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Augsburger Engelesspiel

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Termin

Dieser Brauch ist vom 01.12.2017 bis zum 24.12.2017.

„Engelesspiel“ auf dem Augsburger Christkindlesmark

Einstiegsinformationen

Das Spiel der Engel auf dem Augsburger Christkindlesmarkt (Bayern)

Das sogenannte „Engelesspiel“ entspricht einem jährlich wiederkehrenden Schmuckstück des Augsburger Christkindlesmarkt, das 1977 von dem damaligen Tourismusdirektor Fritz Kleiber initiiert wurde.

Kurzcharakterisierung des Brauches

Das Augsburger „Engelesspiel“ entspricht einem Schauspiel, bei dem in der Zeit des Augsburger Christkindlesmarktes mehrmals wöchentlich insgesamt 23 Engel an den symmetrisch angeordneten Flügelfenstern des mächtigen Renaissance Rathaus erscheinen. Das Schauspiel beginnt mit einer vollständig abgedunkelten Fassade, deren Fenster dann nach und nach mit großen Scheinwerfern beleuchtet werden.

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Zunächst treten fünf Engel mit riesigen, geschwungenen Flügeln auf den Rathausbalkon heraus, die dort Instrumente der Renaissance Zeit spielen. Sie werden umrahmt von jeweils zwei weiteren Engeln, die zu beiden Seiten des Balkons in den Fenstern erscheinen. Sechs kleinere Engel sind über den Fenstern des Balkons zu sehen. Diese werden wiederum insgesamt von acht Putten aus den linken und rechten Teilfenstern der Nebenräume flankiert. Diese Engel spielen dann für die nächsten zehn Minuten Weihnachtslieder und verwandeln damit das Augsburger Rathaus in eine Art lebendigen Adventskalender.

Terminierung/Turnus

Das Schauspiel wird mehrmals wöchentlich in der Zeit des Augsburger Christkindlesmarktes aufgeführt. Den ersten Termin haben die Engel am Eröffnungstag des Markts. Dieser findet meist am Wochenende vor dem ersten Advent statt. Von diesem Tag an treten die Engel immer um 18 Uhr an den darauf folgenden Freitag-, Samstag- und Sonntagabenden auf. Die Abschlussveranstaltung und damit auch der letzte Auftritt der Engel für das jeweilige Jahr findet immer am 23. Dezember (letzter Tag des Christkindlesmarkt) statt. Durch denn immer verschiedenen Turnus der Kalendertage ist eine bestimmte Anzahl von Auftritten, die für jedes Jahr gelten, nicht festzulegen.

Empirische Dokumentation

Grundlage der empirischen Dokumentation

Die empirische Dokumentation bezieht sich auf das Engelesspiel auf dem Augsburger Christkindlesmarkt am Freitag den 21. Dezember 2012 sowie auf den Samstag den 22. Dezember 2012. Die Feldforschung beginnt um ca.17.40 Uhr auf der rechten Hälfte des Augsburger Rathausplatzes und endet an der selben Stelle um ca. 18.15 Uhr. Die Witterungsverhältnisse entsprachen an diesen Tagen einem gewöhnlichen Dezemberabend. Der Himmel war leicht bedeckt und das Thermometer maß ungefähr -1 Grad. Eine klare Sicht auf das Augsburger Rathaus war daher gewährleistet.

Ablauf

Bereits einige Minuten vor dem eigentlichen Engelesspiel versammeln sich die Zuschauer auf dem großen Rathausplatz. Sie versuchen den besten Blick auf das Spektakel zu erlangen und platzieren sich zwischen den aufgestellten Buden des Christkindlesmarktes, sowie auf der sich vor dem Rathaus verlaufenden Straße.
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Der Verkehr wird daher im Zeitraum von 18.00-18.15 Uhr um den Platz herum still gelegt. Die sonst dort verkehrenden Busse und Straßenbahnen verharren für diese Zeit außerhalb des Orts des Geschehens. Bei der wartenden Menschenmenge handelt es sich um mehrere hundert Besucher, die auf einen baldigen Beginn des Spektakels hoffen. Die spürbare Spannung wird erst durch das Ertönen der Musik aufgelöst. Bei dem zu Beginn erscheinenden Musikstück handelt es sich um „Oh Tochter Zion“ von Georg Friedrich Händel. Mit dem Einsatz der Musik gehen nacheinander, in einer strengen und bis ins Detail geplanten Choreografie die Scheinwerfer an und beleuchten die einzelnen Fenster, aus denen die Engel langsam und majestätisch heraus zu schweben scheinen.
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Zunächst erscheinen fünf erwachsene Engel mit großen geschwungen Flügeln auf dem Rathausbalkon. Sie tragen prächtige Gewänder aus Brokat und Samt, sowie eine blonde, lockige Perücke. Jeder der fünf Engel spielt ein Instrument der Renaissance Zeit. Bei diesen handelt es sich um eine Orgel, eine Posaune, eine Blockflöte, eine Harfe sowie eine Laute. Lediglich die Orgel ist bereits fest auf dem Balkon angebracht. Die Engel, die die anderen Instrumente spielen, tragen diese bereits beim Erscheinen bei sich. Die musizierenden Engel nehmen nach und nach ihre Positionen ein. Der Posaune spielende Engel befindet sich am linken Balkonrand. Neben ihm platziert steht ein Engel, der eine Blockflöte in den Händen hält. In Mitte der fünf musizierenden Engeln befindet sich ein mit dem Rücken zum Publikum gewandter Engel, der auf einem Hocker vor der Orgel sitzt. Rechts neben der Orgel findet der Harfe spielende Engel seinen Platz, sowie am linken Balkonrand der Engel mit der Laute. Diese fünf Engel werden umrahmt von jeweils zwei weiteren erwachsenen Engeln auf jeder Balkonseite. Diese tragen ebenfalls prächtige Gewänder mit Flügeln sowie eine Engelsperücke. Ihr Hände sind leer und verharren in einer erwartenden Position, in der beide Arme verheißungsvoll ausgestreckt werden.Wenn die insgesamt neun erwachsenen Engeln ihre Position in Mitten des Rathauses eingenommen haben, werden nun auch die Teilfenster oberhalb des Balkons beleuchtet. In den Flügelfenstern direkt oberhalb der musizierenden Engel erscheinen insgesamt sechs heranwachsende Engel, die bis zu ihren Oberkörpern zu sehen sind. Letztere werden wiederum von vier Putten auf jeder Seite flankiert, die unschuldig und neugierig zugleich ihre weißen Lockenköpfe aus den kleinen Teilfenstern der Nebenräume stecken. Wenn die insgesamt 23 Engel ihre Position eingenommen haben, beginnen die fünf erwachsenen Engel nach und nach auf ihren Instrumenten zu spielen. Zunächst spielen Posaune und Orgel ein ca. 30sekündiges Stück. Darauf folgt eine kurze Darbietung der Flöte. Anschließend spielt der Flötenspieler gemeinsam mit dem Lautenspieler ein ca. 50sekündiges Duett. Diesem folgt ein Soloauftritt der Harfe, der von Gesang dem heranwachsenden Engel, sowie den Putten begleitet wird. Bei diesem Stück handelt sich um das bekannte Kinderlied „Vom Himmel hoch ihr Englein kommt“. Der zu hörende Gesang kommt jedoch von einer Tonbandaufnahme und die jungen Engel bewegen lediglich ihre Lippen dazu. Abschließend spielt noch einmal die Posaune in Verbindung mit der Orgel, bevor zum Abschluss noch einmal das Lied vom Anfang - „Oh Tochter Zion“- ertönt. Zu dieser Musik schweben die Engel ebenso majestätisch wie sie gekommen sind wieder zurück in das Rathaus. Die Fassade wird langsam verdunkelt und die Atmosphäre wird durch tosenden Applaus von Seiten des Publikums aufgelöst. Das ganze Spektakel dauert insgesamt zehn Minuten und ist damit gegen 18.10 Uhr beendet. Direkt nach Beendung des Engelesspiels nehmen Bus und Bahn wieder ihren normalen Fahrbetrieb auf. Und bereits nach wenigen Minuten haben sich die Menschenmenge auf dem Augsburger Rathausplatz aufgelöst und sich wieder auf die zahlreichen Buden bzw. Geschäfte verteilt.

Akteure

Innerhalb jedes Engelesspiel sind insgesamt 23 Engel an der Rathausfassade zu sehen. Doch die gesamte Gruppe der Akteure umfasst rund 60 Engelchen und Engel, die aus zeitlichen Gründen immer doppelt oder mehrfach besetzt werden. Sie sind meist weiblich und befinden sich im Alter zwischen vier und 40 Jahren. Nach dem Alter erfolgt die jeweilige Einteilung der Positionen innerhalb dem Engelesspiel. Bei den fünf musizierenden Engeln auf dem Balkon, sowie den vier Engeln, die diese umranden, handelt es sich um erwachsene Engel, zwischen 16 und 40 Jahren. Ihr Erscheinungsbild soll den großen, hageren Engel aus der Renaissance entsprechen. Die ganz kleinen Engel hingegen, von denen insgesamt acht ihre Köpfe aus den Teilfenstern der Nebenräume strecken, sind meist zwischen vier und sechs Jahren alt. Dieses Alter wurde bewusst gewählt, da die Kindergesichter an barocke Putten erinnern sollen. Wenn die Kinder dann aus dieser Rolle herausgewachsen sind, dürfen sie später mit zehn oder zwölf Jahren etwa, an die Fenster im Goldenen Saal direkt über dem Balkon mit den musizierenden Engeln stehen.
Die Auswahl der einzelnen Akteure läuft über die Organisatorin Juliana Kraus, die eng mit städtischen Ballettschulen und Theatereinrichtungen zusammen, arbeitet.Neben einem lieblichen Gesichtsausdruck sollten die Akteure auch Anmut in ihren Bewegungen, sowie Musikalität und Schwindelfreiheit mitbringen. Gerade die aufrechte Haltung der Bewerberinnen ist im Zusammenhang mit dem Auswahlverfahren von großer Bedeutung. Die Akteure sollen auch von Weitem und trotz der schweren Flügel anmutig und leichtfüßig wirken. Aus diesem Grund werden gerade Mädchen mit einer Ballettausbildung bevorzugt, zumindest was die Rolle der Erwachsenen Engel betrifft.
Viele der Akteure wurden auch über Generationen weiter vermittelt. So ist es keine Seltenheit, dass die Mütter der Engelchen schon selber als musizierender Engel auf dem Rathausbalkon zu sehen waren.
Bei weiteren Akteuren handelt es sich um den jeweiligen Oberbürgermeister der Stadt und ein Christkind, die gemeinsam das Engelesspiel an der Eröffnung und der Schließung des Augsburger Christkindlesmarkt unterstützen bzw. ergänzen. Der Oberbürgermeister hält zu Beginn des Christkindlesmarkts eine Eröffnungsrede auf dem Rathausbalkon. Neben ihm steht währenddessen ein Kind, das als Christkind verkleidet ist. Es trägt eine große Laterne in der Hand und führt dieses Licht, nach Beendung der Rede, zusammen mit dem Oberbürgermeister zur mittig liegenden Krippe auf den Christkindlesmarkt, der sich unterhalb des Balkons befindet. Mit diesem Brauch gilt der Christkindlesmarkt als offiziell eröffnet. Die selbe Laterne und Christkind ergänzt ebenfalls die letzte Vorstellung des Engelsesspiel für das Jahr. Denn einmal im Jahr, am Tag vor dem Heiligabend, treten die Engel gemeinsam mit dem Christkind bei festlicher Musik aus dem großen Rathausportal, gehen auf die Menschen zu und singen mit ihnen ein bekanntes Weihnachtslied. Bei diesem Weihnachtslied handelt es sich meist um das Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“. Bei der Eröffnung sowie Schließung des Christkindlesmarkt ist also eine abgewandelte Form des Engelesspiels zu betrachten. Zu den Akteuren zählen gleichermaßen auch die Besucher. Jedes Jahr besuchen rund eine Million Menschen den Augsburger Christkindlesmarkt und nicht zuletzt wegen des bekannten Engelesspiels. Die Besuchergruppen erstrecken sich über verschiedenste Altersgruppen. Doch besonders auffällig erscheint, dass gerade Familien mit ihren Kindern das Spektakel am Augsburger Rathausplatz besuchen. Dies liegt zum einen an der Tatsache, dass sich die Aufführung zu sehr familienfreundlichen Zeiten abspielt. Zum anderen ist es für viele Augsburger schon zu einem Ritual geworden, das Engelesspiel in der Vorweihnachtszeit zu besuchen. Auch die Requisiten spielen neben den Akteuren eine wichtige Rolle. Die Kostüme wurden eigens für diese Veranstaltung angefertigt. Die Gewänder wurden einem Bild der Basilika Santa Maria Maggiore von Hans Holbein nachempfunden. Die Kostüme sind creme - und goldfarbene Roben, die durch verschiedene Applikationen im Scheinwerferlicht besonders zur Geltung kommen. Die Gewänder werden durch große, schwere Goldflügel für die erwachsenen Engel, sowie kleine weiße Flügel, die mit echten Federn besetzt sind, für die kleinen Engel ergänzt. Zusätzlich tragen alle Akteure kurzhaarige Lockenperücken die bei den Engeln in den Farben Blond, Braun und Grau anzutreffen sind.
Bei weitere Requisiten handelt es sich um die Instrumente, die von den fünf erwachsenen Engeln mit den riesigen geschwungenen Flügeln gespielt werden. Diese Instrumente sind der Renaissance Zeit entlehnt und ebenfalls auf Holbeins „Santa Maria Maggiore“ abgebildet. Es handelt sich hierbei um Attrappen einer Posaune, Flöte, Orgel, Harfe und Laute. Die ertönende Musik dieser Instrumente stammt wiederum von einer Tonaufnahme.

=== Performanzraum, Kulissen, Requisiten
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Beim Performanzraum handelt es sich um den Augsburger Rathausplatz, der sich in mitten der Altstadt befindet. Da zu dieser Zeit dort auch der Christkindlesmarkt stattfindet, ist dieser mit weihnachtlicher Dekoration versehen. Die Häuser und Strommasten sind mit Symbolen aus Tannenzweigen geschmückt. An ihnen sind zahlreiche Lichter befestigt, was den Platz in ein romantisches Licht taucht. Der Platz ist ebenfalls mit zahlreichen Buden besetzt, die neben weihnachtlichen Köstlichkeiten auch andere Sachgüter verkaufen. Als Kulisse dient das mächtige Renaissance Rathaus mit seinen großen, symmetrisch angeordneten Flügelfenstern, das sich auf der südlichen Seite des Rathausplatzes befindet. Das Rathaus selber ist außer mit einem großen Stern in der Mitte des Balkons nicht dekoriert. Jedoch wurden außerhalb und innerhalb der Fassade zahlreiche Scheinwerfer angebracht, die die Fenster und damit die Kulisse des Schauspiels indirekt beleuchten. Neben den Scheinwerfern wurden auch große Lautsprecherboxen an den Balkon angebracht, um zu ermöglichen, dass die erklingende Musik bis zu den Zuschauern vordringen kann.

Brauch und Rollenverständnis

Die kulturelle Wertigkeit des Brauchs „Engelesspiel“ ist in Augsburg und Umgebung sehr hoch. Für viele Besucher ist es ein regelrechtes Ritual geworden das Spektakel in der Vorweihnachtzeit aufzusuchen. Dies bestätigen die Besucherzahlen, die an keiner der Aufführungen abzuklingen scheinen. Doch auch das persönliche Rollenverständnis der verschiedenen Akteure ist ein klares Indiz für die hohe kulturelle Wertigkeit des Brauches. Zu Verdeutlichung ist an dieser Stelle noch einmal das Auswahlverfahren der Engel zu erwähnen. Es entspricht keiner Seltenheit, dass eine Mutter, die selber einen Engel darstellte, ihre Rolle an ihre Tochter abgibt. Die Rolle eines Engels enthält damit eine gewisse Tradition, die für die Akteure von hoher Bedeutung ist und damit oft innerhalb der Familie weitergegeben wird. Ein Akteur bei diesem Schauspiel zu sein, sei es nun ein erwachsener Engel oder ein puttenhafter Engel in den Seitenfenstern, entspricht einer Ehre statt nur einer Aufgabe. Denn die Engel und ihr Engelesspiel repräsentieren Augsburg und seine Vergangenheit. Eine Besonderheit, die an dieser Stelle ebenfalls Erwähnung finden sollte, ist die Tatsache, dass die ausgewählten Engel in der Vorweihnachtszeit oftmals in Interaktion mit den Medien treten. Viele lokale Zeitschriften berichten über das Spektakel bzw. die Besetzung und verhelfen den Engeln und ihrem Spiel zu einem hohen Grad an Aufmerksamkeit. Sogar stadtinterne Firmen werben mit den Gesichtern, auch drehte das Bayrische Fernsehen 2001 einen Beitrag über die Engel. An diesem Beispiel lässt sich der hohe Stellenwert des Engelesspiels in Augsburg belegen. Doch nach dem Gründer Fritz Kleiber „gehören die Engel in das Rathaus“ und sind daher nur selten außerhalb bzw. in Verbindung mit kommerziellen Anlässen zu sehen. Aus dem selbigen Grund existieren auch keine Interviews mit den Engeln selber. Sie sollen nicht nur anmutig sondern auch unnahbar wirken. Die Engel verfolgen also bis heute den Grundgedanken des Erfinders und versuchen die Tradition des Spektakels zu bewahren.

Organisation der Brauchveranstaltung

Die Organisation der Brauchveranstaltung liegt bei Juliana Kraus. Sie selbst stellte schon als jungen Mädchen einen der Engel dar und kannte den Gründungsvater des Engelesspiels, Fritz Kleiber, persönlich. Seit vielen Jahren ist sie selbst Teil des Engelesspiels und übernahm in Nachfolge nach Herrn Kleibers Tod 2010 die Organisation des Schauspiels. Frau Kraus arbeitet eng mit städtischen Ballettschulen sowie Theatereinrichtungen zusammen.

Bereits ca. drei Monate vor der Eröffnung des Christkindlesmarktes und damit vor dem ersten Auftritt der Engel beginnen die Vorbereitungen. Die Besetzung wird festgelegt, sowie ein Zeitplan entwickelt, der festschreibt, welcher Akteur an welchem Tag seinen Auftritt hat. Während die erwachsenen Engel meist doppelt, werden die kleineren Engel bis zu viermal, besetzt. Des weiteren finden zahlreiche Kostümproben statt, denn jedem Engel wird eines der vielen Kostüme zugewiesen. Auch die Choreografie muss mit Abstimmung auf die Musik einstudiert werden. Zur Eröffnung des Christkindlesmarktes erfolgt dann der erste Auftritt der kleinen und großen Engel. Nicht anders als im Theater die Schauspieler, konzentrieren sich die Engel auf ihren Auftritt und nehmen ihre Plätze ein, sobald das Licht ausgeht und warten darauf, dass die Vorstellung beginnt. Die Engel, die auf dem Podest musizieren, das den Boden des Rathausbalkons auf Brüstungshöhe hebt, haben jedoch die gefährlichste Position. Wenn die Scheinwerfer angehen und die Rathausfassade in ihrem festlichen Licht erscheint, stehen daher im abgedunkeltem Saal, unsichtbar für die Zuschauer, die Männer der Bergwacht, die die Engel mit ihrer Ausrüstung sichern. Die Musikanten und die vier Engel, die in den Fenstern links und rechts des Balkons erscheinen, ziehen über die baumwollene Schnürweste, an der später die schweren Flügel befestigt werden, deshalb einen Sicherheitsgurt. Im Gurtkreuz auf dem Rücken wird mit dem Karabinerhaken ein Kletterseil eingehängt, mit dem die Männer die Akteure sichern. Die prächtigen Gewänder der Engel aus Samt verbergen den profanen Schutz. Halb gespannt läuft das Seil hinter den Frauen her, wenn sie zu den Fenstern und Balkontüren treten. Eine ganz besondere Herausforderung ist jedoch die Sicherung des Orgelspielenden Engels. Denn dieser tritt nicht nur auf den Balkon und verharrt dort, sondern dreht sich um und setzt sich mit dem Rücken zu den Zuschauern an die Orgel. Die Person, die diesen Engel sichert, muss besonders darauf achten, dass die Darstellerin nicht auf ihr eigenes Seil tritt und sich darin verhakt.
Finanziert wird das „Engelesspiel“ von der Stadt Augsburg bzw. dem Marktamt der Stadt. Doch in den letzten Jahren wurde das Spektakel auch von großen Augsburger Firmen finanziell unterstützt. So boten sich beispielsweise große Autohäuser oder Verlagshäuser in der Vergangenheit als Sponsoren an.

Historische Genese, Verbreitung und Forschungsstand

Entwicklungsgeschichte des beschriebenen Brauches

Entwickelt wurde der Brauch 1977 vom ehemaligen Tourismusdirektor Fritz Kleiber, der 1924 in Höchstädt an der Donau geboren wurde. Er selbst spielte schon von Kind an Theater und setzte sich, seit er in den 40er- Jahren nach Augsburg kam, für Kultur und Denkmalschutz ein. Ihm lag es sehr am Herzen, Augsburg und seine prunkvolle Vergangenheit ins rechte Licht zu rücken. Jahrelang war er Teil der Alt- Augsburg- Gesellschaft, die sich für die Erhaltung der Augsburger Kulturdenkmäler einsetzt. Sein Faible für historische Kostüme zeigte sich bereits 1985, als er zum 2000- Jahr- Jubiläum der Stadt den „Augsburger Geschlechtertanz“ mit verschiedenen Kostümen, die alten Abbildungen nachgeschneidert wurden, ins Leben rief. Auch mit der Idee des „Engelesspiels“ wollte Fritz Kleiber in aller Welt für seine Wahlheimatstadt Augsburg werben. Die Idee dazu kam ihm beim Betrachten des alten Renaissance Rathauses von Elias Holl. Das überzeugt neben seiner Monumentalität auch mit seinen genau 24 symmetrisch angeordneten Fenstern. Fritz Kleiber wollte aus dieser Kulisse einen lebendigen Adventskalender schaffen, in dem dort in der Weihnachtszeit Engel zu sehen sein sollten. Die Kostüme sowie die Requisiten der Engel waren einem Bild der Basilika Santa Maggiore nachempfunden, das sich heute im Schätzler-Palais in Augsburg befindet.

Allgemeine Entwicklungsgeschichte des Brauches

Im Winter 1977 waren dann zum ersten mal fünf kleine Engel in den Fenstern des Rathauses zu erkennen, die damals mit den Besuchern des Christkindlesmarkt Weihnachtslieder sangen. Später erweiterte er das himmlische Schauspiel auf insgesamt neun Engel. So wurde das Engelsesspiel viele Jahre praktiziert, bis 2002 der Wunsch nach einer Veränderung aus eigenen Reihen aufkam. Der Entwickler des Brauches fürchtete jedoch um den Verlust von Traditionselementen des „Engelesspiels“ und entschied sich dafür, das Schauspiel einfach um zwölf weitere kleine Engel in den oberen Fenstern zu ergänzen. In dieser Form ist das „Engelesspiel“ bis heute am Augsburger Rathaus zu sehen.
Der „Vater“ der Engel , Fritz Kleiber war bis zu seinem Tod 2010, während den Adventswochen oft selbst hinter den Kulissen anzutreffen. Bis zum Schluss beobachtete er die Engel mit Leidenschaft, ob ihre Verkleidungen richtig sitzen und wie sie ihre Positionen einnehmen. Heute wird das Spektakel von Frau Juliana Kraus geleitet, die nicht mit weniger Engagement und Leidenschaft dabei ist.

Allgemeine Verbreitung des Brauches

Die Bekanntheit des Engelsesspiel geht meist nicht über die Stadtgrenze hinaus. Während die Augsburger Engel im Stadtkreis und der nahen Umgebung sehr hohen Bekanntheitsgrad genießen, nimmt dieser jedoch auf Landesebene stark ab. Viele Menschen stellen das Augsburger Engelesspiel in Vergleich mit dem Nürnberger Christkind. Dies geschiet auf Grund der sich ähnelden Kostüme sowie Kulissen der Schauspiele. An dieser Stelle ist jedoch zu betonen, dass es sich hier nicht nur geschichtlich, sondern auch inhaltlich um zwei verschiedenen Bräuche handelt.
Es gab jedoch einen Zeitpunkt, an dem sich die Engel an überregionalem Ruhm erfreuen durften. Denn 2006 reisten fünf der musizierenden Engel in die Partnerstadt von Augsburg, Amakasaki in Japan. Hier wurden die Engel beauftragt im Zuge einer Festlichkeit eine Himmlische Botschaft zu überreichen. Dieses Ereignis blieb jedoch eine Ausnahme, da dies dem Traditionsgedanken der Unnahbarkeit der Engel, die ihnen von Herr Kleiber nahe gelegt wurden, nicht entspricht.

Forschungsstand/Belege

Bei Belegen hinsichtlich des „Engelesspiel“ handelt es sich zum einen um Aufzeichnungen des Erfinders Fritz Kleiber persönlich, sowie um zahlreiche Berichte bzw. Mitschnitte des „Engelesspiels“ in den regionalen Medien, die sich größtenteils im Stadtarchiv befinden. Als Sachquelle kann die Abbildung der Basilika Santa Maria Maggiore gesehen werden, die als Vorlage für das Aussehen der Engel diente. Diese Basilikatafel ist bis heute im Schätzler-Palais in Augsburg ausgestellt. Aufgrund der sehr jungen Entwicklungsgeschichte des Brauches ist jedoch wenig bis nahezu keine Fachliteratur über den Brauch selbst zu finden. So stammen die Informationen die bezüglich diesem Text erforderlich waren, größtenteils aus einem Experteninterview mit der Veranstalterin Juliana Kraus selbst. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht erweist sich das „Engelesspiel“ als sehr spannender Forschungsgegenstand, nicht zuletzt aufgrund seiner hohen kulturellen Wertigkeit.

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Diese Seite wurde zuletzt am 12. Mai 2017 um 09:14 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 4.303-mal abgerufen (to Cache).