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Arme-Leute-Essen; Batzlkraut

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Batzlkraut - Vom früheren Arme-Leute-Essen zum Schmankerl

Termin

Dieser Brauch ist am 01.11.2017.
Er findet jedes Jahr zu diesem Datum statt.

Ablauf

Ab November, also ab Beginn der kälteren Jahreszeit, hätte es eigentlich Hochsaison, das Batzlkraut, wenn es nicht schon fast in Vergessenheit geraten wäre.
Früher kam es als Arme-Leute-Essen in vielen Familien fast täglich auf den Tisch. Dabei ist schon die Bezeichnung Batzlkraut irreführend. Grundlage für dieses Schmankerl ganz besonderer Art ist die Stoppelrübe, botanisch „Brassica rapa var. Rapa“, oder auf gut bayerisch „Batzl“. Das ist eine in Wuchsform einem Rettich vergleichbare weiße Rübe, die im oberen Bereich zum Krautansatz hin leicht violett gefärbt ist.
Die Batzl wurden früher allgemein als Viehfutter angebaut und zwar wie dies der Namen Stoppelrübe schon sagt als Zwischenfrucht nach der Getreideernte zwischen die Stoppeln der Getreidehalme. Die Ernte war dann so etwa Ende Oktober bis zum ersten Schnee. Weil die Batzl wegen mangelnder Nährstoffe heute für Futterzwecke nicht mehr verwendet werden, ist diese uralte Kulturpflanze auf unseren Felder rar und sehr selten geworden. Wahrscheinlich auch, weil die Ernte reine Handarbeit ist und es die nötigen Spezialmaschinen nicht gibt. Früher mussten die Kinder mit zum Batzlziehen auf das Feld.
Schon immer wurde aber ein Teil der Batzl auch für die menschliche Ernährung verwendet und zwar als Batzlkraut oder auch kurzes Kraut.
In der topographischen und ethnologischen Beschreibung des Landgerichts Schrobenhausen 1861 (Physikatsbericht) von Dr. Eduard Widnmann heißt es im Kapitel „Nahrungsweise“: Unter den Nahrungsmitteln, welche hauptsächlich genossen werden spielen eine Hauptrolle die Kartoffeln und außer diesen die Rüben, sogenannte Ackerrüben, hierzulande Batzeln genannt. Letztere werden mit eigenen säbelartigen Messern ganz klein zerhakt und in diesem Zustand als sogenanntes Bayerisches Pulver, kleines Kraut – hierzulande aber bloß Kraut genannt – in großen Fässern beschwert aufbewahrt, wo es dann das ganze Jahr hindurch ... zur täglichen Nahrung dient. Bei Schmeller ist unter I, Sp. 389 3) zu lesen: Bayerisches Pulver, weiße Rüben, zu einer breyförmigen Masse kleingehackt, welche gesäuert als Zugemüse gegessen wird.
Erst in späterer Zeit wurden die Batzl mit einem Spezialhobel (Holzbrett, etwa einen Meter lang, 40 cm breit, in der Mitte eine kreisförmige Vertiefung, in der Eisenzacken eingelassen sind und Durchlässe) eingerieben. Von meiner Mutter wurde mir noch berichtet, dass in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg bei uns im Haus, eine Kleinlandwirtschaft, ein sogenanntes „Sacherl“, die Männer der Nachbarschaft zum „Batzl Schroan“, also zum Batzl Zerhacken und Zerkleinern zusammengekommen sind.
Die dabei entstandene Masse wurde ausgedrückt und in Tonfässern eingelegt und beschwert. Nach cirka 14 Tagen war die Masse ohne jeglichen Zusatz durch die Milchsäuregärung durchgesäuert und das Batzlkraut fertig.
Dann konnte man je nach Bedarf zum Kochen die notwendige Menge entnehmen. Der im Fass verbliebene Rest wurde wieder mit einem Leintuch abgedeckt, mit einem Brett und einem schweren Stein beschwert, so dass immer eine Schicht Flüssigkeit aufstieg und das Ganze abdeckte.
Die entnommene Menge wurde in einem Topf leicht gewässert, und mit einem Stück rohem Wammerl/Schweinebauch zur Geschmacksverbesserung gekocht. Sobald das Fleisch weich war, war auch das Batzlkraut fertig. Nach Geschmack konnte es noch mit einem Mehlteigerl etwas sämiger gemacht werden. Früher gab es dazu nach den Aufzeichnungen des Paartalhistorikers G.A. Reischl in „Bayern, das Bauernland, Band 3“ über „Überlieferung und Brauch im Bauernleben des Paargaus“ aus der Zeit um 1930 zur Krautbrüh (Rübenkraut) Brot und Dampfnudeln und zum kurzen Kraut „drahte Wixpfeiferl“, eine Art Schupfnudeln. Die Speisenfolge war oft sehr einseitig. Auf manchen Höfen gab es an einem Tag langes Kraut (Sauerkraut) und am anderen Tag kurzes Kraut (Batzlkraut).
Heute ist der Speisezettel schon üppiger. Zum Batzlkraut gibt es eine Scheibe von dem mitgekochten Wammerl, Blut- und Leberwurst und Röstkartoffeln – nur der Not keinen Schwung lassen!
Weil man in der früheren Zeit aber sehr sparsam sein musste und auch nichts verkommen ließ, wurde der beim Zerhacken oder Reiben der Batzl abfliesende Fruchtsaft aufgefangen und in langwieriger Prozedur unter dauerndem Kochen auf dem ja immer angeheizten Kochherd zu einem sirupartigen Saft eingedickt, der „Seiz’n“. Als Zugabe beim Kochen der Dampfnudel diente die Seiz’n dann als Grundlage für die „Seiz’nnudeln“. Für den der es mag ein Schmankerl, für andere ein furchtbarer Fraß.
Bei all den lukullischen Betrachtungen darf aber ein Aspekt nicht vergessen werden. Da die Batzl als Viehfutter nicht mehr genutzt werden, ist diese uralte Kulturpflanze fast ausgestorben. Man muss also schon Glück haben, wenn man bei einem Spaziergang noch auf einen Batzlschlag stößt. Dann kann man in Erinnerung an die eigene Kindheit seinen Kindern zeigen und auch selbst nochmals erleben, welcher Durstlöscher und Hungerstiller ein Batzl sein kann. Am Krautschopf gepackt und herausgezogen, kurz grob gereinigt und mit dem Taschenmesser abgeschält ist es eine köstliche Erfrischung. Aber Vorsicht, man muss aufpassen, dass man nicht eins von ganz weißen, also ohne die typische Lilafärbung, einen sogenannten „Bettseicher“ erwischt. Denen wird eine verheerende, harntreibende Wirkung nachgesagt

Gewährspersonen

Die Gepflogenheiten über das Batzlkraut einschließlich der Zubereitung wurden mir von meiner Mutter, Anna Hammer, geb. Büchl (Schrobenhausen, geb. 1913, gest. 1979) übermittelt. Sie hat es wiederum von ihrer Mutter, Ursula Büchl, geb. Pöckl (Schrobenhausen, geb. 1871, gest. 1948) übernommen.

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Diese Seite wurde zuletzt am 22. Februar 2013 um 16:42 Uhr geändert. Diese Seite wurde bisher 9.198-mal abgerufen (to Cache).
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