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Butzegong in Hinterstein

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Bräuche
Bräuche > Bayern > Schwaben
Bräuche > Lebenszyklus > Jugend
Geprüfte Artikel > Gelber Artikel


Termin

Dieser Brauch ist vom 06.01.2018 bis zum 14.02.2018.

Einstiegsinformationen

Titel (Brauchname & Ort)

Der alte Brauch des „Hinterschtuinar Butzegongs“, wie es im Allgäuer Dialekt heißt, also des Butzen gehens ist nur im kleinen Allgäuer Bergdorf Hinterstein beheimatet. „Bayerisch Zermatt“ wie der Ortsteil von Bad Hindelang aufgrund der Höhenlage auf 866 Meter auch genannt wird, liegt mit seinen ca. 500 Einwohnern eingebettet in den Allgäuer Alpen. Dieser Abgeschiedenheit ist es unteranderem zu verdanken, dass sich hier jahrhundertalte Bräuche bis heute erhalten haben.

(vgl.: http://www.badhindelang.de/informieren/ferienregion-im-allgaeu-ortsteile/hinterstein-866-m.html)

Kurzcharakterisierung

Beim Butzegong schlüpfen die Hintersteiner Buben in bestimmte Rollen und sagen an jedem Haus alte Sprüche auf. Als Dank bekommen sie Mehl, Zucker, Eier und Schmalz, was beim örtlichen Bäck zu „Butzenzöpfen“ verarbeitet wird. Diese werden dann am „Butzenfest“, das gewöhnlich eine Woche später stattfindet, neben einer Brätknödelsuppe und Kuchen gegessen.

Butzenzug.jpeg

Terminierung

Jedes Jahr in der Fasnacht, also in der Faschingszeit vom Dreikönigstag (06.01.) bis zum Aschermittwoch sind die Butzen an einem Wochenende in Hinterstein anzutreffen.

Empirische Dokumentation

Ablauf des Butzegong

Die ersten Vorbereitungen werden vom „Butzenmeister“, also dem Ältesten, bereits um die Weihnachtszeit getroffen. Er hat die Aufgabe, die Rollen und Sprüche zu verteilen und die Kostüme aufzubewahren und herzurichten.
Am ausgewählten Wochenende treffen sich dann die Buben der jeweiligen Ortsteile: Vorderes, Mittleres und Hinteres Dorf. Ursprünglich hatte jeder Ortsteil seinen eigenen „Butzenzug“; dieses Jahr wurden aber das Vordere und Mittlere Dorf aufgrund der geringen Anzahl an Buben zusammengelegt.
Um ca. 9 Uhr geht es los und die Züge ziehen von Haus zu Haus. Jeder beginnt an einem anderen Ausgangspunkt, damit es zu keinen Ungleichheiten kommt. Alle Butzenzüge ziehen nämlich durch das ganze Dorf und so bekommt der erste natürlich etwas mehr Naturalien als der letzte.

Die Reihenfolge des Zuges ist genau festgelegt und der Butzenmeister, der Chef der Truppe, achtet darauf, dass diese Folge eingehalten wird und Ordnung unter den Buben herrscht. Meist werden die Butzen schon erwartet und haben sie sich in einer Reihe aufgestellt, beginnen sie, ihre Sprüche nacheinander aufzusagen. Als Dank erhalten sie Mehl, Zucker, Eier und Schmalz. Gerne nehmen sie auch eine kleine Spende. Mit einem Pfie Gott! Vergealts Gott verabschiedet sich die lustige Gruppe und zieht weiter zum nächsten Haus.

Am Ende des Wochenendes werden die gesammelten Lebensmittel zur Bäckerei von Hinterstein gebracht. Der Schtik, so wird die Bäckerei Weber in Hinterstein genannt, bäckt aus den Zutaten die guten Butzenzöpfe. Dies ist nicht immer ganz einfach, da die Buben ein breites Sortiment zusammentragen. So haben beispielsweise die Eier unterschiedliche Größen, das Schmalz ist manchmal Butter, manchmal Margarine.

Dennoch ist der Butzenzopf jedes Jahr etwas ganz besonderes für die Buben und ihre Familien und geschmeckt hat er bisher immer.

(vgl.: Interview mit Frau Beate Lipp)

Die Rollen & Sprüche

Die Ältesten der jeweiligen Gruppe übernehmen meist die 5 wichtigsten Rollen, nämlich den „Butz“, das „Tapferwieb“, „Bumperniggl“, den „Fähnder“ und den „Rößlar“. Weitere Charaktere wie der „Riese Goliath“, dr „Bearglarbüe“, „Bodesea“ oder der „Hauptmann“ werden je nach Anzahl der Buben verteilt. Der Butzemeister ist die wichtigste Person, der Butz.
2014 waren im Mittleren Dorf folgende 12 Butze, die die jeweiligen Sprüche aufsagten:

Der Rößlar.jpeg
Rößlar

Reite hea also fescht
und grieße meine Fasnachtsgäscht.
Eine wie de Ôndre,
Apotheker nicht genannt,
reitet der Kaiser durchs ganze Land.
I kumme hea vu Sachse,

wie die schöne Mädle uf de Bäume wachse.
I kumme hea vu Wange,
weiß it, bin i hea gritte oder hea gange.
I hô a Hüs, wie a Nuß,
wenn i voana ning gông
bine hinda duß.
Hoch mein Fasnachtsroß!

Fähnder
Dr Fähnder 1.jpeg


I bi dr Fähnder rechtens gut
trage die Feder auf meinem Hut.
I schwing de Fahne zwei- dreimal herum,
daß ich ein gutes Mittagmahl bekomm.

I hab de Fahne schon oft geschwungen
ischt mir ganz wohl gelungen,
hätt der Franzos was gsagt,
hätt ihn nausgjaggt aus der Stadt.

Riese Goliath.jpeg

Riese Goliath


In Breslau, Basl, Kopenhagen,
in Warschau kann mans auch erfragen
in Petersburg und Wien,
daß ich der Riese Goliath bin.
Im München kann mans auch erfragen,
da kann man gleich die Herkulesse fragen.
Tausend Gulden setz ich dran
wer mich zu Boden werfen kann.
Da kam ein kleiner Herkuless
und warf mich zu Boden,
daß meine Brust zu wacker schien.


Dr Wirt
Dr Wirt.jpeg


I bi dr Wirt vum dire Ascht,
i beattle s Broat und gibs em Gascht.
Dr Vadder hôt gmuit i sei verdoarbe
ietz bine a wackra Kriegsma woare.

DMüetter hôt gmuit i sei uf em Feald
derbis hocke hindrem Ofe und zell s Geald us dr Täsche
daß e ka dGurgl üswäsche.

Dr arm Bäck
Dr Bäck.jpeg


I bi a arma Bäck,
hô nuits as Schtroah und Säck.
I bi mit drei lidrena Katza i dMühle gfahre,
i hô a Roß wo gar it zuicht
und an Kneacht vu dArbat fluicht,
dea frißt am Tag siebe Kessl vol Mües
und zeche Laib derzüe,
na seit dr Kog a hab no it gnüe!

Wießehoan
Wießehoan.jpeg


I kumme hea vu Wießehoan,
i hô ming Wieb im Bett verlorn,
i hô se gsüecht im gonze Hüs,
ietz ischt ber dHex bum Kemmat nüs!

S Würschtle.jpeg
s Würschtle


I bi a kleis Würschtle
ho Hünger und Dirschtle,
i lôß bers güet schmecke,
nôcha ka be lông schtrecke.

Bearglarbüe.jpeg
Bearglarbüe


I bi a kleina Bearglarbüe,
im Summer hône kui gônze Hosa meah,
dr Winter aber dea ischt lông,
drum müeß i mit de Butze gông.

Bodesea.jpeg
Bodesea
I kumme hea vum Bodesea,
i hô kuine gônze Hosa meah,
gônze Hosa müeße hông,
sunscht kane numma Butze gông. Bumperniggl
Bumperniggl.jpeg

I bi a kleina Bumperniggl,

i bi a kleina Bear
wie be Gott erschaffe hôt,
so zottle hinda hea.

Tapferwieb
Tapferwieb.jpeg

I bi s tapfer Wieb,
trag de Sack uf minam Lieb.
Ach Gott erbarm, ach Gott erbarm,
siebe Suppa und kuine warm,
bitt um a Drießgarle Meahl,
und a Batzele Geald! Butz
Butz.jpeg

I bi dr Butz us dr Wurz
bi it zklei und bi it zkurz,
bi a wackra Weabarskneacht,
Müettlerle, Müettlerle lôß de schi grieße,

an Dolle Knolle Schmôlz in Kibl ingegieße.
It gar zklei, aber reacht groaß,
daß es ber de Kibl it verschtoaßt.

(vgl.: Interview mit Frau Beate Lipp)

Das Butzefest

Etwa eine Woche nach dem Butzegong findet das Butzenfest statt. Dafür ist hauptsächlich die Mutter des Butzenmeisters verantwortlich, die für den ganzen Butzenzug ihres Sohnes Brätknödelsuppe kocht. Je nach Appetit und Knödelgröße verspeist hier der ein oder andere Butz schon mal 20 Knödel.

Nach der Suppe gibt es noch Kuchen oder Krapfen, die von den Müttern der restlichen Butzen beigesteuert werden. Zwischen den einzelnen Gängen verteiben sich die Buben die Zeit mit Spielen, Schneeballschlachten oder einer Rodelpartie.

Früher, so lässt sich in einem Bericht von Josef Ilmberger aus Hinterstein nachlesen, gab es an diesem Fest neben der Suppe pro Person 15 Butzenküchlein mit Apfelmus oder Zwetschgenbrühe. Außerdem Kaffee, Brot und ein Glas voll Bier. Auf das Bier wird heute verzichtet, aber der Bauch eines jeden Butz ist dennoch bis zum platzen voll.

Dieser Tag, meist der Samstag, ist für die Buben ein Highlight, weil hier auch die Butzenzöpfe und natürlich das verdiente Geld verteilt werden. So kommen die Buben jährlich mit einem vollen Bauch, einem vollbepackten Rucksack und viel guter Laune nach Hause.

(Vgl. Butz und Butzewible. Ein Oberallgäuer Fasnachtsbrauch von Josef Ilmberger, Hinterstein, Allgäu)

Brauch- und Rollenverständnis

Im Allgäu und auch besonders in Hinterstein wird großer Wert darauf gelegt, alte Bräuche zu erhalten. Die Liebe und der Bezug zur Tradition wird von Generation zu Generation weitergegeben und so ist jeder Bub stolz darauf, ein Butz zu sein.

Es gibt kein Aufnahmeritual. Allerdings müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein, denn es darf nicht jeder mitmachen:

- Mädchen dürfen bis jetzt nicht teilnehmen, obwohl wahrscheinlich Überlegungen aufgrund der geringen Bubenanzahl angestellt werden müssen.

- Die Buben müssen in Hinterstein wohnen. Hier wird eine Ausnahme für zugezogene Familien gemacht: Wenn die Buben der Dorfgemeinschaft angehören, dürfen sie auch mitmachen.

- Schulbuben: Butzegong dürfen nur die Buben im Schulalter, also von ca. 6 bis etwa 15 oder 16 Jahren. Kinder, die aufs Gymnasium gehen, hören auch in diesem Alter auf.

- Alle Butzen müssen im Herbst zuvor im Funkenholz gewesen sein, da jeder Butzenzug am Funkensonntag einen Funken baut. Hier wird natürlich um die Größe gewetteifert und welcher Holzturm am schönsten brennt.

== Organisation des Butzegongs
Butzenzug 1.jpeg

Organisiert wird der Brauch von den Buben selbst und natürlich hauptsächlich vom Butzenmeister. Sie legen gemeinsam einen Termin fest, was bei den heutigen Hobbies und Aktivitäten der Kinder nicht immer einfach ist. Das festgelegte Datum wird nicht ausgeschrieben; es wird mündlich weitergegeben und so erfahren alle Bewohner rechtzeitig, wann die Butzen bei ihnen klingeln werden.

(vgl.: Interview mit Beate Lipp)

Historische Genese, Verbreitung und Forschungsstand

Ursprung und Entwicklung des Butzegong

Der Brauch geht bis auf den 30jährigen Krieg (1618-1648) und die Franzosenzeit (1792-1815) zurück. Diese Einflüsse lassen sich auch deutlich an den Sprüchen erkennen. Die Rolle des Rumpe de bum, die 2014, möglicherweise auch wegen seiner Grausamkeit, nicht besetzt war, zeigt dies deutlich:

Rumpe de bum bum,
dr Kaiser gôht um,
mit Händ und mit Fieß,
mit fuirega Schpieß.
Dr Schwed ischt kumme
hôt alles gnômme,
hôt Finschtre inggschlage,
hôt s Blei üsgrabe,
hôt Kugla drus gosse,
hôt Büre verschosse,
hôt dMeidle üfghenkt
und Bieble vertränkt.

Die Übersetzung für alle Nicht-Allgäuer:

Rumpe de bum bum
der Kaiser geht um.
Mit Händen und Füßen
mit feurigen Spießen.
Die Schweden sind gekommen
haben alles genommen.
Haben Fenster eingeschlagen,
das Blei ausgegraben.
Haben Kugeln daraus gegossen
und Bauern erschossen.
Sie haben Mädchen erhängt
und die Buben ertränkt.

Die Schrecken des Krieges und die Auswirkungen auf die Bevölkerung werden hier deutlich sichtbar. Aber auch der Erhalt von Erinnerungen und Erfahrungen ist Teil eines Brauches und so ist es wichtig, dass auch die heutige Generation die Grausamkeit von Gewalt erkennt, um weitere schlimme Kriege zu verhindern.

Sicher ist auch, dass das Butzegong seinen Ursprung als Bettelbrauch hat. Früher sind in der Fasnachtszeit die Kinder oft Mäschgerle gange. Sie haben sich also verkleidet und kleine Sprüche oder Aufführungen an den Häusern aufgeführt. Da die Freizeitmöglichkeiten in damaligen Zeiten sehr begrenzt waren, kam diese Abwechslung sowohl den Kindern als auch den Bewohnern sehr gelegen. Als Dank gab es etwas Geld oder einen Happen zu essen. Besonders in der armen Kriegszeit, in der es viel Not und Hunger gab, war so manche Familie um ein paar einfache Lebensmittel froh, die auf solche Weise den Weg in die hungrigen Mäuler der Kinder fanden.

Natürlich macht auch die Modernisierung vor diesem Brauch nicht Halt. Da Hinterstein aber eine Gemeinde ist, die sehr auf den Erhalt alter Bräuche und Traditionen bedacht ist, sind die Veränderungen nur sehr gering. So sind die Sprüche seit Jahrzehnten unverändert, nur die vom Würschtle und vom Bearglarbüe sind nach dem 2. Weltkrieg dazugekommen. Selbstverständlich sind die Kostüme heute etwas moderer, aber der Grundcharakter ist unverändert. Die Fahne des Fähnder ist beispielsweise schon unzählige Male Butzen gegangen.

(vgl.: Interview mit Frau Beate Lipp & Fasnacht ist Brauchtum in Bayerisch-Schwaben)

Verbreitung

Hinterstein ist, wahrscheinlich auch durch seine Abgeschiedenheit bedingt, schon immer etwas Besonderes gewesen. Die Bewohner bleiben gerne für sich und früher gab es handfeste Rivalitäten zum einzigen direkt benachbarten Ortsteil Bad Oberdorf. Wenn auch diese Feindseligkeiten glückerlicherweise durch die gemeinsame Schule in Bad Hindelang größtenteils niedergelegt wurden, besteht bis heute eine bestimmte Spannung, die unteranderem vom Stolz der jeweiligen Dörfer herrührt.

So kommt es, dass sich das Butzegong nur in Hinterstein erhalten hat. Es wäre, früher wie heute, nicht denkbar, dass ein Bub aus einem anderen Dorf und schon gar nicht aus Bad Oberdorf an dem Brauch der Butze teilnimmt.

(vgl.: Interview mit Beate Lipp)

Hintergrund-Infos

Siehe auch

http://www.badhindelang.de/informieren/ferienregion-im-allgaeu-ortsteile/hinterstein-866-m.html

Belege, Literatur

  • Interview mit Beate Lipp
  • Fasnacht ist Brauchtum in Bayern, Herausgeber: Regionalverband Bayerisch Schwäbische Fasnachtsvereine e.V., 1. Aufl., 2000
  • Text Butz und Butzewible - ein Oberallgäuer Fasnachtsbrauch von Josef Ilmberger, Hinterstein (Allgäu), um 1900

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