38) fühlten, zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft „zum Zwecke einer erfolgreichen Pflege und Förderung der gemeinsamen vaterländischen, studentischen und waffenstudentischen Ideale sowie zu gemeinsamer Abwehr feindlicher Bestrebungen, oder von Vormachtbestrebungen anderer Gruppen“ (Ebd.).
Im Jahre 1951 schließlich kam es zu dem „hervorragende[n] Ereignis eines Zusammenschlusses von Verbänden […] [, der] Verschmelzung der DL mit dem VC zum ‚Coburger Convent der Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen‘“ (Ebd.: 47f.). Und diesen gesamten Convent kann man eben jedes Jahr aufs Neue während seines Pfingstkongresses in Coburg antreffen.

Protest

Doch auch heute noch hat der Convent immer wieder mit seinen Gegnern und deren Protestaktionen zu kämpfen, denn nicht jeder freut sich über den jährlichen Besuch der Studenten in Coburg. Zwar fanden die Kongresse bis 1979 ohne größere Zwischenfälle statt, jedoch änderte sich das in jenem
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Jahr, in dem sich die „Antifa“ einschaltete und zur ersten großen Protestdemonstration gegen den Coburger Convent und seine Veranstaltungen aufrief. „seit dem Jahre 1986 kommt es jährlich zu solchen Aktionen der Antifa“ (Jawad/Schenkel 1993: 55), die mittlerweile für die Demonstranten schon genauso zur Tradition geworden sind, wie die ihnen unliebsamen Bräuche des Convents. So wird jeder große öffentliche Tagesordnungspunkt, wie die Kranzniederlegung und die Mahnstunde, von einer Protestdemonstration oder einer demonstrativen Kundgebung begleitet. Darüber hinaus sollen Infostände vor allem die Coburger Bevölkerung über die Kritikpunkte der Gegenbewegung an den Studentenverbindungen informieren und zum Protest bewegen. Zu diesen Aktionen ruft auch das Aktionsbündnis gegen den Coburger Convent auf (bestehend unter anderem aus: Kreisverband Coburg-Stadt des Bündnis 90/Die Grünen, Linke Coburg, IG Metall Coburg, Coburger Bündnis gegen rechte Aktivitäten). Auf der Internetseite der Grünen in Coburg (vgl.
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http://www.gruene-coburg.de/index.php?menuid=&reporeid=106) bringen sie ihre Gegenargumente auf den Punkt. So wirft das Aktionsbündnis dem CC unter anderem „Verstrickungen ins rechtsradikale Millieu“, „Kontakte zur NPD und anderen Nazis“, „undemokratisches Handeln“, „Frauenfeindlichkeit und Intoleranz“, und inakzeptables elitäres Denken vor (Vgl. oben genannte Adresse). Viele Vorwürfe begründet man auch aus historischer Sicht. Dass die Landsmannschaften in der Weimarer Republik die Demokratie ablehnten „und Vorstellungen entwickelten, die
in vielem Ähnlichkeiten mit denen des Nationalsozialismus aufwiesen [zum Beispiel], wird in den Veröffentlichungen des Coburger Convents von Ausnahmen abgesehen kaum angesprochen, von den Kritikern des Coburger Convents eher ohne nähere Differenzierung behauptet als historisch nachgewiesen“ (Appeltshauser/Lebert 1993: 5).


Andererseits kommen derartige Vorwürfe nicht zuletzt daher, dass man im Publikum gerade beim Fackelzug leider zu häufig mit Aufschriften wie „Auch ohne Sonne braun“ und anderen rechtsradikalen Parolen auf Kapuzenpullis von vor- oder nebenstehenden Zuschauern konfrontiert wird. Das jedoch steht, wie der Verband immer wieder betont, nicht in Zusammenhang mit dem Coburger Convent, der sich „schon mehrfach, zuletzt in einer Stellungnahme im Jahr 2001, eindeutig von extremistischen Tendenzen und Aktionen auch in Korporationen und Korporationsverbänden, distanziert“ (Frische et al. 2005: 21) hat. Was viele Coburger Einwohner darüber hinaus kritisieren, ist vor allem das ausfallende Benehmen, das bei alkoholisierten Verbindungsmitgliedern während des Kongresses schon einmal vorkommt und die damit einhergehenden Ausschweifungen und Lärmbelästigungen.


Seit der Protest 1986 zugenommen hat und besonders seit es im Zusammenhang damit in diesem Jahr zu schweren Sachbeschädigungen (unter anderem des CC-Denkmals im Hofgarten) kam, musste die Stadt Coburg die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen, was vor allem Absperrungen bei den öffentlichen Aktivitäten und ein großes, sicherlich kostspieliges Polizeiaufgebot während der gesamten Kongresszeit bedeutet. Einen neuen Standort für seinen Pfingstkongress muss sich der Coburger Convent wohl dennoch nicht so schnell suchen. Nicht nur, dass die Regierung der Stadt Coburg dem CC wohlwollend gegenübersteht und jedes Jahr ihre Freude als Gastgeber kundtut, der jährliche Pfingstkongress bedeutet für die Stadt einen nicht zu verachtenden finanziellen Gewinn, auf den vor allem die Gastronomen Coburgs nicht verzichten wollen und werden.

Weblinks

http://www.coburger-convent.de

http://www.coburger-convent.de/fileadmin/user_upload/redakteur/CC-Blaetter/CC-Blaetter_2010-2.pdf

http://www.apl-hercynia.de/downloads/der_coburger_convent.pdf

Belege, Literatur

  • Appeltshauser, Ruppert/Lebert, Achim (1993): Einleitung. In: Appeltshauser, Ruppert/Lebert, Achim (Redaktion, leide o. A. zum Hg.): Ehre – Freundschaft – Vaterland. Geschichte des CC-Ehrenmals in Coburg mit einem Beitrag zur Geschichte des Denkmals Ernst II.. o.A..
  • Birnmeyer, Julia (1993): Das Denkmal der Deutschen Landsmannschaft. In: Appeltshauser, Ruppert/Lebert, Achim (Redaktion, leide o. A. zum Hg.): Ehre – Freundschaft – Vaterland. Geschichte des CC-Ehrenmals in Coburg mit einem Beitrag zur Geschichte des Denkmals Ernst II.. o.A..
  • Frische, Detlef/Koltermann, Bernd/Theobald, Hans-Helmut/Weiß, Heinz (2005): Handbuch des Coburger Convents. Wissenswertes und Hilfreiches. Essen: akadpress.
  • Jawad, Mona/Schenkel, Katharina (1993): Kritik und Proteste gegen den Coburger Convent. In: Appeltshauser, Ruppert/Lebert, Achim (Redaktion, leide o. A. zum Hg.): Ehre – Freundschaft – Vaterland. Geschichte des CC-Ehrenmals in Coburg mit einem Beitrag zur Geschichte des Denkmals Ernst II.. o.A..
  • Schloms, Torsten (1995): Der Coburger Convent (CC) der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen. Band I.. Freie Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades „Diplom-Handelslehrer“ an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. O.A..
  • Wöhner, Klaus (1986): Coburg und sein Convent. Coburg: Fiedler-Verlag.

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Diese Seite wurde zuletzt am 3. Mai 2017 um 13:53 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 18.928-mal abgerufen (to Cache).
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