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Bosseln Bieselbach

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Am Samstag, den 16. Juni 2012 fand bereits zum sechsten Mal ein Bosselturnier im Horgauer Ortsteil Bieselbach (L
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andkreis Augsburg) statt. Veranstaltet wird dieses Turnier vom Förderverein der Löschgruppe Bieselbach, unter der Leitung des 1. Vorsitzenden Artur Scheurer. Beim Bosseln handelt es sich um einen Brauch aus dem Norden Deutschlands, der sich in Bayern in den letzten Jahren ebenfalls zunehmender Beliebtheit erfreut. Bei dieser Veranstaltung treten mehrere Mannschaften gegeneinander an. Auf einer Strecke von circa vier Kilometern muss von den einzelnen Teammitgliedern abwechselnd eine etwa vier Kilogramm schwere Eisenkugel auf Wald- und Feldwegen gerollt werden. Entlang der Wegstrecke befinden sich drei Stationen, an welchen sich die Teams verschiedensten Aufgaben stellen müssen, um möglichst viele Punkte für ein gutes Endresultat zu erzielen. Bei der »Bieselbacher-Bosselvariante« spielt die Anzahl der Würfe pro Mannschaft, sowie die benötigte Zeit um den Parcours zu absolvieren, keine Rolle in der Wertung. Für besondere Aufmerksamkeit bei den Zuschauern sorgen die selbstgebauten Leiter- und Handwägen der teilnehmenden Mannschaften. Auf diesen, meist aufwendig gestalteten Wägen, werden Speisen und Getränke mitgeführt, um das leibliche Wohl während der Bosselzeit sicherzustellen.

Ablauf

Ort des Geschehens

Bieselbach ist ein kleiner Ortsteil der Gemeinde Horgau mit 150 Einwohnern und liegt rund 20 Kilometer westlich von Augsburg. „Berühmt wurde Bie
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selbach durch einen äußerst wertvollen holzgeschnitzten Altar, das einzige gesicherte Hauptwerk des Ulmer Bildhauers Daniel Mauch (1510).“ (Bieselbach (07.10.2010), http://www.horgau.de/horgau/kultur/geschte/bislb/bislb.htm (08.08.2012).)

Über die Ortsgrenzen hinaus bekannt, ist auch das Bieselbacher Gartenfest, mit seiner traditionellen Fahrradrallye am Sonntagvormittag. Das Gartenfest findet alljährlich am letzten Juli-Wochenende statt, und wird vom Kegelclub Bieselbach organisiert.

Teilnehmer und Mannschaften

Teilnehmen kann im Grunde jeder, jedoch ist die Anmeldung nur als Mannschaft möglich. Die Aktiven stammen in der Regel aus dem Gemeindegebiet Horgaus mit ihren ansässigen Ortsvereinen. Ein Team besteht aus sechs bis zehn Personen, wobei es kaum Regeln für die Zusammensetzung gibt. So gibt es reine Männer- bzw. Frauenteams, gemischte Mannschaften oder Jugendteams. Bei Teams mit minderjährigen Teilnehmern ist die Begleitung durch einen Erwachsenen vorgeschrieben.

Beim diesjährigen Bosselturnier haben sich neun Mannschaften angemeldet, unter anderem eine Männer- und Frauengruppe der Schnupfer- und Wanderfreunde Auerbach, die Rothtaler Musikanten sowie ein Jugendteam der Freiwilligen Feuerwehr Horgau. (vgl.: Förderverein Löschgruppe Bieselbach. Bosselturnier 2012. In: Horgauer Gemeindeblatt, Juli, 2012, S. 12. Online verfügbar unter http://www.horgau.de/horgau/gdeblatt/gdebltt/2012_07.pdf (08.08.2012).) Den Namen des Teams bestimmen die jeweiligen Mannschaftsmitglieder, wobei der Fantasie kaum Grenzen gesetzt sind, wie im Beispiel des Teams »Die zarteste Versuchung«. (vgl.: Kohler, Hans: Schützenjugend aus Streitheim vorn (20.08.2012), http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Schuetzenjugend-aus-Streitheim-vorn-id4030151.html (08.08.2012).)

Veranstalter

Veranstaltet wird das Bosselturnier jährlich vom Förderverein Löschgruppe Bieselbach e. V. Erster Vorsitzender und Hauptorganisator des Bosselturniers ist Artur Scheurer.

Strecke und Stationen

Bei der Strecke handelt es sich um teils geteerte, teils auch ungeteerte Wald- und Feldwege. Insgesamt ist die Strecke 3,8 Kilometern lang. Die Strecke weist ein deutliches Gefälle auf, und verlangt so, zusammen mit den wechselnden Streckenbelägen, den Teilnehmenden so manch bosselspezifischen Fähigkeiten ab.

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Zu Beginn des Turniers treffen sich die Mannschaften zum Startschuss am Festplatz in Bieselbach, wo sich auch das Feuerwehrhaus 5)1 befindet. Die Teams begeben sich in einem Zeitabstand von 10 Minuten, zur Startlinie 1), welche gleichzeitig die Ziellinie ist. Auf der Rundstrecke erwarten sie zwei Zwischenstationen, an denen sie sich Aufgaben oder Spielen stellen müssen. Diese variieren von Jahr zu Jahr, um neben immer wieder neuen Herausforderungen auch den Spannungs- und Spaßfaktor zu erhöhen. An der ersten Zwischenstation 2) des diesjährigen Bosselturniers wurde eine Fußballtorwand aufgebaut. Jedes Mannschaftsmitglied hatte drei Versuche in eines der beiden Löcher zu treffen. Bei der zweiten Zwischenstation 3) wartete dann ein mit Wasser gefülltes Aquarium, auf dessen Grund ein Trinkglas stand. Jeder Teilnehmer bekam zwölf 5-Cent-Münzen in die Hand, mit der Aufgabe möglichst viele Münzen im Glas zu versenken. Gerade bei dieser Station waren Geschicklichkeit und logisches Gedenken gefordert. Ein Versenken einer einzelnen 5-Cent-Münze ist kaum möglich, wird hingegen aus den zwölf Münzen ein Stapel gebildet, landen diese treffsicher im Glas. Die letzte Station des Turniers befand sich nach absolviertem Rundkurs am ursprünglichen Ausgangspunkt, dem Festplatz. Auf der Wiese des Sportplatzes 4) wurden Holzpfähle in den Boden geschlagen. Mit Holzringen kleineren und größeren Durchmessers mussten die Wettkämpfer von einer vorgegebenen Linie aus auf die Pfähle werfen.

1siehe Nummerierung im Luftbild der Bosselstrecke

Spielgerät

In Bieselbach wird mit einer vier Kilogramm schweren Eisenkugel gespielt, die ehemals von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) gefertigt wurde. Je nach Region werden beim Bosseln aber verschiedenartige Wurfgeräte verwendet.

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„In Ostfriesland und im Oldenburger Land wird mit Gummi- und Kunststoffkugeln geworfen, die zwischen 8,5 (Jugend F) und zwölf Zentimeter (Männer) durchmessen. Die Kunststoffkugel heißt dort auch »Holz«, weil sie im Wettbewerb den früher üblichen Pockholter, eine Boßel aus dem harten Holz des Guajak-Baumes, abgelöst hat. Ebenfalls aus Holz oder Kunststoff, aber mit einem Durchmesser von 65 bis 90 Millimetern etwas kleiner ist die Boccia […] in Italien. In Schleswig-Holstein und in den Niederlanden werden die gleichen Kugeln wie beim Klootschießen verwendet, und in Irland ist die 800 Gramm schwere Eisenkugel […] das traditionelle Wurfgerät. Die Eisenkugel, die beim spanischen Tiro de Bola geworfen wird, ist mit 1670 Gramm das schwerste Wurfgerät.“ (Boßeln. Straßenboßeln. Wurfgerät (07.08.2012), http://de.wikipedia.org/wiki/Boßeln (08.08.2012).)

„Zur Grundausstattung einer Boßelmannschaft zählt neben den Kugeln unbedingt ein Klootsoeker der dazu dient, Kugeln aus wasserführenden Straßengräben zu fischen. Er besteht aus einem Korb, an dem ein langer Stiel befestigt ist.“ (Bosseln. Straßenboßeln. Wurfgerät (07.08.2012), http://de.wikipedia.org/wiki/Boßeln (08.08.2012).) Gebräuchlich und synonym verwendet wird auch die Bezeichnung Grabber.

Spielregeln

Der eigentliche Spielgedanke des Bosselns ist es, eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu absolvieren. Für die genaue Dokumentation muss jede Mannschaft eine Liste über die Anzahl der Schübe eines jeden Teammitglieds führen. Um jüngere Teilnehmer nicht zu benachteiligen, wird die Summe der Würfe in Bieselbach im Endergebnis nicht mit einberechnet. Die Platzierung ergibt sich ausschließlich aus den Resultaten an den Spielstationen, welche ebenfalls auf der mitgeführten Liste notiert werden.

In welcher Reihenfolge die Personen werfen, wird zu Streckenbeginn festgelegt und darf im weiteren Verlauf nicht abgeändert werden. An der Stelle, wo die Kugel den Weg verlässt bzw. liegen bleibt, setzt der Nächste zum Wurf an. Besondere Vorsicht beim Schub ist an steigenden oder fallenden Streckenpassagen geboten. Hier kann die Kugel schnell aus den Augen verloren gehen. Tückisch sind ebenfalls tiefe Gräben, dicht bewachsene Sträucher am Wegrand sowie Getreide- oder Maisfelder. Kommt die Kugel von der Strecke ab, muss sie gesucht werden, damit das Spiel fortgesetzt werden kann.

Doch nicht nur die Strecke birgt so manche Schwierigkeit. Auch die konkurrierenden Teams können den Sieg vereiteln, indem sie in einem unwachsamen Augenblick die Spielkugel der gegnerischen Mannschaft stehlen. Diese muss dann ausgelöst werden. Eine Möglichkeit ist es, einen Schnaps oder kleinen Imbiss im Gegenzug anzubieten.

Wie viel Zeit eine Mannschaft für die Strecke benötigt, findet in der Bewertung ebenfalls keinen Niederschlag, allerdings ist ein Zeitlimit von maximal fünf Stunden vom frühesten Startzeitpunkt einzuhalten. Inklusive Rast und Spielstationen sind in der Regel zwei Stunden ausreichend.

Wägen

Zur Grundausstattung einer Bosselmannschaft zählt neben der Bosselkugel und dem Klootsoeker, auch ein mitgeführter Wagen. (vgl.: Was ist Boßeln oder Kootschießen. Ausstattung einer Boßel Tour, http://www.heidebluete.de/service/heide-lexikon/was-ist-bosseln-oder-klootschiessen (09.08.2012).) Für diese Wägen finden sich zahlreiche verschiedene Bezeichnungen wie Handwagen, Leiterwagen, Bollerwagen oder Proviantwagen. Der Wagen wird vom jeweiligen Team selbst gestaltet und nach ihren ästhetischen sowie kulinarischen Bedürfnissen entsprechend angepasst und geschmückt. Zwischen den Mannschaften herrscht ein regelrechter Wettstreit um den schönsten und spektakulärsten Wagen. Aber nicht nur den Gegnern möchte imponiert, auch das Interesse und die Aufmerksamkeit der Zuschauer am Wegrand will auf sich gelenkt werden.

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So verschieden die Wägen in Größe, Form und Aussehen auch sind, haben sie doch etliche Gemeinsamkeiten. Auf unterschiedliche Art und Weise realisiert, finden sich Vorkehrungen und Behältnisse für alkoholische Getränke, nicht selten werden auch komplette Bierkästen oder Bierfässer mittransportiert. Für die Kühlung von Eis und Getränken bei heißem Wetter sind Kühlboxen ein unerlässliches Bossel-Accessoire. Mittlerweile haben sogar viele Mannschaften einen eigenen Grill am Bollerwagen montiert. Üblich ist auch die Befestigung eines Sonnenschirms, um sich vor Sonne oder Regen zu schützen. Impressionen vom Bosselturnier 2009, inklusive Bilder der Bosselwägen, finden sich unter http://www.myheimat.de/gersthofen/bosseln-in-bieselbach-d104071.html.

Aus dem Teilnehmerfeld in Bieselbach sticht der motorisierte Bosselwagen des Männerteams der Schnupfer- und Wanderfreunde Auerbach hervor. Mit einem blauen Vespacar bestreiten sie jedes Jahr den Rundkurs.

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Entstehungsgeschichte des Brauchs

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Die Entstehungsgeschichte des Bosselturniers in Bieselbach nimmt seinen Anfang im hohen Norden, in Klein Escherde (http://www.klein-escherde.de/) bei Hannover. In diesem kleinen Ort mit rund 500 Einwohnern gibt es einen Almabtriebsverein. Dieser Verein entschied im Jahr 2005 nach einer Braunkohlwanderung aus einer Bierlaune heraus, einen Almabtrieb in Klein Escherde zu organisieren. (vgl.: Blau-weiße Entwicklungshilfe rollt nach Klein Escherde. In: Kehrwieder am Sonntag, 24.07. 2005, S. 3.)

Da in ihrer Region aber das nötige Know-how zu solch einer typisch bayerischen Veranstaltung fehlte, wandten sich die Mitglieder des Almabtriebvereins Klein Escherde mit einem Hilferuf an den Radiosender Bayern 1. Dieser war begeistert von der Idee und startete eine Aufrufaktion unter dem Motto »Entwicklunglungshilfe«. „Einen ganzen Tag lang rief das Radioprogramm »Bayern 1« […] seine Hörer zum Traditionstransfer in die Hildesheimer Börde auf – ohne Gage, dafür aber gegen Kost und Logis bei den Klein Escherdern.“ (Blau-weiße Entwicklungshilfe rollt nach Klein Escherde. In: Kehrwieder am Sonntag, 24.07. 2005, S. 3.) Daraufhin meldeten sich dutzende Blaskapellen, Trachtenvereine, Käselieferanten, Brauereien usw., um die Aktion zu unterstützen. Unter den Blaskapellen waren auch die Rothtaler Musikanten aus Horgau. Der Förderverein Löschgruppe Bieselbach schloss sich den Rothtaler Musikanten an, und bot seine Hilfe beim Parkplatzeinweisen sowie dem Absperren der Bundesstraße während der Festivität in Klein Escherde an. (vgl.: Bayerische Klänge als Exportschlager. In: Augsburger-Allgemeine-Land, 30.05.2005, Lokalteil S. 5.) Beide Vereine bekamen den Zuschlag und reisten am 24./25. September 2005 zum ersten Almabtrieb mit anschließendem Oktoberfest nach Klein Escherde.

Aus dieser Veranstaltung heraus entwickelte sich eine Freundschaft zwischen dem Fördeverein Löschgruppe Bieselbach und der Freiwilligen Feuerwehr Klein Escherde. Diese veranstaltet jedes Jahr ein Bosselturnier, zu dem die Bieselbacher im darauffolgenden Jahr eingeladen wurden. Die Bieselbacher nahmen dieses Angebot an und siegten im dortigen Turnier prompt. In der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung stand dazu: „Bei der von Ortsbrandmeister Gerfried Broihan-Klöpper vorgenommenen Siegerehrung dann die große Überraschung, dass die seit dem Almabtrieb mit der Feuerwehr Klein Escherde befreundete Feuerwehr Bieselbach mit 32 Punkten den ersten Platz belegte. Die Bayern kannten den Boßelsport vorher nicht.“ (Mal anders: Boßeln mit »fliegendem Teppich«. In: Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 06.07.2006, S. 22.) Von den Klein Escherdern inspiriert, planten und veranstalteten die Bieselbacher im Jahre 2007 erstmals ihr eigenes Bosselturnier.

Abermals für Aufsehen sorgten die Bieselbacher 2008, als sie beschlossen, anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Jugendfeuerwehr Klein Escherde und des 750-jährigen Jubiläums des Ortes Klein Escherde, zum dortigen historischen Festumzug mit dem Traktor anzureisen. Im Zusammenhang mit diesen beiden Jubiläen wurde wieder ein Almabtrieb mit Oktoberfest veranstaltet. Insgesamt benötigten die Bieselbacher vier Tage für den 530 Kilometer langen Anfahrtsweg. (vgl.: Kohler, Hans: Mit dem Schlepper nach Niedersachsen (16.09.2008), [1] (12.08.2012).)

Bosseln – ein traditioneller Volkssport aus dem Norden

Abgrenzung Klootschießen, Bosseln und Schleuderballwurf

Die geschichtliche Entwicklung des Bosselns lässt sich nur im Kontext der sogenannten »Friesenspiele« genauer beleuchten. (Hier und im Folgenden: vgl.: Kujas, 1994, S. 9.)
Zu diesen landschaftsbezogenen Volkssportarten zählen die Disziplinen Klootschießen, Bosseln und der Friesische Schleuderballwurf. Gemeinsam ist diesen Disziplinen, dass es sich bei allen um Wurfsportarten handelt, die das Ziel verfolgen, Bälle bzw. Kugeln möglichst weit durch die Luft zu schleudern oder auf der Straße zu rollen. Unter Volkssportarten versteht man dabei, dass diese Sportarten von einem Großteil der einheimischen Bevölkerung ausgeübt werden und aufgrund regionaler Charakteristika nur in diesem Gebiet entstehen konnten.

Das Klootschießen ist die älteste dieser drei Disziplinen. „Schnelligkeit, Kraft und Konzentration sind Voraussetzung für den, der diese schwierige leichtathletische Wurftechnik beherrschen möchte.“ (Kujas, 1994, S. 10.) Die Schwierigkeit der Wurftechnik liegt in der Koordination des Bewegungsablaufs.

„Der Bewegungsablauf ist ein kurzer, zum Abschluß hin schneller Steigerungslauf mit abschließendem Sprung. Im Sprung dreht sich der Werfer in Seitengrätschstellung. Bei gleichzeitig blitzschneller, kraftvoller Kreisbewegung des Armes wird die Kugel aus der Hand geschleudert.“ (Alberts, 1988, S. 15.)

Unterschieden wird hier zwischen den beiden Wettkampfarten Standkampf und Feldkampf. Beim Standkampf geht es darum, dass der einzelne Werfer eine möglichst große Flüchtweite erzielt. (Hier und im Folgenden: vgl.: Alberts, 1988, S. 15f.)
Flüchtweite meint die gemessene Weite von der Abwurflinie bis zum Auftreffen des Wurfgeschosses auf dem Boden. Traditionell wird beim Standkampf, wie auch beim Feldkampf, ein Sprungbrett als Hilfsmittel verwendet. In der Regel ist der Standkampf ein Einzelwettbewerb, der meist auf Sportplätzen ausgetragen wird. Ähnlich wie beim Diskus wird dazu ein bestimmter Wurfsektor, in welchem die Klootkugel aufkommen muss, auf dem Spielfeld kenntlich gemacht.

Der Feldkampf ist älter als der Standkampf und wird ausschließlich als Mannschaftswettbewerb durchgeführt. Die passende Jahreszeit hierfür ist der Winter, wenn der Boden hart gefroren ist. Allerdings sollten die Felder und Wiesen nicht vom Schnee bedeckt sein. „Diese speziellen Bedingungen sind notwendig, da der Trüll [das Ausrollen der Kugel nach dem Aufschlag] mitgemessen wird. Bei warmen Temperaturen schlägt der Kloot in den Boden ein und trüllt nicht weiter.“ (Niedersächsisches Inst. für Sportgeschichte Hoya e. V., 1989, S. 45.) Es treten zwei Mannschaften gegeneinander an, mit dem Ziel eine Strecke im Gelände mit möglichst wenigen Würfen zu bewältigen. Der nächste Werfer einer Mannschaft wirft dabei an der Stelle weiter, wo die Kugel seines Teamkollegen liegen geblieben ist.

Das Bosseln hat sich aus dem Klootschießen heraus entwickelt. Seine Wurftechnik ist aber bei weitem nicht so kompliziert, und somit für jedermann wesentlich schneller erlernbar.

„Die Anlauflänge beträgt etwa. 12 – 20 Meter. Es handelt sich dabei um einen langsamen Steigerungslauf, der locker und rhythmisch erfolgt. Die Absprungvorbereitungsphase beginnt mit dem Anpendeln des Wurfarmes. Der gestreckte Wurfarm wird einmal leicht nach vorne und dann mit einer weiten Auslage nach hinten zurückgenommen. Dies geschieht im Moment des Absprungs. Der Abwurf wird durch den Einsatz des Stemmbeines […] und mit dem Wurfarm ausgeführt, der mit größtmöglichem Kraftaufwand nach vorn schnellen muß.“ (Kujas, 1994, S. 14.)

Beim Bosseln gibt es die Unterscheidung zwischen Straßenbosseln und Weidebosseln.Das Straßenbosseln findet, wie der Name schon sagt, auf Verkehrsstraßen, geteerten und ungeteerten Wald- und Forstwegen statt. Es ist vergleichbar mit dem Feldkampf im Klootschießen. (Hier und im Folgenden: vgl.: Kujas, 1994, S. 15.)
Das Straßenbosseln kann im Gegensatz dazu auch im Sommer und von weniger geübten Teilnehmern betrieben werden. Meist treten nicht nur zwei, sondern mehrere Teams gegeneinander an. Für Ambitionierte besteht die Möglichkeit sich mit verschiedenen Wurfvarianten zu beschäftigen, um der jeweiligen Wegbeschaffenheit sowie dem Gefälle gerecht zu werden. Drei grundsätzliche Wurfvarianten, in der Beschreibung auf einen Rechtshänder bezogen, finden ihre Anwendung. Zunächst wäre der »Abwurf über den Daumen« zu nennen. Diese Wurftechnik wird eingesetzt, wenn der Weg ein Gefälle von rechts nach links bezüglich der Wurfrichtung aufweist. Angelaufen wird von der linken Straßeseite, der Werfer dreht den Unterarm nach außen und die Kugel verlässt die Hand über den Daumen. Die Kugel erhält somit einen Rechtsdrift. Eine weitere Wurfart ist der »Abwurf über den kleinen Finger«. Diese wird angewandt, wenn die Straße von links nach rechts abfällt. Der Bosseler dreht während des Abwurfs den Unterarm nach innen, wodurch die Kugel die Hand über den kleinen Finger verlässt. Die Bossel weist dadurch einen Linksdrall auf. Zuletzt wäre noch der »Abwurf aus der Hand ohne Effet« zu nennen, welcher bei Strecken ohne Gefälle oder bei Straßen, die Spurrillen aufweisen von Vorteil ist. Bei diesen Streckenbedingungen wird der Wurf aus der geraden Hand ohne Drall praktiziert.

Das Weidebosseln wird nur noch als Standkampf ausgetragen. Das »Lesen« der Wegstrecke, sowie die Findung der passenden Wurfvariante entfällt, da der ausgewählte und präparierte Wurfplatz kein Gefälle aufweist und sich dessen Beschafftheit auch nicht verändert.
(vgl.: Kujas, 1994, S. 18.)

Als letztes der drei Friesenspiele soll der Friesische Schleuderballwurf behandelt werden, welcher auch unter dem Begriff Friesenwurf bekannt ist. (Hier und im Folgenden: Kujas, 1994, S. 20.)
Geworfen wird mit einem Ledervollball, der mit einer Schlaufe versehen ist. Der Ursprung der Schleudertechnik ist wiederum das Klootschießen. Schon während des Anlaufs wird das Wurfgerät durch den vertikal kreisenden Wurfarm vorbeschleunigt.

„Wichtig ist hierbei, dass der Anlauf in Verbindung mit dem Armkreisen rhythmisch durchgeführt wird. Dies ist dann der Fall, wenn der Wurfarm beim Aufsetzten des linken Beines senkrecht nach oben zeigt und beim Belasten des rechten Beines (Stützbein) nach unten zeigt und der Schleuderball somit den tiefsten Punkt erricht.“ (Kujas, 1994, S. 20.)

Im Gegensatz zum Klootschießen und Bosseln ist das Schleuderballwerfen auch im Schulsport verankert.

Seit 1962 gibt es auch einen Wettbewerb, der Klootschießen, Bosseln und Schleuderball vereint. (Hier und im Folgenden: vgl.: Alberts, 1988, S. 109.)
Der Friesische Mehrkampf, auch Fünfkampf genannt, umfasst die Disziplinen Pockholzstraßenbosseln, Gummistraßenbosseln, Weidebosseln, Klootschießen und Schleuderballweitwurf. Der Fünfkampf wurde eingeführt, um eine zu einseitige Spezialisierung auf eine Disziplin abzubauen und guten Bosselern einen Zugang zum Klootschießen zu ermöglichen. Des Weiteren spricht er durch seine vielfältige sportliche Betätigung ein breiteres Publikum, darunter auch weibliche Teilnehmer, an. „Gewertet wird die Mannschaftsleistung der einzelnen Kreise und die Leistung des einzelnen Werfers. Gerungen wird um die Würde des Kreis-, Landesverbands- und Friesischen Meisters.“ (Niedersächsisches Inst. für Sportgeschichte Hoya e. V., 1989, S. 47.)

Herkunft des Wortes »Bosseln« 

„Die Herkunft des Wortes Boßeln zeigt in die Richtung althochdeutsch: boz(z)an = schlagen, stoßen, klopfen, über das französische bosseler = treiben und das italienische Kugelspiel Boccia (= Kugel) in den romanischen Sprachraum. In allen zu Rate gezogenen Wörterbüchern aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts [gemeint ist das 19. Jahrhundert] wird boßeln abgeleitet von »etwas schieben, stoßen; eine Kugel oder kreisförmige Scheibe vorantreiben; eine Kegelkugel schieben«. Boßeln wird meistens übersetzt mit »kegeln«.

Der oder die Bozzel oder Boossel ist die Kegelkugel, die Kugel allgemein, die große Marmel und auch der Globus. Ein Bosselhaus ist ein Kegelhaus, Bosselplatz die Kegelbahn und Bosselschub das Kegelspiel. Für die Tätigkeit des Boßelns sind im Deutschen Wörterbuch von J. u. W. Grimm aus dem Jahre 1860 unter anderem zu lesen: a) pfuschen, flicken, allgemein auch arbeiten, sogar schmieden; b) wälzen und purzeln; c) hin- und herstoßen oder –schieben; d) in der Flachsverarbeitung wird der Flachs »angeboßelt«, d. h. in Büschel gebunden. Schließlich wird bosseln mit Possen treiben und spielen übersetzt. [Der] ostfriesische[r] Ausdruck bösseln = flüchten oder wegrennen passt zu den Ausführen: he bössel d´r van dör = er rannte weg.“ (Alberts, 1988, S. 42.)

Entstehung des Bosselns

Zeugnisse schriftlicher und mündlicher Art belegen, dass der Ursprung des Bosselns bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. In dieser Epoche existierte das Klootschießen jedoch bereits hunderte Jahre. (Hier und im Folgenden: vgl.: Kujas, 1994, S. 37ff.)
Zur Entstehung des Bosselns gibt es zwei grundlegende Theorie-Ansätze. In der ursprünglichen Entstehungstheorie geht es darum, warum die Klootschießer dazu übergingen mit einer Kugel zu werfen, die mehr Gewicht und einen größeren Durchmesser hatte. Die Gründe für diesen Wurfgerät-Wechsel sind vielfältig. Da Klootschießen in seinem Ursprung nur bei klarem Frostwetter durchgeführt wurde, die Klootschießer aber ganzjährlich ihrer Leidenschaft nachgehen wollten, wichen sie auf befestigte Wege und Straßen aus. Andere Historiker vertreten die Meinung, dass durch die zunehmend dichtere Besiedlung das Klootschießen auf freiem Feld erheblich beeinträchtigt wurde.
In beiden Fällen mussten die Klootschießer auf befestigte Straßen ausweichen. Für den ebenen Untergrund und den schnellen Belag war die leichte Kugel jedoch nicht mehr geeignet. Schnell einigten sich die Sportler darauf, die Kugel schwerer und größer zu machen, um die Wurfweite zu reduzieren. Mit dem erhöhten Gewicht der neuen Kugel musste folglich auch die Wurftechnik vereinfacht werden. Das Straßenbosseln war geboren.
Die Neue Theorie setzt die Entstehungszeit des Bosselns mit der Entwicklung einer neuen Wurfart beim Klootschießen gleich. Diese neue Armkreis-Technik war aus der Sicht des Bewegungsablaufs anspruchsvoller und erforderte viel Training. Gerade ältere Sportler konnten oder wollten diesen erhöhten Trainings- und Zeitaufwand nicht mehr leisten. So kam es dazu, dass eine auf sie zugeschnittene Wurftechnik entwickelt wurde, welche den Schwerpunkt weniger auf die Technik und mehr auf die Kraft setzte. Dazu wählte man ein schwereres und größeres Wurfgerät. Zu Beginn waren die neuen Kugeln noch identisch mit den Kegelkugeln, welche auf Kegelbahnen, die sich häufig neben Gasthäusern befanden, geworfen wurden. Die zunehmende Bebauung der Feldflächen durch Wohnhäuser, der stark von der Witterung abhängige Untergrund und die Umgestaltung der Feldereingrenzungen wie beispielsweise durch Erdwälle oder andere Barrieren, führten zu einem Wechsel des Austragungsortes Feld hin zur Straße.

Welche dieser Theorien eine plausiblere Erklärung für die Entstehung des Bosselns liefert, lässt sich nicht eindeutig klären. Entscheidend bei allen Ansätzen ist die Übereinstimmung darin, dass sich das Bosseln als eigenständige Disziplin aus dem Klootschießen entwickelt hat.

Fachvokabular der Bosseler und Klootschießer

all wat d`r in sitt
mit aller Kraft
Bahn free, he kummt darmit!
Bahn frei, er kommt damit!
de Bahnwieser röppt
der Bahnweiser ruft
de Bahnwieser ut Stä smieten
Genau den Standort des Bahnweisers treffen und diesen zum Platzwechsel zwingen
De Kugel is stuuf doot
Die Kugel ist »tot«, rollt nach dem Aufschlag nicht weiter
fleidig
leicht, nicht zu hoch, rasant
Flücht
Weg des Kloots bis zum ersten Aufschlag
Glibber
Kugel, die zu früh aus der Hand fliegt
hier up an
hierher
hier mutt he her
hier muss die Kugel hin
högen
einen Werfer durch Hochwerfen ehren
isboßeln
Bezeichnung der Schleswig-Holsteiner für Klootschießen
Istrüller
Rollen des Kloots auf einer Eisfläche – ungültiger Wurf
Käkler und Mäkler
die Zuschauer bzw. Mitlaufenden; Besserwisser, Krittler
kickut
aufpassen
Kloot uphangen
Herausforderung zum Wettspiel: Die Kugel wird bei denen aufgehängt, die herausgefordert werden
Knirr un Murr dorachter!
Kraft dahinter!
Kretler
hatte Schiedsrichterfunktion, überwachte die Wurfbahn, die Absperrdienste und die Stockleger
liek ut Hand
Abwurf aus der Hand ohne Effet
Lüch up un fleu herut!
Hebe auf und fliege flach (weit) hinaus!
möten
aufhalten (z. B. die Kugel)
nu neih hum!
Nun wirf mit Kraft, setz alles dran!
över d` Finger
Abwurf über den kleinen Finger
Över d`Duum
Abwurf über den Daumen
Pudel
verunglückter Wurf
Scheet her – liek up mi an!
Wirf her – gerade auf mich zu!
Schöt in de Tasch
einen Wurf gewonnen = guthaben
trüllen - Trüll
Ausrollen des Kloots nach dem Aufschlag, -prall, Steußen
vörup
kleiner Vorsprung, voraus

(Auszug aus: Alberts, 1988, S. 43f.)

Bosseln ein Spiel oder Sport?

Zur Einordnung des Bosselns in den Bereich Sport oder eher Spiel, bedarf es zunächst einer Klärung des Begriffs »Sport«. Sport lässt sich folgendermaßen definieren:

„Sport kommt aus dem Englischen und bedeutet die Pflege der körperlichen Fähigkeiten sowie ihre Erprobung und Steigerung im Training und Wettkampf bzw. die Gesamtheit der Leibesübungen in vielfältigen Abstufungen zwischen Leistungsport und Ausgleichssport (Breitensport), Amateursport und Berufssport.“ (Alberts, 1988, S. 191.)

Wie bereits erwähnt, ist der Bewegungsablauf beim Bosseln relativ einfach und ähnelt dem weit verbreiteten Kegeln. (Hier und im Folgenden: vgl.: Alberts, 1988, S. 192f.)
Die leichte Erlernbarkeit und die sportliche Betätigung in der Gemeinschaft sind wichtige Ansatzpunkte dafür, dass sich das Bosseln in den letzten Jahrzehnten zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung entwickelt hat. Sowohl in Vereinen als auch im privaten Kreis wird gerne gebosselt. Dem gegenüberstehend steht der Punkspielbetrieb, dessen höchste Leistungsklasse bis in die Landeliga reicht. Auf diese wöchentlichen Wettkämpfe bereiten sich die Bosseler jedoch nicht in dem Ausmaß wie andere Sportler vor.

„Trotz vielfach ungünstiger Witterungsbedingungen denken diese Werfer nicht daran, möglicherweise zum Beispiel durch gymnastische Übungen den Körper und insbesondere die Muskulatur entsprechend vorzubreiten. Sportliche Leistungen in einem Wettkampf lassen sich wohl nur dann erzielen, wenn so elementare Voraussetzungen beachtet werden.“ (Alberts, 1988, S. 193.)

Ob es sich beim Bosseln nun um ein Spiel oder einen Sport handelt, hängt entscheidend vom Kontext, in dem es betrieben wird, sowie von der subjektiven Einschätzung jedes Einzelnen ab. Mitglieder eines Bosselvereins, welche beispielsweise unter dem Dachverband des Friesischen Klootschießerverbandes (FKV) organisiert sind und an nationalen, wie internationalen Meisterschaften teilnehmen, sehen sich sicherlich als Sportler an. Für die überwiegende Mehrheit ist es jedoch ein Spiel, bei dem Spaß, Spielfreude und Geselligkeit dominieren.

„Diskutieren, Kommentieren, Miterleben stehen im Vordergrund. Von daher sind dazu anregende Rahmenbedingungen unverzichtbar, etwa ein Bollerwagen, auf dem Getränke, Gebäck usw. mitgeführt werden. Ebenso sollte die Siegerehrung in eine gesellige Abschlussveranstaltung mit Siegerehrung, humorvoller Rede, Tanz und Gesellschaftsspielen eingebunden werden.“ (Berends, 1988, S. 15.)

Bosseln aus medizinischer Sicht

Etliche Gründe sprechen dafür, dem Bosseln positive Auswirkungen auf die Gesundheit zuzuschreiben. (Hier und im Folgenden: vgl.: Alberts, 1988, S. 201f.)
Wird der Bewegungsablauf beim Abwurf richtig durchgeführt, werden neben der Arm-, hauptsächlich die Bein-, und Rumpfmuskulatur trainiert. Doch nicht nur die Muskeln werden betätigt. Neben der Wurfbewegung an sich werden Zurufe der Teamkollegen aufgenommen, Entfernungen abgeschätzt oder die Streckenbeschaffenheit mit in den Vorgang einkalkuliert. Zudem bietet das Bosseln eine Gelegenheit, den von Sitzen geprägten Alltag zu durchbrechen und den Stoffwechsel anzuregen. Als ein wichtiger Faktor ist der soziale Aspekt des Bosselns, anzusehen, der indirekt zu einem gesundheitlichen Wohlbefinden beiträgt. Anerkennung in der Gruppe, Motivation, und Kennenlernen können beim Bosseln spielend gelingen. Jeder ist Teil einer Mannschaft und trägt mit seinen individuellen Fähigkeiten zum Endresultat bei.
Wie bei anderen Freizeitaktivitäten kann es auch beim Bosseln zu Verletzungen kommen. Unter den häufigsten zählen Verletzungen am Sprunggelenk, welche durch Umknicken in unebenem Gelände oder durch einen Anprall der Bosselkugel resultieren. Die Bandbreite der Verletzungen reicht hier von Verstauchungen, über Bänderrisse bis hin zu Knöchelbrüchen. Besondere Gefahr besteht, wenn einem Werfer die Kugel auskommt. Deshalb ist es wichtig, dass sich keine Personen hinter bzw. neben dem Werfer befinden, und alle Beteiligten die Kugel immer im Blick behalten. Eine weitere Gefährdung stellt der Verkehr durch Traktoren oder Pkws dar, insbesondere wenn die Wettkampfstrecken nicht ordnungsgemäß abgesperrt und ausgeschildert sind oder die Sicht durch Nebel beeinträchtigt ist.

Da es bei Hobbyveranstaltungen üblich ist, alkoholische Getränke auf den Wägen mitzuführen, passiert es häufig, dass Teilnehmer regelrecht über das Ziel hinausschießen. Hier sei besonders an die Vernunft der Teilnehmer und die Verantwortung des Veranstalters zu appellieren, der Kontrollen diesbezüglich durchführen sollte.

An dieser Stelle sei anzumerken, dass das Klootschießen, aus dem sich dann das Bosseln entwickelte, im 17. und 18. Jahrhundert mehrere Male durch die Obrigkeit verboten wurde.

„Im Jahre 1711 erließ Georg Albrecht von Gottes Gnaden Fürst zu Ostfriesland ein Verbot gegen das Klootschießen, »das um Geld/Bier oder ander Getränke/angestellt wird/oder auch wozu die Nachbarschaften/jawohl ganze Gemeinen und Dörffer sich gegen einander ausfordern und aufbieten/vielerley Unordnungen/mit Saufen/Fressen/Schelten/greulichen Fluchen und Schweren/schlagen und verwunden/und groben zum Aergerniß frommer Leute/und der Jugend zum bösen dienenden Excessen/im Schwange gehen/die Zeit liederlich dabey zugebracht …«“ (Bartos-Höppner, 1987, S. 176.)

Schlussbetrachtung

Das jährliche Bosselturnier in Bieselbach ist ein gutes Beispiel für einen gelungenen Kulturaustausch zwischen Nord- und Süddeutschland. So engagiert sich die Bewohner in und um Klein Escherde für den Almabtrieb sowie typisch bayrisches Brauchtum begeistern, so offen begegnen auch die Bieselbacher und Horgauer dem norddeutschen Brauchtum. Die Veranstalter stellen sich jedes Jahr der Herausforderung, immer wieder neue und ungefährliche Spiele zu kreieren. Dabei greifen die Bieselbacher gerne auf Ideen aus Norddeutschland zurück. Eine Vergrößerung des Bosselturniers in Bieselbach ist laut Veranstalter jedoch nicht angedacht. Maximal können 13 bis 15 Mannschaften an den Start gehen, da sonst die bewährte Strecke verlängert und die Vorbereitung wesentlich umfangreicher gestaltet werden müsste. Das Bosseln in Bieselbach soll also in kleinem Rahmen gehalten und der in Bayern noch junge Brauch auch in den kommenden Jahren weiterhin gepflegt werden.

Gewährsperson

Artur Scheurer (1. Vorsitzender des Fördervereins Löschgruppe Bieselbach e. V.)

Internetquellen

  • Bieselbach (07.10.2010), <

http://www.horgau.de/horgau/kultur/geschte/bislb/bislb.htm> (08.08.2012).

  • Förderverein Löschgruppe Bieselbach. Bosselturnier 2012. In: Horgauer Gemeindeblatt, Juli, 2012, S. 12. Online verfügbar unter <

http://www.horgau.de/horgau/gdeblatt/gdebltt/2012_07.pdf> (08.08.2012).

  • Kohler, Hans: Schützenjugend aus Streitheim vorn (20.08.2012), <

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Schuetzenjugend-aus-Streitheim-vorn-id4030151.html> (08.08.2012).

  • Boßeln. Straßenboßeln. Wurfgerät (07.08.2012), <

http://de.wikipedia.org/wiki/Boßeln> (08.08.2012).

  • Was ist Boßeln oder Kootschießen. Ausstattung einer Boßel Tour, <

http://www.heidebluete.de/service/heide-lexikon/was-ist-bosseln-oder-klootschiessen> (09.08.2012).

  • Kohler, Hans: Mit dem Schlepper nach Niedersachsen (16.09.2008), <

http://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Mit-dem-Schlepper-nach-Niedersachsen-id4150231.html> (12.08.2012).

Literatur

  • Blau-weiße Entwicklungshilfe rollt nach Klein Escherde. In: Kehrwieder am Sonntag, 24.07. 2005, S. 3.
  • Bayerische Klänge als Exportschlager. In: Augsburger-Allgemeine-Land, 30.05.2005, Lokalteil S. 5.
  • Mal anders: Boßeln mit »fliegendem Teppich«. In: Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 06.07.2006, S. 22.
  • Kujas, Helge: Klootschießen – Boßeln – Schleuderballwurf. Oldenburg: Isensee, 1994.
  • Alberts, Ihno: Das alte Friesenspiel ist jung. Norden: Soltau-Kurier, 1988.
  • Klootschiessen und Bosseln. Hoya: Niedersächsisches Inst. für Sportgeschichte, 3. Auflage, 1989.
  • Bartos-Höppner, Barbara: Norddeutsche Feste und Bräuche. Frankfurt am Main: Umschau, 1987.
  • Berends, Günter: Vorschläge für Bewegungsaktivitäten im Schullandheim. Boßeln und Zirkus. Seelze: Friedrich, Heft 3, 1988.

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