Benutzer    Passwort
neues Benutzerkonto anlegen
Neu 
RSS

Das russisch-orthodoxe Ostern in Augsburg

Volle Fahrt voraus: Dieser Artikel ist sehr informativ und empfehlenswert!
Bräuche
Bräuche > Jahreslauf > Frühling
Bräuche > Religion
Geprüfte Artikel > Grüner Artikel


Das russisch-orthodoxe Ostern wurde zum ersten Mal 1936 in Augsburg gefeiert. Seitdem ist das Feiern zu einer guten Tradition geworden. Es lohnt sich, mehr darüber zu erfahren!

Einstiegsinformationen

Titel (Brauchname + Ort)

Das russisch-orthodoxe Ostern in Augsburg. Selbsternennung: „Pascha (Paskha, Khristow Den, Welikden)“ (russ. „Пасха (Паска, Христов День, Великдень)“).

Kurzcharakterisierung des jeweiligen Brauches

Das russisch-orthodoxe Pascha (das Wort leitet sich vom Namen des hebräischen Festes Pesah („Übergang“) ab, das als Erinnerung an den Ausgang von Juden aus der ägyptischen Gefangenschaft geehrt wird) gilt als Erinnerung an das Sühneopfer Christi (russ. Иисус Христос) seinen Tod am Kreuz und Auferstehung. Für russisch-orthodoxen Gläubigen symbolisiert dieses Fest die Erlösung vom geistigen Tode, das ewige Leben, die Möglichkeit einer freien Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen. Pascha ist das größte und bedeutendste Fest des Jahres im russisch-orthodoxen kirchlichen Kalender, „das Fest aller Feste“ (russ. „всем праздникам праздник“). Die Woche vor Pascha heißt „Strastnaya“ (russ. „Страстная“) zum Andenken an die letzten Tage und Leiden Christi auf der Erde (vom russ. „страсти Господни“ – die Qualen Christi vor dem Tod). In dieser Zeit wird die Vorbereitung (vor Allem die geistige Reinigung: Beichten in der Kirche) besonders aktiv; das Fest selbst findet immer am Sonntag statt und eröffnet die sogenannte „heilige“ Woche (russ. „Святая Неделя“). Zu den unerlässlichen Teilen des feierlichen Essens gehören gemalte und/oder gefärbte Eier und das feierliche Brot, das regional unterschiedlich zubereitet wird: Im Norden Russlands (u.a. in Sankt-Petersburg und Moskau) heißt es „kulitsch“ (russ. „кулич"), wenn es aus Getreide zubereitet wird, und "pasha"(russ. „пасха"), wenn für die Zubereitung Quark genutzt wird. Im Süden Russlands und in den östlichen Teilen der Ukraine wird es aus Getreide gemacht und heißt „pascha“.

Terminierung / Turnus

Pascha hat kein festes Datum und wird am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert. Das geschieht an der Frühlingstagundnachtgleiche oder danach, wenn dieser Sonntag nach dem hebräischen Ostern fällt. Im Gegenfall wird das russisch-orthodoxe Pascha am ersten Sonntag nach dem hebräischen Ostern gefeiert. Das Fest findet also in der Zeit zwischen 04.04/22.03 bis 08.05/25.04 statt. Im Jahre 2014 wird es am 20. April gefeiert und fällt mit dem katholischen Ostern zusammen.

Empirische Dokumentation

Jahr / Umstände

Im Jahre 2013 fand das russisch-orthodoxe Osterfest („Lichte Auferstehung des Herrn - Ostern“, Russ. „Светлое Воскресение Христово - Пасха Господня“) in der Nacht vom 4. Auf den 5. Mai statt. Es war ein warmer und sonniger Tag genauso wie der Tag zuvor, an dem die Vorbereitung und den ersten Teil des Gottesdienstes begonnen hatte (was die Beobachtung besonders begünstigte).

Ablauf

Das Osterfest 2013 fand in der neu gebauten russisch-orthodoxen Kirche unter der Adresse: Stadtbergerstraße 26a, 86157 Augsburg (Pfersee, Buslinie 3, Haltestelle BGM) statt. Den Weg zur Kirche konnte man auf ihrer offiziellen Webseite finden.

Die präzisen Uhrzeiten des festlichen Gottesdienstes wurden im Internet auf der schon erwähnten kirchlichen Webseite im Voraus bekannt gegeben. Das Fest bestand aus dem Mitternachtsgottesdienst am Samstag, 04. Mai (Russ. „Полуношница“) und dem Österlichen Morgengottesdienst, Stunden, Göttl. Liturgie d. Hl. Joh. Chrysostomos (Russ. „Пасхальная Заутреня, Пасхальные Часы, Божественная Литургия Св. Иоанна Златоуста“) am Sonntag, dem 5. Mai.

Die Vorbereitung zum Fest begann aber schon ca. eine Stunde vor dem unmittelbaren Mitternachtsgottesdienst. Die meisten Gläubigen kamen früher (der Eintritt war ohne irgendwelche Begrenzungen, alle wurden zugelassen), besonders diejenigen, die vor dem Gottesdienst beichten wollten. Im Erdgeschoss wurde es einen Raum organisiert, wo man sein „Osterkorb“, in dem das Osterbrot und bunt gefärbte Eier die unerlässlichen „Komponenten“ sind, lassen konnte, damit sie alle zusammen später von dem Pfarrer eingeweiht werden konnten. Um die Verwirrung zu vermeiden, wurde jeder „Osterkorb“ mit einer Nummer versehen (so nach dem „Garderobenprinzip“), damit man es im Nachhinein schnell finden konnte. An derselben Stelle konnte man (sehr preiswert) Kerzen kaufen, die unbedingt zum „Osterkorb“ gehören.
Nummer.jpg
Osterkorb.jpg

Kerzen sowie anderes kirchliches Zubehör konnten beim Bedarf daneben an einem speziell bereitgestellten Platz gekauft werden (was von den meisten Menschen auch gemacht wurde).


Der Mitternachtsgottesdienst begann (wie angekündigt) um ca. 23:15. Alle kamen zum Hauptsaal (Foto und Videoaufnahmen sind üblicherweise ohne Erlaubnis des Priesters nicht gestattet), wo die ganze Gottesdienst durchgeführt wurde. Am Ende wurden drei Kreuzgänge gemacht, an denen die meisten Gläubigen teilgenommen haben (außer Alten und Kranken, die das nicht konnten). Man ging dreimal um die Kirche herum mit Ikonen und angezündeten Kerzen. Viele haben gesungen „Christus ist auferstanden“ (altslawisch „Христос воскресе“).

Nach dem dritten Kreuzgang erkundigte der Priester dreimal feierlich, dass der Gott auferstanden ist und bekreuzte dreimal die Menschen. Damit wurde der Mitternachtsgottesdienst zu Ende. Alle gingen wieder in die Kirche.

Es war möglich, die inzwischen schon eingeweihten „Osterkörbe“ zu nehmen und nach Hause zu gehen. Die meisten sind aber zum Österlichen Morgengottesdienst geblieben, der um ca. 00.10 begann und dauerte ungefähr drei Stunden. Es wurde gesungen und gebetet. Am Ende des Gottesdienstes wurde von dem Prister über alle Gläubigen den Segen gesprochen. Jeder bekam ein Stück vom Osterbrot und ein Ei als Geschenk von der Kirche.

Geschenk.jpg

Es herrschte eine feierliche und fröhliche Atmosphäre. Die Leute nahmen ihre „Osterkörbe“ und gingen nach Hause.

Pascha2.jpg
Pascha1.jpg

Akteure

Der Hauptteil der Gläubigen, von denen, die in die Kirche gekommen sind (nach einer ungefähren Einschätzung ca. 60-70 Menschen; Männer und Frauen ohne ein sichtbares Übergewicht von einem der Geschlechter), war im mittleren Alter, aber es gab auch sehr alte Leute, Jugendliche und kleine Kinder. Alle waren festlich bekleidet. Alle Frauen hatten bedeckte Köpfe; die meisten trugen lange Röcke. Männer trugen Anzüge bzw. lange Hosen (keine Shorts) und Hemde mit langen Ärmeln (was auch der Jahreszeit entsprach). Viele hatten während des Gottesdienstes eine angezündete Kerze in der Hand.

Die beiden Gottesdienste wurden von Priester Alexandr (Russ. Отец Александр) und seinen Helfern durchgeführt (Kontakt). Das Fest hatte die Form von einem gemeinsamen Gebet und Preisung Gottes. Die Worte und Geste (Bekreuzigen) des Priesters wurden von den Gläubigen wiederholt. Alle Leute standen; nur die Alten und Kranken durften sitzen (Bänke gab es nur am linken und am rechten Rand des Hauptsaals).

Am Osterfest 2013 gab es keine Repräsentanten der Medien. Das ganze Geschehen wurde von dem Kirchenältester Herrn Schreiber (Russ. Владимир Иванович Шрайбер) gemacht. Das wurde für die Foto- und Videogalerie der Kirche gemacht, die im Internet im offenen Zugang zu finden ist.

Performanzraum, Kulissen, Requisiten

Von außen wurde der Hauptgebäude der Kirche nicht dekoriert.

Hauptgebäude2.jpg
Hauptgebäude1.jpg

Im Unterschied dazu wurde der Hauptsaal (ca. für 150-200 Leute) mit Kerzen und Blumen festlich dekoriert. Zusätzlich gab es auch elektrische Beleuchtung. Als Hauptrequisiten hatte der Priester den Kreuz und die Bibel.

Brauch- und Rollenverständnis

Die Hauptrolle bei der Durchführung des Festes gehört dem Priester und seinen Helfern, die von den Gläubigen sehr geachtet werden.

Die Stimmung der Menschen, die feierliche Atmosphäre -alles sprach dafür, dass das Osterfest für die Leute von einer großen Bedeutung ist. Die Tatsache, dass auch Alte und Kranke gekommen sind und dass die Eltern ihre kleinen Kinder mitgebracht haben (trotz der späten Stunden) können das nur noch einmal bestätigen.

Organisation der Brauchveranstaltung

Die Durchführung des Festes wurde durch freiwillige Spenden ermöglicht. Da für das Begleichen des Kredits für den Bau der Kirche zusätzliche Spenden benötigt werden, wurden an den Gläubigen Broschüren verteilt (ohne Zwang oder irgendwelche Überreden).

Broschüre1.jpg
Broschüre2.jpg
Broschüre3.jpg
Broschüre4.jpg

Historische Genese, Verbreitung und Forschungsstand

Entwicklungsgeschichte des beschriebenen Brauches

Das Zelebrieren des russisch-orthodoxen Ostern in Augsburg lässt sich bis in die 30er Jahre des 20. Jh. verfolgen und ist mit der Geschichte der osteuropäischen Emigration nach Deutschland verbunden: Orthodoxe Migranten (hauptsächlich aus dem ehemaligen Russischen Reich) brachten ihre religiösen Bräuche und Feste mit und schufen Bedingungen für ihre weiteren Ausübung im Aufnahmeland.

Zum ersten Mal (und seitdem jährlich) wurde das russisch-orthodoxe Ostern in Augsburg 1936 zelebriert. Der feierliche Gottesdienst wurde in Goldschmidt-Kapelle von dem speziell für diesen Anlass eingeladenen Erzpriester Ioann Sokolow (russ. Иоанн Соколов) aus Berlin verrichtet. Zu derselben Zeit lässt sich die Formierung der russisch-orthodoxen Gemeinde in Augsburg zurechnen, die Anfang der 1940er schon 200 Mitglieder zählte. Der Zuwachs geschah wegen der Arbeitsmigration nach Deutschland von russisch-orthodoxen Migranten aus Frankreich und Belgien; seit 1942 wurde die Anzahl von Gemeindemitgliedern durch Ostarbeiter (viele davon waren aus der Ukraine) vergrößert. Anfang 1945 zählte die Gemeinde 200 Mitglieder aus Russland, Rumänien, Polen, Lettland und Estland. Bis 1948 stieg der Anzahl zu 600 Menschen. In den 1950er Jahren lässt sich eine kontinuierliche Verringerung der Mitgliederzahl feststellen: Im Jahre 1950 bestand die Gemeinschaft in Augsburg aus 210, 1952 – nur aus 150 Mitgliedern. Dies ließ sich durch eine Zunehmende Auswanderung (vor Allem in die USA) sowie durch die natürliche Verringerung der Anzahl von den „alten“ Emigranten. In den weiteren Jahrzehnten fuhr der Rückgang fort: Im Jahre 1994 zählte die Gemeinde nicht mehr als 10-15 Mitglieder. Der Aufstieg begann Ende 1990er mit einer neuen Welle der Migration aus der ehemaligen Sowjetunion (hauptsächlich aus Russland, der Ukraine, Kasachstan). Zur Zeit zählt die russisch-orthodoxe Gemeinschaft ca. 150 Mitglieder.

Bis 2012 hatte die russisch-orthodoxe Gemeinschaft kein eigenes Kirchengebäude (Stadtbergerstr. 26a, 86157 Augsburg): Die Gottesdienste sowie das Zelebrieren von religiösen Festen (darunter auch Ostern) wurden in der schon erwähnten Goldschmidt-Kapelle, einer selbst errichteten Hauskirche (Gänsbühlstraße 204), der evangelischen Max-Kirche, Galluskirche, in der ehemaligen Synagoge in der Ulmerstraße und schließlich in Antonius-Kirche verrichtet. Erst 2012 wurde das Gebäude für die russisch-orthodoxe Kirche in Augsburg errichtet (zu Ehren der Gottesmutterikone „Freude aller Trauernden“ (russ. Икона Божией Матери „Всех скорбящих Радость“).

Kirche1.jpg
Kirche2.jpg

Die Architektur der Kirche hat eine symbolische Bedeutung: Das Gebäude hat die Form eines Schiffs, was mit der kirchlichen Aufgabe (wie sie von den Gläubigen verstanden wird), den Menschen „im Meer des Lebens“ zu schützen, verbunden sein sollte.

Kirche3.jpg

Allgemeine Verbreitung des Brauches

Das russisch-orthodoxe Ostern in Augsburg wird von der russisch-orthodoxen Gemeinschaft gefeiert.

Forschungsstand allgemein

Es wurden keine wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema der russisch-orthodoxen Gemeinde in Augsburg gefunden.

Für die Erstellung dieser Artikel wurden die folgenden Datenquellen benutzt:

Webseite der russisch-orthodoxen Kirche in Augsburg http://www.rocor-augsburg.de/de/index.php, letzter Zugriff am 02.07.2013.
Interview mit Frau Irina Roloff, am 20.04.2013 und am 25.04.2013.
Teilnehmende Beobachtung des Festes am 04./05. 05. 2013.

Literatur (weiterführend)

Andresen, C., Die Kirchen der alten Christenheit, Die Religionen der Menschheit ; Bd. 29, 1/2, Stuttgart [u.a.], Kohlhammer, 1971.
Boenneke, S., Werner, R., Pascha des Herrn. Homilien und Hymnen zum orthodoxen Osterfest, Edition Cardo; Bd. 74, Köln, Koinonia-Oriens e.V., 2001.
Denzinger, H., Hünermann, P., Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg im Breisgau [u.a.], Herder, 2007.
Gutschera, H., Maier, J., Thierfelder, J., Geschichte der Kirchen. Ein ökumenisches Sachbuch, Freiburg im Breisgau [u.a.], Herder, 2006.

Kommentare


blog comments powered by Disqus



Diese Seite wurde zuletzt am 29. Oktober 2013 um 07:39 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 16.851-mal abgerufen (to Cache).